Eine Schiffssetzung ist ein Grab- oder Erinnerungsmal aus aufrecht gestellten Steinen, die zusammen den Umriss eines Schiffes bilden – spitz an beiden Enden, bauchig in der Mitte, mit besonders hohen Steinen an Bug und Heck. Solche Steinschiffe entstanden im Ostseeraum über fast zwei Jahrtausende: die ersten in der jüngeren Bronzezeit, vor allem auf Gotland, die größten erst in der Wikingerzeit. Hier erfährst du, was die Archäologie über Ales stenar, Lindholm Høje, Jelling und Co. wirklich weiß – und wo die Deutung beginnt.
Stell dich an einem windigen Nachmittag auf die Steilküste bei Kåseberga in Schonen. Unter dir die Ostsee, hinter dir Weideland – und vor dir 59 Findlinge, die in einer langen, eleganten Linie stehen. Erst wenn du ein paar Schritte zurücktrittst, kippt das Bild: Das ist ein Schiff. Ein steinernes Schiff, fast 70 Meter lang, mit hochgezogenem Bug und Heck, auf Kiel gelegt über dem Meer. Es wird nie auslaufen – und genau darum geht es.
Die Fachsprache nennt solche Anlagen Schiffssetzungen (schwedisch skeppssättning, dänisch skibssætning, norwegisch skipssetning). Gemeint ist eine Steinsetzung, also eine bewusst angelegte Anordnung von Steinen, deren Umriss ein Boot oder Schiff nachzeichnet. Zwei Reihen aufrechter Steine bilden die Bordwände. Sie laufen an den Enden spitz zusammen, wo meist die größten und höchsten Steine stehen: die Stevensteine. Viele Setzungen steigen zu den Enden hin in der Höhe an, genau wie die geschwungenen Steven eines echten Bootes. Manche haben zusätzlich einen Stein in der Mitte, der als Mast oder Steuerplatz gedeutet wird – eine Deutung, kein Befund.
Die Bandbreite ist enorm. Es gibt Steinschiffe von wenigen Metern Länge, kaum größer als ein Ruderboot, und es gibt Monumente von über 300 Metern. Manche liegen allein auf einer Anhöhe, andere bilden ganze Flotten auf einem Gräberfeld. Und sie stammen nicht aus einer einzigen Epoche. Wer „Steinschiff“ sagt und dabei automatisch an Wikinger denkt, liegt nur zum Teil richtig. Das ist der erste und wichtigste Punkt dieses Artikels.
Schiffssetzungen sind über einen Zeitraum von rund 2.000 Jahren errichtet worden, grob von etwa 1000 v. Chr. bis um 1000 n. Chr. Dazwischen liegen aber keine gleichmäßig verteilten Jahrhunderte, sondern zwei deutliche Schwerpunkte.
Der erste liegt in der jüngeren nordischen Bronzezeit, also etwa zwischen 1100 und 500 v. Chr. Aus dieser Zeit stammen vor allem die Steinschiffe auf Gotland und Bornholm sowie Gruppen an der Ostküste Schwedens und im Baltikum. Mit Wikingern haben sie nichts zu tun: Zwischen diesen Gräbern und dem Überfall auf Lindisfarne 793 liegen gut anderthalb Jahrtausende. Ihre Welt ist die, aus der auch der Sonnenwagen von Trundholm stammt. Auf den Felsbildern dieser Epoche ist das Schiff eines der häufigsten Motive überhaupt.
Der zweite Schwerpunkt liegt in der jüngeren Eisenzeit: in der späten Völkerwanderungszeit, der Vendelzeit und der Wikingerzeit, etwa vom 5. bis ins 11. Jahrhundert n. Chr. In diese Phase gehören die großen Anlagen in Schonen, Dänemark und Mittelschweden, darunter Ales stenar, Lindholm Høje, Glavendrup, Anundshög und Jelling. Ob es zwischen beiden Phasen eine durchgehende Tradition gab oder ob man in der Eisenzeit eine alte Form bewusst wieder aufgriff, lässt sich nicht sicher sagen. Für die frühe Eisenzeit sind Schiffssetzungen jedenfalls deutlich seltener belegt.
Nirgends stehen so viele Steinschiffe wie auf Gotland. Die Länsstyrelse Gotland, also die schwedische Provinzverwaltung, spricht von über 300 Schiffssetzungen auf der Insel. Die meisten stammen aus der jüngeren Bronzezeit, und in der Regel wurde in jedem Schiff nur ein Mensch beigesetzt – oft als Brandbestattung in einer kleinen Steinkiste.
Das bekannteste Beispiel ist Tjelvars grav bei Boge: rund 18 Meter lang, etwa 5 Meter breit, die Randsteine an den Enden am höchsten und zur Mitte hin niedriger. Bei einer Untersuchung in den 1930er-Jahren fand man eine bereits geplünderte Steinkiste mit verbrannten Knochen und einigen Scherben. Der Name ist allerdings viel jünger als das Grab. Er stammt aus der Gutasaga, einer Erzählung über Gotlands Frühgeschichte, die im 13. Jahrhundert aufgeschrieben wurde. Darin ist Tjelvar der erste Mensch auf Gotland: Er brachte das Feuer auf die Insel, die bis dahin jede Nacht im Meer versank. Dass die Leute später ausgerechnet ein bronzezeitliches Steinschiff zu seinem Grab erklärten, verrät viel darüber, wie diese Denkmäler im Mittelalter wahrgenommen wurden: als Spuren uralter Ahnen.
Ebenfalls oft besucht ist die Schiffssetzung von Gannarve im Kirchspiel Fröjel an der Westküste. Sie ist weitgehend eine Rekonstruktion: Bei den Ausgrabungen Ende der 1950er-Jahre standen nur noch die Stevensteine. Die übrigen Steine wurden anhand der Spuren im Boden an ihre ursprünglichen Plätze gesetzt. Gannarve ist damit ein gutes Beispiel für ein Problem, das alle großen Steinschiffe betrifft: Was du siehst, ist oft das Ergebnis moderner Restaurierung. Ein Grund zur Vorsicht, wenn jemand aus der Stellung einzelner Steine weitreichende Schlüsse zieht.
Der Archäologe Joakim Wehlin hat in seiner Dissertation an der Universität Göteborg (2013) die bronzezeitlichen Steinschiffe des Ostseeraums untersucht. Er fand an manchen Plätzen Spuren von Herdstellen, Pfostenlöchern und Feuersteinabschlägen und schlug vor, dass diese Orte nicht nur Gräber, sondern auch Treffpunkte waren – womöglich verbunden mit Aufbruchsritualen oder Landeplätzen an alten Wasserwegen.
Schiffssetzungen sind kein rein skandinavisches Phänomen. Im nördlichen Kurland in Lettland, vor allem im Bezirk Talsi, gibt es eine Gruppe bronzezeitlicher Steinschiffe, die im Volksmund Velna laivas heißen, „Teufelsschiffe“. Sie werden in die Zeit um 950–750 v. Chr. datiert; nur noch wenige sind heute sichtbar, mehrere wurden zerstört. Auch auf der estnischen Insel Saaremaa und auf Åland sind Schiffssetzungen bekannt. Die Ähnlichkeit zu Gotland ist so auffällig, dass viele Forschende mit Kontakten oder sogar Zuwanderung über die Ostsee rechnen. Klar ist: Die Ostsee hat in der Bronzezeit eher verbunden als getrennt.
Zurück nach Kåseberga, etwa zehn Kilometer südöstlich von Ystad. Ales stenar („Ales Steine“) ist mit rund 67 Metern Länge und etwa 19 Metern Breite die größte erhaltene Schiffssetzung Schwedens. Sie besteht aus 59 großen Sandsteinblöcken, von denen die schwersten bis zu fünf Tonnen wiegen. Die Stevensteine an beiden Enden sind deutlich größer als die übrigen.
Dass das Schiff heute so geschlossen dasteht, ist zum Teil der Denkmalpflege zu verdanken. Anfang des 20. Jahrhunderts standen nur noch 16 der 59 Steine sicher aufrecht, die übrigen wurden 1916 wieder aufgerichtet. Wie genau man dabei die ursprünglichen Positionen traf, ist nicht bekannt.
Die erste wissenschaftliche Ausgrabung leitete 1989 die Lunder Archäologin Märta Strömberg, die ihre Ergebnisse 1997 veröffentlichte. Im Inneren der Anlage fand man ein verziertes Tongefäß mit verbrannten Menschenknochen, die vermutlich von einem Scheiterhaufen stammen. Insgesamt liegen sieben Radiokarbondaten vor. Sechs davon gruppieren sich um 600 n. Chr. – darunter Birkenholzkohle direkt unter einem Stein, der offenbar ungestört stand, sowie eine verkohlte Speisekruste im Tongefäß. Ein einziges Datum fällt völlig aus dem Rahmen: rund 3500 v. Chr., gewonnen aus rußgeschwärzten Steinen, die wohl zu einer viel älteren Feuerstelle am Platz gehören. Das schwedische Reichsantikvaramt (Riksantikvarieämbetet) hält eine Errichtung um 600 n. Chr. für am wahrscheinlichsten – also am Übergang von der Vendelzeit zur Wikingerzeit, nicht in der Bronzezeit.
Kaum ein Steinschiff hat so viel Streit ausgelöst. Der Amateurforscher Bob Lind vertritt seit Jahrzehnten die These, Ales stenar sei ein bronzezeitlicher Sonnenkalender: Zur Sommersonnenwende gehe die Sonne über dem einen Stevenstein unter, zur Wintersonnenwende über dem anderen auf, und die Steine dazwischen markierten die Monate. Das klingt elegant und hat Ales stenar den Spitznamen „schwedisches Stonehenge“ eingebracht.
Die Fachwelt sieht das weit überwiegend anders. Der Astronom Curt Roslund und der Archäologe Jonathan Lindström haben Linds Argumente 2002 in der Zeitschrift Folkvett ausführlich geprüft. Ihre Kritik: Die vermeintlichen Kalenderabschnitte sind zwischen 3 und 30 Tage lang, manchmal zählt die Sonne über einem Stein, manchmal neben ihm, eine Fehlerrechnung fehlt – und weil die meisten Steine erst 1916 neu gesetzt wurden, lässt sich aus Abweichungen von wenigen Zentimetern ohnehin nichts ableiten. Dazu kommt die Datierung: Sechs von sieben Proben weisen auf die Zeit um 600 n. Chr., keine auf die Bronzezeit.
Dass die Längsachse ungefähr nach den Sonnenwendpunkten ausgerichtet ist, wird gar nicht bestritten. Eine solche Ausrichtung kann auch bei einem Grabmal beabsichtigt sein – Sonnenlauf und Totenkult schließen sich nicht aus. Unbelegt ist dagegen die Idee eines präzisen Jahreskalenders aus der Bronzezeit. Einige Forschende rechnen zwar weiterhin mit einem älteren Ursprung der Anlage, aber die vorliegenden Daten stützen das bislang nicht.
Wenn Ales stenar das einsame Flaggschiff ist, dann ist Lindholm Høje der Hafen. Auf einem Hügel nördlich des Limfjords, mit Blick auf Aalborg, liegt das größte Gräberfeld Dänemarks aus der jüngeren Eisen- und Wikingerzeit. Rund 700 Gräber wurden hier freigelegt, die allermeisten Brandgräber. Der Archäologe Thorkild Ramskou grub das Feld von 1952 bis 1958 aus.
Das Besondere: Keine andere Grabstätte Skandinaviens hat so viele erhaltene Schiffssetzungen. Zu verdanken ist das einem Unglück. Nach Rodungen wehte Flugsand über den Hügel, stellenweise meterhoch, und begrub Gräber und Siedlung. Unter dieser Decke blieben die Steinsetzungen erhalten, während anderswo Pflug und Steinbrecher ganze Felder abräumten.
Lindholm Høje zeigt außerdem, wie sich die Grabformen veränderten. Die ältesten Gräber, um 500 n. Chr. oder etwas früher, sind mit dreieckigen, viereckigen oder runden Steinsetzungen markiert. Ab dem 8. Jahrhundert werden ovale Setzungen häufiger, und in der Wikingerzeit dominieren die Schiffssetzungen. Viele davon sind klein, nur wenige Meter lang. Das Steinschiff war hier also kein Privileg einiger Fürsten, sondern eine verbreitete Form, die Toten einer ganz normalen Gemeinschaft zu kennzeichnen. Im Museum am Fuß des Hügels kannst du dir das genauer ansehen – und bitte: nicht auf die Steine klettern.
Das gewaltigste Steinschiff ist heute kaum noch zu sehen – und genau das macht es so faszinierend. In Jelling in Jütland, wo König Gorm der Alte und sein Sohn Harald Blauzahn ihre Runensteine setzten, gehörte eine riesige Schiffssetzung zum Königsmonument. Der Nordhügel liegt in ihrer Mitte, der Südhügel überdeckt ihr südliches Ende.
Wie groß sie war, hat sich im Lauf der Forschung mehrmals geändert. Ältere Nachschlagewerke nennen Werte um 150 bis 170 Meter. Erst die Untersuchungen des Nationalmuseums und des Vejle Museums zwischen 2006 und 2013 ergaben das heutige Bild: Das Nationalmuseum gibt die Länge mit rund 356 Metern an, andere Darstellungen mit 354 Metern. Damit ist Jelling mit großem Abstand die größte bekannte Schiffssetzung überhaupt. Bei denselben Grabungen fand man eine rautenförmige Palisade von rund 1.440 Metern Umfang, die das ganze Areal einschloss. Heute markieren weiße Betonelemente und Stelen den Verlauf von Schiff und Palisade.
Zur Datierung: Die Grabkammer im Nordhügel ist dendrochronologisch, also über die Jahrringe des Holzes, auf 958/959 datiert. Die Monumente insgesamt entstanden etwa zwischen 950 und 970. Ob die Schiffssetzung vor oder nach den Hügeln angelegt wurde und wem sie zuerst galt, wird diskutiert. Gorm nennt auf seinem kleinen Runenstein seine Frau Thyra; manche Forschende vermuten, das Steinschiff sei ursprünglich ihr Denkmal gewesen. Sicher belegt ist das nicht.
Bemerkenswert ist die politische Aussage. Ein heidnisches Grabsymbol in kolossalem Maßstab, kombiniert mit Harald Blauzahns Runenstein, der sich rühmt, die Dänen zu Christen gemacht zu haben: Jelling ist ein Ort des Übergangs.
In Dänemark gibt es eine Gruppe wikingerzeitlicher Schiffssetzungen, bei denen Schiff und Schrift zusammengehören. Am bekanntesten ist Glavendrup auf Nordfünen. Die Schiffssetzung war ursprünglich rund 60 Meter lang und ist um einen bronzezeitlichen Grabhügel herum angelegt – auch hier griff man also bewusst auf einen alten Ort zurück. Am Westende steht der Glavendrup-Stein mit der längsten Runeninschrift Dänemarks. Ragnhildr setzte ihn für Alli, einen Goden – einen Mann mit religiöser und politischer Rolle – und schließt mit einer Weiheformel für Thor und einem Fluch gegen jeden, der den Stein zerstört. Die Inschrift wird meist in das frühe 10. Jahrhundert datiert. Eine Ausgrabung 1958 fand innerhalb der Setzung Brandspuren, aber kein Grab.
Bei Bække in Südjütland (etwa 45 Meter) bildet ein Runenstein selbst den Stevenstein, und bei Lejre auf Seeland standen mit den Tingstenene ehemals eine oder mehrere Schiffssetzungen von rund 80 Metern Länge – eine der größten im Norden. Das Nebeneinander von Runenstein und Steinschiff zeigt, dass beides zusammen gedacht wurde: das Schiff als Form, die Inschrift als Stimme.
Bei Västerås in Mittelschweden liegt Anundshög, mit rund 60 Metern Durchmesser und etwa 9 Metern Höhe der größte Grabhügel Schwedens. Unter ihm wurde eine Feuerstelle auf 210–540 n. Chr. datiert. Am Fuß des Hügels liegen fünf Schiffssetzungen, eine in Schweden einmalige Zahl. Die beiden größten liegen Ende an Ende, jede gut 50 Meter lang; die größte misst nach Angaben des Platzes 53 mal 16 Meter. Vier der fünf wurden restauriert, nachdem man die Steine mit der Christianisierung umgestürzt hatte. Daneben steht eine Reihe von Bautasteinen mit dem Runenstein Vs 13, den ein Mann namens Folkvid für seinen Sohn Heden setzte.
Anundshög gilt als alter Thingplatz, an dem Recht gesprochen wurde – mehr dazu in unserem Beitrag zu Bällsta und Anundshög. Ob die Steinschiffe dort Gräber sind, Erinnerungsmale oder Teil der Versammlungskulisse, ist nicht geklärt; eine sichere Datierung der Setzungen fehlt.
Ganz im Westen Schwedens, bei Strömstad in Bohuslän, steht die Schiffssetzung von Blomsholm: 41 Meter lang, 9 Meter breit, aus 49 Steinen, die Stevensteine fast 4 Meter hoch, die Steine mittschiffs um einen Meter. In der Mitte steht ein Gedenkstein aus den 1660er-Jahren – ein schönes Beispiel dafür, dass spätere Jahrhunderte diese Orte weiter nutzten. Die Sage, dort lägen Soldaten aus dem Feldzug Karls XII. von 1718 begraben, ist nicht belegt.
Die meisten Schiffssetzungen sind Grabmarkierungen. Unter oder in ihnen liegen Bestattungen, meist Brandgräber mit Knochenresten in Urnen oder Steinkisten. Das gilt für die bronzezeitlichen Schiffe auf Gotland ebenso wie für die vielen kleinen Setzungen von Lindholm Høje. Was du über die Bestattungsbräuche insgesamt wissen willst, findest du in unserem Überblick Tod und Jenseits im Norden.
Aber nicht jede Setzung enthält ein Grab. In Glavendrup fand man nur Brandspuren, in Ales stenar ein Gefäß mit Knochen, aber kein klassisches Grab, und manche gotländischen Schiffe waren leer. Deshalb rechnet die Forschung mit weiteren Funktionen:
Diese Funktionen schließen sich nicht aus. Ein Ort konnte Grab sein und zugleich der Platz, an dem sich eine Gemeinschaft regelmäßig traf.
Bleibt die große Frage: Warum gerade ein Schiff? In der Wikingerzeit gab es ja auch echte Schiffsgräber. In Oseberg, Gokstad und Ladby ruhten Tote in vollständigen Schiffen, in Schweden kennen wir die Bootgräber von Vendel und Valsgärde, und Ibn Fadlan beschreibt an der Wolga die Verbrennung eines Rus-Häuptlings in seinem Schiff (nachzulesen bei uns: Ibn Fadlan). Mehr dazu im Beitrag zur Bootsbestattung und zum Gokstad-Schiff.
Eine verbreitete Deutung sieht in der Schiffssetzung ein „Ersatzschiff“: Wer kein echtes Schiff ins Grab geben konnte oder wollte, setzte dem Toten eines aus Stein. Das klingt plausibel, und auf Gräberfeldern wie Lindholm Høje, wo Hunderte einfacher Leute bestattet wurden, ist ein steinerner Umriss sicher erschwinglicher als ein Boot. Aber Vorsicht vor einer zu glatten Rechnung. Die Bronzezeit kennt Steinschiffe, aber kaum echte Bootsgräber – dort war das Steinschiff also kein Ersatz für etwas anderes, sondern die eigentliche Form. Und in Jelling ist das Steinschiff alles andere als die billige Lösung.
Welche Vorstellung hinter dem Schiff stand, verraten die Steine nicht direkt. Die späten Schriftquellen helfen nur begrenzt, weil sie Jahrhunderte jünger sind. Am bekanntesten ist Snorris Erzählung von Baldrs Bestattung in der Gylfaginning (Snorra-Edda, um 1220). Sinngemäß, in eigener Übertragung:
Die Götter nahmen Baldrs Leichnam und trugen ihn zum Meer. Hringhorni hieß Baldrs Schiff, das größte aller Schiffe; dort wollten sie den Scheiterhaufen errichten. Snorri Sturluson, Gylfaginning 49 – eigene Übertragung
Daraus folgt nicht, dass die Erbauer von Ales stenar an Baldr dachten. Aber es zeigt, dass das Schiff in der nordischen Vorstellung mit Tod und Übergang verbunden blieb – bis zu Hringhorni und den Schiffsdarstellungen auf den gotländischen Bildsteinen. Manche Forschende verweisen zusätzlich auf Freyjas Totenreich Fólkvangr und ihren Saal Sessrúmnir, dessen Name sich als „Sitzraum“ deuten lässt – eine Idee, die mit dem Bild eines Schiffes auf dem Feld spielt (mehr zu den Totenreichen: Walhall, Hel, Fólkvangr). Das ist eine moderne Hypothese, keine Quellenaussage.
Was uns an Schiffssetzungen so berührt, ist die Verbindung von Aufbruch und Dauer. Ein Holzschiff verrottet, ein Steinschiff bleibt. Genau das ist auch der Gedanke hinter jeder Gravur in Stein. Bei uns in Alsdorf entsteht das Motiv gern so: die Draufsicht auf eine Schiffssetzung als schlichte Linie aus Punkten, die zu den Enden hin größer werden, darunter ein Name und zwei Jahreszahlen – oder der Umriss von Ales stenar mit der Küstenlinie. Auf Naturschiefer wirkt das fast wie ein Blick aus der Luft auf ein altes Gräberfeld. Als Gedenktafel, für einen Gartenplatz der Erinnerung oder einfach für alle, die schon einmal bei Wind auf der Klippe von Kåseberga standen.

Was ist eine Schiffssetzung? Eine Anordnung aufrecht gestellter Steine im Umriss eines Schiffes, meist mit hohen Stevensteinen an beiden Enden. Die meisten markieren Gräber, einige waren wohl Gedenk- oder Versammlungsorte.
Wie alt sind Steinschiffe? Sie wurden etwa von 1000 v. Chr. bis um 1000 n. Chr. errichtet. Die gotländischen Steinschiffe stammen überwiegend aus der jüngeren Bronzezeit, die großen dänischen und schonischen Anlagen aus der jüngeren Eisen- und Wikingerzeit.
Wie alt ist Ales stenar? Sechs von sieben Radiokarbondaten weisen auf die Zeit um 600 n. Chr.; das schwedische Reichsantikvaramt hält dies für die wahrscheinlichste Bauzeit. Eine bronzezeitliche Entstehung ist nicht belegt.
Ist Ales stenar ein Sonnenkalender? Die Anlage ist ungefähr auf die Sonnenwenden ausgerichtet, die These eines präzisen Kalenders gilt in der Forschung aber als nicht belegt. Zudem wurden die meisten Steine 1916 neu aufgerichtet.
Welches ist die größte Schiffssetzung? Die von Jelling in Dänemark mit rund 354–356 Metern Länge, wie Grabungen zwischen 2006 und 2013 zeigten. Die größte vollständig erhaltene in Schweden ist Ales stenar mit etwa 67 Metern.
Wo gibt es die meisten Steinschiffe? Auf Gotland, wo über 300 Schiffssetzungen bekannt sind. Die größte Konzentration gut erhaltener Steinschiffe auf einem einzigen Gräberfeld bietet Lindholm Høje bei Aalborg.
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