Auf einer Insel in der Havel lag die Burg, aus der ein ganzes Land wuchs – das Reich der Heveller, aus dem über Umwege Brandenburg und Preußen hervorgingen.
Zwischen Obodriten und Lutizen, an der mittleren Havel, saß ein slawischer Stamm mit einer erstaunlichen Nachwirkung: die Heveller (in eigenen Quellen Stodoranen genannt). Aus ihrem Kernland wuchs über die Jahrhunderte die Mark Brandenburg – und aus dieser das spätere Preußen. Kaum ein Slawenstamm hat die deutsche Geschichte so tief geprägt.
Die Heveller lebten in der wasserreichen Landschaft um die heutige Stadt Brandenburg an der Havel, die auf ihre Burg Brennaburg (Brenna) zurückgeht. Ihr Land war ein Netz aus Seen, Sümpfen und Inseln – schwer zu erobern und leicht zu verteidigen. Wie ihre Nachbarn stützten sie sich auf Ringwallburgen; die bedeutendste stand auf der Dominsel von Brandenburg. Auch Berlin und Cölln entstanden später auf hevellischem Boden – die Namen beider Orte sind slawischen Ursprungs.
928/929 zog Heinrich I. im Winter über das Eis der Havel und nahm die Brennaburg – ein Schlüsselereignis der deutschen Ostpolitik. Doch die Herrschaft blieb brüchig. Der Chronist Widukind erzählt die Geschichte des hevellischen Fürsten Tugumir, der in deutscher Gefangenschaft gegen Silber überlief, in seine Heimat zurückkehrte, den rechtmäßigen Erben ermorden ließ und die Burg den Deutschen auslieferte. Solche Verrats- und Bündnisgeschichten zeigen, wie sehr die slawischen Fürstentümer zwischen Widerstand und Anpassung schwankten.
Am Ende stand ein Fürst, der die Wende selbst vollzog: Pribislaw-Heinrich, christlicher Hevellerfürst von Brandenburg im 12. Jahrhundert. Kinderlos und im Bewusstsein, dass sein Reich zwischen den erstarkenden Mächten keine Zukunft hatte, setzte er den askanischen Markgrafen Albrecht den Bären zum Erben ein. Als Pribislaw 1150 starb, trat Albrecht das Erbe an; nach Kämpfen mit einem slawischen Gegenbewerber nahm er 1157 die Brandenburg endgültig ein und nannte sich fortan Markgraf von Brandenburg. So wurde aus dem Hevellerland friedlich-vererbt, nicht nur erobert, die Keimzelle eines neuen Staates.
Mit Albrecht dem Bären begann die deutsche Ostsiedlung im großen Stil: Bauern, Mönche und Städte kamen ins Land, Sümpfe wurden trockengelegt, Kirchen gebaut. Die slawische Bevölkerung ging über die Generationen in der neuen Ordnung auf – doch der Untergrund blieb: in Ortsnamen, in Flurbezeichnungen, in der Bevölkerung selbst. Dass die Hauptstadt Deutschlands einen slawischen Namen trägt, ist das bleiseste und zugleich größte Denkmal der Heveller.
Die Heveller sind kein „untergegangenes" Volk im Sinne der Auslöschung – sie sind das Fundament, auf dem Brandenburg und Berlin stehen. Ihre Burgen liegen unter den Städten, ihre Namen auf der Landkarte, ihr Erbe im Selbstverständnis einer Region, die aus der Begegnung von Slawen und Deutschen entstand. Wer die Geschichte Ostdeutschlands verstehen will, beginnt an der Havel.
Auch die Heveller waren lange heidnisch. Ihr Land wurde 948 mit dem Bistum Havelberg und dem Bistum Brandenburg kirchlich erschlossen – doch der große Slawenaufstand von 983 fegte diese jungen Bistümer für fast zwei Jahrhunderte hinweg, und die Heveller kehrten zum alten Glauben zurück. Erst im 12. Jahrhundert setzte sich das Christentum endgültig durch. Wie bei den Nachbarstämmen prägten heilige Orte, Ringwallheiligtümer und Losorakel den Glauben; überliefert ist er nur aus christlicher Außensicht, doch die Zähigkeit der Rückkehr zum Heidentum spricht für seine tiefe Verwurzelung.
Das hevellische Kernland war ideal geschützt: ein Labyrinth aus Havelarmen, Seen und Sümpfen, in dem die Burgen auf Inseln und Halbinseln lagen. Diese Lage erklärt, warum die deutschen Könige die Brennaburg immer wieder erobern mussten – einmal genommen, ging sie leicht wieder verloren. Vom Fischfang, vom Ackerbau auf den trockeneren Rücken und vom Handel auf den Wasserwegen lebten die Heveller gut. Erst die planmäßige Trockenlegung der Sümpfe im Hochmittelalter verwandelte diese slawische Wasserwelt in das Ackerland, das später Brandenburgs Reichtum wurde.
Wie sehr die Heveller den Boden Brandenburgs prägten, zeigt die Archäologie. Unter der Dominsel von Brandenburg an der Havel liegen die Reste ihrer Ringwallburg; Grabungen förderten slawische Häuser, Werkstätten und Keramik zutage. Wer sehen will, wie eine solche Slawenburg aussah, findet in Raddusch im Spreewald eine originalgetreu wiederaufgebaute Anlage. Diese Funde geben dem, was die Chronisten nur in Kriegsberichten erwähnen, ein Gesicht: eine bäuerlich-fürstliche Welt aus Holz, Erde und Wasser.
Dass die Hauptstadt Deutschlands, Berlin, einen slawischen Namen trägt, und dass Brandenburg und Preußen auf hevellischem Boden entstanden, macht diesen Stamm zu einem der folgenreichsten der ganzen Slawenwelt. Für uns ist er ein Musterbeispiel unserer Grundüberzeugung: Der deutsche Osten ist aus der Begegnung von Slawen und Deutschen gewachsen. Wer ein slawisches Motiv graviert, feiert kein fremdes, sondern ein heimisches Erbe – so heimisch wie der Name der Havel selbst.
Fast alle Schriftquellen zur slawischen Geschichte des Nordens stammen von ihren Gegnern: von deutschen und dänischen Geistlichen wie Thietmar von Merseburg, Adam von Bremen, Helmold von Bosau oder Saxo Grammaticus. Sie schrieben aus christlicher Sicht über „Heiden" – oft aus zweiter Hand, mit klarer Botschaft. Deshalb ist die Archäologie so wichtig: Ringwälle, Keramik, Silberhorte und Grabfunde korrigieren und ergänzen das schiefe Bild der Chroniken. Erst beide zusammen ergeben ein ehrliches Bild. Genau diese Quellenkritik ist uns wichtig – wir trennen sauber, was belegt ist, von dem, was Deutung bleibt, und erfinden nichts hinzu.
Es lohnt, sich die Tragweite klarzumachen: Aus der kleinen Brennaburg an der Havel wurde die Mark Brandenburg, aus der Mark das Kurfürstentum, aus dem Kurfürstentum das Königreich Preußen – und aus Preußen ging maßgeblich das moderne Deutschland hervor. Am Anfang dieser langen Kette steht ein slawischer Stamm und ein Fürst, der sein Erbe klug weitergab. Kaum irgendwo liegen slawische und deutsche Geschichte so dicht beieinander wie hier an der Havel.
Wer heute durch Brandenburg an der Havel geht, an der Dominsel steht oder den Namen Berlins ausspricht, berührt dieses Erbe unmittelbar. Die Heveller sind kein fernes, fremdes Volk, sondern die erste Schicht der Geschichte dieser Landschaft – und ein gutes Beispiel dafür, wie eng nordische, germanische und slawische Welten im Mittelalter miteinander verwoben waren – ein gemeinsames Erbe, das weit über die heutigen Grenzen und Sprachen hinausreicht und die Region bis heute prägt.
„Tugumir aber, vom Silber verlockt, versprach, sich und die Seinen dem König zu übergeben."nach Widukind von Corvey, Res gestae Saxonicae (gemeinfrei, eigene Übersetzung)

Die Lutizen · Die Sorben · Die Obodriten.
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