Während seine Brüder Englands Königreiche stürmten, wandte sich Björn nach Süden – durch die Meerenge von Gibraltar, ins Mittelmeer, an die Küsten dreier Kontinente. Es ist eine der kühnsten Fahrten der Wikingerzeit. Und eine, bei der man Beleg und Legende besonders sorgfältig trennen muss.
Björn Járnsíða, „Eisenseite", gilt in der nordischen Überlieferung als einer der Söhne Ragnar Lodbroks. Sein Beiname wird meist so gedeutet, dass ihn keine Klinge zu verwunden vermochte – als sei er von Eisen gepanzert, unverwundbar im Getümmel. Während Ivar und Halfdan in England Geschichte schrieben, ist Björns großer Auftritt ein anderer: eine Raubfahrt, die weiter reichte als fast jede andere der Epoche – bis ins Herz des Mittelmeers, an die Küsten Spaniens, Nordafrikas und Italiens. Es ist eine Geschichte von Kühnheit und Übermut, von einer List, die zur Legende wurde, und von einem Heimweg, der bitter bezahlt werden musste. Und es ist zugleich eine Warnung an alle, die die Wikinger für unbesiegbar halten: Der Süden hatte eigene Flotten, eigene Mauern und eigene Städte, die sich zu wehren wussten.
Um 859 brach eine große nordische Flotte auf, die – so die spätere Überlieferung – von Björn Eisenseite und dem erfahrenen Anführer Hástein (Hasting) geführt wurde. Der Zug dauerte rund zwei bis drei Jahre und führte durch die Straße von Gibraltar ins Mittelmeer. Das ist das eigentlich Bemerkenswerte: keine schnelle Küstenplünderung, sondern eine jahrelange Fernfahrt in eine Welt, in der die Nordmänner völlige Fremde waren – zwischen dem muslimischen al-Andalus, den fränkischen Küsten und den reichen Städten Italiens. Wer das ermöglichte, verfügte über Erfahrung, Vorräte und Schiffe, die weit mehr aushielten als eine Fahrt über die Nordsee. Die Fahrt zeigt, dass Wikingerflotten strategisch denken und über Monate planen konnten.
Ein Name taucht in fast jeder Fassung der Fahrt neben Björn auf: Hástein, latinisiert Hasting. Er ist die historisch greifbarere Gestalt – ein Wikingerführer, der über Jahrzehnte an vielen Schauplätzen bezeugt ist, an der Loire, wo die Flotte vermutlich aufbrach, und später in England, wo er in den 890er Jahren Alfred dem Großen schwer zu schaffen machte. Vieles spricht dafür, dass Hástein der eigentliche erfahrene Kopf der Mittelmeerfahrt war und Björn der junge, prominente Anführer mit dem klingenden Namen. In der späteren Überlieferung wird Hástein zum listenreichen Ratgeber, zum Fuchs, der die Taufe-Täuschung von Luni ersinnt. Diese Rollenverteilung – der gerissene Ältere und der kühne, königliche Jüngere – ist ein beliebtes Erzählmuster, das man mit Vorsicht lesen sollte. Historisch bleibt: Ohne einen erfahrenen Seemann wie Hástein wäre eine solche Fernfahrt kaum denkbar gewesen. Spätere Quellen nennen für die Flotte Zahlen um sechzig Schiffe – beladen mit Männern, Vorräten und der Aussicht auf sagenhafte Beute.
Die Route, die fränkische Chroniken und arabische Quellen zeichnen, ist atemberaubend: Angriffe auf die iberische Küste und im Umfeld von Algeciras, ein Vorstoß über die Meerenge nach Nordafrika, wo die Nordmänner gefangene „blámenn" – dunkelhäutige Menschen – als Beute verschleppten, Raubzüge auf den Balearen, dann hinauf ins Rhône-Delta an der südfranzösischen Küste, wo die Flotte überwinterte, und Stöße flussaufwärts sowie weiter nach Italien. Nicht jeder Schlag gelang; das muslimische Spanien war eine Seemacht mit eigener Flotte, die zurückschlug. Aber die schiere Reichweite der Unternehmung – drei Kontinente in einer Fahrt – zeigt, dass Wikingerflotten weit mehr konnten als Klosterüberfälle im Norden. Für die Menschen an diesen Küsten müssen die fremden Schiffe ein Schock gewesen sein: Räuber aus einer Welt, von der man kaum etwas wusste, tauchten plötzlich vor Städten auf, die sich in Sicherheit gewähnt hatten. Und der Beiname „Eisenseite" passt zu diesem Bild eines Anführers, der scheinbar unverwundbar durch fremde Meere zog – wobei die Überlieferung nicht sagt, ob der Name von einer Rüstung, von Narben oder schlicht von der Bewunderung späterer Erzähler stammt.
Die berühmteste Episode spielt in Italien, in der Stadt Luni an der ligurischen Küste. Der Erzählung nach hielten die Nordmänner sie für Rom selbst – das größte aller Ziele. Da sie die Mauern nicht brechen konnten, griff Hástein zu einer List: Er ließ dem Bischof ausrichten, er sei todkrank und wünsche, noch als Christ getauft zu werden. Man ließ ihn ein. Wenig später hieß es, er sei gestorben und wünsche ein christliches Begräbnis in der Stadt. Auf einer Bahre trug man ihn durch das Tor. Am Altar sprang er von der Totenbahre auf, erschlug den Bischof, und seine Männer stürmten herein und plünderten die Stadt. Als Björn und Hástein erfuhren, dass es gar nicht Rom war, sondern das weit kleinere Luni, soll sie der Zorn gepackt haben – all die List für die falsche Stadt. Eine großartige Geschichte, bei der man allerdings genau hinsehen muss (siehe Mythos-Check). Denn so vergnüglich sie ist – der schlaue Wikinger, der sich tot stellt und die stolze Stadt überlistet –, so verdächtig glatt fügt sie sich in ein Muster, das mittelalterliche Erzähler liebten: die List, die stärker ist als jede Mauer.
Der Süden war kein leichtes Ziel, und die Rückfahrt wurde teuer. Auf dem Weg zurück durch die Straße von Gibraltar stellte sich der beladenen Flotte ein andalusisches Aufgebot entgegen. Die Nordmänner erlitten schwere Verluste; nur ein Bruchteil der Schiffe, mit denen sie aufgebrochen waren, kehrte am Ende in den Norden zurück. Das gehört zur ehrlichen Bilanz dieser Fahrt: Sie war kühn, weitreichend und beutereich – aber sie war kein triumphaler Beutezug ohne Preis, sondern ein Wagnis, das viele das Leben kostete. Wer die Wikinger nur als unbesiegbare Räuber sieht, überliest, dass das Mittelmeer für sie ein feindliches, gefährliches und am Ende auch verlustreiches Meer war. Die andalusische Flotte war der Nordsee-Beute nicht ausgeliefert, sondern schlug organisiert zurück – und die Straße von Gibraltar, die auf dem Hinweg ein Tor gewesen war, wurde auf dem Rückweg zur Falle. Was die Überlebenden nach Hause brachten, war zugleich Ruhm und Mahnung: Man konnte bis vor die Tore Italiens segeln, aber man kam nicht ungeschoren zurück.
Nach der Heimkehr wird Björn in der nordischen Tradition zum König in Schweden. Die Sagas machen ihn zum Stammvater der Munsö-Dynastie, des schwedischen „Hauses Björn Eisenseite", das über die alten Königshügel von Uppsala herrschte. Die Genealogie legt ihm Uppsala und das schwedische Reich zu:
Björn Eisenseite erhielt Uppsala und Schweden und alle Tributlande, die dazugehören.Ragnarssona þáttr (gemeinfreie Übertragung nach der altnordischen Fassung)
Ob es diese durchgehende Dynastie so gab, ist unter Historikern umstritten – die schwedischen Königslisten der frühen Zeit sind selbst spät und teils rekonstruiert, und die Verbindung eines legendären Ragnarsohns zu einer realen Königslinie lässt sich nicht sauber belegen. Aber die Überlieferung zeigt, wie wichtig Björn den Erzählern war: als Bindeglied zwischen der Sagenwelt der Ragnarssöhne und dem historischen Königtum Schwedens. Sein Name sollte einer ganzen Dynastie Glanz und Alter verleihen. Genau darin liegt der Reiz und die Vorsicht zugleich: Wo ein Königshaus seine Wurzeln in einem berühmten Wikinger sucht, mischt sich Erinnerung mit Wunschdenken – und aus einem Krieger wird ein Stammvater, ob er es nun war oder nicht.
Zeitnahe fränkische Quellen (etwa die Annalen von St. Bertin) und arabische Berichte belegen, dass um 859–861 tatsächlich eine nordische Flotte ins Mittelmeer vorstieß und Iberien, die Balearen, Nordafrika, das Rhône-Gebiet und Italien heimsuchte – und dass sie auf dem Rückweg schwere Verluste erlitt. Auch der Anführer Hástein ist historisch andernorts (Loire, England) gut bezeugt. Die Beteiligung gerade Björns an dieser Fahrt und seine Rolle als Ragnarsohn und Munsö-Ahnherr stammen dagegen aus der viel späteren nordischen und normannischen Überlieferung, nicht aus den zeitgenössischen Annalen, die nur „eine Flotte der Nordmänner" nennen.
Die Verwechslung von Luni mit Rom und Hásteins List mit der Scheintod-Taufe tauchen erst rund 150 Jahre später bei normannischen Chronisten (Dudo von Saint-Quentin, Wilhelm von Jumièges) auf – und die Trickster-Geschichte ist ein wanderndes Erzählmotiv, das auch anderen Anführern zugeschrieben wird. Als gesicherte Tatsache lässt sie sich nicht nehmen. Björn selbst ist als Person kaum zeitnah belegt; „Eisenseite" und die Munsö-Abkunft sind Sagengut. Der Björn der Serie „Vikings" schließlich ist zum großen Teil erfunden – die reale Grundlage ist eine erstaunliche Flotte im Mittelmeer, nicht das Serien-Porträt eines ehrgeizigen Königssohns.
In „Vikings" ist Björn „Ironside" der älteste Sohn Ragnars, ein Entdecker und späterer König – eine tragende Figur über viele Staffeln, deren Reisen bis ins Mittelmeer führen. Der Kern stimmt: Björn steht in der Überlieferung für den Zug nach Süden und für die schwedische Königslinie. Doch die persönlichen Beziehungen, die Serien-Chronologie und sein Weg zur Macht sind Drehbuch. Was übrig bleibt, wenn man die Fiktion abzieht, ist trotzdem groß genug: die Erinnerung an eine Wikingerflotte, die sich bis vor die Tore Italiens wagte, an eine List, die zur Legende wurde – und an den hohen Preis, den der Süden dafür verlangte. Man muss nichts dazuerfinden. Die Fahrt selbst ist erstaunlich genug.

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