Thorstein der Rote (altnordisch Þorsteinn rauðr) war nach isländischer Überlieferung der Sohn Olafs des Weißen von Dublin und Auðs der Tiefsinnigen, der im späten 9. Jahrhundert zusammen mit Jarl Sigurd dem Mächtigen von Orkney Caithness, Sutherland, Ross und Moray eroberte, sich zum König ausrufen ließ und durch Verrat der Schotten fiel. Das erzählen Landnámabók, Laxdæla saga und Orkneyinga saga, alle aus dem 12./13. Jahrhundert. Zeitgenössische Quellen nennen ihn nicht sicher beim Namen – und genau da wird es spannend.
Manche Wikinger kennen wir aus Runensteinen, Gräbern oder den Annalen ihrer Opfer. Thorstein der Rote gehört zu einer vierten Sorte: Wir kennen ihn fast ausschließlich aus den Erinnerungen seiner Nachfahren. Isländische Gelehrte schrieben rund 250 bis 350 Jahre nach seinem Tod auf, was ihre Familien über ihn erzählten. Und diese Familien hatten allen Grund, stolz auf ihn zu sein.
Denn Thorstein steht an einer Kreuzung der Wikingerwelt im Westen: Sein Vater soll in Dublin geherrscht haben, sein Großvater auf den Hebriden, er selbst kämpfte im Norden Schottlands. Eine Tochter wurde Stammmutter der Orkney-Jarle, sein Sohn Ahnherr einer mächtigen isländischen Sippe. Und sein früher Tod trieb seine Mutter Auðr nach Island.
Wir trennen hier strikt: Was sagen Quellen des 9. Jahrhunderts selbst, was erzählen die isländischen Texte des 12. und 13. Jahrhunderts – und was ist moderne Deutung, etwa die These, Thorstein sei jener Oistín, Sohn Amlaíbs, der laut den Annalen von Ulster 875 „durch List“ getötet wurde?
Alle isländischen Texte sind sich in der Abstammung einig. Thorsteins Vater war Olaf der Weiße (Óleifr oder Óláfr inn hvíti), seine Mutter Auðr die Tiefsinnige (Auðr in djúpúðga, in der Laxdæla saga Unnr genannt), eine Tochter Ketils Flachnase (Ketill flatnefr), der auf den Hebriden geherrscht haben soll. Die Landnámabók, das isländische „Buch der Landnahme“, fasst Olafs Laufbahn knapp zusammen: Er habe als Heerkönig im Westen geheert, Dublin in Irland und das Umland von Dublin gewonnen und sich dort zum König gemacht; später sei er in Irland in einer Schlacht gefallen.
Der Begriff Heerkönig (altnordisch herkonungr) ist wichtig, weil er auch für Thorstein fällt. Gemeint ist ein König ohne festes Land, der über Schiffe und Gefolgsleute gebietet – mächtig, solange Beute und Bündnisse reichen.
Ob dieser Olaf der Weiße identisch ist mit dem Amlaíb, den die irischen Annalen ab 853 als Herrscher der Nordleute in Dublin führen, ist bis heute offen – „häufig vorgeschlagen und häufig verworfen“, wie ein irischer Historiker es formulierte. Die Annalen nennen als Amlaíbs Vater einen Gofraid, die isländischen Stammtafeln einen Ingjald; eine schottische Königschronik lässt Amlaíb von König Konstantin I. beim Eintreiben von Tribut getötet werden, nicht in Irland fallen. Und Auðr taucht in keiner irischen Quelle auf. Mehr Hintergrund bietet unser Beitrag über die Ostmänner von Dublin, Waterford und Limerick.
Nach dem Tod Olafs, so die Landnámabók, gingen Auðr und Thorstein auf die Südinseln, die Suðreyjar – so nannten die Nordleute die Hebriden, weil sie von Orkney und Shetland aus gesehen im Süden lagen. Dort lebte die Sippe Ketils. Dort heiratete Thorstein auch: Seine Frau hieß Þuríðr, eine Tochter Eyvinds des Ostmannes (Eyvindr austmaðr) und Schwester Helgis des Mageren (Helgi magri), der später den Eyjafjörður im Norden Islands besiedelte.
Diese Heirat zeigt, wie verflochten die Welt der Nordleute im Westen war. Helgis Mutter war nach der Landnámabók Rafarta, Tochter des „Irenkönigs“ Kjarvalr – meist gedeutet als Cerball mac Dúnlainge, König von Osraige, der in den irischen Annalen gut bezeugt ist und 888 starb. Ob das genau stimmt, wissen wir nicht, aber das Muster ist typisch. Die Iren nannten solche gemischten Gruppen Gall-Goídil, „fremde Gälen“. Selbst Thorsteins Sohn trug den Beinamen feilan, meist aus gälisch fáelán, „kleiner Wolf“, hergeleitet.
Auf den Hebriden wurde Thorstein nach der Landnámabók selbst zum Heerkönig. Er „ging eine Gemeinschaft ein“ – altnordisch réðst til félags – mit Sigurd dem Mächtigen (Sigurðr inn ríki), dem Sohn Eysteins des Schwätzers (Eysteinn glumra). Sigurd war nach der Orkneyinga saga der erste Jarl von Orkney aus dem Haus von Møre: König Harald Schönhaar habe die Inseln nach einem Strafzug gegen Wikinger an Sigurds Bruder Rögnvald gegeben, und Rögnvald habe sie an Sigurd weitergereicht. Ausführlich erzählen wir die Geschichte dieser Dynastie in unserem Artikel über die Orkney-Jarle.
Wie viel davon Geschichte ist, bleibt umstritten. Haralds großer Westfeldzug ist zeitgenössisch nicht bezeugt und gilt manchen Historikern als spätere Konstruktion, die norwegische Ansprüche auf die Inseln rechtfertigen sollte. Dass im späten 9. Jahrhundert ein mächtiger Orkney-Jarl namens Sigurd existierte, bezweifeln dagegen nur wenige. Für das Bündnis spricht die Geografie: Orkney beherrschte den Seeweg um die Nordspitze Schottlands, die Hebriden den Westen.
Die wichtigste Stelle steht in der Landnámabók. Wir geben sie im Original und in eigener Übertragung wieder:
„Þeir unnu Katanes ok Suðrland, Ross ok Merrhæfi ok meir en hálft Skotland. Gerðist Þorsteinn þar konungr yfir, áðr Skotar sviku hann, ok fell hann þar í orrostu.“ – Sie gewannen Caithness und Sutherland, Ross und Moray und mehr als halb Schottland. Thorstein wurde dort König, bis die Schotten ihn verrieten, und er fiel dort in der Schlacht.Landnámabók (Sturlubók), Abschnitt über Auðr die Tiefsinnige; eigene Übertragung
Die Ortsnamen lohnen einen zweiten Blick. Katanes, Caithness, ist die „Landzunge der Cait“, benannt nach einem piktischen Gebiet. Suðrland, Sutherland, heißt schlicht „Südland“ – ein Name, der nur aus Sicht von Orkney und Caithness Sinn ergibt, denn geografisch liegt die Grafschaft im äußersten Norden Großbritanniens. Ross ist das Gebiet nördlich des Moray Firth, Merrhæfi oder Mærhæfi meint Moray, die fruchtbare Küstenlandschaft um Elgin und Inverness.
Die Orkneyinga saga erzählt dieselbe Eroberung aus Sigurds Sicht: Er habe sich mit Thorstein dem Roten, dem Sohn Olafs des Weißen, verbündet, und sie hätten ganz Caithness gewonnen und viel anderes von Schottland, Moray und Ross. Sigurd habe eine Burg im südlichen Moray bauen lassen. Wo diese borg stand, sagt die Saga nicht; Burghead an der Küste von Moray, eine große piktische Befestigung, wird gern genannt, doch das ist reine Vermutung.
Die Laxdæla saga erwähnt Sigurd an dieser Stelle nicht: Thorstein habe nach vielen Siegen Frieden mit den Schotten geschlossen, halb Schottland erhalten und sei dort König geworden. Und die Saga von Erik dem Roten beginnt ausgerechnet mit Thorsteins Familie – so fest war er in den isländischen Ahnenreihen verankert.
Warum konnte ein Seekönig in Nordschottland überhaupt Erfolg haben? Das Schottland des 9. Jahrhunderts war kein geeinter Staat. Im Osten lag das Reich der Pikten unter der Dynastie Kenneth mac Alpins (Cináed mac Ailpín), dazu kamen Dál Riata und Strathclyde; der hohe Norden lag weit weg von allen Machtzentren.
Und dieser Süden stand unter Dauerdruck. Die Annalen von Ulster melden für 875, im selben Jahr wie Oistíns Tod: „Die Pikten trafen in der Schlacht auf die dunklen Fremden, und es gab ein großes Gemetzel unter den Pikten.“ Die „dunklen Fremden“ (Dubgaill) waren vermutlich das Heer Halfdans, das laut der Angelsächsischen Chronik in jenem Jahr von Northumbrien aus Pikten und Strathclyde-Britonen heimsuchte. Zwei Jahre später fiel König Konstantin I. selbst im Kampf gegen Nordleute. In einer solchen Lage konnte ein entschlossener Anführer an der Nordküste viel Land gewinnen, ohne dass ein König aus dem Süden eingriff.
Wie die Sagas über „Verrat“ erzählen, zeigt eine Episode der Orkneyinga saga. Sigurd verabredete mit dem schottischen Fürsten Melbrigði Tönn – Máel Brigte „Zahn“, benannt nach einem vorstehenden Zahn – einen Kampf mit je 40 Mann, setzte aber je zwei Krieger auf ein Pferd und kam mit 80. Er siegte und band Melbrigðis Kopf an den Sattel. Beim Reiten ritzte ihm der Zahn die Wade, die Wunde entzündete sich, und Sigurd starb; begraben wurde er am Ekkjalsbakki am Fluss Oykel. Der Wortbruch ging hier von den Nordleuten aus. Ob die Episode stimmt, lässt sich nicht prüfen. Sie zeigt aber: In dieser Grenzwelt brachen beide Seiten Vereinbarungen. Wenn die Sagas sagen, die Schotten hätten Thorstein verraten, ist das die Sicht der Verlierer.
Über Thorsteins Ende sind die isländischen Texte auffallend wortkarg. Die Landnámabók sagt nur, die Schotten hätten ihn verraten und er sei in der Schlacht gefallen. Die Laxdæla saga wird genauer: Die Schotten hätten den geschlossenen Frieden gebrochen, und – hier beruft sich die Saga ausdrücklich auf den Gelehrten Ari Þorgilsson – Thorstein sei in Caithness gefallen. Die Eiríks saga rauða schließlich berichtet, seine Mutter Auðr sei in Caithness gewesen, als sie die Nachricht erhielt.
Wann das war, sagt keine Quelle. Die Forschung setzt Thorsteins Tod meist um 880 bis 890 an, aber diese Datierung hängt an einem wackeligen Gerüst: an Sigurds Amtszeit, die wiederum an Harald Schönhaar und der Schlacht im Hafrsfjord hängt, deren Jahr selbst umstritten ist. Wir wissen nicht, ob Thorstein 875, 885 oder 895 starb – und wer heute eine detaillierte Schlachtbeschreibung anbietet, erfindet sie.
Taucht Thorstein vielleicht doch in einer zeitgenössischen Quelle auf? Die Annalen von Ulster, über Generationen fortgeführte irische Jahrbücher, verzeichnen für 875:
„Oistin mac Amlaiph, ri Norddmann, o Albann per dolum occisus est.“ – Oistín, der Sohn Amlaíbs, des Königs der Nordleute, wurde von Albann durch List getötet.Annalen von Ulster, Jahr 875 (U875.4); eigene Übertragung
Ein Sohn Amlaíbs, durch List getötet, in einer Zeit, in der Nordleute in Schottland kämpften – das klingt verführerisch nach dem Thorstein der Sagas, den die Schotten verrieten. Der irische Gelehrte James Henthorn Todd hat die Gleichsetzung 1867 in seiner Ausgabe des Cogadh Gaedhel re Gallaibh vorgeschlagen, und ältere Darstellungen lasen „o Albann“ als „von den Leuten von Alba“, also von den Schotten. Damit schien der Kreis geschlossen.
Bei genauerem Hinsehen zerfällt er. Erstens ist Albann nach heutigem Forschungsstand kein Land, sondern ein Mann: die irische Wiedergabe des Namens Halfdan. Ein „Albann, König der dunklen Fremden“ fiel nach denselben Annalen 877 in einer Schlacht in Irland, und die Forschung identifiziert ihn mit dem Halfdan, den englische Quellen als Bruder Ivars des Knochenlosen kennen. Oistín wurde also nicht von Schotten getötet, sondern von einem anderen Wikingerführer – womöglich sogar von einem Verwandten, falls Ímar und Amlaíb tatsächlich mit Ivar und Halfdan verwandt waren. Clare Downham deutet den Mord deshalb als dynastischen Machtkampf. Die Sagen um Ragnar Lodbrok und seine Söhne spielen hier hinein, helfen aber historisch nicht weiter.
Zweitens passt der Name nicht. Oistín ist die übliche irische Form von Eysteinn, nicht von Þorsteinn. Drittens passen die Daten schlecht: Wenn Thorstein mit Sigurd von Orkney kämpfte und Sigurd erst nach Haralds Westfahrt Jarl wurde, liegt sein Tod eher nach 875. Spätere Historiker haben Todds Vorschlag deshalb wegen dieser offensichtlichen Unstimmigkeit verworfen. Und viertens sagt der Annaleneintrag nicht einmal, wo Oistín starb.
Was bleibt, ist eine abgeschwächte Variante: Wenn Amlaíb und Olaf der Weiße wirklich dieselbe Person waren, dann könnten Oistín und Thorstein Brüder gewesen sein – zwei Söhne desselben Vaters, von denen die irischen Annalen den einen, die isländischen Familien den anderen in Erinnerung behielten. Das ist denkbar, aber eben nur eine Möglichkeit, die auf einer anderen, ebenfalls unbewiesenen Gleichsetzung ruht.
Zeitgenössisch, also aus dem 9. Jahrhundert selbst oder aus fortlaufend geführten Annalen, stammen nur: die Einträge der Annalen von Ulster über Amlaíb, seine Söhne Carlus und Oistín, die Pikten-Niederlage 875 und Albanns Tod 877; die Angelsächsische Chronik über Halfdans Zug 875; dazu die schottische Königschronik in später überarbeiteter Fassung. Keine dieser Quellen nennt einen Thorstein, keine Auðr, keine sicher Sigurd von Orkney, keine einen nordischen König in Caithness.
Alles, was wir über Thorstein selbst wissen – Eltern, Ehe, Kinder, Bündnis, Eroberungen, Königswürde, Verrat, Tod –, stammt aus der isländischen Überlieferung. Die frühesten dieser Texte – Ari Þorgilssons Íslendingabók und die verlorene Urfassung der Landnámabók – entstanden im frühen 12. Jahrhundert, die erhaltenen Fassungen der Landnámabók, die Laxdæla saga und die Orkneyinga saga im 13. Jahrhundert.
Ein Detail verdient besondere Aufmerksamkeit: Ari Þorgilsson, der „Vater der isländischen Geschichtsschreibung“, war selbst ein Nachfahre Thorsteins. Am Ende seiner Íslendingabók führt er seine Ahnenreihe auf, und sie läuft über Olaf den Weißen, Thorstein den Roten, Olaf Feilan und dessen Sohn Þórðr gellir bis hinunter zu Aris Vater Þorgils – „und ich heiße Ari“. Die Laxdæla saga beruft sich für Thorsteins Tod in Caithness ausgerechnet auf ihn. Das heißt nicht, dass Ari log – aber wir lesen Familiengedächtnis, mit Stolz, Verdichtung und Glanz. Mehr zu diesen Texten findest du in unserem Überblick über die Isländersagas.
Thorsteins Tod setzte eine der berühmtesten Szenen der Landnahmezeit in Gang. Auðr war in Caithness, als sie vom Tod ihres Sohnes erfuhr. Ihr Vater Ketill war ebenfalls tot, ihr Mann Olaf lange gefallen. In dieser Lage, sagt die Landnámabók, ließ sie im Wald heimlich einen Knorr bauen – einen breiten, hochbordigen Frachtsegler, kein schlankes Kriegsschiff wie die bekannten Langschiffe. Mit an Bord: zwanzig freie Männer, die Enkelkinder, Gefolgsleute und Unfreie, die in den Westfeldzügen gefangen worden waren.
Die Fahrt führte über Orkney und die Färöer nach Island, und an jeder Station verheiratete Auðr eine Enkelin – Thorsteins Erbe, verteilt in Bündnissen über den Nordatlantik. In Island nahm sie Land im Breiðafjörður und baute ihren Hof in Hvammur. Mehr dazu bei Auðr der Tiefsinnigen und den Wikingern im Nordatlantik.
Die erste Station, Orkney, ist für Thorsteins Nachleben vielleicht die wichtigste. Dort, so die Landnámabók, verheiratete Auðr Thorsteins Tochter Gróa. Die Orkneyinga saga nennt den Ehemann: Dungaðr, Jarl von Caithness. Der Name ist die nordische Form des gälischen Donnchad – ein einheimischer Herr also, kein Norweger. Ausgerechnet in Caithness, wo Thorstein gefallen war, verband sich seine Tochter mit der lokalen Elite.
Gróas Tochter Grélöð heiratete dann Þorfinnr Schädelspalter (hausakljúfr), Jarl von Orkney und Sohn Torf-Einars. Damit floss Thorsteins Blut nach der Saga in die Linie der Orkney-Jarle: Über Grélöðs Sohn Hlöðvir führt sie zu Sigurd dem Dicken, der 1014 in der Schlacht von Clontarf fiel, und zu Þorfinnr dem Mächtigen im 11. Jahrhundert. Die Verbindung mit Dungaðrs Haus könnte den Jarlen später Ansprüche auf das Festland verschafft haben, wie etwa William Thomson erwogen hat.
Auf den Färöern verheiratete Auðr Thorsteins Tochter Ólöf (Álöf); von ihr leitet die Laxdæla saga die Götuskeggjar ab, eine der führenden Familien der Inseln.
Nach Island begleiteten Auðr Thorsteins jüngster Sohn Olaf Feilan und die noch unverheirateten Töchter. Die Laxdæla saga nennt sechs Töchter insgesamt: Gróa, Ólöf, Þorgerðr, Ósk, Þórhildr und Vigdís. Þorgerðr heiratete in Island Kollr, einen Gefolgsmann Auðrs, und erhielt als Mitgift das Laxárdalur; ihr Sohn Höskuldr ist der Stammvater der Familie, um die sich die Laxdæla saga dreht.
Olaf Feilan war Auðrs Liebling. Sie bestimmte ihn zum Erben von Hvammur, und nach der Laxdæla saga richtete sie seine Hochzeit mit Álfdís, einer Frau von der Hebrideninsel Barra, aus – das Fest, während dessen die alte Auðr starb. Olafs Sohn Þórðr gellir wurde einer der einflussreichsten Goden Islands im 10. Jahrhundert; nach Aris Íslendingabók gab sein Streit vor dem Allthing den Anstoß zur Einteilung des Landes in Viertel.
Ein Grab Thorsteins kennt niemand, eine Inschrift mit seinem Namen auch nicht. Die Archäologie zeigt den Rahmen: In Balnakeil bei Durness an der Nordküste Sutherlands wurde 1991 das wikingerzeitliche Grab eines Jungen mit Waffenbeigaben entdeckt, in Reay in Caithness kamen mehrfach nordische Gräber zutage, auf Orkney zeigt das Bootsgrab von Scar auf Sanday die neue Elite. Zu Shetland siehe unseren Artikel über Jarlshof.
Auch die Ortsnamen sprechen: Sutherland trägt seinen nordischen „Südland“-Namen bis heute. Dingwall in Ross geht auf altnordisch þingvöllr zurück, „Thingfeld“ – ein Versammlungsplatz nach nordischem Muster, mitten in dem Gebiet, das die Sagas Thorstein und Sigurd zuschreiben. Und bei Dornoch, unweit des Oykel, wird der Hof Cyderhall oder Sidera seit langem als Sigurðarhaugr, „Sigurds Grabhügel“, gedeutet; einen nachweisbaren Hügel hat man dort allerdings nicht gefunden.
Keiner dieser Funde beweist Thorsteins Eroberungen, aber sie zeigen: Die Saga schwebt nicht im luftleeren Raum. Wie dieses Netz aus Inseln und Küsten insgesamt aussah, beschreiben wir in unserem Beitrag Die Wikinger in Irland, Schottland und auf den Inseln.
Die Quellen schenken Thorstein keine wörtliche Rede, keine Waffe mit Namen, keine Weissagung. Er stieg schnell auf und fiel schnell – und an ihm sieht man, warum man irische Annalen und isländische Sagas nicht zusammenkleben darf, nur weil zwei Namen ähnlich klingen. Seine Bedeutung zeigt sich in seinen Nachkommen: in den Jarlen von Orkney, in den Goden des Breiðafjörður, im Gelehrten Ari, der ihn in seine Ahnenreihe schrieb.
Wenn wir in unserer Werkstatt einen Namen in Schiefer gravieren, denken wir manchmal an solche Gestalten. Ein Name in Stein ist eine Bitte an die Zukunft, sich zu erinnern. Thorstein hat keinen Stein bekommen – nur ein paar Zeilen in den Büchern seiner Urenkel. Gehalten hat das trotzdem über tausend Jahre.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Wer war Thorstein der Rote? Thorstein der Rote (Þorsteinn rauðr) war nach isländischen Quellen ein Wikingerführer des späten 9. Jahrhunderts, Sohn Olafs des Weißen und Auðs der Tiefsinnigen. Mit Jarl Sigurd von Orkney eroberte er Teile Nordschottlands und wurde dort König, bevor er durch Verrat fiel.
Welche Gebiete eroberte Thorstein der Rote in Schottland? Die Landnámabók nennt Caithness, Sutherland, Ross und Moray sowie „mehr als halb Schottland“. Die letzte Angabe gilt als Übertreibung; plausibel ist eine zeitweilige Herrschaft im äußersten Norden.
Wie starb Thorstein der Rote? Nach Landnámabók und Laxdæla saga verrieten ihn die Schotten, und er fiel in einer Schlacht, laut Laxdæla saga in Caithness. Genaue Umstände und Jahr sind nicht überliefert; meist wird er um 880–890 angesetzt.
Ist Thorstein der Rote derselbe wie Oistín mac Amlaíb? Wahrscheinlich nicht. Oistín wurde laut den Annalen von Ulster 875 von „Albann“ getötet, nach heutiger Lesart dem Wikinger Halfdan, und sein Name entspricht eher Eysteinn. Die Gleichsetzung stammt aus dem 19. Jahrhundert und wird heute kaum vertreten.
Wer waren die Kinder von Thorstein dem Roten? Die Laxdæla saga nennt den Sohn Olaf Feilan und die Töchter Gróa, Ólöf, Þorgerðr, Ósk, Þórhildr und Vigdís. Über Gróa führen die Sagas die Orkney-Jarle, über Olaf Feilan mächtige isländische Familien auf ihn zurück.
In welchen Quellen kommt Thorstein der Rote vor? In der Landnámabók, der Íslendingabók (Ahnenreihe Aris), der Laxdæla saga, der Eiríks saga rauða und der Orkneyinga saga – alle aus Island, 12. und 13. Jahrhundert. Zeitgenössische Quellen nennen ihn nicht.
Aud die Tiefsinnige · Olaf der Weiße · Erik der Rote · Leif Eriksson · Ragnars Söhne.
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