Wer die Wikingerzeit nur als Reihe von Überfällen auf klösterliche Küsten kennt, hat die Ostsee noch nicht gesehen. Zwischen Jütland, Schonen, Gotland, der Oder- und Weichselmündung und den baltischen Ufern lag kein Grenzmeer, sondern ein einziger großer Handels- und Beziehungsraum. Nordische Seefahrer, westslawische Wenden und baltische Völker teilten sich dieselben Buchten, dieselben Märkte und oft genug dieselben Werkstätten. Silber wanderte aus dem Kalifat bis Gotland, Pelze aus dem Norden nach Süden, Bernstein von den baltischen Stränden in die halbe Welt – und Menschen, verschleppt und verkauft, in die Gegenrichtung. Diese Seite ist der Wegweiser durch diese Welt: die Häfen, die Nachbarn, das Silber, die Sagen und das Ende. Wer den größeren Bogen sucht, findet ihn in unserem Überblick Wikinger nach Regionen.

Die Ostsee war für ein Segelschiff kein Hindernis, sondern eine Autobahn. Von Haithabu an der schleswigschen Landenge bis nach Nowgorod im Osten ließ sich fast die gesamte Strecke auf dem Wasser oder über kurze Landbrücken zurücklegen. Wind und Küstenlinie taten den Rest. Genau deshalb entstanden rund um dieses Binnenmeer innerhalb weniger Generationen Dutzende Handelsplätze, die weniger miteinander im Krieg lagen, als dass sie voneinander lebten. Der Norden brauchte den Süden und umgekehrt; wer plünderte, plünderte meist woanders und handelte daheim. Das macht die Ostsee zur vielleicht ehrlichsten Bühne der Wikingerzeit – hier zählte, was man liefern konnte, nicht welchen Göttern man opferte.
Das Rückgrat dieser Welt waren die Emporien: befestigte oder offene Marktorte, an denen Schiffe anlegten, Waren umgeschlagen und Handwerk in Serie gefertigt wurde. Haithabu an der Schlei war der größte und am gründlichsten erforschte davon – ein Ort, an dem sich fränkische Keramik, arabisches Silber und nordisches Handwerk auf engstem Raum begegneten. Auf der schwedischen Mälarsee-Insel Björkö lag Birka, das Tor nach Osten, dessen Gräberfelder bis heute erzählen, wie weit die Kontakte reichten. An der Odermündung wuchs Wolin zu einer Großhandelsstadt heran, die selbst arabische und deutsche Chronisten in Staunen versetzte. Der obodritische Markt Reric war so wichtig, dass der Dänenkönig Godfred ihn 808 zerstören und die Kaufleute zwang, nach Haithabu umzusiedeln – ein handelspolitischer Gewaltakt mit Ansage. Und an der deutschen Ostseeküste zeigen Plätze wie Ralswiek auf Rügen und Menzlin an der Peene, dass hier gar keine saubere Trennlinie zwischen „nordisch" und „slawisch" verlief: In den Gräbern und Werkstätten liegen beide Welten dicht beieinander.
„Wenden" nannten Franken und Sachsen die westslawischen Völker, die vom 7. Jahrhundert an das südliche und südöstliche Ostseeufer besiedelten. Es war keine Einheit, sondern ein buntes Nebeneinander von Verbänden. Die Obodriten saßen in Mecklenburg und lavierten geschickt zwischen Franken und Dänen. Auf Rügen herrschten die Ranen, deren Tempelburg Arkona mit dem vierköpfigen Gott Svantevit bis 1168 ein Machtzentrum blieb, das selbst dänische Könige fürchteten und schließlich stürmten. Weiter östlich schloss sich der lockere Bund der Lutizen zusammen, der ohne König auskam und seine Entscheidungen in der Versammlung traf. Dazu kamen die Pomoranen an der pommerschen Küste und die Wagrier im westlichen Ostholstein. Mit all diesen Nachbarn pflegten die Nordleute dasselbe schwankende Verhältnis: mal Handelspartner, mal Verbündeter, mal Gegner – je nachdem, was das Jahr gerade verlangte.
Der Treibstoff dieser Wirtschaft war Silber, und zwar nicht als Münze mit festem Wert, sondern als Gewicht. In einer Gewichtsgeldwirtschaft zählte, was die Waage anzeigte: geprägte Dirhams aus dem Kalifat, zerhacktes Hacksilber, Barren und Ringe wurden gewogen und mit kleinen Klappwaagen abgerechnet. Millionen arabischer Dirhams flossen über die russischen Flüsse in den Ostseeraum, und Gotland wurde zur Silberinsel schlechthin. Der Spillings-Schatz von 1999, der größte Wikinger-Silberhort der Welt, wog dort rund 67 Kilogramm – ein Vermögen, das im Boden auf bessere Zeiten wartete. So glänzend das klingt, so dunkel ist die andere Seite: Ein erheblicher Teil dieses Silbers verdankte sich dem Handel mit versklavten Menschen. Kriegsgefangene und Verschleppte wurden über die Ostsee bis in die Märkte des Ostens verkauft. Das gehört zum ehrlichen Bild dieser Welt dazu, auch wenn es kein Motiv für eine Gravur ist.
Keine andere Sagengestalt der Ostsee hat so viel Fantasie beflügelt wie die Jomswikinger, eine sagenhafte Kriegerbruderschaft mit strengem Kodex, die in der Festung Jomsborg irgendwo an der Odermündung gesessen haben soll. Die Jómsvíkinga saga malt sie als Elitetruppe, die den Tod ohne Zittern erwartet. Historisch ist Vorsicht geboten: Die Saga wurde erst im 13. Jahrhundert aufgeschrieben, lange nach den Ereignissen, und idealisiert ihre Helden kräftig. Ob es Jomsborg als festen Ort überhaupt gab und ob es mit dem archäologisch gut greifbaren Wolin identisch ist, bleibt offen. Die Gleichung „Jomsborg = Wolin" ist beliebt, aber unbewiesen – eine schöne Geschichte an einem Ort, an dem tatsächlich Großes gehandelt wurde.
Wo die Ostsee endete, begann die Landgrenze. Quer durch die schleswigsche Landenge zog sich das Danewerk, der größte Grenzwall des Nordens, der das dänische Kernland gegen Süden abschirmte und zugleich den Landweg zwischen Nord- und Ostsee kontrollierte. König Godfred baute den Wall 808 kräftig aus – dieselbe entschlossene Handelspolitik, die auch Reric das Leben kostete. Wer Waren von der Nordsee zur Ostsee brachte, musste diese Landbrücke bei Haithabu nutzen, und wer sie kontrollierte, kontrollierte den Zoll. Das Danewerk zeigt, dass die Ostseewelt nicht nur aus Segeln und Silber bestand, sondern auch aus Erde, Holz und der nüchternen Kunst, den richtigen Engpass zu besetzen.
Wie überall im Norden endete die Wikingerzeit der Ostsee nicht mit einer Schlacht, sondern mit einem langsamen Wandel. Die Handelsplätze verloren an Bedeutung oder wuchsen zu christlichen Städten heran; aus Haithabu wurde Schleswig, aus dem Silbergewicht wurde geprägte Münze. Für die slawischen Nachbarn kam der Umbruch härter: 1147 richtete sich der Wendenkreuzzug als Teil der großen Kreuzzugsbewegung gegen die noch heidnischen Elbslawen, und 1168 stürmten dänische Truppen unter König Waldemar und Bischof Absalon die Tempelburg Arkona und stürzten den Svantevit vom Sockel. Damit fiel das letzte große heidnische Heiligtum der Ostsee. Was blieb, war ein Meer, das weiter Handel trug – nur unter neuen Herren und einem neuen Glauben.
Es ist wahrlich die größte aller Städte, die Europa umschließt; sie bewohnen Slawen und andere Völker, Griechen und Barbaren. Denn auch die ankommenden Sachsen erhalten das Recht des gleichen Aufenthalts, sofern sie nur während ihres Verweilens ihr Christentum nicht offen bekunden.Adam von Bremen über Jumne (Wolin), Hamburgische Kirchengeschichte, II,22, gemeinfreie Übersetzung nach J. C. M. Laurent
Beleg: Haithabu, Birka, Wolin, Ralswiek und Menzlin sind archäologisch gut erforschte Handelsplätze der Ostsee. Die Zerstörung Rerics und die Umsiedlung der Kaufleute nach Haithabu 808 sowie der Ausbau des Danewerks unter König Godfred sind in den fränkischen Reichsannalen bezeugt. Der Spillings-Schatz (Gotland, gefunden 1999) ist mit rund 67 kg der größte bekannte Wikinger-Silberhort; die Ostsee war eine Gewichtsgeldwirtschaft, gespeist von arabischen Dirhams. Die Erstürmung Arkonas 1168 unter Waldemar I. und Bischof Absalon berichtet Saxo Grammaticus.
Mythos-Check: „Wende = feindlicher Slawe" ist eine fränkisch-sächsische Außensicht, kein Befund. Archäologisch zeigt sich intensiver Austausch: gemischte Siedlungen wie Menzlin und Ralswiek, slawische Keramik in Haithabu, nordische Funde an slawischen Küsten. Die Gleichung Jomsborg = Wolin ist beliebt, aber bis heute unbewiesen; die Jómsvíkinga saga ist eine literarische Verklärung des 13. Jahrhunderts. Und die Ostsee war kein Grenzmeer und keine Front, sondern ein Beziehungsraum, in dem man häufiger handelte als kämpfte.

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