Es gibt eine bekannte Faustregel: Dänen segelten nach Westen, Norweger über den Atlantik, Schweden nach Osten. Als grobe Landkarte der Wikingerwelt taugt das erstaunlich gut – als feste Wahrheit über „Nationen" taugt es gar nicht. Wir zeigen beides: das nützliche Muster und seine Grenzen.
Wer sich in die Wikingerzeit einliest, stößt früher oder später auf eine einprägsame Dreiteilung: Die Dänen zogen vor allem nach Westen und Süden, die Norweger hinaus über den Atlantik, die Schweden nach Osten. Diese Regel ist beliebt, weil sie Ordnung in ein riesiges Geschehen bringt. Von ungefähr 793 bis 1066 waren Skandinavier auf drei Kontinenten unterwegs – als Räuber, Händler, Söldner, Siedler und Entdecker. Die Dreiteilung hilft, sich in diesem Gewimmel zurechtzufinden. Man sollte sie kennen. Man sollte nur wissen, dass sie ein Idealtypus ist und kein Naturgesetz.
Wichtig ist gleich zu Beginn ein Vorbehalt: „Dänemark", „Schweden" und „Norwegen" als geschlossene Staaten mit festen Grenzen gab es in der frühen Wikingerzeit noch nicht. Es gab Häuptlinge, Kleinkönige, wechselnde Bündnisse und Landschaften, die erst allmählich zu Königreichen zusammenwuchsen. Wenn wir hier von „Dänen" oder „Schweden" sprechen, meinen wir grob die Herkunftsräume, nicht Nationen im heutigen Sinn.
Der dänische Raum liegt Mitteleuropa am nächsten – und genau dorthin richtete sich die Energie. Von Jütland und den Inseln aus war England zum Greifen nah, das Frankenreich lag am anderen Ufer der Nordsee, Friesland gleich um die Ecke. Die berühmten frühen Überfälle auf England und die Klöster gehören in dieses Bild, ebenso die großen Flussfahrten nach Francia, die 845 sogar Paris erreichten.
Der stärkste Beleg ist das „Große Heidnische Heer", das ab 865 in England landete und weite Teile des Landes eroberte. Aus diesen Eroberungen entstand das Danelaw – das Gebiet, in dem dänisches Recht und dänische Sprache galten. Bis heute verraten Ortsnamen auf -by und -thorpe (etwa Derby, Grimsby, Scunthorpe) und hunderte skandinavischer Lehnwörter im Englischen, wie tief diese Präsenz reichte. Handelspunkt und Machtzentrum des dänischen Raums war Haithabu an der Schlei, einer der größten Umschlagplätze des Nordens. Der westlich-südliche Zug der Dänen ist also nicht nur eine Faustregel, sondern gut belegt.
Norwegens zerklüftete Küste öffnet sich nach Westen, hinaus auf den offenen Atlantik – und die Norweger folgten diesem Weg über die Inseln. Schottland, die Orkneys und Shetlands, die Hebriden und die Isle of Man wurden zu norwegisch geprägten Welten. In Irland gründeten Nordmänner 841 einen befestigten Schiffshafen, aus dem Dublin erwuchs, dazu Waterford, Wexford, Cork und Limerick.
Von den Inseln aus ging es weiter ins Leere: Um 870 begann die Besiedlung Islands, um 985 folgte Grönland, und um das Jahr 1000 erreichten Schiffe kurzzeitig Neufundland – die einzige gesicherte Wikingersiedlung in Amerika, L'Anse aux Meadows, deren Holz per Jahrringdatierung genau auf 1021 datiert werden konnte. Das ist die spektakulärste Seite der Wikingerwelt: kein Beutezug, sondern die Entdeckung und Besiedlung leerer Nordatlantik-Inseln. Ortsnamen, Sagas und die Genetik der isländischen Gründungsbevölkerung stützen diese westatlantische Ausrichtung des norwegischen Raums.
Der schwedische Raum, vor allem die Landschaften um den Mälarsee, blickte über die Ostsee nach Osten. Von hier aus zogen Skandinavier die russischen Flüsse hinauf und hinab – Wolga und Dnepr – und trieben Handel mit Pelzen, Sklaven und Silber bis ins Byzantinische Reich und ins Kalifat. Im Osten hießen sie „Rus" und „Waräger". Die Handelsplätze Staraja Ladoga und Nowgorod, später Kiew, wurden zu Knotenpunkten dieser Ostroute.
Ein besonders früher Beleg steht in einer fränkischen Chronik: 839 kamen Gesandte am Hof Kaiser Ludwigs des Frommen in Ingelheim an, die sich „Rhos" nannten – und bei näherer Prüfung stellte sich heraus, woher sie stammten:
Bei sorgfältiger Nachforschung erfuhr er, dass sie zum Volk der Schweden gehörten.Annales Bertiniani, zum Jahr 839 (gemeinfreie Übersetzung nach der lateinischen Ausgabe)
Die berühmteste Frucht dieser Ostfahrten war die Warägergarde – nordische Elitesoldaten im Dienst der byzantinischen Kaiser in Konstantinopel, das die Nordmänner „Miklagard" (die große Stadt) nannten. In Schweden erinnern zahlreiche Runensteine an Männer, die nach „Griechenland", ins „Serkland" (das Kalifat) oder mit dem Zug des Ingvar in den Osten zogen und oft nicht zurückkehrten. Die östliche Ausrichtung des schwedischen Raums ist damit ebenso gut belegt wie die westliche der Dänen.
Warum funktioniert die Dreiteilung überhaupt so gut? Weil verschiedene Quellenarten in dieselbe Richtung zeigen. Ortsnamen zeichnen die Zonen nach: skandinavische Namen häufen sich im englischen Danelaw, auf den schottischen Inseln, in Irland und Island. Runensteine verteilen sich passend: die „Griechenland-" und „Ostfahrt"-Steine stehen in Schweden. Münz- und Silberfunde belegen die Handelswege: arabische Dirhams strömten über die Ostroute in den Norden, westliches Silber und Danegeld über England und Francia.
Auch die Genetik moderner Untersuchungen passt in Grobzügen ins Bild: dänisches Erbe verdichtet sich in England, schwedisches im Baltikum und im Gebiet der Rus, norwegisches in Irland, Island und Grönland. Die Faustregel ist also kein bloßer Schulbuch-Merksatz, sondern die verdichtete Summe vieler unabhängiger Spuren.
Die drei Wege blieben über die Jahrhunderte nicht gleich. Am Anfang standen kurze, blitzartige Überfälle auf Küsten und Klöster – jene Phase, die 793 mit dem Angriff auf Lindisfarne ins Bewusstsein Europas trat. Daraus wurden größere Flotten, Winterlager und schließlich dauerhafte Herrschaft: Aus dem Beutezug wurde Landnahme, aus dem Räuber ein Siedler oder Händler.
Im Westen mündete das in das Danelaw und in normannisch beziehungsweise irisch-nordisch geprägte Königreiche. Im Nordatlantik wuchsen aus Entdeckungsfahrten regelrechte neue Gesellschaften – ein isländischer Freistaat, grönländische Höfe. Im Osten wurden aus den Handelsposten der Rus mit der Zeit die Fürstentümer, aus denen später Nowgorod und Kiew hervorgingen. So verschoben sich die drei Wege vom reinen Raubzug hin zu Handel, Siedlung und Staatenbildung. Genau in dieser Entwicklung liegt der eigentliche Grund, warum die Wikingerzeit die Landkarte Europas bis heute prägt – und warum eine Faustregel, die nur die Richtung nennt, das Wichtigste noch gar nicht erzählt.
Und doch: Sobald man genauer hinsieht, verwischen die Linien. Auch Dänen waren im Osten aktiv, auch Norweger und Dänen kämpften in Francia Seite an Seite, auch schwedischstämmige Männer landeten im Westen. Die berühmte Wikingerstadt Dublin und das englische Jórvík (York) gehörten zeitweise zu einem einzigen Herrschaftsverbund, in dem sich „norwegische" und „dänische" Gruppen kaum sauber trennen lassen. Zeitgenossen unterschieden ohnehin selten nach Herkunftsland: Franken, Angelsachsen und Iren sprachen meist einfach von „Nordmännern", „Heiden" oder „Dänen" – Letzteres oft als Sammelbegriff für alle Skandinavier, egal woher.
Selbst dort, wo irische Quellen zwischen „hellen Fremden" und „dunklen Fremden" (Finngaill und Dubgaill) unterscheiden, ist bis heute umstritten, ob das wirklich Norweger und Dänen meint oder ältere und neuere Gruppen. Die Wege überlappten stark, die Gruppen mischten sich, und ein und dieselbe Flotte konnte Männer aus mehreren Landschaften vereinen.
Ein anschauliches Beispiel liefert die Warägergarde selbst: In Konstantinopel dienten neben Schweden auch Männer aus dem norwegischen und dänischen Raum, später sogar Angelsachsen, die nach 1066 vor den Normannen geflohen waren. Und die berühmten Runensteine, die man gern nach Himmelsrichtungen sortiert, erzählen bei genauem Lesen oft von Einzelnen, die kreuz und quer unterwegs waren – ein Mann, der „im Westen" wie „im Osten" gewesen sein soll, passt in kein sauberes Schema. Die Wikingerwelt war weit vernetzter und beweglicher, als es drei ordentliche Pfeile auf einer Karte vermuten lassen.
Man sollte das Muster deshalb nicht wegwerfen – nur richtig verstehen. Geografie erklärt viel. Wer in Jütland saß, hatte die Nordsee vor der Tür; wer an den Westfjorden lebte, den offenen Atlantik; wer am Mälarsee wohnte, die Ostsee und die Flussstraßen nach Osten. Handelsnetze, Bündnisse und die Erfahrung vorangegangener Fahrten verstärkten diese Ausrichtung: Man fuhr dorthin, wo Verwandte und Handelspartner schon saßen. So entstanden mit der Zeit unterschiedliche Schwerpunkte, ohne dass es je scharfe „nationale" Grenzen gab.
Die drei Wege sind also am besten als drei Schwerpunkte zu verstehen – Ergebnis von Lage, Gelegenheit und gewachsenen Netzwerken, nicht von Volkscharakter. Als Landkarte im Kopf ist die Faustregel hervorragend. Als Etikett für „typisch dänisch" oder „typisch schwedisch" führt sie in die Irre. Am ehrlichsten ist das Bild dann, wenn man es locker hält: drei bevorzugte Richtungen, die aus derselben Welt heraus in verschiedene Fernen zeigten – mal mit dem Schwert, mal mit der Handelswaage, oft mit beidem im selben Boot.
Der dänische Raum konzentrierte sich auf England (Danelaw, Großes Heer ab 865, Ortsnamen auf -by/-thorpe), Francia (Flussfahrten bis Paris 845) und Friesland; Handelszentrum Haithabu. Der norwegische Raum prägte Schottland, die Inseln, Irland (Dublin ab 841) und den Nordatlantik (Island um 870, Grönland um 985, Neufundland/L'Anse aux Meadows um 1021). Der schwedische Raum orientierte sich nach Osten: Ostsee, russische Flüsse, Byzanz und Kalifat (Rus/Waräger, Warägergarde, Ingvar- und Griechenland-Runensteine). Die Annales Bertiniani identifizieren die „Rhos" von 839 ausdrücklich als Schweden. Ortsnamen, Runensteine, Silberfunde und moderne Genetik stützen die grobe Verteilung.
Die Dreiteilung ist ein Idealtypus, keine harte Grenze. „Dänemark", „Schweden" und „Norwegen" als Nationen mit festen Grenzen existierten in der frühen Wikingerzeit noch nicht – es gab Häuptlinge und Kleinkönige. Die Zielrichtungen überlappten stark: Dänen fuhren auch nach Osten, Norweger und Dänen kämpften gemeinsam in Francia, Dublin und York bildeten zeitweise einen gemeinsamen Machtraum. Zeitgenossen sprachen meist pauschal von „Nordmännern" oder „Dänen". Selbst die irische Unterscheidung Finngaill/Dubgaill meint nicht sicher Norweger und Dänen. Moderne Zuschreibungen im Stil von „typisch dänisch/schwedisch" sind mit Vorsicht zu genießen – die Herkunft schuf Schwerpunkte, keinen Volkscharakter.

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