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Die nordfriesischen Ringwälle – Tinnumburg, Archsumburg und Lembecksburg zwischen Kaiserzeit und Harald Blauzahn

Geschichte & Funde Die nordfriesischen Ringwälle – Tinnumburg, Archsumburg und Lembecksburg zwischen Kaiserzeit und Harald Blauzahn

Die nordfriesischen Ringwälle sind mächtige, kreisrunde Erdwälle auf Sylt und Föhr – allen voran die Tinnumburg bei Tinnum und die Lembecksburg (auch Borgsumburg) bei Borgsum –, deren Geschichte älter und verwickelter ist als das Etikett „Wikingerburg“. Ihre Anfänge reichen teils in die römische Kaiserzeit um Christi Geburt zurück, im frühen Mittelalter wurden sie neu genutzt, und in der Borgsumburg datieren Bauhölzer die jüngste Phase auf um 980 – in die Zeit, in der Harald Blauzahn in Dänemark seine Trelleborgen bauen ließ.

Stell dir einen grauen Novembertag auf Föhr vor. Wind von Westen, die Marsch nördlich von Borgsum liegt flach wie ein Tisch, und mitten darin erhebt sich ein grüner Ring, fast acht Meter hoch. Wer oben auf der Wallkrone steht, sieht über die Insel bis zum Wattenmeer. Und unter den eigenen Füßen liegen, Schicht auf Schicht, rund tausend Jahre Inselgeschichte: Grassoden, Herdstellen, Webgewichte, Federn, Eierschalen. Ja, wirklich Eierschalen.

Die Ringwälle der Nordfriesischen Inseln gehören zu den eindrucksvollsten Geländedenkmälern an der deutschen Nordseeküste. Lange galten sie als Fliehburgen, in die sich die Inselbewohner mit Vieh und Habe zurückzogen, wenn Wikingerschiffe am Horizont auftauchten. Das Bild ist nicht falsch, aber zu klein. Neue Grabungen, geophysikalische Messungen und Baumringdaten erzählen eine vielschichtigere Geschichte – von germanischen Erdwerken der Kaiserzeit, von friesischen Neusiedlern, von einer Besatzung in dicht gedrängten Sodenhäusern und von einer möglichen Verbindung zum dänischen König. Wir trennen dabei sauber, was ausgegraben ist, was Forschende daraus schließen und was die Sage dazudichtet.

Was ist ein Ringwall – und warum gerade hier?

Ein Ringwall ist ein kreis- oder ovalförmiger Wall aus Erde, Sand oder Grassoden, oft mit einem vorgelagerten Graben und einem oder mehreren Toren. Archäologisch spricht man auch von einem Erdwerk oder Burgwall. Der Kreis hat einen nüchternen Vorteil: Er umschließt mit der kürzesten Mauer die größte Fläche, und jede Stelle der Wallkrone lässt sich gleich gut verteidigen. Auf den Inseln kommt eine Besonderheit dazu. Steine und Bauholz waren knapp, Grassoden aus der Marsch dagegen im Überfluss vorhanden. Sie sind das Baumaterial dieser Landschaft – für Wälle ebenso wie für Häuser.

Die Lage ist kein Zufall. Die Ringwälle sitzen dort, wo die höher gelegene, sandige Geest – der eiszeitliche Inselkern – an die tiefliegende Marsch grenzt, also an das fruchtbare, aus Meeresablagerungen entstandene Schwemmland. Vor der Eindeichung reichten Priele, natürliche Wasserläufe im Watt, bis nah an diese Geestränder heran. Wer hier einen Wall baute, hatte festen Grund unter den Füßen, Weideland vor der Tür und unter Umständen einen Wasserweg zum offenen Meer. Für die Tinnumburg und die Borgsumburg wird genau ein solcher schiffbarer Zugang vermutet.

Bekannt sind vor allem drei Anlagen: die Tinnumburg und die Archsumburg auf Sylt sowie die Lembecksburg auf Föhr. Eine vierte, die Rantumburg auf Sylt, ist nach älteren Berichten unter Dünen verschwunden. Wichtig für alle, die nach der „Borgsumburg“ suchen: Das ist kein weiterer Wall, sondern derselbe wie die Lembecksburg. Die Fachliteratur nennt ihn heute meist nach dem Dorf Borgsum, weil der Name „Lembecksburg“ an einer späten Sage hängt – dazu weiter unten mehr.

Und Amrum? Auf Amrum ist kein vergleichbarer Ringwall erhalten oder sicher nachgewiesen. Ein Flurname „Bey der Burch“ (1629) und die „Burg Borragh“ auf einer Karte von 1652 bei Norddorf deuten zwar auf eine Befestigung hin, doch wurde dort nie gegraben, und die Anlage wird eher ins späte Mittelalter gestellt.

Die Tinnumburg auf Sylt – der besterhaltene Ring

Die Tinnumburg, auf Sölring, dem Sylter Friesisch, schlicht Borig („Burg“) genannt, liegt südlich von Tinnum am Rand der Marsch. Der Wall misst rund 120 Meter im Durchmesser, ist bis zu etwa sieben Meter hoch und hat einen Umfang von ungefähr 440 Metern. Tore gab es mindestens im Osten und Süden, ein drittes im Westen wird vermutet. Bevor die Marsch 1938 eingedeicht wurde, ragte der Ring bei Sturmfluten wie eine kleine Insel aus dem Wasser. Nordwestlich führte ein Prielstrom ins Wattenmeer, daneben liegt ein kleiner See, das Döplem.

Gegraben wurde hier mehrfach: 1870, 1948 und 1976. Die Grabung von 1948 traf im Innenraum auf eine feuchte, rund 1,8 Meter mächtige Kulturschicht mit Eisenresten, bearbeitetem Holz und Keramik der späten Wikingerzeit. Die Untersuchungen der 1970er-Jahre gehören zum großen Archsum-Projekt, dessen Ergebnisse Ole Harck 1990 vorgelegt hat. Sein Band behandelt ausdrücklich die „römerzeitlichen Erdwerke“ Archsumburg, Tinnumburg und Trælbanken.

Gesicherter Befund: Der heute sichtbare Wall der Tinnumburg liegt über einem älteren Erdwerk, das um Christi Geburt, also in der frühen römischen Kaiserzeit, angelegt wurde. Danach lag der Platz brach und vermoorte. Im frühen Mittelalter wurde er erneut genutzt und mit Sodenhäusern bebaut.

Wann genau diese zweite Nutzung begann, ist eine offene Frage. Gängige Überblicke nennen das 8. bis 10. Jahrhundert. Bente Sven Majchczack und Kollegen stellen den Tinnumer Ringwall und die Borgsumburg in einem Beitrag von 2020 in die erste Hälfte des 8. Jahrhunderts – also etwa in dieselbe Zeit wie die erste Ausbauphase des Danewerks. Das ist eine Datierung, die auf den neuen Grabungen und dem Umfeld beruht, aber für Tinnum selbst noch nicht durch eine moderne Großgrabung abgesichert ist.

Spannend ist das Umfeld. Rund einen Kilometer entfernt lag eine Siedlung mit Grubenhäusern, also eingetieften kleinen Werkstatt- und Wohnbauten, die kurz nach der Mitte des 7. Jahrhunderts einsetzt. Dort wurden Bernstein und Glasperlen verarbeitet, man fand Webgewichte, Wetzsteine aus Norwegen und eine Fibel im Borrestil, einem skandinavischen Tierornamentstil des 9./10. Jahrhunderts. Sylt war kein abgelegener Sandhaufen, sondern ein Knoten im Netz der Nordsee. Mehr über das „Gold des Nordens“ findest du in unserem Artikel zum Bernstein.

Die Archsumburg – ein Wall, der fast verschwunden ist

Wenige Kilometer östlich lag die Archsumburg. Sie ist heute weitgehend abgetragen und im Gelände kaum noch als Burg zu erkennen. Ihr Durchmesser lag bei etwa 85 bis 90 Metern. Bei den Grabungen der 1970er-Jahre unter Ole Harck kamen im Innenraum Spuren radial angeordneter Häuser zum Vorschein, also Gebäude, die wie Speichen eines Rades auf die Mitte zulaufen. Datiert wird die Archsumburg in die römische Kaiserzeit, nach den meisten Angaben ins 1. Jahrhundert n. Chr.

Ein auffälliges Gegenstück liegt auf dem Festland: Trælbanken in der Marsch nördlich von Højer in Südjütland, ein Ringwall ähnlicher Größe, aber ohne nachgewiesene Innenbebauung. Harck hat beide Anlagen zusammen mit der Tinnumburg untersucht. Gemeinsam markieren sie eine Gruppe kaiserzeitlicher Erdwerke an der Westküste des alten Schleswig, deren Zweck bis heute diskutiert wird. Dänische Darstellungen sehen sie im Zusammenhang mit anderen Wall- und Sperranlagen jener Zeit in Jütland. Ob sie als Zuflucht, als Stützpunkt oder als Versammlungsplatz dienten, lässt sich für die Kaiserzeit nicht eindeutig sagen.

Mythos-Check: „Die Sylter Ringwälle wurden gegen die Wikinger gebaut.“ – Für die Archsumburg und die ältere Phase der Tinnumburg ist das schlicht unmöglich: Sie entstanden rund 700 Jahre vor dem ersten Wikingerüberfall auf Lindisfarne 793. Erst die frühmittelalterliche Nachnutzung fällt in die Zeit, die wir Wikingerzeit nennen.

Die Lembecksburg bei Borgsum – vier Phasen und ein Dendrodatum

Die Borgsumburg liegt etwa einen Kilometer nördlich von Borgsum auf einer kleinen Geestkuppe am Rand der Marsch. Mit einem Innendurchmesser von knapp 100 Metern und einem fast acht Meter hohen Wall ist sie der eindrucksvollste der nordfriesischen Ringe. Ein Tor öffnet sich nach Süden, im östlichen Vorfeld liegen ein niedriger Vorwall und ein flacher Graben. Nach Norden schützte früher sumpfiges Gelände.

Die erste größere Grabung fand 1951/52 im Innenraum statt. Sie legte mehrere einfache Sodenwandhäuser frei, die radial auf den Wall ausgerichtet waren. Ihre Giebeltüren öffneten sich zu einem gepflasterten Weg, daneben lag ein Brunnen. Die Funde – Keramik der sogenannten Nordseegruppe, Webgewichte, Eisengeräte, Gefäße aus Speckstein und importierte Pingsdorfer Ware aus dem Rheinland – stellten die Bebauung ins 9. bis späte 10. Jahrhundert. Daneben fanden sich Scherben aus der Jungsteinzeit und der Eisenzeit, Zeugen einer viel älteren Nutzung der Kuppe. Peter La Baume fasste den Forschungsstand 1961 unter der ehrlichen Überschrift „Was wissen wir über die Lembecksburg?“ zusammen. Die Antwort lautete damals: nicht viel.

Das änderte sich in zwei Schritten. 2001 und 2003 wurde die Burg geomagnetisch und mit Bodenradar vermessen. Die Bilder zeigten zahlreiche dicht nebeneinander liegende Sodenhäuser entlang der Wallinnenseite, auffällig gleichförmig und radial angeordnet. Seit Juni 2021 gräbt das Niedersächsische Institut für historische Küstenforschung (NIhK) unter der Leitung von Martin Segschneider, Grabungsleiterin ist Kirsten Hüser, finanziert von der Frederik-Paulsen-Stiftung. Ergänzend untersucht ein geoarchäologisches Promotionsprojekt mit der Universität Kiel die Landschaft rund um den Wall, mit Bohrungen, die etwa den Verlauf eines Grabens am Tor und alte Wasserflächen in der Marsch nachweisen.

Gesicherter Befund: Die Siedlungsschichten im Innern der Borgsumburg sind rund vier Meter mächtig und lassen vier Siedlungsphasen erkennen. Die jüngste Phase datiert nach Dendrochronologie, also nach der Jahrringdatierung von Bauholz, auf um 980 n. Chr. (Hüser/Segschneider, Archäologie in Schleswig 20).

Die neuen Schnitte haben die Messbilder bestätigt: Die Häuser standen dicht an dicht, radial zum Wall, mit Herdstellen und einer Zisterne zur Wasserversorgung. Weil der Boden so feucht ist, hat sich Organisches erstaunlich gut erhalten – Textilfragmente, Tierknochen, Spinnwirtel, Webgewichte, dazu Vogelreste mit Federn und eben jene Eierschalen. Ein gut erhaltenes Gefäß des 10. Jahrhunderts verweist auf Verbindungen nach Haithabu. Eine Holzpalisade auf der Wallkrone ließ sich bisher nicht nachweisen. Die Ausgräber halten stattdessen einen Weg auf der Krone für möglich, beiderseits von Sodenmäuerchen geschützt.

Und das Alter des Walls selbst? Hier wird es knifflig. Der Prähistoriker Gerhard Mildenberger hielt es 1978 für möglich, dass die Lembecksburg wie Archsum und Tinnum schon eisenzeitlich angelegt wurde. Majchczack und Kollegen setzen den Beginn der radialen Bebauung in die erste Hälfte des 8. Jahrhunderts. Hüser und Segschneider sprechen für die Phase um 980 vom Ausbau eines bereits bestehenden Ringwalls. Ein Baudatum für den ersten Wall gibt es also noch nicht. Das ist die spannendste offene Frage der Anlage.

Wozu die Wälle dienten: drei Deutungen im Vergleich

Die Funktion der nordfriesischen Ringwälle ist kein Rätsel mit einer Lösung, sondern eines mit mehreren Antworten – je nach Zeit. Drei Deutungen stehen im Raum.

Fluchtburg. Die klassische Erklärung: Bei Gefahr zogen sich die Bewohner der umliegenden Höfe mit Vieh und Vorräten hinter den Wall. Dafür spricht die Lage am Rand der Siedlungsgebiete und die schiere Größe der Innenflächen. Dagegen spricht für das frühe Mittelalter, was die Grabungen zeigen: Eine Fluchtburg steht normalerweise leer. In Borgsum aber standen über lange Zeit dicht gedrängte, einheitliche Häuser – mit vier Meter Schichtpaket. Das ist keine Notunterkunft für ein paar Tage.

Kultplatz. Für die kaiserzeitliche Tinnumburg ist eine kultische Deutung vorgeschlagen worden, sie findet sich auch in Handbüchern zur germanischen Religionsgeschichte. Begründet wird das vor allem damit, dass sich im älteren Erdwerk keine normale Siedlung nachweisen ließ. Ein Wall ohne Häuser, aber mit Bedeutung – das erinnert an Versammlungs- und Opferplätze, wie wir sie aus anderen Teilen der germanischen Welt kennen, etwa in unserem Beitrag zu germanischen Opfern und Heiligtümern. Ein eindeutiger Opferbefund wie in den großen Mooren fehlt allerdings. Die Kult-These bleibt eine Möglichkeit, kein Ergebnis.

Stützpunkt und Handelsschutz. Für die frühmittelalterlichen Phasen sehen Majchczack und Kollegen in der gleichförmigen, radialen Bebauung eher eine militärische Besatzung – eine Garnison, die die Insel und die nahen Handelsplätze kontrollierte. Die Funde deuten auf eine seefahrende, vielleicht nicht einheimische Mannschaft. Das passt zu dem, was rings um die Burg im Boden liegt. Davon gleich mehr.

Diese Deutungen schließen sich nicht aus: Ein Wall kann in der Kaiserzeit Versammlungsplatz, 800 Jahre später Stützpunkt und in Notzeiten trotzdem Zuflucht gewesen sein.

Handelsplätze vor der Burgtür: Witsum, Goting, Tinnum

Nach einer Siedlungslücke von rund 150 Jahren wurden die Nordfriesischen Inseln um die Mitte des 7. Jahrhunderts neu besiedelt, vermutlich von Friesen aus dem Gebiet der südlichen Nordseeküste. Was sie aufbauten, war erstaunlich gut vernetzt.

Witsum auf Föhr, etwa 1,2 Kilometer südlich der Borgsumburg, war ein Dorf von rund zehn Hektar. Ein wiederverwendetes Brunnenholz liefert ein Fälldatum um 697. Die Hauptphase liegt im 8. und 9. Jahrhundert. In Grubenhäusern wurde gewebt und Bernstein verarbeitet, man nutzte Mahlsteine aus rheinischer Basaltlava und Schiefer aus Norwegen, die Glasperlen ähneln Erzeugnissen aus Ribe.

Goting an der Südküste Föhrs war ein Grubenhausplatz mit eigenem Werkstattbereich am Wasser. Schmiedeabfälle und Bootsniete deuten auf Reparatur oder Bau von Booten. Ein Hort von 87 Münzen aus dem frühen 8. Jahrhundert verweist auf westfriesische Händler. Im 9. Jahrhundert verschiebt sich das Bild: Nun tauchen Perlen aus dem Nahen Osten auf, und die Verbindung über Haithabu zur Ostsee gewinnt an Gewicht.

Ribe dürfte im 8. und 9. Jahrhundert der wichtigste Markt für die Überschüsse der Inseln gewesen sein. Eine Besatzung hinter dem Wall saß also an einer Handelsroute zwischen Rhein, Jütland und Ostsee. Einen Überblick über diese Wege gibt unser Beitrag zum Handel der Wikinger.

Friesen und Dänen im Wattenmeer

Wem gehörten die Inseln im 9. und 10. Jahrhundert? Die Antwort ist unbequem: Wir wissen es nicht genau. Die Bevölkerung war friesisch geprägt, die Sprache ist es bis heute – Sölring auf Sylt, Fering auf Föhr, Öömrang auf Amrum. Politisch aber lag die Küste nördlich der Eider im Einflussbereich der dänischen Könige.

Eine Schriftquelle zeigt, wie fließend das war. Nach den Fuldaer Annalen erhielt der Däne Rorik 857 mit Zustimmung des dänischen Königs einen Teil des Reiches „zwischen dem Meer und der Eider“. Derselbe Rorik war zeitweise karolingischer Lehnsmann in Friesland, mit Dorestad als Machtbasis – die Geschichte erzählen wir im Artikel über Dorestad und Rorik. Wie das Grenzland südlich der Eider gegenüber den Franken organisiert war, zeigt unser Beitrag zu Nordalbingien.

Majchczack und Kollegen halten es für möglich, dass die nordfriesische Küste in ein dänisch kontrolliertes Grenzsicherungssystem eingebunden war, das mit dem Danewerk zusammenhing. Sie formulieren das ausdrücklich als Möglichkeit. Auffällig ist auch die Bemerkung in der älteren Literatur, die Form der Inselburgen habe ihre nächsten Parallelen eher an der südlichen Nordseeküste als in Dänemark. Tatsächlich entstanden in Zeeland, auf Walcheren, im späten 9. Jahrhundert runde Burgen gegen die Wikinger, etwa in Oost-Souburg. Die nordfriesischen Ringe stehen damit zwischen zwei Welten: friesisch in der Bautradition, dänisch in der Machtordnung – vielleicht.

Der Vergleich mit den Trelleborgen und Borgring

Die jüngste Phase der Borgsumburg um 980 lädt zu einem Vergleich ein, den die Ausgräber selbst gezogen haben. Ihr Aufsatz trägt den Titel „Grüße von Harald Blauzahn?“ – mit Fragezeichen, und das zu Recht.

In genau diesen Jahren ließ Harald Blauzahn in Dänemark eine Serie streng geometrischer Ringburgen errichten. Für Trelleborg auf Seeland belegt die Jahrringdatierung Holz, das zwischen August 980 und Mai 981 gefällt wurde. Dazu gehören Fyrkat, Aggersborg, Nonnebakken in Odense und das erst 2014 entdeckte Borgring bei Køge. Diese Anlagen wurden offenbar nur kurz genutzt, nach Einschätzung des Dänischen Nationalmuseums für Trelleborg etwa zehn bis fünfzehn Jahre. Seit 2023 gehören die Ringburgen zum UNESCO-Welterbe.

Die Gemeinsamkeiten mit Borgsum: kreisrunder Wall, Holz-Erde-Bauweise, eine Datierung um 980 und eine organisierte, gleichförmige Innenbebauung. Die Unterschiede sind aber deutlich:

Hüser und Segschneider deuten das vorsichtig: Möglicherweise habe man um 980 lieber einen vorhandenen Ringwall instandgesetzt, als einen neuen zu bauen. Wenn das stimmt, wäre die Borgsumburg eine Art „Trelleborg light“ im Wattenmeer – ein Glied in Haralds Machtsicherung, aber mit friesischem Material. Beweisen lässt sich das bislang nicht. Es gibt nur ein Dendrodatum, das sehr gut in die Zeit passt. Wie sich die verschiedenen Burgformen der Epoche unterscheiden, haben wir in der Burgenkunde der Wikingerzeit zusammengestellt.

Mythos-Check: „Die Lembecksburg ist eine Trelleborg.“ – Nein. Sie ist zeitgleich mit den Trelleborgen in Nutzung, aber nicht nach deren Bauplan errichtet. Eine politische Verbindung zu Harald Blauzahn ist eine plausible Hypothese der Ausgräber, kein Befund.

Die Lembeck-Sage: wie die Burg zu ihrem Namen kam

Bleibt der Name. Auf Föhr erzählt man sich – und das ist ausdrücklich eine Sage –, ein Ritter namens Klaus Lembeck habe auf der Burg gesessen. König Waldemar IV. von Dänemark, genannt Atterdag, habe ihn mit einem Heer belagert. Als die Föhrer Friesen zum König überliefen, habe Lembeck fliehen müssen.

Historisch greifbar ist ein Claus Limbek, ein Adliger des 14. Jahrhunderts und einer der Anführer der Opposition gegen Waldemar IV. Sein bekannter Sitz lag aber auf dem Festland, auf Burg Tørning westlich von Hadersleben. Dass er Föhr je betreten hat, ist nicht belegt. Für 1377 berichtet eine Überlieferung, sein Sohn Henneke Limbek sei mit einem Heer auf der Insel gelandet und habe den Landvogt erschlagen. Wo dessen Burg lag, ist unklar; vermutet wird ein inzwischen überbauter Platz bei Süderende, den die Forschung „Henneke Lembeks Burg“ nennt. Die große Borgsumburg dagegen war nach den archäologischen Befunden ab der Mitte des 11. Jahrhunderts offenbar nicht mehr bewohnt.

Die Sage erklärt also den Namen, nicht die Anlage. Sie ist trotzdem wertvoll: Sie zeigt, wie Menschen in späteren Jahrhunderten ein riesiges, rätselhaftes Bauwerk mit der Geschichte füllten, die sie kannten. Mehr solcher Geschichten versammelt unsere Legendenkunde.

Und Nerthus? Ein Wort zu Tacitus

Gern wird im Zusammenhang mit den Inseln Tacitus bemüht. In seiner Germania (Kap. 40, um 98 n. Chr.) beschreibt er mehrere Stämme, darunter die Angeln und die Variner, die gemeinsam Nerthus verehren. Sinngemäß, in eigener Übertragung:

Sie verehren gemeinsam Nerthus, das ist die Mutter Erde, und glauben, dass sie in die Angelegenheiten der Menschen eingreift. Auf einer Insel im Ozean liegt ein heiliger Hain. Tacitus, Germania 40, eigene Übertragung aus dem gemeinfreien lateinischen Text

Welche Insel Tacitus meinte, weiß niemand. Vorgeschlagen wurden Seeland, Fehmarn, Alsen und auch Nordseeinseln – keine Zuschreibung ist belegt. Und ob die Erbauer der kaiserzeitlichen Tinnumburg zu den genannten Stämmen gehörten, lässt sich nicht sagen. Die Verbindung ist reizvoll, aber spekulativ. Mehr zu den Nerthus-Völkern liest du bei den Warnen.

Besuch heute: was du vor Ort siehst

Die Tinnumburg ist frei zugänglich und vom Tinnumer Ortsrand aus gut zu Fuß erreichbar. Der Ring lässt sich auf der Wallkrone umrunden. Die Lembecksburg nördlich von Borgsum ist ebenfalls begehbar und wirkt mit ihrem steilen, geschlossenen Wall noch eindrucksvoller. Wenn gerade gegraben wird, bleiben die Flächen natürlich gesperrt – und bitte: Funde gehören ins Landesamt, nicht in die Jackentasche. Von der Archsumburg ist im Gelände kaum etwas zu sehen.

Wer weitere Orte sucht, an denen die Wikingerzeit in Norddeutschland greifbar wird, findet sie in unserer Übersicht Wikinger-Spuren in Deutschland und bei den Museen und Fundorten.

Uns in der Werkstatt fasziniert an diesen Wällen vor allem eines: Sie sind aus Grassoden gebaut, aus dem Material, das direkt vor der Tür lag – und haben trotzdem zwei Jahrtausende überstanden. Das ist eine Art von Beständigkeit, die wir auch in Schiefer und Holz suchen.

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Häufige Fragen

Wie alt ist die Tinnumburg auf Sylt? Das erste Erdwerk entstand um Christi Geburt in der frühen römischen Kaiserzeit. Der heute sichtbare Wall stammt aus einer frühmittelalterlichen Nachnutzung, die je nach Autor ins 8. bis 10. Jahrhundert gesetzt wird.

Sind Lembecksburg und Borgsumburg dasselbe? Ja. Es handelt sich um denselben Ringwall nördlich von Borgsum auf Föhr. „Lembecksburg“ ist der volkstümliche Name nach einer Sage, „Borgsumburg“ der in der Forschung übliche Name.

Waren die nordfriesischen Ringwälle Wikingerburgen? Nur zum Teil. Die Anlagen auf Sylt sind Jahrhunderte älter als die Wikingerzeit. Die Borgsumburg wurde aber in der Wikingerzeit intensiv bewohnt, ihre jüngste Phase datiert um 980.

Hat Harald Blauzahn die Lembecksburg gebaut? Nein, der Wall bestand schon vorher. Die Ausgräber halten es für möglich, dass er um 980 im Zusammenhang mit Haralds Burgenbauprogramm instandgesetzt wurde, das ist aber eine Hypothese.

Gibt es auf Amrum einen Ringwall? Ein vergleichbarer frühmittelalterlicher Ringwall ist auf Amrum nicht bekannt. Die „Burg Borragh“ bei Norddorf ist nur aus Flurnamen und alten Karten bekannt und wurde nie ausgegraben.

Kann man die Ringwälle besichtigen? Ja, Tinnumburg und Lembecksburg sind frei zugängliche Geländedenkmäler. Während laufender Grabungen sind Teilflächen gesperrt.

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