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Olaf der Weiße: Amlaíb, König in Dublin – zwischen irischen Annalen und isländischer Saga

Berühmte Wikinger Olaf der Weiße: Amlaíb, König in Dublin – zwischen irischen Annalen und isländischer Saga

Olaf der Weiße ist der Wikingerführer, den die irischen Annalen als Amlaíb kennen: 853 kam er als „Sohn des Königs von Laithlind“ nach Irland, die Nordleute dort unterwarfen sich ihm, und fast zwei Jahrzehnte lang herrschte er von Dublin aus – zusammen mit Ímar und Auisle. Er plünderte Mide und Armagh, zog gegen die Pikten und eroberte 870 nach vier Monaten Belagerung Dumbarton Rock. Ob er wirklich derselbe Mann ist wie Óláfr hvíti, der Gemahl Auðs der Tiefsinnigen aus den isländischen Sagas, ist plausibel, aber nicht bewiesen.

Stell dir vor, du schreibst um das Jahr 853 in einem irischen Kloster die Ereignisse des Jahres auf. Äbte sterben, Könige erschlagen einander, ein Unwetter knickt Bäume. Und dann diese eine Zeile: Ein Fremder ist gekommen, der Sohn eines Königs aus dem Norden, und alle Nordleute Irlands haben sich ihm unterworfen. Er nimmt Tribut von den Iren. Kein Porträt, kein Beiname. Und doch ist dieser knappe Eintrag die Geburtsurkunde einer Dynastie, die Dublin für mehr als zwei Jahrhunderte prägen sollte.

Der Mann heißt in den Annalen Amlaíb – die irische Form des altnordischen Namens Óláfr. Die Nachwelt kennt ihn als Olaf den Weißen. Nur: Diesen Beinamen gibt ihm kein irischer Schreiber. Er stammt aus Island, aus Texten, die rund 350 Jahre später entstanden. Wer Olaf verstehen will, muss deshalb wie ein Detektiv mit drei Aktenstapeln arbeiten: den zeitgenössischen irischen Annalen, der späteren isländischen Überlieferung und den Rekonstruktionen moderner Historiker.

Drei Stimmen, ein Mann? Die Quellenlage

Die wichtigste Quelle sind die Annalen von Ulster. Annalen sind Jahrbücher: Jahr für Jahr wurden knappe Einträge notiert, oft nahe an den Ereignissen. Für das 9. Jahrhundert gelten die Annalen von Ulster als weitgehend zeitnah geführt, auch wenn die erhaltenen Handschriften erst aus dem 15. Jahrhundert stammen. Sie berichten nüchtern, fast buchhalterisch.

Ganz anders die Fragmentary Annals of Ireland (auch „Three Fragments“). Sie sind nur in einer Abschrift des 17. Jahrhunderts erhalten, ihre Vorlage entstand wohl im 11. Jahrhundert. Sie erzählen farbig, mit Dialogen, Intrigen und Wundern. Für Olaf sind sie unverzichtbar, weil nur sie seinen Vater nennen – aber sie sind spätere Überlieferung.

Der dritte Stapel liegt in Island: die Landnámabók (das „Buch der Landnahme“, ein Verzeichnis der ersten Siedler Islands, in der erhaltenen Form 13. Jahrhundert), dazu die Isländersagas wie die Laxdæla saga und die Eiríks saga rauða. Dort heißt er Óláfr hvíti, Olaf der Weiße. Für sie ist Olaf ein Ahnherr, kein Akteur.

Gesicherter Befund: Zeitgenössisch belegt ist ein nordischer König Amlaíb, der von 853 bis mindestens 871 in Irland und Nordbritannien agiert und mit Dublin (Áth Cliath) verbunden ist. Dass er mit Óláfr hvíti der isländischen Texte identisch ist, ist eine moderne, gut begründete, aber unbeweisbare Gleichsetzung.

853: Ein Königssohn aus „Laithlind“

Der Eintrag der Annalen von Ulster zum Jahr 853 lautet sinngemäß (eigene Übertragung): Amlaíb, Sohn des Königs von Laithlind, kam nach Irland, und die Fremden Irlands unterwarfen sich ihm, und er nahm Tribut von den Iren. Amlaíb ist also ein Königssohn, die Nordleute Irlands mussten sich ihm erst unterwerfen, und er schöpfte Abgaben ab – mehr als ein Plünderer.

Was „Laithlind“ (später meist Lochlann) bedeutet, ist eine der großen Streitfragen. Lange setzte man es schlicht mit Norwegen gleich. Der irische Historiker Donnchadh Ó Corráin hat 1998 dagegen argumentiert, dass der Begriff im 9. Jahrhundert eher die nordischen Herrschaften in Schottland meinte – auf den Hebriden, den Nordinseln und an der schottischen Küste. Andere halten an Norwegen fest oder sehen den Begriff als unscharf. Olafs „Vaterreich“ könnte also in Norwegen oder im schottischen Inselraum gelegen haben.

Dublin selbst gab es übrigens schon vor ihm. Bereits 841 melden die Annalen von Ulster ein nordisches Schiffslager – irisch longphort, ein befestigter Ankerplatz für überwinternde Flotten – bei Duiblinn, dem „schwarzen Teich“ an der Mündung des Poddle in die Liffey. In Kilmainham und Islandbridge fand man im 19. Jahrhundert eines der größten Gräberfelder der Wikingerzeit außerhalb Skandinaviens, mit Schwertern, Speerspitzen und Ovalfibeln. Olaf gründete Dublin also nicht. Aber mit ihm beginnt die Reihe von Königen, die dort mit dynastischem Anspruch herrschten. Zu den späteren Dubliner Nordleuten passt der Beitrag über die Ostmänner von Dublin, Waterford und Limerick.

Mythos-Check: „Olaf der Weiße gründete Dublin.“ – Nein. Das nordische Lager an der Liffey ist 841 belegt, zwölf Jahre vor seiner Ankunft. Die isländische Überlieferung sagt, er habe Dublin „gewonnen“ – und genau das passt zu den Annalen: Er übernahm eine bestehende Basis und machte sie zum Machtzentrum.

Drei Könige der Fremden: Amlaíb, Ímar und Auisle

Olaf herrschte nicht allein. Schon 857 nennen die Annalen ihn gemeinsam mit Ímar: Beide schlugen in Munster Caittil Find („Ketil den Hellen“) und seine Gall-Goídil. Gall-Goídil – wörtlich „fremde Gälen“ – waren Kriegergruppen gemischter nordisch-gälischer Herkunft, wohl aus dem schottischen Inselraum. Einige Forscher haben Caittil Find mit Ketill flatnefr gleichgesetzt, dem Vater Auðs in der isländischen Überlieferung. Dann hätte Olaf gegen seinen späteren Schwiegervater gekämpft – eine reine Vermutung.

863 erscheint ein dritter Name: Die Annalen sprechen von „drei Königen der Fremden“, nämlich Amlaíb, Ímar und Auisle. Ímar wird heute meist mit dem Ívarr identifiziert, den englische Quellen als Anführer des Großen Heidnischen Heeres kennen, und von manchen mit dem legendären Ivar dem Knochenlosen. Die Historikerin Clare Downham hat diese Gleichsetzung stark gemacht; die Verbindung zu Ragnar Lodbrok dagegen bleibt Sagenstoff des 12. und 13. Jahrhunderts.

Ob die drei Brüder waren, sagen die Annalen von Ulster nicht. Erst die Fragmentary Annals machen sie zu den drei Söhnen eines Königs von Lochlann. Und sie nennen auch den Vater: Gofraid, altnordisch Guðrøðr. Ob dieser Gofraid mit einem der Guðrøðr-Könige der norwegischen Überlieferung zu tun hat, ist offen. Auffällig ist nur, dass auch die Landnámabók in Olafs Stammbaum einen Guðrøðr führt – ein Name, der in skandinavischen Königsfamilien allerdings häufig war.

Bündnisse und Brandschatzung: Olafs Feldzüge in Irland

Wer sich Olaf als reinen Feind „der Iren“ vorstellt, liegt daneben. Das Irland des 9. Jahrhunderts bestand aus Dutzenden Königreichen, die sich ständig bekriegten. Die Nordleute wurden schnell Teil dieses Spiels. 859 führten Amlaíb, Ímar und Cerball mac Dúnlainge, König von Osraige, gemeinsam ein großes Heer nach Mide (Meath). Cerball kämpfte je nach Lage mit oder gegen die Wikinger – ein Muster, das du überall in der Geschichte der Wikinger in Irland und Schottland wiederfindest.

Besonders eindrucksvoll ist der Eintrag zu 863. Die Annalen berichten, dass „die Höhlen“ von Achad Aldai, Cnodba und Dubad durchsucht wurden – „was nie zuvor getan worden war“. Gemeint sind nach gängiger Deutung die großen jungsteinzeitlichen Ganggräber im Boyne-Tal: Newgrange, Knowth und Dowth. Die drei Könige plünderten dabei das Land Flanns, des Sohnes von Conaing, und mit ihnen zog ein irischer König, Lorcán von Mide. Wikinger und irischer König gemeinsam auf Schatzsuche in 5.000 Jahre alten Grabhügeln – kein Fantasy-Plot, sondern Annalentext.

Die Bündnisse waren kurzlebig und blutig. 864 ließ Amlaíb Conchobar, den Sohn Donnchads, einen der beiden Könige von Mide, bei Cluain Iraird (Clonard) im Wasser töten – ertränkt, an einem der berühmtesten Klöster Irlands. Die Fragmentary Annals erzählen zudem, Olaf sei mit einer Tochter Áed Findliaths, des Königs von Tara, verheiratet gewesen und mit ihm nach Mide gezogen. Ob das stimmt, lässt sich nicht prüfen; die zuverlässigeren Annalen von Ulster schweigen dazu.

867 schlug das Pendel zurück. Die Annalen melden, dass „Amlaíbs Festung“ bei Cluain Dolcáin (Clondalkin), wenige Kilometer westlich von Dublin, von irischen Anführern niedergebrannt wurde; am selben Tag fielen dort etwa hundert Anführer der Fremden. Ein Jahr später besiegte Áed Findliath bei Cell Ua nDaigri (Killineer bei Drogheda) eine Koalition aus Brega, Leinster und Nordleuten. Die späten Annalen der Vier Meister (17. Jahrhundert) nennen unter den Gefallenen „Carlus, Sohn des Amlaíb“ – also womöglich Olafs Sohn. Carlus ist die Namensform von Karl – ein Wikingerprinz mit fränkischem Kaisernamen.

869 traf es das geistliche Herz Irlands. Amlaíb plünderte Armagh (Ard Macha), den Sitz der Nachfolger des heiligen Patrick, und brannte es samt seinen Bethäusern nieder. „Zehnhundert“, also tausend Menschen, wurden laut den Annalen fortgeführt oder getötet. Fortführen hieß meist: in die Sklaverei verkaufen. Dublin wurde ein bedeutender Sklavenmarkt, wie wir im Beitrag über die Sklaverei bei den Wikingern ausführlicher zeigen.

Bruderkrieg: der Tod des Auisle

Zum Jahr 867 notieren die Annalen von Ulster knapp, Auisle, „einer der drei Könige der Heiden“, sei von seinen Verwandten durch List und Verwandtenmord getötet worden. Mehr nicht. Die Fragmentary Annals machen daraus eine Szene wie aus einer Saga: Auisle, der jüngste und tapferste der drei Brüder, verlangt von Olaf dessen Frau, die Tochter eines Cináed. Olaf zieht im Zorn das Schwert und erschlägt den Bruder in seinem eigenen Haus.

Wer diese Cináed-Tochter war, ist umstritten. Wäre es eine Tochter des Piktenkönigs Cináed mac Ailpín (Kenneth MacAlpin, gestorben 858), wäre Olaf Schwager jenes Konstantin geworden, der später sein Gegner wurde. Andere denken an einen irischen Cináed. Gesichert ist nur: Einer der drei Könige starb 867 durch die eigene Familie.

Mythos-Check: „Olaf hatte drei Frauen.“ – Vorsicht. Die Tochter Áeds und die Tochter Cináeds stammen aus den Fragmentary Annals, Auðr aus den isländischen Texten. Stimmen alle drei, war Olaf mehrfach politisch verheiratet. Ebenso gut können verschiedene Erzähltraditionen hier verschiedene Männer oder bloße Vermutungen spiegeln.

Über das Meer: Olaf in Schottland und bei den Pikten

Olafs Macht endete nicht an der irischen Küste. 866 zogen Amlaíb und Auisle mit den Fremden Irlands und Schottlands nach Fortriu, ins Kernland der Pikten, plünderten das ganze Piktenland und nahmen Geiseln. Auch die Chronik der Könige von Alba, eine kurze lateinische Königsliste, berichtet zur Regierung Konstantins, des Sohnes Cináeds, dass Amlaíb mit seinen Heiden Pictavia verwüstete und dort vom 1. Januar bis zum Fest des heiligen Patrick (17. März) blieb.

Ein Heer, das einen ganzen Winter im Land eines Königs verbringt, ist keine Raubfahrt mehr, sondern Besatzung – dasselbe Muster wie beim Großen Heer in England ab 865.

870/871: Die Belagerung von Dumbarton Rock

Der Höhepunkt von Olafs Laufbahn ist zugleich ihr letzter großer gesicherter Auftritt. Die Annalen von Ulster berichten zum Jahr 870 (eigene Übertragung): Belagerung von Ail Cluaithe durch die Nordleute, nämlich Amlaíb und Ímar, zwei Könige der Nordleute; sie belagerten die Festung und zerstörten und plünderten sie nach vier Monaten.

Ail Cluaithe, der „Fels des Clyde“, ist der heutige Dumbarton Rock westlich von Glasgow: ein Basaltpfropfen, der rund 70 Meter steil aus der Clyde-Mündung ragt. Er war der Königssitz der Briten von Strathclyde, eines britischsprachigen Königreichs, das sich seit Jahrhunderten gegen Pikten, Skoten und Angelsachsen behauptet hatte. Einen solchen Felsen nimmt man nicht im Sturm.

Genau das erzählen die Fragmentary Annals: Die Verteidiger hätten sich gehalten, bis ihr Brunnen auf wundersame Weise versiegte. Ohne Wasser mussten sie aufgeben; die Nordleute nahmen große Beute und viele Gefangene. Das Wunder gehört zur Erzählkunst des späten Textes, der Wassermangel nach vier Monaten Belagerung ist dagegen schlicht plausibel.

Auch die Archäologie spricht mit. Der Archäologe Leslie Alcock grub in den 1970er-Jahren auf dem Felsen und verband Funde, Radiokarbondaten und Schriftquellen zu einer Chronologie der frühmittelalterlichen Burg. Sein Ergebnis: Die Anlage von Alt Clut endet mit einer Zerstörung, die er dem Angriff von 870 zuschrieb. Text und Boden treffen sich – ein seltener Glücksfall.

871 folgte die Heimkehr, und sie liest sich wie eine Bilanz des Schreckens. Amlaíb und Ímar kehrten aus Alba mit zweihundert Schiffen nach Áth Cliath zurück und brachten eine große Beute an Menschen mit: Angeln, Briten und Pikten, verschleppt nach Irland. Auch gerundet beschreibt die Zahl eine gewaltige Flotte. Wie solche Schiffe gebaut waren, zeigen wir im Beitrag über die Drachenschiffe der Wikinger.

Das Königreich Strathclyde überlebte, aber geschwächt. 872 wurde sein König Artgal getötet – „auf Anstiften Konstantins, des Sohnes Cináeds“, wie die Annalen von Ulster festhalten. Ob Olaf und Ímar beteiligt waren, wissen wir nicht.

Das Verschwinden: Was wurde aus Olaf?

Nach 871 wird es still um Amlaíb. Die Annalen von Ulster melden 873 den Tod Ímars, nun bezeichnet als „König der Nordleute ganz Irlands und Britanniens“ – Olaf erscheint nicht mehr. Für sein Verschwinden gibt es drei Erklärungen, und sie stammen aus drei sehr verschiedenen Quellen.

Erstens: die Heimreise. Die Fragmentary Annals berichten zum Jahr 871, Amlaíb sei aus Irland nach Lochlann gezogen, um gegen die Nordleute zu kämpfen und seinem Vater Gofraid zu helfen, der ihn gerufen habe. Den Krieg selbst übergehen die Schreiber ausdrücklich, weil er Irland nicht betreffe. Ehrlich – und für uns ärgerlich.

Zweitens: der Tod in Schottland. Die Chronik der Könige von Alba notiert, Amlaíb sei beim Eintreiben von Tribut von Konstantin getötet worden. Der lateinische Text ist an dieser Stelle verderbt; eine verbreitete Lesung versteht ihn als „beim Einziehen des Zinses“. Problematisch ist die Datierung: Die Chronik setzt den Tod ins dritte Regierungsjahr Konstantins, was rund 865 ergäbe – da lebte Olaf nach den irischen Annalen aber noch. Viele Forscher nehmen deshalb einen Fehler in der Reihenfolge an und datieren den Tod auf etwa 872 bis 874. Sicher ist das nicht.

Drittens: der Tod in Irland. Die isländische Überlieferung sagt nur lapidar, Óláfr sei in Irland in einer Schlacht gefallen. Das passt zu keiner irischen Annale. Manche Historiker erklären den Widerspruch damit, dass isländische Erzähler drei Jahrhunderte später Irland und das gälische Schottland nicht scharf trennten.

Man kann die Varianten kombinieren – Heimreise 871, Rückkehr, Tod in Schottland –, beweisen lässt sich das nicht. Gesichert ist nur: Nach 871 verschwindet der Mann aus den zeitgenössischen Quellen.

Ein Nachspiel liefern die Annalen von Ulster noch: 875 wurde Oistín, Sohn des Amlaíb, „König der Nordleute“, von Albann hinterlistig getötet. Albann wird meist mit Hálfdan identifiziert, dem Bruder Ívars und Anführer im Großen Heer.

Óláfr hvíti: Olaf in den isländischen Sagas

Jetzt wechseln wir den Aktenstapel. In der Eiríks saga rauða heißt es (Übersetzung J. Sephton, 1880, hier sinngemäß ins Deutsche gebracht), Olaf, genannt der Weiße, sei ein Heerkönig gewesen; er habe auf Wikingfahrt im Westen Dublin in Irland und das Dubliner Umland gewonnen und sich dort zum König gemacht. Er heiratete Auðr die Tiefsinnige, die Tochter Ketill Flachnases; ihr Sohn hieß Þorsteinn der Rote. Olaf fiel in Irland in einer Schlacht, und Auðr und Þorsteinn gingen daraufhin auf die Hebriden. Nahezu gleichlautend steht das in der Landnámabók.

Die Stammbäume gehen auseinander. Die Landnámabók macht Olaf zu einem Sohn Ingjalds und führt seine Linie über mehrere Generationen auf norwegische Kleinkönige zurück, bis zu Hálfdan Weißbein. Die Laxdæla saga nennt ihn dagegen Sohn Ingjalds, Sohn Fróðis des Kühnen, den die Svertlinge erschlugen. Solche Ahnenreihen stifteten Prestige; als Belege für das 9. Jahrhundert taugen sie kaum.

Warum interessierte man sich in Island überhaupt für einen König in Dublin? Die Antwort ist einfach: wegen seiner Frau. Auðr die Tiefsinnige (in der Laxdæla saga Unnr genannt) gehört zu den großen Gründergestalten Islands. Nach den Sagas ließ sie nach dem Tod ihres Sohnes heimlich ein Schiff bauen, fuhr über die Orkneys und die Färöer nach Island und nahm Land im Breiðafjörður. Durch sie wurde Olaf zum Ahnherrn bedeutender isländischer Familien. Und noch mehr: Ari Þorgilsson, der „Vater der isländischen Geschichtsschreibung“, führt am Ende seiner Íslendingabók eine Ahnenreihe auf, in der Óláfr hvíti und Þorsteinn rauðr stehen. Olaf gehört also zur Familientradition des ersten isländischen Historikers – ein Grund, warum sein Name überlebte. Wie sich diese Gesellschaft organisierte, zeigt der Beitrag über die Isländer, ihre Goden und das Allthing.

Der Beiname „der Weiße“ bleibt rätselhaft. Helles Haar? Kleidung? Die Quellen erklären ihn nicht – und wir erfinden nichts.

Þorsteinn der Rote und die Frage nach dem Sohn

Laut den Sagas zog Þorsteinn der Rote auf Kriegszüge und verbündete sich mit Jarl Sigurd dem Mächtigen von den Orkneys. Gemeinsam hätten sie Caithness, Sutherland, Ross und Moray sowie mehr als halb Schottland gewonnen, bis die Schotten ihn verrieten und er fiel; nach Ari geschah das in Caithness. Den Hintergrund dieses Bündnisses beleuchtet unser Beitrag über die Orkney-Jarle.

Ist Þorsteinn identisch mit Oistín, dem Sohn Amlaíbs, der 875 starb? Der irische Gelehrte James Henthorn Todd hat das im 19. Jahrhundert vorgeschlagen, spätere Forscher sind skeptisch. Sprachlich entspricht Oistín eher dem nordischen Namen Eysteinn als Þorsteinn. Und die Sagas lassen Þorsteinn in Schottland durch Schotten sterben, nicht in Irland durch einen nordischen Rivalen. Die Gleichsetzung ist also möglich, aber schwach begründet. Sauber formuliert: Amlaíb hatte nach irischen Quellen die Söhne Carlus und Oistín, Óláfr hvíti nach isländischen einen Sohn Þorsteinn.

Sind Amlaíb und Óláfr hvíti derselbe Mann?

Jetzt der Kern der Sache. Dafür spricht einiges. Beide sind nordische Könige namens Olaf. Beide herrschen in Dublin. Der isländische Olaf heiratet in eine Familie mit Machtbasis auf den Hebriden; der irische Amlaíb operiert in Irland und Schottland und kämpft mit Gall-Goídil. Die Zeit passt: Auðrs Ausreise nach Island fällt in die Landnahmezeit ab etwa 870. Der Historiker Benjamin Hudson hat die Identität im Oxford Dictionary of National Biography vertreten, und viele Handbücher folgen dem.

Dagegen auch. Die Stammbäume passen nicht zusammen: Die Iren nennen als Vater Gofraid, die Isländer Ingjald. Das Ende passt nicht: Tod in Schottland oder Heimreise gegen Tod in Irland. Und es ist methodisch heikel, eine Saga des 13. Jahrhunderts auf eine Annalenfigur des 9. Jahrhunderts zu legen, nur weil Name und Ort übereinstimmen. Olaf war ein häufiger Name. Einige Historiker haben die Gleichsetzung deshalb bestritten.

Unsere Einschätzung: Die Identität ist die naheliegendste Erklärung, aber sie bleibt eine Rekonstruktion. Wer sauber schreiben will, sagt „Amlaíb von Dublin, oft mit Olaf dem Weißen der Sagas gleichgesetzt“ – und nicht einfach „Olaf der Weiße eroberte Dumbarton“.

Mythos-Check: „Olaf der Weiße war ein Sohn Ragnar Lodbroks.“ – Nein. Keine Quelle sagt das. Ragnar-Verbindungen tauchen nur in späten Genealogien auf, und auch dort über Seitenlinien. In den Annalen ist Olafs Vater Gofraid, in den isländischen Texten Ingjald.

Was von Olaf bleibt

Olafs eigentliches Erbe ist keine Person, sondern eine Struktur. Mit ihm und Ímar beginnt die Herrschaft der Familie, die Historiker die Uí Ímair nennen, die „Nachkommen Ívars“. Diese Dynastie regierte Dublin, zeitweise York und die Inseln, bis ins 11. Jahrhundert. Aus dem Schiffslager wurde eine Handelsstadt mit Silberwirtschaft, Münzprägung ab dem späten 10. Jahrhundert und weitreichenden Seeverbindungen. Selbst nach der Schlacht von Clontarf 1014 blieb Dublin eine nordisch geprägte Stadt.

Ein kurioses Detail zum Schluss: Die Annalen der Vier Meister berichten zum Jahr 994, der irische König Máel Sechnaill habe den Fremden von Dublin „den Ring des Tomar und das Schwert des Carlus“ abgenommen. Manche Forscher fragen, ob dieses Schwert auf Olafs Sohn Carlus zurückging, der 868 fiel. Beweisbar ist das nicht.

Uns reizt an Olaf dieser Zwischenraum: harte Annalen hier, eine Saga dort, die aus einem Kriegsherrn den Ahnherrn einer Insel macht. Mit derselben Spannung zwischen Überlieferung und Erinnerung arbeiten wir, wenn wir Namen und Runen in Schiefer gravieren.

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Häufige Fragen

Wer war Olaf der Weiße? Ein nordischer König, der in den irischen Annalen Amlaíb heißt und ab 853 von Dublin aus herrschte. Die Gleichsetzung mit Óláfr hvíti der isländischen Sagas ist wahrscheinlich, aber nicht bewiesen.

Hat Olaf der Weiße Dublin gegründet? Nein. Ein nordisches Schiffslager an der Liffey ist schon 841 belegt. Olaf machte Dublin zum Sitz einer Königsdynastie.

Was geschah 870 in Dumbarton? Amlaíb und Ímar belagerten Ail Cluaithe, die Felsenburg der Briten von Strathclyde, vier Monate lang und zerstörten sie. 871 kehrten sie mit 200 Schiffen und vielen Gefangenen nach Dublin zurück.

Wie starb Olaf der Weiße? Das ist unbekannt. Die Fragmentary Annals lassen ihn 871 nach Lochlann ziehen, eine schottische Chronik lässt ihn von König Konstantin getötet werden, die isländischen Sagas sagen, er sei in Irland gefallen.

War Olaf der Weiße mit Ivar dem Knochenlosen verwandt? Die Fragmentary Annals machen Amlaíb und Ímar zu Brüdern. Ob Ímar mit dem Ivar der englischen und skandinavischen Überlieferung identisch ist, wird diskutiert.

Wer war die Frau von Olaf dem Weißen? Nach den isländischen Sagas Auðr die Tiefsinnige, Tochter Ketill Flachnases. Die Fragmentary Annals nennen dagegen eine Tochter Áed Findliaths und eine Tochter eines Cináed als Ehefrauen Amlaíbs.

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