Manche Gräber sind so reich, dass sie uns bis heute den Atem nehmen. Das Oseberg-Grab bei Tønsberg in Norwegen ist so eines: ein über zwanzig Meter langes, von oben bis unten geschnitztes Schiff, darin zwei Frauen und ein Reichtum an Beigaben, wie man ihn selten findet. Ein Blick in das prächtigste Frauengrab der Wikingerzeit – und auf seine vielen offenen Fragen.
Das Oseberg-Schiff ist ein Karve, klinkergebaut, fast ganz aus Eiche, gut 21 Meter lang. Bug und Heck sind über und über mit ineinander greifenden Tieren verziert – so kunstvoll, dass ein ganzer Kunststil nach dem Fund benannt wurde: der Oseberg-Stil. 1904 und 1905 gruben die Archäologen Gabriel Gustafson und Haakon Shetelig das Schiff aus einem großen Grabhügel. Es gehört bis heute zu den schönsten Dingen, die aus der Wikingerzeit erhalten sind.
Im Schiff lagen zwei Frauen, zusammen in einem Bett. Die eine war alt, etwa achtzig, von schwerer Arthrose gezeichnet; die andere hielt man zuerst für jung, doch neuere Untersuchungen legen ein Alter von etwa fünfzig bis fünfundfünfzig nahe. Wer von beiden die Herrin war und wer die Begleiterin, ist bis heute nicht klar – ebenso wenig, ob eine der beiden geopfert wurde, um der anderen in den Tod zu folgen.
Zwei Frauen, zusammen in einem Bett, in einem geschnitzten Schiff voller Gaben: das prächtigste Frauengrab, das die Wikingerzeit hinterlassen hat. Beschreibung des Oseberg-Grabes (Grabung 1904/05)
Obwohl das Grab schon in alter Zeit von Räubern geöffnet und um Gold und Silber erleichtert worden war, blieb ein Schatz an Alltag und Kunst: vier reich geschnitzte Schlitten, ein vierrädriger Prunkwagen (der einzige vollständige der Wikingerzeit), Betten, Truhen, Webgerät, Textilien und Seide, dazu der berühmte „Buddha-Eimer". Und in dem Grab lagen die Knochen von vierzehn Pferden, einem Rind und drei Hunden – ein Aufwand, der die hohe Stellung der Bestatteten zeigt.
Wer die vornehme Frau war, weiß niemand. Eine Deutung sieht in ihr die Königin Åsa aus dem Geschlecht der Ynglinge, Großmutter Harald Schönhaars; eine andere hält sie für eine Seherin, eine Völva. Beweisen lässt sich keine der beiden. Das Grab ist datiert – die Hölzer der Grabkammer weisen genau in den Herbst 834 – aber der Name der Frau bleibt ein Geheimnis.
Der Oseberg-Stil mit seinen greifenden Tieren wirkt bis heute nach: fein, verschlungen, lebendig. Solche nordische Kunst ist das Herz unserer Arbeit – Motive mit Wurzeln, sauber in Naturschiefer graviert. Wer die Schiffe der Wikinger näher kennenlernen will, findet sie in unserem Beitrag über die Skuldelev-Schiffe.
Das Oseberg-Schiff (bei Tønsberg, Vestfold) ist ein klinkergebauter Karve aus Eiche, gut 21 m lang, mit reich geschnitztem Bug und Heck (Oseberg-Stil). Grabung 1904/05 durch Gabriel Gustafson und Haakon Shetelig. Dendrochronologie datiert die Bestattung in den Herbst 834. Im Grab: zwei Frauen (eine ~80, eine ~50–55), 14 Pferde, ein Rind, drei Hunde, dazu Schlitten, der einzige vollständige Wikingerwagen, Textilien und der „Buddha-Eimer". Das Grab war in antiker Zeit beraubt. Heute im Wikingerschiffsmuseum Oslo.
Vieles ist Deutung: Ob die Frau Königin Åsa oder eine Völva war, ist unbewiesen. Der gebrochene Schlüsselbein-Knochen der jüngeren Frau galt zunächst als Opfer-Beweis, doch er war schon Wochen verheilt. Und die vielzitierte Behauptung, sie habe über die DNA Wurzeln am Schwarzen Meer/in Iran (Haplogruppe U7), konnte von drei späteren Studien NICHT bestätigt werden – die Proben sind wohl verunreinigt. Sicher sind Schiff, Datierung und die Pracht des Grabes.

Die Skuldelev-Schiffe · Steinschiffe – Schiffe aus Stein · Bootsbestattung – das brennende Schiff · Wikinger-Schmuck · Das Ulfberht-Schwert.