Mitten in der Marsch und im Dünensand der Nordfriesischen Inseln liegen große, ringförmige Erdwälle – stille Zeugen einer unruhigen Zeit. Sie gehören zu den wenigen sichtbaren Wikinger-Spuren an der deutschen Nordseeküste.
Die Nordfriesischen Inseln waren in der Wikingerzeit kein ruhiger Ort. Hier, an der Grenze zwischen friesischer Küste und dänischem Einfluss, brauchten die Menschen Schutz – vor Sturmfluten, vor Nachbarn, vor den Flotten aus dem Norden. Davon zeugen bis heute mächtige Ringwälle aus Erde und Sode.
Die bekanntesten liegen auf Sylt und Föhr. Die Tinnumburg bei Tinnum auf Sylt ist ein fast kreisrunder Wall von rund 120 Metern Durchmesser – eine gewaltige Anlage, deren Ursprünge in die Eisenzeit zurückreichen und die in der Wikingerzeit weiter genutzt wurde. Die Archsumburg, ebenfalls auf Sylt, ist heute stark verschliffen. Auf Föhr liegt die Lembecksburg, ein eindrucksvoller Ringwall, um den sich Sagen von einem Raubritter „Lembeck“ ranken. Alle drei sind Fliehburgen: keine dauerhaft bewohnten Festungen, sondern Zufluchtsorte, in die sich die Inselbewohner mit Vieh und Habe zurückzogen, wenn Gefahr drohte.
Ein Ringwall ist im Kern einfach: ein hoher, kreis- oder ovalförmiger Erdwall, oft mit einem vorgelagerten Graben, manchmal mit einer Holz-Erde-Mauer bekrönt. Der Kreis hat einen praktischen Grund – er umschließt die größte Fläche mit dem kürzesten Wall und lässt sich von innen an jeder Stelle gleich gut verteidigen. In einer Zeit, in der eine Wikingerflotte innerhalb eines Tages an der Küste erscheinen konnte, war so eine Burg Lebensversicherung: Man brachte, was einem lieb war, hinter den Wall und wartete, bis die Gefahr vorüber war.
Die Ringwälle stehen für eine Grenzlandschaft. Die Friesen der Küste waren geschickte Händler und Seefahrer, standen aber immer wieder unter Druck – von den Franken im Süden, von den Dänen im Norden. Manche Wälle dienten dem Schutz vor Wikingerüberfällen; andere könnten selbst von skandinavisch beeinflussten Gruppen genutzt worden sein. Die Küste war durchlässig, die Zugehörigkeiten wechselten. Genau das macht die Inseln so spannend: Hier lässt sich, auf deutschem Boden, die Berührung zwischen der friesischen und der nordischen Welt mit Händen greifen.
Zur See gemeinsam / verehren die Stämme
die Nerthus, das ist Mutter Erde,
und glauben, dass sie / in die Geschicke der Menschen eingreift.Tacitus, Germania 40, eigene Übersetzung nach dem gemeinfreien Text
Schon Tacitus verortete an dieser Nordseeküste die Nerthus-verehrenden Stämme. Jahrhunderte später schützten dieselben Menschen ihr Leben hinter Ringwällen – Erdwälle, die man auf Sylt und Föhr noch heute begehen kann.

Wikinger-Spuren in Deutschland · Haithabu · Trelleborg – Haralds Ringburgen · Die Moor-Heeresopfer · Die Langschiffe.
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