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Der Spillings-Schatz – das größte Silber der Wikingerwelt

Geschichte & Funde Der Spillings-Schatz – das größte Silber der Wikingerwelt 67 Kilogramm Silber unter den Dielen einer Scheune: Der Spillings-Schatz von Gotland ist der größte Silberfund der ganzen Wikingerwelt. Er erzählt nicht von wildem Raubgold, sondern von Handel, Gewicht und ehrlicher Vorratshaltung – und davon, dass die Wikinger ihr Vermögen zählten, wogen und einbuddelten.

Ein Traktor, ein Metallpiepser und ein Rekord

Der 16. Juli 1999 begann auf dem Hof Spillings im Norden Gotlands ziemlich unspektakulär. Ein Team drehte auf einem Feld eine kleine Fernsehreportage über illegale Schatzsuche – ausgerechnet. Als der Metalldetektor über einer Stelle nahe einer alten Wirtschaftsgebäude-Grundmauer regelrecht überkochte, war schnell klar: Hier lag kein einzelner verlorener Groschen, sondern etwas Gewaltiges. Am Ende hoben Archäologen den größten Silberschatz der gesamten Wikingerwelt aus dem Boden – und einen zusätzlichen Bronzeschatz gleich mit dazu.

Die Zahlen sind bis heute schwer zu fassen. Rund 67 Kilogramm Silber verteilten sich auf zwei Depots, dazu ein drittes Depot mit über 20 Kilogramm Bronzeschrott. Kein anderer Wikingerhort reicht an diese Masse heran. Wer heute im Gotlands Museum in Visby vor dem ausgebreiteten Fund steht, blickt nicht auf ein hübsches Schmuckkästchen, sondern auf einen kleinen Silberberg.

Der Reiz der Fundgeschichte liegt auch in ihrer Ironie: Ausgerechnet bei einer Reportage über Raubgräberei kam der ehrlichste Fund zutage, weil er sofort fachgerecht geborgen und dokumentiert wurde. Die eigentliche Arbeit begann erst danach. Jedes einzelne Silberstück musste behutsam gereinigt, gewogen und katalogisiert werden – Jahre der Feinarbeit, ehe die Masse überhaupt sicher beziffert war. Erst diese geduldige Nacharbeit machte aus einem Klumpen Metall im Boden eine lesbare historische Quelle.

Was genau im Boden lag

Der Schatz war kein wild zusammengeworfener Haufen, sondern ein sortiertes Vermögen. Der Löwenanteil bestand aus Münzen: rund 14.295 Stück. Die überwältigende Mehrheit – etwa 14.200 – waren islamische Dirhams, dazu 23 aus dem persischen Raum, eine byzantinische Münze und nur vier nordische Stücke. Schon diese Verteilung erzählt eine Geschichte: Das Silber Gotlands kam aus dem Süden und Osten, nicht aus der eigenen Nachbarschaft.

Neben den Münzen fanden sich 486 Armringe sowie Barren, Silberdraht, Anhänger, Fingerringe und jede Menge zerhacktes Silber. Diese Mischung ist typisch und wichtig: Sie zeigt, dass hier Roh- und Halbfertigmaterial neben fertigem Schmuck lag – Silber in jeder denkbaren Form, bereit, gewogen und weitergegeben zu werden.

Bemerkenswert ist, wie unterschiedlich die Herkunft der Stücke ist. Armringe gotländischer Machart lagen neben Münzen, die tausende Kilometer entfernt in den Werkstätten des Kalifats geschlagen worden waren. Ein solcher Hort ist damit kein einheitlicher Guss aus einer Hand, sondern eine über Jahre zusammengetragene Sammlung – jedes Stück mit eigener Reise, eigenem Weg über See und Fluss bis in diesen einen gotländischen Boden. Wer die Fundmasse betrachtet, sieht nicht ein Ereignis, sondern die verdichtete Zeit vieler Handelsfahrten.

Gotland – die Drehscheibe der Ostroute

Dass ausgerechnet Gotland den größten Hort hütet, ist kein Zufall. Die Insel lag wie ein Umschlagpunkt mitten in der Ostsee, auf halbem Weg zwischen dem skandinavischen Festland und den Flussstraßen nach Osten. Über die russischen Ströme – Wolga und Dnjepr – führten die Handelswege der Wikinger bis ins Kalifat und nach Byzanz. Von dort strömte das orientalische Silber zurück in den Norden.

Gotland ist mit hunderten von Silberhorten geradezu übersät; keine andere Region der Wikingerwelt hat auch nur annähernd so viel vergrabenes Edelmetall geliefert. Die gotländischen Bauern und Händler waren Zwischenhändler, Investoren, Sparer – und sie legten ihr Silber in einer Sprache an, die keine Grenzen kannte: Gewicht.

Doch Silber floss nicht umsonst nach Norden. Es war die Gegenleistung für Waren, die der Süden und Osten begehrten: nordische Pelze, Bienenwachs, Bernstein, Walrosselfenbein – und, das gehört zur ehrlichen Bilanz, verschleppte Menschen. Über die Wolga standen die Wikinger mit den Wolgabulgaren und dem Kalifat in Kontakt, über den Dnjepr mit Byzanz. Der Dirham war die Quittung dieses Fernhandels. Wenn ein gotländischer Hof also 14.000 arabische Münzen hütete, dann hielt er den materiellen Abdruck eines Handelsnetzes in Händen, das vom Ostseestrand bis nach Bagdad reichte.

Silber, das man wog statt zählte

Genau hier liegt der Schlüssel zum Verständnis des Schatzes. Die Wikinger benutzten kein Münzgeld im modernen Sinn, bei dem der aufgeprägte Wert zählt. Sie betrieben eine Gewichtsgeldwirtschaft: Ein Dirham war so viel wert, wie er auf der Waage zog. Deshalb wurde Silber bedenkenlos zerhackt – das berühmte Hacksilber. Ein halber Armring, ein Stück Barren, eine durchschnittene Münze: Alles war schlicht Silber nach Gewicht.

Deshalb finden sich in solchen Horten so oft Prüfhiebe und kleine Kerben. Wer Silber annahm, ritzte prüfend hinein, um sicherzugehen, dass unter der Oberfläche echtes Edelmetall und nicht bloß versilbertes Blei steckte. Ein Armring war damit zugleich Schmuck und wandelndes Sparkonto – man trug sein Vermögen am Arm und brach bei Bedarf ein Stück ab.

Warum vergräbt jemand ein Vermögen?

Die naheliegende Vorstellung ist romantisch: ein Pirat, der seine Beute im Wald verbuddelt und nie zurückkehrt. Die Wirklichkeit war nüchterner. Der Spillings-Schatz lag nicht draußen in der Wildnis, sondern unter den Dielen eines Wirtschaftsgebäudes mitten auf dem Hof. Das ist kein Versteck für Diebesgut, sondern der Tresor eines Haushalts.

Der schwedische Archäologe Majvor Östergren hat für die gotländischen Horte gezeigt, dass sie ganz überwiegend im oder direkt am Gehöft liegen, nicht an heimlichen Orten im Gelände. Silber im Boden war die Bank der Wikingerzeit: sicher vor Feuer und Fingern, bereit für schlechte Zeiten, für den nächsten Handel, für Brautgeld oder Buße. Dass die Besitzer ihr Silber nie wieder hoben, muss keinen großen Überfall bedeuten – ein plötzlicher Tod, eine Reise ohne Rückkehr, ein vergessenes Versteck genügten.

Ein zweiter Schatz aus Bronze

Fast übersehen im Glanz des Silbers wird der dritte Fund: über 20 Kilogramm Bronzeschrott, getrennt vom Silber deponiert. Dieses Depot ist auf seine Weise ebenso aufschlussreich. Bronze war der Werkstoff für Fibeln, Beschläge und Gebrauchsgegenstände, und Altmetall war wertvoller Rohstoff. Wer hier sparte, dachte wie ein Handwerker und Händler zugleich: Silber als Wertspeicher, Bronze als Materialreserve.

Zusammen zeichnen die drei Depots das Bild eines wohlhabenden, wirtschaftlich denkenden Haushalts – kein Hort eines einzelnen glücklichen Räubers, sondern das über Jahre gewachsene Vermögen einer Familie, die mitten im großen Silberstrom der Ostsee saß.

Was uns die Münzen über die Zeit verraten

Die jüngsten Münzen eines Horts verraten, wann er frühestens vergraben wurde. Bei Spillings deuten die Prägungen darauf, dass das Silber in den 870er Jahren in den Boden kam. Das ist bemerkenswert früh – noch vor dem großen Höhepunkt der Dirham-Ströme im 10. Jahrhundert. Gotland war also schon im 9. Jahrhundert tief in den Fernhandel eingebunden.

Jede einzelne Dirham-Münze trägt zudem Prägeort und -jahr in arabischer Schrift. Damit sind diese Horte für die Forschung wie ein Datenspeicher: Sie zeigen, aus welchen Münzstätten des Kalifats das Silber floss und über welche Wege es den Norden erreichte. Der Spillings-Schatz ist so nicht nur schwer, sondern auch geschwätzig.

Der Nachhall eines stummen Vermögens

Das Eindrücklichste am Spillings-Schatz ist vielleicht seine Stille. Kein Name, keine Inschrift, keine Geschichte begleitet ihn. Ein Mensch der 870er Jahre häufte über Jahre ein Vermögen an, wog es, vergrub es sorgfältig unter dem eigenen Dach – und verschwand aus der Überlieferung. Das Silber überlebte den Besitzer um mehr als tausend Jahre. Es ist eine sehr wikingerhafte Pointe: Der Mensch vergeht, das Werk seiner Hände bleibt.

Und genau darin liegt sein Reiz für uns, die wir mit Metall und Gravur arbeiten. Diese Menschen hatten ein feines Gespür für den Wert eines Werkstoffs – für Reinheit, für Gewicht, für die Prüfmarke im Silber. Ihr Schmuck war kein wertloser Tand, sondern gespeicherter Wert in schöner Form, den man am Körper trug und im Notfall zerteilte. Der Spillings-Schatz erinnert daran, dass hinter jedem Armring einst eine sehr konkrete, sehr nüchterne Rechnung stand – und zugleich der Stolz, etwas Kostbares zu besitzen, das die eigene Lebenszeit überdauern würde.

Besitz stirbt, Sippen sterben, / du selbst stirbst wie sie; / eins weiß ich, das ewig lebt: / der Toten Tatenruhm.Hávamál 77, nach Karl Simrock (1851), gemeinfrei

Was belegt ist

Der Spillings-Schatz wurde am 16. Juli 1999 auf dem Hof Spillings im Norden Gotlands entdeckt. Gesichert sind: rund 67 kg Silber in zwei Depots, ein drittes Depot mit über 20 kg Bronzeschrott, etwa 14.295 Münzen (ganz überwiegend islamische Dirhams, dazu wenige persische, eine byzantinische und vier nordische) sowie 486 Armringe, Barren, Draht, Schmuck und Hacksilber. Er ist der größte bekannte Silberhort der Wikingerzeit und wird im Gotlands Museum in Visby verwahrt. Die Münzdatierung weist auf eine Vergrabung in den 870er Jahren. Die Deponierung erfolgte unter dem Boden eines Wirtschaftsgebäudes.

Mythos-Check

Der Spillings-Schatz war kein „vergessenes Raubgold" eines Piraten, das heimlich im Wald verscharrt wurde. Solche Horte lagen – wie Majvor Östergren für Gotland gezeigt hat – ganz überwiegend im oder am Gehöft: Es waren Ersparnisse und Depots, nicht Beuteverstecke. Auch die Masse an Dirhams belegt in erster Linie Handel, nicht Plünderung. Das orientalische Silber floss über die Ostroute nach Norden, weil Gotländer Waren wie Pelze und – das gehört zur ehrlichen Bilanz – auch Sklaven nach Süden und Osten verkauften. Silber im Boden war Bank und Sparkonto der Wikingerzeit, nicht das Klischeebild vom hastig verscharrten Beutegut.

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