Birka war die bedeutendste Handelsstadt der schwedischen Wikingerzeit: ein Hafenort auf der Insel Björkö im See Mälaren, rund 30 Kilometer westlich des heutigen Stockholm, gegründet um 750 und um 975 aufgegeben. Hier trafen Pelze aus dem Norden auf arabisches Silber und Seide aus dem Osten, hier predigte der Missionar Ansgar, und hier liegt das Grab Bj 581, über dessen „Kriegerin“ bis heute gestritten wird. Wir zeigen dir, was Funde und Quellen wirklich sagen – und wie du Birka heute besuchen kannst.
Wer heute im Sommer mit dem Ausflugsboot an Björkö anlegt, sieht zuerst: Schafe. Und dann, wenn man genauer hinschaut, Hügel. Überall Hügel. Sie liegen zwischen den Bäumen wie umgedrehte Schüsseln. Es sind Gräber. Mehr als 3.000 davon zählt die UNESCO auf der Insel, und jedes einzelne erinnert daran, dass auf diesem stillen Stück Land einmal einer der lebhaftesten Orte Nordeuropas lag.
Birka, so nannten es die fränkischen Missionare des 9. Jahrhunderts, die ersten, die den Namen aufschrieben. Für zwei Jahrhunderte war der Ort ein Knotenpunkt, an dem sich Wege kreuzten, die von der Nordsee bis an die Wolga und weiter bis Bagdad reichten. Und weil Birka danach fast tausend Jahre lang niemand überbaute, liegt hier eine der am vollständigsten erhaltenen Handelsstädte der Wikingerzeit im Boden. Für uns ist das ein Glücksfall.
Björkö heißt „Birkeninsel“, und vermutlich steckt dasselbe Wort auch im Namen Birka, sicher ist das nicht. Die Insel liegt im östlichen Teil des Mälaren, des drittgrößten Sees Schwedens. Zur Wikingerzeit war der Mälaren allerdings noch gar kein richtiger See. Weil sich Skandinavien seit dem Ende der Eiszeit langsam hebt – Geologen sprechen von postglazialer Landhebung –, lag der Wasserspiegel damals deutlich höher als heute, nach gängigen Schätzungen um etwa fünf Meter. Der Mälaren war eine weit verzweigte Bucht der Ostsee, ein Labyrinth aus Inseln, Sunden und Fjorden, das tief ins fruchtbare Uppland und nach Västmanland hineinreichte.
Genau dort, wo mehrere dieser Wasserwege zusammenliefen, lag Björkö. Wer Eisen aus Bergslagen, Pelze aus dem Norden oder Getreide aus Uppland an die Küste bringen wollte, kam hier vorbei. Wer umgekehrt mit Fernhandelswaren aus der Ostsee ins Binnenland wollte, ebenfalls. Die Insel bot geschützte Buchten und war vom offenen Meer aus schwer zu erreichen.
Die Archäologie datiert die Anfänge Birkas in die Mitte des 8. Jahrhunderts; die UNESCO spricht von etwa 750 bis 980 als Zeit des Handelsplatzes. Damit gehört Birka zur ersten Generation der skandinavischen Handelsorte, gemeinsam mit Ribe in Jütland, das noch etwas älter ist, und Haithabu an der Schlei. In der Forschung heißen solche Orte „Emporien“: Handelsplätze, die nicht aus einem Dorf gewachsen sind, sondern gezielt angelegt wurden, meist unter dem Schutz und der Kontrolle eines Königs.
Wie viele Menschen in Birka lebten, lässt sich nur schätzen. Die üblichen Angaben liegen bei 500 bis 1.000 Einwohnern, in der Blütezeit vielleicht um 700. Für den Norden des 9. Jahrhunderts, wo fast alle auf Einzelhöfen lebten, war das eine Stadt.
Das Ende kam im späten 10. Jahrhundert. Die jüngsten Münzen aus der Siedlungsschicht stammen aus den Jahrzehnten um 960, und meist wird das Ende um 975 angesetzt.
Das eigentliche Stadtgebiet erkennt man bis heute an der Farbe des Bodens. Im Norden der Insel liegt die „Svarta jorden“, die Schwarze Erde: eine bis zu mehrere Meter mächtige, dunkle Kulturschicht aus Holzkohle, Asche, Speiseabfällen, Knochen, Mist und Bauresten. Das Areal umfasst rund sieben Hektar.
Große Flächengrabungen fanden hier zwischen 1990 und 1995 unter Leitung von Björn Ambrosiani statt. Sie zeigten eine Stadt, die nicht einfach gewachsen, sondern geplant war: Grundstücke mit Zäunen, Häuser, die immer wieder auf denselben Parzellen erneuert wurden, und Werkstätten, in denen gearbeitet wurde, was das Zeug hielt. Bronzegießer fertigten Schmuck in Serie, ihre Gussformen und Tiegel sind zu Tausenden erhalten. Kammmacher schnitzten aus Hirschgeweih die Kämme, die in fast jedem Grab liegen. Perlenmacher schmolzen Glas, teils aus importierten Mosaiksteinchen und Glasscherben, und formten daraus die bunten Ketten, die Frauen im ganzen Norden trugen.
Am Ufer lagen die Häfen. Bekannt sind mehrere Anlegestellen, darunter Kugghamn und Korshamn, und Stege, die mit der sinkenden Wasserlinie immer weiter hinausgebaut wurden. Im Wasser vor der Siedlung haben Taucher Pfahlreihen gefunden, die als Sperren und Wellenbrecher gedeutet werden. Ganz ähnlich beschreibt Adam von Bremen im 11. Jahrhundert die Zufahrt: Der Hafen sei durch verborgene Felsen gesichert, die Fremden gefährlich würden, wenn sie den Weg nicht kannten.
Birka war kein offener Marktplatz auf der grünen Wiese. Landseitig umschloss ein Stadtwall, auf Schwedisch „stadsvallen“, die Siedlung im Halbbogen. Sein heute sichtbarer Verlauf stammt nach heutigem Stand aus dem 10. Jahrhundert, als die Lage im Ostseeraum unruhiger wurde.
Südlich der Schwarzen Erde erhebt sich ein Felsen, auf dem eine Wallburg lag: die „Borgen“, die Burg. Sie diente als Zuflucht und Ausguck. Unmittelbar unterhalb lag ein Bereich, den die Forschung „Garnisonen“ nennt, die Garnison. Ausgrabungen um die Jahrtausendwende förderten dort eine Halle mit auffällig vielen Waffen, Teilen von Lamellenpanzern und Gürtelbeschlägen zutage. Mehrere Stücke zeigen Formen aus dem Osten, aus dem Raum der Rus und der Steppenvölker. Das passt zu einer Kriegerschicht, die mit der Welt der Rus eng verbunden war.
Birkas Reichtum kam aus dem Umschlag. Aus dem Norden und Osten kamen Pelze von Eichhörnchen, Marder, Fuchs und Biber, dazu Geweih, Felle, Daunen und Eisen. Über die Ostsee und die russischen Flüsse gelangten sie bis an die Wolga, wo muslimische Kaufleute warteten.
Zurück floss Silber, vor allem arabische Dirham, also Silbermünzen der Abbasiden und später der Samaniden aus Zentralasien. Im Norden zählte man sie nicht, man wog sie. Münzen wurden zerschnitten, eingekerbt, um die Qualität zu prüfen, und auf kleinen Klappwaagen gegen Gewichte abgewogen. Wie dieses Hacksilber als Zahlungsmittel funktionierte, erklären wir in einem eigenen Beitrag. Waagen und Gewichte gehören in Birka zu den typischen Grabbeigaben.
Dazu kamen Waren, die zeigen, wie weit das Netz reichte: Seide aus Byzanz und aus dem Orient, Glas aus dem Rheinland, Weinkannen aus dem Frankenreich, Karneolperlen, deren Rohstoff aus Indien stammen dürfte, Bergkristall und Bronzegefäße. Die Textilfunde aus Birka sind ein Kapitel für sich: Rund 4.800 Fragmente sind erhalten, und die Textilforscherin Agnes Geijer legte schon 1938 eine grundlegende Studie vor. Darunter sind Seidenbänder, Goldborten und Stoffe mit Silberdraht – Kleidung einer Oberschicht, die zeigte, was sie hatte. Einen Überblick über die Wege und Waren gibt unser Artikel zum Handel der Wikinger.
Ein Teil dieses Handels war Menschenhandel. Rimbert erzählt, dass Ansgar in Birka auf gefangene Christen traf, die dort festgehalten wurden. Unfreie, die Thralls, wurden im Ostseeraum gefangen, verkauft und weitergereicht, und ein Teil des Silbers in den Gräbern war ihr Gegenwert. Das gehört zur Geschichte dieser Stadt, auch wenn es nicht glänzt.
Kaum ein Einzelfund zeigt die Reichweite Birkas so deutlich wie ein kleiner Fingerring aus dem Grab Bj 515. Hjalmar Stolpe barg ihn im 19. Jahrhundert aus der Bestattung einer Frau, die im 9. Jahrhundert beigesetzt worden war. Der Ring besteht aus Silber und trägt einen violetten Stein, auf dem in arabischer Schrift ein kurzes Wort eingraviert ist.
2015 untersuchte ein Team um den Biophysiker Sebastian Wärmländer von der Universität Stockholm den Ring mit dem Rasterelektronenmikroskop und veröffentlichte die Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Scanning“. Zwei Befunde stachen heraus. Erstens ist der „Amethyst“ in Wahrheit gefärbtes Glas, damals ein exotisches Material. Zweitens zeigte die Oberfläche kaum Abnutzungsspuren. Die Forscher schlossen daraus, dass der Ring nicht durch viele Hände gegangen war und womöglich recht direkt aus dem islamischen Raum nach Birka gelangt ist. Die Inschrift wird meist als „für Allah“ oder „an Allah“ gelesen; die genaue Lesung ist nicht völlig eindeutig.
So reich der Boden ist, so dünn sind die Schriftquellen. Fast alles, was zeitgenössisch über Birka geschrieben wurde, steht in einem einzigen Text: der „Vita Anskarii“, der Lebensbeschreibung des heiligen Ansgar. Verfasst hat sie sein Schüler und Nachfolger Rimbert, Erzbischof von Hamburg-Bremen, in den Jahren nach Ansgars Tod 865.
Ansgar war ein Mönch aus Corbie und Corvey. Um 829 schickte ihn Kaiser Ludwig der Fromme nach Norden, nachdem eine schwedische Gesandtschaft am Hof um Priester gebeten hatte. Die Reise geriet zur Strapaze. Unterwegs, so Rimbert, überfielen Seeräuber die Kaufleute, mit denen die Missionare reisten. Die Händler wehrten sich zunächst tapfer, wurden aber besiegt; Schiffe und fast die gesamte Habe, darunter die Bücher, gingen verloren. Zu Fuß, so heißt es, erreichten Ansgar und sein Begleiter Witmar schließlich den Hafen, der Birka genannt wird.
Dort empfing sie König Björn freundlich und erlaubte ihnen zu predigen. Einer der ersten Getauften war Herigar, der Vorsteher des Ortes und ein Vertrauter des Königs. Er ließ auf eigenem Grund eine Kirche errichten – die erste, von der wir in Schweden wissen. Die UNESCO datiert die Gründung dieser Gemeinde auf 831. Ansgar kehrte bald zurück, wurde Erzbischof von Hamburg, und nach Birka ging ein Bischof namens Gautbert. Der wurde später bei einem Aufruhr vertrieben, sein Neffe Nithard getötet.
Um 852 kam Ansgar ein zweites Mal. Nun herrschte ein König Olof. Die Entscheidung, ob die Christen bleiben durften, fiel nicht durch einen Befehl, sondern auf dem Thing, der Versammlung der freien Männer, und durch Losorakel. Am Ende durfte Ansgar bleiben und erneut eine Kirche errichten lassen. Von Dauer war die Mission nicht; Schwedens Christianisierung zog sich noch zwei Jahrhunderte hin.
Zwei Jahrhunderte später, um 1075/76, schreibt der Bremer Domherr Adam von Bremen seine Geschichte der Hamburger Erzbischöfe. Darin kommt Birka erneut vor. Adam beschreibt den Ort als Stadt mitten im Land der Schweden, an einem Hafen, in den regelmäßig Schiffe der Dänen, Norweger, Slawen, Samländer und anderer Völker einlaufen. Er erwähnt, dass Erzbischof Unni von Hamburg-Bremen 936 in Birka gestorben sei.
Das Problem: Adam war nie dort. Er stützte sich auf ältere Texte, vor allem Rimbert, und auf Erzählungen von Reisenden, etwa am Hof des dänischen Königs Sven Estridsen. In einer späteren Randnotiz hält er fest, dass Birka inzwischen verödet sei und kaum noch Spuren zu sehen seien. Seine Hafenbeschreibung ist also eher Erinnerung als Beobachtung.
Was die Texte verschweigen, erzählen die Toten. Rund um die Schwarze Erde liegen mehrere Gräberfelder, das größte heißt Hemlanden. Insgesamt sind mehr als 3.000 Gräber bekannt, sichtbar als Hügel und Steinsetzungen; geophysikalische Messungen haben weitere entdeckt. Etwa ein Drittel ist untersucht.
Den Löwenanteil grub ein einziger Mann aus: Hjalmar Stolpe (1841–1905). Eigentlich war er Zoologe und Insektenforscher, und er kam zunächst nach Björkö, um Bernstein-Einschlüsse zu untersuchen. Dann fand er Gräber – und blieb. Zwischen 1871 und 1895 legte er mit Unterbrechungen rund 1.100 Bestattungen frei. Er zeichnete Grabpläne, nummerierte die Funde und beschriftete sogar einzelne Knochen. Genau deshalb kann die Forschung seine Grabungen heute mit DNA und Isotopenanalysen neu auswerten. Die Gräber wurden später in der Reihe „Birka“ vorgelegt, vor allem in Holger Arbmans „Birka I. Die Gräber“ (1940/43).
Brandgräber liegen neben Körpergräbern, schlichte Gruben neben prunkvollen Kammergräbern mit Möbeln, Waffen und manchmal Pferden.
Auch der Glaubenswandel liegt im Boden. In Birka fanden sich rund zehn kleine Kreuzanhänger aus Silber und daneben 27 Thorshammer-Anhänger aus dem 10. Jahrhundert. Sicher ist: In Birka lebten Christen und Heiden nebeneinander, und manche trugen vielleicht beides.
Unter den Frauengräbern fallen einige Kammergräber auf, in denen Eisenstäbe lagen. Neil Price und Leszek Gardeła führen unter anderem Grab Bj 845 an und erwägen, dass diese Stäbe mit Zauberinnen zusammenhängen könnten, wie sie die Sagas als Völva beschreiben. Andere denken nüchterner an Messstäbe oder Spinnrocken. Was hinter dieser Deutung steckt, erklären wir im Artikel über Seiðr und die Völva.
Kein Grab aus Birka ist so berühmt wie Bj 581. Stolpe öffnete es 1878. Es liegt auf einer erhöhten Terrasse am Rand der Siedlung, in unmittelbarer Nähe der Garnison und der Borg. Die Ausstattung ist eindrucksvoll: ein Schwert, eine Axt, ein Kampfmesser, zwei Lanzen, zwei Schilde und 25 panzerbrechende Pfeilspitzen. Dazu ein vollständiges Brettspiel mit Spielsteinen und Würfeln, vielleicht eine Form des Hnefatafl, und zwei Pferde, eines davon zum Reiten gezäumt. Eine Münze, ein geviertelter samanidischer Dirham aus der Zeit nach 913, datiert die Bestattung ins 10. Jahrhundert, vermutlich um die Mitte des Jahrhunderts.
Weil der Grabinhalt typisch männlich wirkte, galt Bj 581 über ein Jahrhundert lang als Musterbeispiel eines vornehmen Kriegergrabs. Schon in den 1970er-Jahren deutete eine osteologische Untersuchung auf ein weibliches Skelett hin, ohne dass das Folgen hatte. 2016 kam die Osteologin Anna Kjellström von der Universität Stockholm zum selben Ergebnis.
2017 folgte die Genetik. Ein Team um Charlotte Hedenstierna-Jonson von der Universität Uppsala analysierte DNA aus einem Zahn und einem Oberarmknochen und veröffentlichte im „American Journal of Physical Anthropology“: zwei X-Chromosomen, kein Y. Die Tote war älter als 30 Jahre. Strontium-Isotope deuteten darauf hin, dass sie nicht in Birka aufgewachsen war, sondern zugezogen ist. Titel: „A female Viking warrior confirmed by genomics“.
Was dann folgte, war eine der lebhaftesten Debatten der jüngeren Wikingerforschung. Die ernsthaften Einwände kamen aus der Fachwelt selbst. Die Wikingerforscherin Judith Jesch kritisierte, die Studie gehe zu leichtfertig mit Schriftquellen um und diskutiere Alternativen zu wenig. Fedir Androshchuk wies auf die gestörten Fundzusammenhänge hin: Gräber in Birka wurden durch Steinraub und spätere Eingriffe verändert, und Stolpe arbeitete mit Laienhelfern. Wurde vielleicht das falsche Skelett beprobt? Lag noch eine zweite Person im Grab? Und schon 1980 hatte Anne-Sofie Gräslund grundsätzlich davor gewarnt, Waffen im Grab automatisch als Beruf des Toten zu lesen. Waffen können auch Rang, Familie oder Erbe anzeigen.
2019 antworteten Neil Price, Charlotte Hedenstierna-Jonson und Kollegen in der Zeitschrift „Antiquity“ mit dem Aufsatz „Viking warrior women? Reassessing Birka chamber grave Bj.581“. Sie legten Stolpes Dokumentation offen, zeigten, dass die beprobten Knochen eindeutig zum Grab gehören und dass dort nur eine Person lag. Ihre Deutung: eine Frau von hohem Rang, die als Kriegerin lebte und vielleicht sogar Reiter befehligte. Ihre Geschlechtsidentität lasse sich nicht beweisen, räumten sie ein.
Birka war kein Königssitz, und die Könige wohnten nicht zwischen Kammmachern und Bronzegießern. Ihr Hof lag auf der Nachbarinsel Adelsö, in Hovgården, in Sichtweite und mit eigenem Hafen. Hier erheben sich große Grabhügel, die sogenannten Königshügel. Ein Runenstein, um 1070 geritzt, nennt einen „bryti“, einen Verwalter des Königs, und erinnert daran, dass der Hof noch lange nach dem Ende Birkas eine königliche Domäne blieb. Im 13. Jahrhundert ließ König Magnus Ladulås hier den Palast Alsnö hus errichten; 1280 tagte dort der Reichsrat.
Die Arbeitsteilung ist typisch für die Wikingerzeit: der Markt hier, die Macht dort. In Uppland lag zudem mit Alt-Uppsala ein zweites Machtzentrum mit Königshügeln. Seit 1993 bilden Birka und Hovgården gemeinsam eine Welterbestätte der UNESCO.
Wer Birka verstehen will, sollte Haithabu kennen. Die dänische Handelsstadt an der Schlei war gewissermaßen Birkas Zwillingsschwester. Beide entstanden im 8. Jahrhundert, beide lagen geschützt an einem Binnengewässer, beide hatten einen halbkreisförmigen Wall, Hafenanlagen und riesige Gräberfelder. Und an beiden Orten stand Ansgar: In Haithabu ließ er um die Mitte des 9. Jahrhunderts eine Kirche bauen.
Zwischen beiden Städten liefen die Schiffe. Haithabu war das Tor zur Nordsee, zum Frankenreich und nach England; Birka das Tor zur Ostsee und nach Osten, zu den Rus und weiter bis Byzanz und ins Kalifat. Der Unterschied liegt im Ende. Birka verstummte still um 975. Haithabu überlebte länger, wurde aber um 1050 von Harald Hardråde niedergebrannt und 1066 von Slawen zerstört. Seit 2018 stehen Haithabu und das Danewerk ebenfalls auf der Welterbeliste.
Birka wurde nicht erobert, jedenfalls gibt es keinen Beleg dafür. Die Stadt verlor einfach ihre Gründe. Mehrere Entwicklungen kamen zusammen. Das arabische Silber, der Treibstoff des Osthandels, versiegte in den Jahrzehnten nach 960, weil die Silberbergwerke Zentralasiens nachließen und die Samaniden in eine Krise gerieten. Die Handelswege verlagerten sich nach Westen und Süden. Und die Landhebung arbeitete weiter: Fahrrinnen wurden flacher, Häfen verlandeten.
Etwa 35 Kilometer nordöstlich entstand um 970/980 die neue Stadt Sigtuna, von Anfang an christlich, mit Münzprägung und Kirchen, dicht beim Königtum. Sie übernahm die Rolle Birkas. Die Birkeninsel wurde wieder Weideland.
Birka ist heute ein Ausflugsziel, aber ein ruhiges. Die Insel erreichst du in der Sommersaison mit dem Ausflugsboot ab Stockholm (Abfahrt an der Klara Mälarstrand beim Stadshuset, rund zwei Stunden pro Richtung) oder mit einem kurzen Boot ab Hovgården auf Adelsö, das du per Autofähre erreichst. Saison und Fahrplan wechseln jährlich – vorher prüfen.
Auf der Insel gibt es ein Museum mit Modellen und Funden, ein nachgebautes Wikingerviertel mit Häusern und Booten sowie Führungen, die vorbei an Grabhügeln, Borg, Schwarzer Erde und dem Grab Bj 581 zur Garnison führen. Auf der Anhöhe steht das Ansgar-Kreuz, ein Gedenkkreuz aus dem 19. Jahrhundert, und etwas abseits eine kleine Kapelle. Die Originalfunde – darunter der Ring aus Bj 515 – liegen im Historiska museet in Stockholm. Weitere Ziele für deine Reise findest du in unserem Überblick Wikinger erleben: Museen und Fundorte.
Ein Tipp aus unserer Werkstatt: Geh einmal allein über das Gräberfeld Hemlanden, wenn die Gruppe schon weiter ist. Zwischen den Hügeln wird es sehr still, und Birka ist plötzlich keine Ruine mehr, sondern ein Ort von Pelzhändlern, Kammmachern, Missionaren, Sklaven und einer Frau mit Schwert. Wer verstehen will, wie diese Leute selbst genannt wurden und wie sie sich von Normannen und Warägern unterscheiden, liest weiter bei Wikinger, Normannen, Waräger, Rus.

Wo liegt Birka? Auf der Insel Björkö im See Mälaren, etwa 30 Kilometer westlich von Stockholm, in der Gemeinde Ekerö. Gegenüber liegt die Insel Adelsö mit dem Königshof Hovgården.
Wann existierte Birka? Von etwa 750 bis etwa 975. Die jüngsten Münzen aus der Siedlung stammen aus den Jahrzehnten um 960, danach übernahm Sigtuna die Rolle als Handelszentrum.
Gab es die Kriegerin von Birka wirklich? Das Skelett aus Grab Bj 581 ist genetisch eindeutig weiblich und wurde mit vollständiger Waffenausrüstung und zwei Pferden bestattet. Ob die Frau selbst kämpfte oder die Waffen ihren Rang zeigten, wird in der Forschung weiter diskutiert.
Was ist der Allah-Ring von Birka? Ein Silberring mit violettem Glasstein und arabischer Inschrift aus dem Frauengrab Bj 515 aus dem 9. Jahrhundert. Die Analyse von 2015 deutet darauf hin, dass er ziemlich direkt aus dem islamischen Raum nach Birka kam.
Wie viele Gräber gibt es in Birka? Mehr als 3.000. Hjalmar Stolpe grub zwischen 1871 und 1895 rund 1.100 davon aus, insgesamt ist etwa ein Drittel untersucht.
Kann man Birka besuchen? Ja, in der Sommersaison per Boot ab Stockholm oder von Adelsö. Auf der Insel gibt es Museum, Führungen und ein rekonstruiertes Wikingerviertel; die Originalfunde zeigt das Historiska museet in Stockholm.
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