Sie verlor Mann und Sohn und wurde doch nicht zum Opfer: Aud die Tiefsinnige baute heimlich ein Schiff, führte ihre Sippe übers Meer und wurde eine der größten Siedlerinnen Islands. Eine der eindrucksvollsten Frauengestalten der Wikingerzeit.
Aud die Tiefsinnige (altnordisch Auðr djúpúðga, auch Unnr) war die Tochter des norwegischen Häuptlings Ketill Flachnase, der sich auf den Hebriden niederließ. Sie heiratete Olaf den Weißen, den Wikingerkönig von Dublin, und wurde die Mutter Thorsteins des Roten. Ihr Beiname „die Tiefsinnige" (djúpúðga) bedeutet so viel wie „die tief Denkende, die Kluge".
Als erst ihr Mann und dann ihr Sohn Thorstein fielen, hätte Aud in Abhängigkeit geraten können. Stattdessen handelte sie: Die Laxdæla saga erzählt, dass sie heimlich ein Schiff im Wald bauen ließ, ihre Enkel und Gefolgsleute sammelte und übers Meer aufbrach – zunächst zu den Orkneys und Färöern (wo sie Enkelinnen verheiratete), schließlich nach Island.
In Island nahm Aud großes Land in Besitz und verteilte es großzügig an ihre Gefolgsleute – ein Vorrecht, das sonst Männern zukam. Sie war zudem Christin und ließ, so die Saga, an einem Kreuzhügel (Krosshólar) beten. Ihr Tod wurde wie der eines großen Häuptlings begangen. Aud gilt als eine der vier bedeutendsten Erstsiedler Islands – und als Beispiel dafür, dass Frauen in der Wikingerzeit Herrschaft und Ansehen erringen konnten.
„Verstand bedarf, wer weit reist; daheim ist alles leicht."Hávamál 5, nach Karl Simrock 1851 (gemeinfrei)
Aud die Tiefsinnige zeigt, dass die Wikingerzeit auch starke, selbstbestimmte Frauen kannte – Anführerinnen, deren Klugheit ganze Sippen über das Meer trug. Zurück zu ihrem Sohn Thorstein dem Roten.

Thorstein der Rote · Olaf der Weiße · Erik der Rote · Leif Eriksson · Haithabu.
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