Wikinger Blog / Berühmte Wikinger
Aus dem Wissensarchiv

Aud die Tiefsinnige: Die Frau, die ihre Sippe nach Island führte – und was die Quellen wirklich sagen

Berühmte Wikinger Aud die Tiefsinnige: Die Frau, die ihre Sippe nach Island führte – und was die Quellen wirklich sagen

Aud die Tiefsinnige (altnordisch Auðr djúpúðga, in der Laxdæla saga Unnr) zählte zu den vier bedeutendsten Landnehmern Islands: Nach dem Tod ihres Mannes Olaf des Weißen und ihres Sohnes Thorstein des Roten führte sie ihre Sippe aus Schottland über Orkney und die Färöer nach Island und nahm im späten 9. Jahrhundert Land in Hvammur am Breiðafjörður. Hier erfährst du, welche Quelle was erzählt, wo sie sich widersprechen und was davon Geschichte ist – von der Freilassung ihrer Sklaven über die Kreuze auf Krosshólar bis zu ihren zwei ganz verschiedenen Begräbnissen.

Stell dir eine alte Frau vor, die in einem Wald in Nordschottland zusieht, wie Männer heimlich Planken zurechtschlagen. Ihr Mann ist tot, ihr einziger Sohn gerade erschlagen. Sie hat Enkelkinder, Gefolgsleute, Unfreie, Besitz und einen Plan, von dem niemand wissen darf, bis das Schiff im Wasser liegt. So erzählen es jedenfalls die Isländer gut dreihundert Jahre später. Ob jede Einzelheit stimmt, ist die Frage, die uns durch diesen Artikel begleitet.

Aud die Tiefsinnige gehört zu den bekanntesten Frauen der Wikingerzeit, aber nicht, weil sie auf einem Runenstein stünde oder ein Grab von ihr gefunden worden wäre. Ihr Ruhm ist literarisch und genealogisch: Halb Island wollte von ihr abstammen.

Name und Beiname: Auðr, Unnr, djúpúðga

Schon beim Namen beginnt das Durcheinander. Die Landnámabók, das isländische „Buch der Landnahmen“, nennt sie Auðr. Die Laxdæla saga, die ihre Geschichte am ausführlichsten erzählt, nennt sie Unnr. Beides sind echte altnordische Frauennamen: Auðr hängt mit „Reichtum, Glück“ zusammen, Unnr bedeutet „Welle“. Warum zwei Werke über dieselbe Person verschiedene Namen benutzen, ist nicht geklärt. Gemeint ist zweifellos dieselbe Frau.

Auch der Beiname schwankt. Djúpúðga bedeutet etwa „die Tiefsinnige, die tief Denkende“. Die Laxdæla saga verwendet diese Form. In der Sturlubók-Fassung der Landnámabók und in der Eyrbyggja saga liest man dagegen djúpauðga, „die tief Reiche, die sehr Wohlhabende“. Klugheit oder Vermögen, das ist ein ganzes Charakterbild. Die Literaturwissenschaftlerin Sofie Vanherpen hat gezeigt, dass Sturla Þórðarson, der Verfasser der Sturlubók, Aud bewusst als christliche Stammmutter zeichnet, während die Laxdæla saga eine eher heidnisch gefärbte, würdevolle Matriarchin entwirft. Welcher Beiname der ursprüngliche ist, lässt sich nicht sicher sagen.

Wer erzählt was? Die Quellen im Überblick

Kein einziges zeitgenössisches Dokument nennt Aud. Alles, was wir über sie wissen, stammt aus isländischen Texten des 12. bis 14. Jahrhunderts. Hintergrund zur Gattung bietet unser Überblick über die Isländersagas. Für Aud sind fünf Werke wichtig:

Dazu kommt die Eiríks saga rauða, die Auds Reise knapp zusammenfasst und die Episode mit dem Freigelassenen Vífill bewahrt.

Gesichert ist: Schon Ari Þorgilsson, der älteste isländische Geschichtsschreiber, kannte um 1130 eine Landnehmerin namens Auðr in Hvammur und zählte sie zu den vier bedeutendsten Siedlern des Landes. Alles Weitere stammt aus jüngeren Texten, die bis zu 150 Jahre später geschrieben wurden.

Ketill Flachnase und die Inseln im Westen

Auds Vater war Ketill flatnefr, „Ketill Flachnase“, ein norwegischer Häuptling, Sohn von Bjǫrn buna. Zu seinen Kindern zählen die Quellen Björn den Östlichen (austrœni), Helgi bjóla, Þórunn hyrna (die Frau Helgis des Mageren, eines weiteren Landnehmers im Norden Islands) und eben Aud.

Wie Ketill auf die Hebriden kam, erzählen die Texte unterschiedlich. Die Eyrbyggja saga lässt ihn im Auftrag König Haralds Schönhaar die Inseln erobern und dann selbst behalten. Die Laxdæla saga lässt ihn vor Harald fliehen. Die Landnámabók kombiniert beides: Harald erobert, zieht ab, Ketill wird zur Rückeroberung geschickt und zahlt dann keinen Tribut. Der Historiker Alex Woolf hält die Tribut-Geschichte für eine spätere Konstruktion zugunsten norwegischer Ansprüche.

Einige Forscher haben Ketill mit einem Caittil Find („Ketill dem Weißen“) gleichgesetzt, den die Annalen von Ulster zum Jahr 857 als Anführer einer gemischt nordisch-gälischen Truppe nennen, die in Munster geschlagen wurde. Andere halten das für sehr dünn: Ketill war ein häufiger Name, und Caittil kämpfte in den Annalen offenbar gegen jenen Olaf, den die Sagas zu Ketills Schwiegersohn machen. Die Frage ist offen. Sicher ist nur, dass Auds Familie in einer Welt lebte, in der Nordleute und Gälen sich mischten.

Olaf der Weiße: ein König von Dublin?

Aud heiratete nach den Sagas Óláfr hvíti, Olaf den Weißen, einen Heerkönig (herkonungr), Sohn eines Ingjaldr. Die Landnámabók sagt, er habe Dublin und das Umland erobert, sei dort König geworden und in Irland im Kampf gefallen.

Ob dieser Saga-Olaf identisch ist mit dem Amlaíb der irischen Annalen, ist eine der klassischen Debatten der Wikingerforschung. Amlaíb erscheint 853 in Irland als Sohn des Königs von „Laithlind“, herrscht in Dublin und verschwindet um 871 aus den irischen Quellen; die Fragmentarischen Annalen lassen ihn nach Norwegen zurückkehren. Die irischen Texte nennen als seine Frau die Tochter eines Königs Áed, keine Ketilstochter. Manche Historiker halten die Gleichsetzung dennoch für wahrscheinlich, andere, etwa Gwyn Jones, für unbewiesen. Mehr zur irischen Seite findest du in unserem Artikel über Olaf den Weißen.

Für Aud heißt das: Ihre Ehe mit einem Wikingerkönig in Irland ist Saga-Überlieferung, nicht zeitgenössisch belegt. Plausibel ist sie, doch bei vornehmen Ahnen neigten isländische Familien auch zum Aufrunden.

Thorstein der Rote und der Fall in Schottland

Aud und Olaf hatten einen Sohn: Þorsteinn rauðr, Thorstein den Roten. Nach dem Tod des Vaters ging Aud mit ihm zu den Hebriden. Die Landnámabók erzählt, er habe sich mit Jarl Sigurd von Orkney verbündet und Caithness, Sutherland, Ross und Moray sowie mehr als halb Schottland erobert. Die Laxdæla saga ist etwas zurückhaltender: Er schloss Frieden mit den Schotten und erhielt die Hälfte Schottlands. Beide Texte enden gleich: Die Schotten brachen den Frieden und töteten ihn, nach der Landnámabók durch Verrat, nach der Laxdæla in Caithness.

Ob Thorstein wirklich „halb Schottland“ beherrschte, darf man bezweifeln; mehr dazu im Artikel über Thorstein den Roten. Für Auds Geschichte entscheidend ist die Lage, in der sie nach seinem Tod steckte: Die Laxdæla saga betont, dass auch ihr Vater Ketill inzwischen tot war. Ohne männlichen Beschützer, mit sechs Enkeltöchtern und einem Enkelsohn, in einem Land, dessen Herren gerade ihren Sohn erschlagen hatten.

Das Schiff im Wald

Nun kommt die berühmteste Szene. Die Laxdæla saga erzählt, Unnr habe „gera knörr í skógi á laun“ lassen, also heimlich im Wald einen Knorr bauen lassen. Ein Knorr (knǫrr) war ein bauchiges, hochbordiges Frachtschiff, gebaut für Ladung, Vieh und Menschen auf offener See, nicht für schnelle Überfälle. Mehr zu den Unterschieden findest du bei den Schiffstypen der Wikinger.

Als das Schiff fertig war, brach sie auf, mit ihrer Familie, ihrem Besitz und vielen Leuten. Die Eiríks saga nennt eine Zahl, in der Übersetzung von John Sephton:

„Afterwards Aud set out to seek Iceland, having twenty free men in her ship.“Eiríks saga rauða, Kap. 1, übers. John Sephton 1880 (gemeinfrei)

Zwanzig freie Männer, dazu kamen Frauen, Kinder und Unfreie, die bei solchen Zählungen nicht mitgerechnet wurden. Die Laxdæla saga staunt, in der Übersetzung von Muriel Press (1899): „scarce may an example be found that any one, a woman only, has ever got out of such a state of war“.

Warum heimlich? Die Saga sagt es nicht. Naheliegend ist: Wer ohne Schutz offen rüstet, lädt Angriffe ein. Ob der Waldbau so stattfand oder ein erzählerisches Motiv ist, wissen wir nicht.

Orkney und Färöer: Enkelinnen als Bündnisse

Aud fuhr nicht direkt nach Island. Sie machte zwei Zwischenstationen, und beide hatten einen Zweck: Heiratspolitik. Auf den Orkneys verheiratete sie ihre Enkelin Gró, Thorsteins Tochter. Nach Landnámabók und Orkneyinga saga heiratete Gró Dungaðr, den Jarl von Caithness; deren Tochter Grélǫð wurde die Frau von Þorfinnr Hausspalter, einem der Orkney-Jarle.

Auf den Färöern verheiratete sie eine weitere Enkelin, Ólǫf. Von ihr, so die Laxdæla saga, stammte das vornehmste Geschlecht der Inseln ab, die Leute von Gata, die Götuskeggjar. Aus ihnen ging nach der Färinger saga der berühmte Þrándr í Götu hervor. Mehr bei den Färingern.

Jede Heirat schuf Verwandtschaft, und Verwandtschaft war Schutz.

Schiffbruch und Bruderzwist

Die Ankunft in Island war alles andere als triumphal. Das Schiff zerbrach an der Südküste bei Vikrarskeið, einem Küstenstreifen zwischen den Mündungen von Ölfusá und Þjórsá. Menschen und Güter wurden gerettet, das Schiff war verloren.

Aud wandte sich an ihren Bruder Helgi bjóla, der auf Kjalarnes im Südwesten siedelte. Helgi bot ihr Unterkunft an, aber nur für einen Teil ihrer Leute. Nach der Laxdæla saga lud er sie mit zehn Personen ein; die Landnámabók spricht von der Hälfte ihres Gefolges. Aud war gekränkt, schlug das Angebot aus und zog weiter. Ihr anderer Bruder, Björn der Östliche in Bjarnarhöfn am Breiðafjörður, nahm sie mit allen ihren Leuten auf. Zwei Brüder, zwei Arten von Gastfreundschaft: literarisch fein gebaut, historisch nicht überprüfbar.

Landnahme in Hvammur

Im Frühjahr zog Aud mit ihren Leuten in den Breiðafjörður, um Land zu suchen. Die Landnámabók verbindet die Fahrt mit Ortsnamen: Am Dögurðarnes („Frühstückslandzunge“) nahmen sie ihr Frühstück ein, am Kambsnes verlor Aud ihren Kamm. Solche Namensgeschichten sind oft nachträglich erfunden.

Aud nahm das gesamte Gebiet der Dalir („die Täler“) in Besitz, nach der Landnámabók zwischen den Flüssen Dögurðará und Skraumuhlaupsá. Sie ließ sich in Hvammur nieder, am inneren Ende des Hvammsfjörður, einer Bucht des Breiðafjörður. Die Laxdæla saga fügt hinzu, dass dort ihre Hochsitzpfeiler (öndvegissúlur) an Land getrieben seien. Ein bekanntes Motiv: Man warf die Pfosten vor der Küste über Bord und siedelte, wo sie anlandeten.

Hvammur blieb über Jahrhunderte ein bedeutender Hof. 1179 wurde hier Snorri Sturluson geboren, der Verfasser der Prosa-Edda. Sein Vater Hvamm-Sturla hatte dort gewohnt, und dessen Enkel Sturla Þórðarson schrieb später die Sturlubók mit Auds ausführlichster christlicher Darstellung. Lokalpatriotismus lässt sich da nicht ganz ausschließen.

Freilassung und Land für die Unfreien

Aud verteilte große Teile ihres Landes an Schiffsgefährten und an Menschen, die sie aus der Unfreiheit entließ. Die Quellen nennen unter anderem:

Die Episode um Vífill erzählt die Eiríks saga besonders schön. Vífill fragte Aud, warum sie ihm keinen Wohnsitz gebe wie den anderen. Ihre Antwort, in Sephtons Übersetzung:

„… he would be esteemed in whatever place he was, as one worthy of honour.“Eiríks saga rauða, Kap. 1, übers. John Sephton 1880 (gemeinfrei)

Er werde überall als ehrenwerter Mann gelten, wo er auch sei. Danach gab sie ihm doch Land. Vífills Enkelin war übrigens Guðríðr Þorbjarnardóttir, die später nach Grönland und Vinland fuhr. Die Wikinger im Nordatlantik sind also, über einen Freigelassenen, mit Aud verbunden.

Was steckt dahinter? Die Freigelassenen (leysingjar) hatten in Island eine Zwischenstellung: frei, aber ihrem früheren Herrn oder ihrer Herrin noch verpflichtet. Indem Aud ihnen Land gab, schuf sie eine Gefolgschaft, die ihr Gebiet besiedelte und ihr verbunden blieb. Wie hart der Alltag der Unfreien sonst aussah, beschreiben wir im Artikel über Sklaverei bei den Wikingern; ein seltenes Steinzeugnis einer Freilassung ist der Hørning-Stein in Dänemark.

Auffällig sind die gälischen Herkunftsangaben in Auds Umfeld. Das passt zur Genetik. Untersuchungen der mitochondrialen DNA heutiger Isländer durch Agnar Helgason und Kollegen (2001) ergaben, dass ein großer Teil der weiblichen Gründerlinien aus dem gälischen Raum stammt, deutlich mehr als bei den männlichen. Alte Genome aus isländischen Gräbern (Ebenesersdóttir u. a. 2018) bestätigen die Mischung schon für die ersten Generationen. Auds Haushalt ist dafür ein literarisches Spiegelbild, kein Beweis. Mehr dazu im Artikel über indigene DNA in Island.

Die Kreuze auf Krosshólar

Die Sturlubók schreibt, Aud habe ihr Gebet auf den Krosshólar, den „Kreuzhügeln“, gehalten und dort Kreuze aufrichten lassen, „því at hon var skírð ok vel trúuð“, weil sie getauft und fest im Glauben war. Und das in einem Land, das erst um das Jahr 1000 offiziell christlich wurde.

Das ist nicht unplausibel. Auds Familie hatte lange auf den Hebriden und in Irland gelebt, in einem christlichen Umfeld. Die Eyrbyggja saga erzählt, dass Björn der Östliche bei seiner Ankunft im Westen feststellte, dass seine Geschwister einen anderen Glauben angenommen hatten; er selbst blieb beim alten und erhielt daher seinen Beinamen. Unser Artikel zur Christianisierung der Germanen zeigt, wie zäh und vielgestaltig dieser Prozess war.

Die Fortsetzung in der Landnámabók ist ernüchternd. Auds Verwandte hätten die Hügel später als heiligen Ort verehrt, dort einen hǫrgr errichtet, eine heidnische Kultstätte, als man zu opfern begann, und geglaubt, sie würden nach dem Tod in die Hügel eingehen. Aus dem Gebetsplatz wurde ein Ahnenberg.

Die Laxdæla saga erwähnt Auds Christentum überhaupt nicht. Ihre Unnr wirkt eher wie eine Häuptlingin alter Prägung, und sie wird in einem Schiffsgrab beigesetzt. Ob Aud wirklich getauft war, lässt sich nicht beweisen. Möglich ist es. Doch Sturla Þórðarson hatte im längst christlichen 13. Jahrhundert ein Interesse daran, die Stammmutter vieler Häuptlingsfamilien als frühe Christin zu zeigen.

Heute steht auf der Krosshólaborg, einem Felsrücken nahe der Küste unweit von Hvammur, ein großes Steinkreuz. Ein Frauenverein aus der Region Dalir ließ es 1965 errichten; die Inschrift zitiert die Landnámabók. Vom späteren heidnischen Kult dort steht darauf nichts.

Hochzeit, Tod und zwei Begräbnisse

Am Ende ihres Lebens bestimmte Aud ihren Enkel Óláfr feilan, Thorsteins Sohn, zum Erben von Hvammur. Für seine Hochzeit mit Álfdís von Barra ließ sie ein großes Fest ausrichten. Aud empfängt die Gäste, übergibt Óláfr Hof und Besitz und erklärt, dies sei das letzte Hochzeitsfest, das sie ausrichte. Dann steht sie auf und geht mit raschen Schritten durch die Halle zu ihrer Schlafkammer, und die Leute bemerken, wie aufrecht die alte Frau noch ist. Am nächsten Morgen findet man sie tot, aufrecht gegen die Kissen gelehnt sitzend.

Die Gäste feierten daraufhin Hochzeit und Totenfeier zugleich. Und dann:

„She was laid in a ship in the cairn, and much treasure with her, and after that the cairn was closed up.“Laxdæla saga, Kap. 7, übers. Muriel Press 1899 (gemeinfrei)

Eine Schiffsbestattung im Grabhügel mit reichen Beigaben, also genau die Form, die wir aus vornehmen Gräbern wie dem von Oseberg kennen. Mehr zu dieser Grabform erklärt unser Artikel über die Bootsbestattung.

Die Landnámabók erzählt etwas ganz anderes. Auch dort stirbt Aud während eines Festes, nach dem Text in der Nacht nach dem Ende des Gelages, und die Gäste sollen ihr zu Ehren weiterfeiern. Aber sie wird nicht in einem Hügel beigesetzt, sondern im flæðarmál, dem Flutsaum zwischen Hoch- und Niedrigwasser, wie sie es selbst angeordnet habe, weil sie als Getaufte nicht in ungeweihter Erde liegen wollte. In eigener Übertragung: „Sie wurde im Flutsaum begraben, wie sie es zuvor bestimmt hatte, denn sie wollte nicht in ungeweihter Erde liegen, weil sie getauft war.“

Mythos-Check: Oft liest man, Aud sei „in einem Schiff am Strand bestattet“ worden. Das ist eine Vermischung zweier Fassungen. Die Laxdæla saga kennt ein Schiffsgrab im Hügel mit Schätzen, die Landnámabók ein schlichtes christliches Begräbnis im Flutsaum, ohne Schiff. Beides zugleich erzählt keine mittelalterliche Quelle. Ein Grab Auds wurde bislang nicht gefunden.

Der Flutsaum als Grabplatz ist ein faszinierendes Detail. Er gehört weder ganz zum Land noch ganz zum Meer; für eine Christin ohne Kirchhof war das vielleicht der am wenigsten heidnische Ort. Ob Sturla es passend zu seiner christlichen Aud gestaltete, wissen wir nicht. Zu den Bestattungssitten des Nordens allgemein lies gern unseren Artikel über Tod und Jenseits im Norden.

Was ist Geschichte, was ist Saga?

Sehr wahrscheinlich historisch: Es gab eine bedeutende Landnehmerin namens Auðr, die im späten 9. Jahrhundert in Hvammur im Breiðafjörður siedelte. Das sagt schon Ari um 1130, nur wenige Generationen nach den Ereignissen, und er war selbst einer ihrer Nachkommen.

Plausibel, aber nur aus Sagas bekannt: Vater Ketill, Ehemann Olaf, Sohn Thorstein und dessen Tod in Schottland, die Reise über Orkney und Färöer, die Verteilung von Land an Gefolgsleute und Freigelassene. Die Texte stimmen hier überein, unabhängige Belege fehlen.

Umstritten: die Gleichsetzung Olafs mit Amlaíb von Dublin, Ketills mit Caittil Find, Thorsteins Herrschaft über „halb Schottland“, Auds Christentum.

Literarisch ausgestaltet: der heimliche Schiffbau im Wald, die Ortsnamen-Anekdoten, die Szene mit den Brüdern, der würdevolle Tod im Sitzen und die beiden einander widersprechenden Begräbnisse. Die Jahreszahl „920“ über dem Hochzeitskapitel mancher Übersetzungen stammt von modernen Herausgebern, nicht aus der Saga.

Das schmälert Aud nicht. Eine reale Frau wurde über Generationen zur Stammmutter, an der jede Epoche ihr Ideal ablesen konnte. Frauen mit Besitz und Entscheidungsgewalt gab es in der Wikingerzeit tatsächlich, vor allem als Witwen. Wie weit ihr Spielraum reichte, besprechen wir ausführlich bei den Frauen in der Wikingerzeit und den Frauen bei Germanen und Wikingern.

Die Stammmutter: Nachwirkung bis heute

Kaum eine Gestalt der Landnahmezeit hat so viele berühmte Nachkommen. Über ihre Enkelin Þorgerðr und Dala-Kollr führt die Linie zu Höskuldr Dala-Kollsson, dessen Tochter Hallgerðr langbrók eine der Hauptfiguren der Njáls saga ist, und zu Óláfr pái, dem Vater Kjartans aus der Laxdæla saga. Über Óláfr feilan und dessen Sohn Þórðr gellir, einen mächtigen Häuptling des 10. Jahrhunderts, läuft die Ahnenreihe Aris des Gelehrten. Auch Bischof Þorlákr Runólfsson von Skálholt zählte sie zu seinen Vorfahren.

Die Isländer des 12. und 13. Jahrhunderts schrieben über ihre eigenen Ahnfrauen. In der Neuzeit wurde sie zur Heldin von Gedichten des 18. Jahrhunderts, von Romanen wie Naomi Mitchisons „The Land the Ravens Found“ (1955) und der isländischen Romantrilogie von Vilborg Davíðsdóttir (ab 2009). Wer mehr solcher Gestalten zwischen Geschichte und Überlieferung sucht, findet sie in unserer Legendenkunde.

Uns in der Werkstatt gefällt an Aud vor allem eines: Ihre Größe liegt nicht in Schlachten, sondern in Entscheidungen. Ein Schiff bauen lassen, Land verschenken statt horten, gehen, wenn ein Bruder nur die Hälfte der Leute aufnehmen will.

Glanz & Gravur
Aus unserer Manufaktur: Göttinnen- & Naturmotive auf Naturschiefer, lasergraviert. Im Shop →

Häufige Fragen

Wer war Aud die Tiefsinnige? Aud (altnordisch Auðr djúpúðga, in der Laxdæla saga Unnr) war eine Landnehmerin des späten 9. Jahrhunderts, die sich in Hvammur im Westen Islands niederließ. Nach den Sagas war sie Tochter Ketill Flachnases, Frau Olafs des Weißen und Mutter Thorsteins des Roten.

Warum heißt sie mal Aud und mal Unn? Die Landnámabók und die meisten Texte nennen sie Auðr, die Laxdæla saga Unnr. Gemeint ist dieselbe Person.

Was bedeutet „djúpúðga“? Die Form djúpúðga heißt etwa „die Tiefsinnige“. In der Sturlubók und der Eyrbyggja saga steht djúpauðga, „die sehr Reiche“. Beide Beinamen sind überliefert.

War Aud die Tiefsinnige Christin? Die Landnámabók sagt, sie sei getauft gewesen und habe auf den Krosshólar Kreuze aufgestellt. Die Laxdæla saga erwähnt das nicht. Möglich ist es, denn ihre Familie lebte lange im christlichen Irland und Schottland, beweisen lässt es sich nicht.

Wie wurde Aud bestattet? Nach der Laxdæla saga in einem Schiff im Grabhügel mit reichen Beigaben, nach der Landnámabók im Flutsaum am Strand, weil sie nicht in ungeweihter Erde liegen wollte. Ein Grab wurde nie gefunden.

Ist Aud eine historische Person? Sehr wahrscheinlich ja. Schon Ari Þorgilsson nennt sie um 1130 als eine der vier vornehmsten Siedlerinnen und Siedler Islands. Viele Einzelheiten stammen aber aus späteren Sagas.

Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Weiterlesen bei uns

Thorstein der Rote · Olaf der Weiße · Erik der Rote · Leif Eriksson · Haithabu.

Quellen & Literatur

Zum Shop Mehr Beiträge

Mehr aus der Geschichte & Funde

Alle Geschichte & Funde-Artikel →

Die Aunjetitzer Kultur & die Himmelsscheibe von Nebra

Fast 1.500 Jahre bevor die ersten Germanen in römische Geschichtsbücher gerieten, blühte im Herzen Mitteleuropas eine …

Weiterlesen →

Die Bataver: Roms beste Reiter – und ihr großer Aufstand

Weiterlesen →

Bifröst – die Regenbogenbrücke

Zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Götter spannt sich eine Brücke aus Licht: Bifröst, der Regenbogen. Sie …

Weiterlesen →

Die Bildsteine von Gotland

Lange bevor die Edda aufgeschrieben wurde, erzählten die Menschen auf Gotland ihre Geschichten in Stein – in Bildern …

Weiterlesen →