Von allen slawischen Völkern zwischen Elbe und Oder hat nur eines bis heute überlebt – mit eigener Sprache, eigener Kultur und einem lebendigen Erbe: die Sorben der Lausitz.
Als das mächtige Reich der Obodriten und der Lutizen längst untergegangen war, hielt sich im Südosten ein slawisches Volk – und tut es bis heute: die Sorben (auch Wenden). In der Lausitz, zwischen Spree und Neiße, leben rund 60.000 Menschen, die eine slawische Sprache sprechen. Sie sind die letzten unmittelbaren Nachfahren jener Welt, die einst von der Ostsee bis ans Erzgebirge reichte.
„Sorben" ist, wie „Wenden", ein Sammelname. Dahinter standen viele Stämme zwischen Saale und Neiße: die Milzener um Bautzen (Budyšin) in der Oberlausitz, die Lusizer in der Niederlausitz (deren Name auf das ganze Land überging), die Daleminzier (Glomacze) an der Elbe bei Meißen, dazu Colodici, Siusler und andere. Sie lebten in kleinen Fürstentümern, gestützt auf Ringwallburgen, Ackerbau und Handel – eine bäuerliche Welt ohne einheitliches Reich, aber mit gemeinsamer Sprache und Kultur.
Schon Karl der Große richtete gegen die Sorben eine Grenzzone ein, den Limes Sorabicus – eine Linie von Grenzburgen von der Elbe bis zum Main, die das Frankenreich vom Sorbenland trennte. Über Jahrhunderte war dieses Land umkämpft. Im 10. Jahrhundert unterwarf Heinrich I. die Stämme systematisch: 929 fiel die Daleminzier-Burg Gana, im selben Jahr gründete er Meißen als Bollwerk. Sein Sohn Otto I. baute mit den Marken und dem Bistum Meißen die deutsche Herrschaft aus. Der Aufstand von 983, der die Lutizen befreite, erfasste die Sorben nur teilweise – sie blieben überwiegend unter deutscher Kontrolle.
Die Sorben treten früh ins Licht der Geschichte. Der Fredegar-Chronik zufolge schloss sich um 631 der Sorbenfürst Dervan dem Reich des Frankenkaufmanns Samo an – dem ersten bekannten slawischen Herrschaftsverband überhaupt, der sich gegen Franken und Awaren behauptete. Diese frühe Nennung zeigt: Die Sorben waren schon im 7. Jahrhundert ein politischer Faktor an der Grenze zweier Welten. Ihre Herkunft führt die spätere Überlieferung auf ein „Weißes Serbien" im Norden zurück (Konstantin VII.) – eine Sage, die den gemeinsamen Ursprung mit den Balkanserben erklären soll, historisch aber unsicher ist.
Wie alle Elbslawen waren die Sorben lange heidnisch. Thietmar von Merseburg berichtet von der heiligen Quelle Glomuzi bei den Daleminziern, aus deren Verhalten man die Zukunft las: Trug sie Weizen, Hafer und Eicheln, versprach das ein gutes Jahr; brachte sie Blut und Asche, drohte Krieg. Solche heiligen Quellen, Haine und Losorakel prägten den sorbischen Glauben – ganz ähnlich wie bei den germanischen Nachbarn. Auch hier gilt: Wir kennen ihn fast nur aus der Feder christlicher Gegner.
Anders als Obodriten, Lutizen und Ranen wurden die Sorben nicht ausgelöscht oder völlig assimiliert. Mehrere Gründe wirkten zusammen: Ihr Land wurde früh, aber nicht mit der Härte eines Kreuzzugs erobert; die deutsche Ostsiedlung überformte die Städte, ließ aber viele Dörfer slawisch; und in der abgelegenen Lausitz konnte sich die Sprache in Familie und Kirche halten. So entstand das Wunder, dass mitten in Deutschland bis heute ein westslawisches Volk lebt – mit zweisprachigen Ortsschildern, eigenen Trachten, Bräuchen wie dem Osterreiten und einer reichen Literatur.
Die Sorben sind heute eine anerkannte nationale Minderheit mit verfassungsrechtlichem Schutz. Ihre Sprache (Ober- und Niedersorbisch) wird gepflegt, ihre Ortsnamen prägen die Lausitz, und ihr Erbe erinnert daran, dass „Deutschland" im Osten auf slawischem Grund steht. Für uns sind sie der lebende Beweis: Die Welt der Elbslawen ist nicht bloß Archäologie, sondern eine bis heute atmende Kultur – ein Stück Vielfalt, das den Norden und Osten so reich macht.
Die sorbische Welt bestand aus Dörfern und Ringwallburgen, von denen viele bis heute als Wälle in der Landschaft sichtbar sind. Man betrieb Ackerbau auf den fruchtbaren Böden der Lausitz und des Meißner Landes, hielt Vieh, fischte in den zahllosen Gewässern und trieb Handel entlang der Flüsse und der alten Fernstraßen. Die typische slawische Keramik und die Hacksilberfunde zeigen: Auch die Sorben waren Teil des großen mitteleuropäischen Austauschs, nicht ein abgeschottetes Randvolk. Ihre Fürstentümer waren klein, aber zäh – und gerade die Zersplitterung machte die vollständige Eroberung so langwierig.
Nach der Eroberung durch Heinrich I. und Otto I. lag das Sorbenland über Jahrhunderte unter der Herrschaft der Markgrafen von Meißen, später der Wettiner. Deutsche Siedler kamen ins Land, doch in weiten Teilen der Lausitz blieb die sorbische Sprache lebendig – in den Dörfern, auf den Feldern, in der Kirche. Im 19. Jahrhundert erwachte ein sorbisches Nationalbewusstsein mit eigener Literatur, Zeitungen und Vereinen; 1912 entstand der Dachverband Domowina. Trotz Verfolgung in der NS-Zeit und Umsiedlungen durch den Braunkohletagebau besteht die sorbische Kultur bis heute – ein einzigartiges Überleben mitten in Deutschland.
Nirgends ist die slawische Vergangenheit so greifbar wie in den Bräuchen der Sorben. Das Osterreiten in der katholischen Oberlausitz, bei dem Hunderte Reiter in festlichem Schwarz die Auferstehungsbotschaft von Dorf zu Dorf tragen, ist weit über die Region hinaus bekannt. Dazu kommen die kunstvoll verzierten sorbischen Ostereier, die „Vogelhochzeit" im Januar, das Hexenbrennen und die farbenfrohen Trachten. Diese Bräuche sind keine Folklore-Kulisse, sondern gelebte Identität – der sichtbarste Beweis, dass ein westslawisches Volk mitten in Deutschland bis heute seine eigene Kultur bewahrt. Für uns als Manufaktur sind gerade die slawischen Flechtband- und Ornamentmuster eine faszinierende Ergänzung zur nordischen Formenwelt: verwandte Wurzeln, verwandte Schönheit.
Fast alle Schriftquellen zur slawischen Geschichte des Nordens stammen von ihren Gegnern: von deutschen und dänischen Geistlichen wie Thietmar von Merseburg, Adam von Bremen, Helmold von Bosau oder Saxo Grammaticus. Sie schrieben aus christlicher Sicht über „Heiden" – oft aus zweiter Hand, mit klarer Botschaft. Deshalb ist die Archäologie so wichtig: Ringwälle, Keramik, Silberhorte und Grabfunde korrigieren und ergänzen das schiefe Bild der Chroniken. Erst beide zusammen ergeben ein ehrliches Bild. Genau diese Quellenkritik ist uns wichtig – wir trennen sauber, was belegt ist, von dem, was Deutung bleibt, und erfinden nichts hinzu.
„In der Gegend der Daleminzier gibt es eine Quelle namens Glomuzi … aus ihr weissagt das Volk, was kommen wird."nach Thietmar von Merseburg, Chronik (gemeinfrei, eigene Übersetzung)

Die Lutizen · Die Heveller · Die Obodriten.
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