Wenn wir an Wikinger denken, sehen wir Nebel, Fjorde und graue Nordsee. Doch dieselben Männer, die Klöster an der englischen Küste plünderten, segelten auch dort, wo die Sonne senkrecht steht: durch die Straße von Gibraltar, an den Küsten Al-Andalus' und Nordafrikas entlang, über die Balearen bis nach Italien. Das Mittelmeer war für die Nordmänner keine ferne Legende, sondern ein reales, wenn auch riskantes Ziel. Wer nur den Norden kennt, kennt nur die halbe Geschichte — und wer die weiten Fahrten liebt, findet bei uns auch die Übersicht über die verschiedenen Wikinger-Regionen.

Der früheste gut bezeugte Wikinger-Vorstoß ins Mittelmeer-Vorfeld führte 844 an die iberische Atlantikküste und hinauf den Guadalquivir. Eine nordische Flotte erschien vor Lissabon, plünderte Cádiz und stieß schließlich bis Sevilla vor, das damals zum Emirat von Córdoba gehörte. Die Stadt wurde eingenommen und mehrere Wochen lang gebrandschatzt, ehe die Truppen des Emirs Abd ar-Rahman II. die Nordmänner zurückschlugen.
Das Besondere an diesem Feldzug: Wir kennen ihn nicht nur aus christlichen Annalen, sondern vor allem aus arabischen Quellen. Die andalusischen Chronisten nannten die Angreifer al-madjus — ein Wort, das ursprünglich die zoroastrischen „Feueranbeter" meinte und hier auf die heidnischen Fremden aus dem Norden übertragen wurde. Für die muslimischen Gelehrten waren diese Seeräuber ein neues, unbekanntes Volk, das aus dem grauen Ozean kam. Nach der Niederlage bei Sevilla begann Córdoba, seine Küstenverteidigung und Flotte auszubauen — ein deutliches Zeichen, wie ernst man die neue Bedrohung nahm.
Rund fünfzehn Jahre später folgte der ehrgeizigste Zug überhaupt. Unter der Führung von Hástein und Björn Eisenseite stach eine Flotte in See, deren Ziel nicht mehr nur die iberische Küste war, sondern das ganze Mittelmeer. Die Fahrt begann an der Loire, führte erneut gegen Al-Andalus und dann durch die Straße von Gibraltar hinein in die „Binnensee" der Antike.
Die Route, so wie sie die Quellen andeuten, liest sich wie eine Grand Tour der Gewalt: Angriffe an der andalusischen Küste, ein Vorstoß nach Nordafrika gegen die Stadt Nekor (im heutigen Marokko), wo die Nordmänner Gefangene machten, dann die Balearen, die südfranzösische Küste mit dem Rhône-Delta und der Camargue, wo sie überwinterten, und schließlich Italien. Es war weniger ein Feldzug mit klarem Plan als eine mehrjährige Raub- und Handelsfahrt, die sich von Beute zu Beute vorarbeitete.
Ein besonders faszinierendes Detail betrifft Nekor. Nach dem Überfall auf die nordafrikanische Küste sollen die Wikinger Gefangene mitgeführt haben, die in den nordischen Quellen als blámenn bezeichnet werden — wörtlich „blaue Männer", ein altnordischer Ausdruck für dunkelhäutige Menschen aus dem Süden. Einzelne dieser Gefangenen wurden der Überlieferung nach bis nach Irland verschleppt.
Das ist einer der frühesten Berührungspunkte zwischen der nordischen Welt und Menschen aus Nordafrika überhaupt. Man sollte sich hier allerdings vor bunten Ausschmückungen hüten: Die Nachricht ist knapp, die Zahlen fehlen, und was mit diesen Menschen geschah, verlieren die Quellen schnell aus dem Blick. Es bleibt eine reale, aber schmale Spur.
Die berühmteste Episode der ganzen Fahrt ist zugleich die zweifelhafteste. Der Überlieferung nach kamen Björn und Hástein an eine reiche italienische Stadt, die sie für Rom hielten — das große Ziel, die Stadt der Städte. Da die Mauern zu stark für einen Sturm waren, griffen die Wikinger zu einer List: Hástein ließ verkünden, ihr Anführer sei schwer erkrankt und wünsche noch die Taufe. Man ließ ihn zum Schein taufen. Kurz darauf hieß es, er sei gestorben, und die Nordmänner baten, ihn in geweihter Erde innerhalb der Stadt bestatten zu dürfen.
Als der Trauerzug mit dem „Toten" die Tore passiert hatte, sprang Hástein von der Bahre, und die verborgen bewaffnete Gefolgschaft überfiel die überrumpelte Stadt. Erst danach, so die Geschichte, mussten die Wikinger erkennen, dass sie gar nicht Rom, sondern nur die kleinere Stadt Luni an der ligurischen Küste erobert hatten — ein bitterer Beigeschmack für einen so ausgeklügelten Coup.
Nach den italienischen Abenteuern trat die stark geschrumpfte Flotte den Rückweg an. Erneut ging es durch die Straße von Gibraltar — die Meerenge, die für die Nordmänner das Tor zwischen ihrer vertrauten Atlantikwelt und dem fremden Süden war. Auf dem Rückweg soll es abermals zu Kämpfen mit einer andalusischen Flotte gekommen sein, die inzwischen weit besser auf solche Eindringlinge vorbereitet war. Von der ursprünglich großen Flotte kehrte nur ein Bruchteil in den Norden zurück. Die Mittelmeer-Expedition war spektakulär — aber sie war auch teuer bezahlt, und sie blieb ein einmaliges Großunternehmen, kein Beginn einer dauerhaften Präsenz.
Es gab noch einen ganz anderen Weg, auf dem Nordmänner das Mittelmeer erreichten — nicht westwärts durch Gibraltar, sondern ostwärts über die russischen Flüsse. Schweden und Rus fuhren über Dnepr und Wolga südwärts, bis sie an das Schwarze Meer und an die glänzende Metropole Konstantinopel gelangten, die sie Miklagard nannten, die „große Stadt". Viele traten dort in die kaiserliche Leibwache ein, die berühmte Warägergarde, und sahen so das östliche Mittelmeer aus einer ganz anderen Perspektive: nicht als Räuber vor den Mauern, sondern als hochbezahlte Söldner des Kaisers. Diese östliche Welt beleuchten wir ausführlich im Beitrag über die Waräger und Miklagard.
Die Geschichte der Nordmänner im Mittelmeer endet nicht mit den Raubfahrten des 9. Jahrhunderts. Ein Teil von ihnen setzte sich an der französischen Kanalküste fest, und aus diesen Nordmännern wurden über die Generationen die Normannen — der Weg vom Wikingerführer zum Herzog lässt sich gut am Beispiel Rollos und der Gründung der Normandie nachzeichnen. Im 11. Jahrhundert kehrten ihre Nachfahren ins Mittelmeer zurück, diesmal nicht auf Langschiffen, sondern zu Pferd und als Söldner. Das Haus Hauteville eroberte Süditalien und Sizilien und errichtete dort ein blühendes normannisches Königreich, in dem lateinische, griechische und arabische Kultur nebeneinander bestanden. So schloss sich der Kreis: Was mit heidnischen Seeräubern vor Sevilla begann, mündete zweihundert Jahre später in eine christliche Königskrone auf einer Mittelmeerinsel.
Vieh stirbt, Verwandte sterben, / man selber stirbt wie sie; / doch den Nachruhm, / der stirbt niemals, / den jeder sich Guten gewinnt.Hávamál, Strophe 76 (Übersetzung Karl Simrock, 1851; gemeinfrei)
Beleg: Der Überfall auf Sevilla 844 und die Bezeichnung al-madjus sind durch andalusisch-arabische wie durch fränkische Quellen gut bezeugt. Die große Expedition 859–862 und der Vorstoß nach Nekor mit den verschleppten blámenn sind in wenigen, aber unabhängigen Quellen fassbar. Der Weg der Rus über Byzanz ins östliche Mittelmeer und die normannische Eroberung Süditaliens und Siziliens im 11. Jahrhundert durch die Hauteville-Familie gehören zum gesicherten Bestand der Geschichte.
Mythos-Check: Die berühmte Luni-Episode — Scheintod, Scheintaufe, Überfall bei der Bestattung und die Erkenntnis, es sei doch nicht Rom gewesen — steht erst spät und stark ausgeschmückt bei Dudo von Saint-Quentin und in der normannischen Legendenbildung; ein zeitgenössischer Beleg fehlt, und dasselbe Motiv wird auch anderen Anführern zugeschrieben. Die oft genannte Flottenstärke von rund 60 Schiffen ist unsicher und schwankt je nach Quelle. Die nach Irland verschleppten blámenn sind nur knapp bezeugt, die Details bleiben vage. Und generell gilt: Die gesamte Mittelmeerfahrt ist nur in wenigen Quellen greifbar — vieles, was heute als bunte Erzählung kursiert, ist spätere Ausschmückung, nicht Zeitzeugnis.

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