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Das Oseberg-Schiff und die zwei Frauen: Fund, Grabkammer, Beigaben und offene Rätsel

Schiffe & Seefahrt Das Oseberg-Schiff und die zwei Frauen: Fund, Grabkammer, Beigaben und offene Rätsel

Das Oseberg-Schiff ist ein rund 21,5 Meter langes, reich geschnitztes Eichenschiff, in dem im Herbst 834 zwei Frauen bei Tønsberg in Norwegen bestattet wurden – mit einem Wagen, vier Schlitten, Betten, Textilien und Opfertieren. Gefunden wurde es 1903, ausgegraben 1904. Hier erfährst du, was über das Schiff, die Grabkammer und die beiden Toten wirklich gesichert ist, warum die Königin-Åsa-These heute als unwahrscheinlich gilt, was die Grabräuber angerichtet haben und wann du das Schiff in Oslo wieder sehen kannst.

Ein Holzstück mit Silbernägeln

Im Sommer 1903 bringt ein Bauer aus Slagen bei Tønsberg ein merkwürdiges Fundstück nach Kristiania, dem heutigen Oslo: ein geschnitztes Holzteil, besetzt mit kleinen Nägeln, gegraben aus einem Hügel auf seinem Hof Oseberg. In vielen Darstellungen heißt der Finder Knut Rom, die Kulturerbe-Abteilung der Provinz Vestfold nennt ihn Oscar Rom – die Namensfrage ist in der Literatur nicht ganz einheitlich. Der Archäologe Gabriel Gustafson von der Altertumssammlung der Universität erkennt sofort, dass das Holz alt ist. Er fährt hinaus, macht am 10. und 11. August 1903 eine Probegrabung und weiß danach: In diesem Hügel liegt ein Schiffsgrab der Wikingerzeit.

Gustafson lässt die Arbeiten bis zum Frühjahr ruhen – der Herbst war zu nah. Was er 1904 aus dem Boden holt, ist bis heute das reichste Grab, das die skandinavische Wikingerzeit hinterlassen hat – und eines der rätselhaftesten.

Die Grabung von 1904: ein Schiff in tausend Teilen

Die Hauptgrabung beginnt im Frühjahr 1904 und endet am 5. November. Gustafson leitet sie, sein Assistent ist der junge Haakon Shetelig. Für die schiffstechnischen Fragen ist der Ingenieur Fredrik Johannessen dabei.

Der Hügel war gewaltig: etwa 44 Meter im Durchmesser und ursprünglich rund sechs Meter hoch. Das Schiff stand zur Hälfte eingegraben in blauem Lehm, war mit Steinen gefüllt und mit Rasensoden überdeckt. Genau dieser luftdichte, nasse Lehm hat das Holz über tausend Jahre erhalten. Er hat es aber auch zerdrückt. Das Gewicht von Steinen und Erde hatte Schiff und Beigaben platt gepresst und in unzählige Stücke zerbrochen. Bemerkenswert: Der Hügel selbst wurde nie vollständig untersucht.

Das Schiff: Eiche, Klinker und eine Schlange am Steven

Das Oseberg-Schiff misst etwa 21,5 Meter in der Länge und gut fünf Meter in der Breite. Es ist fast vollständig aus Eiche gebaut, und zwar in Klinkerbauweise. Das heißt: Die Planken überlappen einander wie Dachschindeln und sind miteinander vernietet; erst danach wurden die Spanten eingesetzt, die dem Rumpf innen Halt geben. Wie diese Technik funktioniert und warum sie den Norden so erfolgreich gemacht hat, erklären wir ausführlich im Beitrag zum Wikinger-Schiffbau.

An jeder Seite gibt es 15 Riemenlöcher, also Platz für 30 Ruderer. Dazu kam ein Mast mit Rahsegel, gesteuert wurde mit einem breiten Seitenruder an Steuerbord. Zur Ausrüstung gehörten ein eiserner Anker, eine Laufplanke und ein Schöpfgefäß. Nach den Ergebnissen der Dendrochronologie wurde das Schiff um das Jahr 820 gebaut, und zwar im Westen Norwegens. Als man es 834 in den Hügel zog, war es also schon ein gutes Jahrzehnt alt.

Was das Schiff unvergleichlich macht, sind Bug und Heck. Die Steven laufen in hohe Spiralen aus; vorn endet die Spirale in einem eingerollten Schlangenkopf. Die Stevenbretter sind über ihre ganze Länge mit Tieren bedeckt, die sich gegenseitig packen, einander in die Leiber beißen und mit ihren Klauen in die Rahmenleisten greifen. Diese sogenannten Greiftiere sind das Erkennungszeichen eines ganzen Kunststils, zu dem wir weiter unten kommen.

War das Schiff seetüchtig? Eine Antwort gab die Nachbildung Saga Oseberg, die 2012 in Tønsberg vom Stapel lief. Bei Fahrten unter vollem Segel erreichte sie 2014 rund zehn Knoten. Ein Kriegsschiff war es trotzdem nicht, wohl eher eine Prunkjacht für eine Herrin, die gesehen werden wollte. Wie sich solche Schiffe von den großen Kriegsschiffen unterscheiden, zeigt unser Überblick zu den Drachenschiffen.

834: Ein Datum, das die Bäume verraten

Lange schätzte man das Grab auf „um 850“, gestützt auf Stilvergleiche. Dann sprach das Holz selbst. Mit der Dendrochronologie – der Datierung über das Muster der Jahresringe – untersuchten Niels Bonde und Arne Emil Christensen die Planken der Grabkammer. Ihr Ergebnis, 1993 in der Fachzeitschrift Antiquity veröffentlicht: Die Bäume für die Kammer wurden im Jahr 834 gefällt, die Bestattung fand wohl im Sommer oder Herbst statt.

Das ist für die Wikingerzeit eine außergewöhnliche Präzision. Zur Einordnung: Der Überfall auf Lindisfarne liegt gerade einmal vier Jahrzehnte zurück, das Königreich Norwegen existiert noch nicht. Im Oslofjord herrschen lokale Kleinkönige, und die Region Vestfold mit dem Handelsplatz Kaupang und den Gräbern von Borre ist eines der Machtzentren des Nordens. Mehr zu dieser Landschaft liest du in unserem Beitrag über die Leute von Vestfold.

Die Grabkammer hinter dem Mast

Hinter dem Mast hatten die Bestattenden eine zeltförmige Kammer aus Holzplanken errichtet. Darin standen Betten mit Daunendecken, kleine Eimer, mehrere Holztruhen, und es lagen große Mengen gewebter Stoffe darin. Die Wände waren vermutlich mit schmalen Bildbändern behängt. Und hier lagen die beiden Frauen.

Die Grabanlage war nach Bereichen geordnet. Im Achterschiff fanden sich Messer, Äxte, Kochausrüstung, eine Handmühle und ein Rind – eine Art Bordküche für die Ewigkeit. Im Vorschiff standen der Wagen, die Schlitten, weitere Betten, Fässer, Zuggeschirr und ein Tierkopfpfosten. Zwischen Mast und Kammer stand ein kastenförmiger Stuhl aus Buchenholz; das norwegische Nationallexikon SNL weist darauf hin, dass seine engsten Parallelen Thronsessel weiter südlich in Europa sind.

Zwei Frauen in einem Bett

Die Knochen beider Frauen waren durcheinandergeworfen und teils verschleppt – dazu gleich mehr. Erste anatomische Untersuchungen nahm Gustav Adolf Guldberg vor, später der Anatom Kristian Emil Schreiner. 1948 wurden die Gebeine in einem Aluminiumbehälter in einem Granitsarkophag zurück in den Hügel gelegt. Der Anatom Per Holck vom Anatomischen Institut der Universität Oslo untersuchte sie danach mit modernen Methoden.

Die ältere Frau war nach diesen Untersuchungen rund 80 Jahre alt, vielleicht älter. Sie litt unter starken Gelenkveränderungen, und im Becken und an den Rippen fanden sich Spuren von Krebsmetastasen, die auf einen Brustkrebs hindeuten. Verdickungen am Schädel könnten auf das sogenannte Morgagni-Syndrom hinweisen, eine Stoffwechselstörung. Die jüngere Frau war lange als junge Dienerin von 25 bis 30 Jahren gedeutet worden. Die Untersuchung der Zahnwurzeln ergab jedoch ein Alter von etwa 50 bis 55 Jahren. Beide waren um 1,58 Meter groß.

Holck berichtete außerdem, dass beide Frauen sich überwiegend von Fleisch ernährt hatten, während in der Bevölkerung Fisch eine große Rolle spielte – ein Hinweis auf hohen Rang. An den Zähnen der Jüngeren fielen Spuren auf, die als Gebrauch eines metallenen Zahnstochers gedeutet wurden. Diese Deutung ist allerdings nicht unumstritten; ähnliche Rillen können auch entstehen, wenn jemand regelmäßig Nadeln oder Fäden mit den Zähnen hält.

Mythos-Check: Die jüngere Frau sei geopfert worden, um ihrer Herrin in den Tod zu folgen? Als Beleg galt lange ihr gebrochenes Schlüsselbein. Die Neuuntersuchung zeigte aber, dass der Bruch beim Tod schon mehrere Wochen geheilt hatte. Ein Menschenopfer ist damit nicht widerlegt – aber es gibt auch keinen Beleg dafür. Und weil die jüngere Frau ebenfalls Fleisch der Oberschicht aß, wirkt die alte Herrin-und-Sklavin-Erzählung heute wenig überzeugend.

Was die DNA (nicht) verrät

Kaum ein Detail über Oseberg geistert so hartnäckig durchs Netz wie die DNA der jüngeren Frau. Holck berichtete, ihre mitochondriale DNA gehöre zur Haplogruppe U7, die heute vor allem im Raum zwischen Schwarzem Meer und Iran vorkommt. Daraus wurde schnell die „Perserin von Oseberg“. Das Problem: Drei spätere Untersuchungen konnten dieses Ergebnis nicht bestätigen. Die Proben enthalten offenbar kaum noch ursprüngliche DNA oder sind verunreinigt. Ob die beiden Frauen miteinander verwandt waren, ließ sich mangels ausreichender DNA ebenfalls nicht klären.

Auch zur Herkunft über Isotopenanalysen – also über chemische Signaturen, die Nahrung und Trinkwasser der Kindheit im Zahnschmelz hinterlassen – liegt nach unserem Kenntnisstand kein gesichertes, veröffentlichtes Ergebnis vor, das die Frage „Woher kamen sie?“ beantworten würde. Belastbar sind derzeit: Alter, Krankheiten, Körpergröße und die fleischreiche Ernährung. Alles andere ist offen.

Ein Wagen, vier Schlitten und Betten für die Ewigkeit

Trotz der Plünderung blieb viel erhalten. Edelmetall fehlt fast völlig – das holten die Räuber. Geblieben ist das, was für sie wertlos war und für uns unbezahlbar ist: Holz, Textil, Alltag.

An erster Stelle steht der Oseberg-Wagen, ein vierrädriger Holzwagen und der einzige vollständige Wagen, der aus der Wikingerzeit bekannt ist. Sein Kasten ist mit figürlichen Szenen beschnitzt, die vermutlich alte Sagenstoffe darstellen. Eine Szene zeigt einen Mann, der von Schlangen umschlungen wird – manche denken an Gunnar in der Schlangengrube aus der Nibelungensage, doch das bleibt eine Deutung. Ob der Wagen im Alltag fuhr, ist fraglich; der Kasten lässt sich abheben, und vieles spricht für einen Zeremonial- oder Prozessionswagen.

Dazu kommen vier Schlitten, drei davon prächtig mit Tierornamentik und geometrischen Mustern verziert. Die Forschung benennt sie bis heute nach ihren Bearbeitern, etwa „Gustafsons Schlitten“ und „Sheteligs Schlitten“. Im Vorschiff lagen außerdem Tierkopfpfosten – die Angaben schwanken zwischen vier und fünf, je nach Zählung der Fragmente. Wozu sie dienten, weiß niemand.

Weiter: mehrere Betten, Truhen, Eimer und Bottiche, Fässer, eine Handmühle, Kochgeschirr, Ruder und Gerät für die Landwirtschaft. In Eimern in der Kammer und im Vorschiff fanden sich Wildäpfel und Blaubeeren. Unter den Pflanzenresten, die der Botaniker Jens Holmboe untersuchte und unter dem Titel „Nytteplanter og ugræs i Osebergfundet“ veröffentlichte, waren Samen von Nutz- und Gartenpflanzen. In der Literatur werden unter anderem Hanfsamen in einem kleinen Lederbeutel und Kressesamen genannt. Einen Rauschmittel-Kult daraus abzuleiten, wie es manchmal geschieht, gibt der Befund nicht her.

Mythos-Check: Pfauen im Oseberg-Grab? Die bekannten Pfauenreste stammen aus dem Nachbargrab von Gokstad, nicht aus Oseberg. Beide Funde werden im Netz gern durcheinandergeworfen – mehr dazu in unserem Beitrag zum Gokstad-Schiff.

Die Tiere: Pferde, Hunde, Rinder

Zur Bestattung gehörten Tieropfer in und um das Vorschiff. Die Zahlen schwanken je nach Quelle und Zählweise. Die Kulturerbe-Abteilung von Vestfold nennt fünfzehn Pferde, vier Hunde und zwei Rinder (eines im Achterschiff, eines im Vorschiff); andere Zusammenstellungen kommen auf vierzehn Pferde, drei Hunde und ein Rind. Fest steht: Mehr als ein Dutzend Pferde wurden getötet – ein enormer Aufwand, denn Pferde waren teuer und hatten hohen Rang. Wie eng Pferd, Kult und Status im Norden verbunden waren, liest du in unserem Beitrag Die Pferde der Wikinger.

Der Buddha-Eimer: ein Fremder aus Irland

Einer der berühmtesten Gegenstände des Grabes ist ein Eimer aus Eibenholz mit Messing- beziehungsweise Bronzebeschlägen. Am Henkelansatz sitzen zwei kleine Figuren: Männer im Schneidersitz mit ernstem, fast traurigem Gesicht, verziert mit Email. Gustafson nannte sie wegen der Haltung den „Buddha“, und der Name blieb. Mit Buddhismus hat die Figur nichts zu tun.

Die Archäologin Hanne Lovise Aannestad vom Kulturhistorischen Museum Oslo ordnet sie der irisch-britischen Kunst des 8. Jahrhunderts zu, vermutlich aus einer Klosterwerkstatt. Schon Sigurd Grieg stellte 1928 fest, dass die Metalltechnik nicht norwegisch ist. Der Eimer war beim Begräbnis also rund hundert Jahre alt. Kam er als Beute aus einem Klosterüberfall, als Geschenk, über den Handel? Niemand weiß es. Wie Dinge aus fernen Ländern in den Norden kamen, zeigt unser Beitrag zum Handel der Wikinger.

Webstühle, Seide und der Oseberg-Teppich

In Truhen lagen Stoffreste, feines Nähzeug und Webgeräte, darunter Teile von Webstühlen und Brettchen für die Brettchenweberei. Dazu kommen Wollkleidung und importierte Seide. Die Textilforscherin Marianne Vedeler hat die Seide aus Oseberg und anderen Gräbern in ihrem Buch Silk for the Vikings untersucht – sie kam über weit gespannte Handelswege vermutlich aus dem byzantinischen oder persischen Raum in den Norden. Wie die Frauen der Wikingerzeit spannen, webten und färbten, erklären wir in Weberei und Textilhandwerk der Wikinger.

Das berühmteste Textil ist der sogenannte Oseberg-Teppich. Eigentlich sind es über hundert Fragmente schmaler Bildbänder, nur etwa 16 bis 23 Zentimeter breit, aus Wolle und Pflanzenfasern, von denen die pflanzlichen Fäden inzwischen fast vergangen sind. Vedeler rechnet mit mindestens drei verschiedenen Bildwerken.

Zu sehen ist ein Zug von Menschen, Pferden und überdachten Wagen, der von rechts nach links zieht. Manche Figuren tragen Speere oder Stäbe, eine trägt offenbar einen gehörnten Helm, eine andere eine Tiermaske. Alle Frauen tragen Kleider mit Schleppe, ein Statuszeichen. Auf einem Fragment schweben zwei schwarze Vögel über einem Pferd; die Archäologin Anne Stine Ingstad sah darin Odins Raben, Hugin und Munin. Ein separates, gefaltetes Fragment zeigt einen großen Baum, an dem offenbar Gestalten hängen. Vedeler hält es für möglich, dass es neun Männer sind, und denkt – ausdrücklich als Deutung – an Odin und den Weltenbaum Yggdrasil.

Königin Åsa? Eine verführerische Hypothese

Schon kurz nach der Grabung suchte man nach einem Namen. Am nächsten lag eine Frau aus der Königssage: Åsa, Tochter des Königs Harald Granraude von Agder. Nach der Ynglinga saga, die Snorri Sturluson um 1230 als Teil der Heimskringla aufschrieb, wurde sie gegen ihren Willen mit König Gudrød von Vestfold verheiratet, ließ ihn später töten und kehrte mit ihrem Sohn nach Agder zurück. Dieser Sohn war Halvdan Svarte, der Vater von Harald Schönhaar, dem ersten König über ganz Norwegen.

Der Haken liegt in der Quellenlage. Snorri schrieb rund vierhundert Jahre nach dem Begräbnis, seine Chronologie für das 9. Jahrhundert ist unsicher, und nichts im Grab nennt einen Namen. Dazu kommt: Man hatte die ältere Frau für die Königin gehalten und die jüngere für eine Dienerin. Das Norwegische Nationallexikon (SNL) bewertet die Åsa-Deutung heute als unwahrscheinlich. Man hat sogar im Hofnamen Oseberg einen Anklang an Åsa hören wollen – sprachlich ist das nicht gesichert.

Oder eine Seherin?

Eine zweite, ebenso populäre Deutung sieht in einer der Frauen eine Völva, eine Seherin. Anne Stine Ingstad hat diese Linie stark gemacht, auch im Zusammenhang mit Fruchtbarkeits- und Freyja-Kult. Argumente sind die Prozessionsszenen auf den Bildbändern, die rätselhaften Tierkopfpfosten, der Wagen, der an die Umfahrt einer Gottheit erinnert, und die Hanfsamen. In anderen Gräbern Skandinaviens sind Frauen mit eisernen Stäben bestattet worden, die als Seherinnenstäbe gelten. Für Oseberg fehlt ein solcher eindeutiger Stab. Wenn dich diese Welt interessiert, findest du sie ausführlich in unseren Beiträgen Seiðr – die Magie der Völva und Die Völva – die Seherin des Nordens.

Unser Fazit dazu: Die Frauen von Oseberg waren mächtig, reich und wurden mit einem Aufwand bestattet, der in der Wikingerzeit seinesgleichen sucht. Ob ihre Macht weltlich, religiös oder beides war, sagt uns das Grab nicht. Mehr zur Rolle von Frauen findest du in Frauen in der Wikingerzeit.

Die Grabräuber: ein Jahrhundert später

Gustafson bemerkte schon bei der Grabung einen Schacht, der von vorne in den Hügel zur Grabkammer führte. Die Räuber hatten die Kammer aufgebrochen, die Toten herausgezerrt und Knochen verstreut; ein großer Teil des Skeletts der älteren Frau lag im Einbruchsgang vor dem Mast. Nach SNL ist sogar denkbar, dass eine dritte Person, vielleicht ein Mann, dabei entfernt wurde – ein Gedanke, der nicht bewiesen ist.

Lange nahm man an, der Raub sei kurz nach dem Begräbnis geschehen. Doch die Räuber ließen ihre Holzspaten zurück. Jan Bill und Aoife Daly haben sie dendrochronologisch untersucht und 2012 in Antiquity gezeigt: Die Spaten stammen aus der Zeit kurz nach 953. Der Einbruch lag also rund 120 Jahre nach der Bestattung. Für das Gokstad-Grab fanden sie ein ähnliches Muster. Bill und Daly deuten die Plünderungen als Machtpolitik: Sie fallen in die Zeit, in der der dänische König Harald Blauzahn seinen Einfluss über Vestfold ausdehnte und das Christentum förderte. Die alten Königshügel waren Symbole einer heidnischen, lokalen Dynastie – sie zu schänden war eine Botschaft.

Gesichert: Bestattung 834 (Dendrochronologie der Kammerhölzer, Bonde & Christensen 1993); Schiff um 820 gebaut; Grabraub nach Ausweis der zurückgelassenen Spaten kurz nach 953 (Bill & Daly 2012). Zwei Frauen, etwa 80 und 50–55 Jahre alt. Edelmetall fehlt, Holz- und Textilfunde sind außergewöhnlich gut erhalten.

Der Oseberg-Stil: Greiftiere und Meisterschnitzer

Die Schnitzereien aus dem Grab sind so reich, dass die Kunstgeschichte einen ganzen Stil danach benannt hat. Der Oseberg-Stil steht am Beginn der Wikingerkunst, grob in der ersten Hälfte und Mitte des 9. Jahrhunderts, und vermittelt zwischen dem älteren Broa-Stil und dem jüngeren Borre-Stil. Sein Markenzeichen ist das Greiftier: ein gedrungenes Tier mit großen Augen, das mit seinen Pfoten alles packt, was in Reichweite ist – den Nachbarn, den eigenen Körper, den Rand des Bildfelds.

Spannend ist, dass man in Oseberg verschiedene Hände unterscheiden kann. Shetelig und spätere Forscher haben die Tierkopfpfosten und Schlitten einzelnen Schnitzern zugeordnet und ihnen Spitznamen gegeben, etwa „der Akademiker“ für den klassisch-strengen Meister oder „der Barockmeister“ für den, dessen Tiere sich in wilder Fülle ineinander verschlingen. Wie sich die Stile von Oseberg bis Urnes entwickelten, zeigen wir in Die Kunststile der Wikingerzeit.

Alaun: Die Rettung, die zum Problem wurde

Nach der Bergung mussten die Hölzer getrocknet werden, ohne zu schrumpfen oder zu zerfallen. Eiche, Esche, Kiefer und Eibe waren gut erhalten und wurden größtenteils an der Luft getrocknet – so auch der Schiffsrumpf. Die fein geschnitzten Stücke aus Ahorn und Birke aber, darunter Schlitten und Teile des Wagens, waren weich wie nasses Brot. Für sie griff man zu einer Methode, die damals Stand der Technik war: der Alaun-Behandlung.

Dabei kochte man die Fragmente in einer konzentrierten Lösung aus Kaliumaluminiumsulfat bei etwa 90 Grad. Das Salz ersetzte das Wasser und kristallisierte aus; das Holz behielt seine Form. Tausende Fragmente wurden so behandelt, daraus entstanden nach der Rekonstruktion rund 200 Objekte.

Das Problem zeigte sich Jahrzehnte später. Alaun dringt nicht tief ein, im Inneren blieb das Holz schwach. In den 1990er-Jahren waren die alaunbehandelten Schlitten und Wagenteile schwer geschädigt: zu schwer, innen mürbe, die Metallverbinder korrodiert. Schon ein Tierkopfpfosten hatte bei der Behandlung seine feinen Details verloren; die übrigen Pfosten ließ man deshalb fast fünfzig Jahre lang im Wasser liegen, bis man sie mit tertiärem Butanol behandeln und gefriertrocknen konnte. Seit 2007 untersucht das Kulturhistorische Museum im Projekt „Saving Oseberg“, wie sich die alaunbehandelten Hölzer stabilisieren lassen.

Wo du das Oseberg-Schiff sehen kannst

Seit 1926 steht das Oseberg-Schiff auf der Halbinsel Bygdøy in Oslo. Das alte Wikingerschiffshaus war für etwa 40.000 Besucher im Jahr gebaut, zuletzt kamen fast 600.000. Es wurde 2021 geschlossen und wird zum Museum der Wikingerzeit (Vikingtidsmuseet) umgebaut, das mit rund 13.000 Quadratmetern mehr als dreimal so groß sein soll.

Am 10. September 2025 wurde das Schiff zum ersten Mal seit 99 Jahren bewegt: in einem vibrationsgeschützten Stahlkasten, an einer Kranbahn unter der Decke, nur wenige Zentimeter pro Minute, rund 100 Meter weit in den Neubau. Die Aktion dauerte etwa zwölf Stunden. Danach folgten das Gokstad- und das Tune-Schiff, die Schlitten und rund 5.000 Fundstücke. Die Eröffnung ist für 2027 geplant. Ein genaues Datum war bei unserer Recherche im Oktober 2026 noch nicht offiziell bekanntgegeben – schau also vor einer Reise auf die Seiten des Kulturhistorischen Museums der Universität Oslo. Weitere Ziele für eine Reise in den Norden sammeln wir in Wikinger erleben: Museen und Fundorte.

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Häufige Fragen

Wann wurde das Oseberg-Schiff gefunden? Entdeckt wurde es 1903 auf dem Hof Oseberg bei Tønsberg, nach einer Probegrabung im August 1903. Die eigentliche Ausgrabung fand 1904 unter Gabriel Gustafson und Haakon Shetelig statt.

Wie alt ist das Oseberg-Schiff? Das Schiff wurde um 820 gebaut. Die Bestattung datiert über die Jahresringe der Grabkammerhölzer in das Jahr 834.

Wer liegt im Oseberg-Grab? Zwei Frauen von hohem Rang, etwa 80 und 50 bis 55 Jahre alt. Ihre Namen sind unbekannt; die Deutung als Königin Åsa gilt heute als unwahrscheinlich.

Wurde im Oseberg-Grab eine Frau geopfert? Dafür gibt es keinen Beleg. Der Schlüsselbeinbruch der jüngeren Frau war beim Tod bereits mehrere Wochen verheilt.

Was ist der Buddha-Eimer? Ein Eimer aus Eibenholz mit Metallbeschlägen, an dem zwei Figuren im Schneidersitz sitzen. Die Figuren sind irisch-britische Arbeiten des 8. Jahrhunderts und haben nichts mit Buddhismus zu tun.

Kann man das Oseberg-Schiff besichtigen? Das Wikingerschiffshaus in Oslo ist seit 2021 geschlossen. Das Schiff steht bereits im neuen Museum der Wikingerzeit auf Bygdøy, dessen Eröffnung für 2027 geplant ist.

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