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Lagertha – die Schildmaid, die bei Saxo aus dem Nichts auftaucht

Geschichte & Funde Lagertha – die Schildmaid, die bei Saxo aus dem Nichts auftaucht Sie ist heute das Gesicht der kämpfenden Wikingerfrau: Lagertha, Ragnars erste Gemahlin, Kriegerin, Herrscherin. Doch je genauer man hinsieht, desto klarer wird, dass fast alles, was wir zu wissen glauben, aus einer einzigen mittelalterlichen Quelle stammt – und aus einer Fernsehserie, die daraus etwas ganz Eigenes gemacht hat.

Eine Kriegerin bei Saxo – und nur bei Saxo

Wer nach der historischen Lagertha sucht, landet unweigerlich bei einem Buch: den Gesta Danorum, den „Taten der Dänen", geschrieben um 1200 von dem christlichen Gelehrten Saxo Grammaticus im Auftrag des dänischen Königshauses. Im neunten Buch erzählt Saxo von einer Frau namens Ladgerda, die an der Seite eines jungen Recken namens Regner – Ragnar – in die Schlacht zieht. Er ist die einzige mittelalterliche Quelle, die diese Gestalt kennt. Keine isländische Saga, keine Chronik, kein Runenstein nennt sie sonst. Das ist der erste und wichtigste Satz jeder ehrlichen Lagertha-Geschichte: Wir haben genau einen Zeugen – und der schrieb auf Latein, rund 350 Jahre nach der Wikingerzeit, in der die Handlung angesiedelt ist, und mit dem klaren Ziel, den Dänen eine glanzvolle Vorgeschichte zu verschaffen.

Saxo beschreibt ihren ersten Auftritt so eindrücklich, dass das Bild bis heute nachwirkt:

Ladgerda, eine geübte Amazone, die, obgleich Jungfrau, den Mut eines Mannes hatte und im vordersten Glied unter den Tapfersten focht, das Haar offen über die Schultern gelöst. Alle staunten über ihre unvergleichlichen Taten, denn ihr über den Rücken fliegendes Haar verriet, dass sie eine Frau war.Saxo Grammaticus, Gesta Danorum, Buch 9 (Übers. nach O. Elton, 1894)

Man sollte diesen Ton nicht überlesen. Saxo staunt – aber er staunt aus der Sicht eines hochmittelalterlichen Klerikers, für den eine kämpfende Frau eine Merkwürdigkeit ist, die erklärt werden muss. Das offene Haar, das sie „verrät", ist bei ihm kein Detail, sondern ein Signal: Hier fällt eine Frau aus ihrer Rolle.

Der Aufstand der geschändeten Frauen

Wie kommt eine Jungfrau in Saxos Erzählung überhaupt an die Front? Der Anlass ist düster. Frø, ein König der Schweden, fällt in Norwegen ein und tötet dort König Siward. Die Frauen des besiegten Hauses lässt er zur Schande in ein Bordell sperren. Als Ragnar heranzieht, um den Tod Siwards zu rächen, entkommen viele dieser Frauen, kleiden sich in Männergewänder und schlagen sich auf seine Seite. An ihrer Spitze: Ladgerda. Saxo lässt keinen Zweifel, dass ihr Einsatz die Schlacht entscheidet – Ragnar siegt, so heißt es, vor allem dank dieser einen Kämpferin.

Man muss diese Rahmung mitdenken. Bei Saxo ist Lagerthas Waffengang keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Ausnahmesituation: entehrte Frauen, die zur Waffe greifen, weil ihnen sonst nur die Schmach bleibt. Das ist ein wiederkehrendes Muster im ganzen Werk. Saxo bevölkert seine Frühgeschichte mit „schildkämpfenden Jungfrauen", die sich, so schreibt er an anderer Stelle, kleiden und kämpfen wie Männer – und die er zugleich bewundert und misstrauisch beäugt. Lagertha ist damit nicht die eine reale Schildmaid, sondern die berühmteste in einer ganzen Reihe literarischer Kriegerinnen, die Saxo für seine großen Schlachtszenen aufbietet.

Wie Ragnar um sie warb: Bär und Hund

Beeindruckt von ihrem Mut wirbt Ragnar um Ladgerda – aus der Ferne, denn sie hat sich nach dem Sieg in ihr Gehöft in Norwegen zurückgezogen. Um den Freier zu prüfen (oder abzuwehren), hält sie einen Bären und einen großen Jagdhund als Wächter. Ragnar erschlägt den Bären mit dem Speer und würgt den Hund zu Tode. So gewinnt er ihre Hand. Aus der Verbindung, berichtet Saxo, gehen ein Sohn namens Fridleif und zwei Töchter hervor, deren Namen die Quelle nicht überliefert.

Das Motiv – der Freier, der tödliche Bestien überwinden muss, um die unnahbare Kriegerin zu gewinnen – ist ein klassischer Märchen- und Sagenstoff, den man in vielen Kulturen findet. Es sagt uns mehr über die Erzähltradition als über eine reale Biografie. Aber es zeigt, wie Saxo seine Heldin baut: gefährlich, umkämpft, nur zu erringen, wer selbst über sich hinauswächst. Schon hier ist Lagertha weniger ein Mensch mit Lebenslauf als eine Figur mit dramatischer Funktion.

Verstoßen für Thora

Die Ehe hält nicht. Ragnar, so Saxo, hegt Groll gegen Ladgerda – ausgerechnet wegen der Bestien, die sie ihm einst entgegengestellt hatte. Er verstößt sie und wirbt um Thora Borgarhjört, eine Königstochter aus Gautland. Damit verschwindet Lagertha zunächst aus der Handlung. In vielen modernen Nacherzählungen wird dieser Bruch zur großen Kränkung stilisiert, zur Wurzel einer lebenslangen Rivalität. Bei Saxo bleibt er nüchtern und knapp: Ein Herrscher tauscht die eine Gemahlin gegen eine standesgemäßere, und die Erzählung wendet sich anderen Taten Ragnars zu. Dass wir heute mehr Drama erwarten, sagt viel über unsere Geschichten – und wenig über die dünne mittelalterliche Vorlage.

Die Flotte, die den Ex-Mann rettete

Der eindrucksvollste Auftritt kommt erst später. Ragnar gerät in Dänemark in einen Bürgerkrieg und steckt in schwerer Bedrängnis. Da schickt er nach Norwegen um Hilfe – und Ladgerda kommt. Mit einer Flotte von 120 Schiffen, obwohl er sie einst verstoßen hat. Saxo erzählt, wie sie mit ihren Männern in die schwankende Schlacht eingreift, dem alten Gatten die Wende bringt und den Sieg sichert. Die Frau, die er fortgeschickt hatte, rettet seine Herrschaft.

Es ist eine der wenigen Stellen mittelalterlicher Literatur, an denen eine Frau nicht als Preis, Beute oder Opfer erscheint, sondern als eigenständige militärische Macht – eine Anführerin mit eigener Flotte, eigenem Gefolge und eigenem Willen, die aus freien Stücken über Sieg und Niederlage eines Königs entscheidet. Dass ausgerechnet der christliche Saxo diese Szene erzählt, ist bemerkenswert. Er hätte sie streichen können; er hat sie aufbewahrt.

Der Speer im Gewand

Und dann kippt die Geschichte ins Dunkle. Nach der Schlacht kehrt Ladgerda heim. In der Nacht tötet sie ihren (neuen) Mann mit einer Speerspitze, die sie in ihrem Gewand verborgen hielt, und reißt seinen Titel und seine Herrschaft an sich. Saxos Urteil ist so scharf wie vielsagend:

Denn diese überaus anmaßende Dame hielt es für angenehmer, ohne ihren Gatten zu herrschen, als den Thron mit ihm zu teilen.Saxo Grammaticus, Gesta Danorum, Buch 9 (Übers. nach O. Elton, 1894)

Hier zeigt sich Saxos Ambivalenz in Reinform. Er bewundert die Kriegerin und verurteilt sie im selben Atemzug. Die Heldin, die einen König rettete, wird zur Gattenmörderin, die aus Machtgier handelt. Das ist kein neutraler Tatsachenbericht, sondern eine moralische Erzählung eines christlichen Gelehrten über eine Frau, die aus allen Rollen fällt – und die genau dafür bestraft, aber auch unsterblich gemacht wird. Wer Lagertha nur als starke Heldin feiert, überliest die Hälfte des Textes.

Schildmaid – Dichtung, Deutung und das Grab Bj 581

Bleibt die große Frage: Gab es kämpfende Frauen wie Lagertha wirklich? Die ehrliche Antwort ist ein doppeltes Ja-und-Nein. Nein: Ein flächendeckendes Heer von Schildmaiden ist ein modernes Bild; Saxos Kriegerinnen sind ein literarisches Motiv, kein Bevölkerungsbefund. Ja: Vereinzelt gibt es archäologische Hinweise, die eine ernsthafte Debatte tragen. Der bekannteste Fall ist das Kammergrab Bj 581 in Birka – reich ausgestattet mit Schwert, Axt, Speeren, Pfeilen, zwei Pferden und einem Spielbrett, lange selbstverständlich als „Kriegergrab" eines Mannes gedeutet. 2017 zeigte eine genetische Untersuchung (Hedenstierna-Jonson u. a.), dass die bestattete Person biologisch weiblich war. Das war eine kleine Sensation – und sofort umstritten: Waffen im Grab beweisen nicht zwingend eine Kämpferin, so wie ein Spielbrett nicht automatisch eine Feldherrin macht. Sicher ist: Eine Frau wurde mit voller Kriegerausstattung bestattet. Was das über ihr Leben aussagt, bleibt Deutung. Genau in dieser Spannung lebt Lagertha weiter – zwischen einem einzigen mittelalterlichen Text und einem einzigen archäologischen Grab, die beide faszinieren und beide keine schnelle Antwort geben.

Was belegt ist

Belegt ist vor allem eines: dass Saxo Grammaticus um 1200 diese Erzählung aufgeschrieben hat. Der Stoff der ersten neun Bücher der Gesta Danorum gilt in der Forschung weithin als weitgehend legendär – eine Mischung aus Sagen, mündlicher Überlieferung und Saxos eigener Gestaltung. Dass es in der Wikingerzeit vereinzelt bewaffnete Frauen gegeben haben kann, ist eine ernsthafte Debatte (Grab Bj 581 in Birka, 2017 genetisch als weiblich bestimmt). Eine historische „Lagertha" als reale, greifbare Person lässt sich damit aber nicht belegen: Saxo bleibt der einzige Zeuge, und er schrieb Jahrhunderte nach den Ereignissen und mit erkennbarer Absicht.

Mythos-Check

Die Schildmaid als flächendeckendes Kriegerinnen-Heer ist ein modernes Bild. Saxos „schildkämpfende Jungfrauen" sind ein wiederkehrendes literarisches Motiv, kein demografischer Befund – er selbst rahmt Ladgerdas Waffengang als Ausnahme entehrter Frauen. Das Grab Bj 581 zeigt: Eine mit Waffen bestattete Frau gab es; ob sie eine kämpfende Kriegerin war, bleibt Deutung. Und die Lagertha der Serie „Vikings" (Katheryn Winnick) – Bäuerin, Jarl, Königin von Kattegat – ist zum allergrößten Teil moderne Erfindung: Saxo kennt weder Kattegat noch ihre Serien-Biografie noch ihren Serien-Tod.

Die Lagertha der Serie

Warum kennt Lagertha heute fast jeder? Wegen der Serie „Vikings", in der Katheryn Winnick sie über sechs Staffeln als Ragnars erste Frau spielt – als Bäuerin, Schildmaid, Jarl und schließlich Königin von Kattegat. Diese Figur ist charismatisch, tragisch, groß – und sie ist Drehbuch. Der Name und der Funke stammen aus Saxo; fast alles andere, von Kattegat über die politischen Intrigen bis zum Tod, ist für das Fernsehen erdacht. Selbst Kattegat ist in Wahrheit eine Meerenge zwischen Dänemark und Schweden, kein Ort.

Genau das macht Lagertha zu einem so guten Beispiel für unsere Haltung: Wir lieben die Sage – und wir sagen ehrlich dazu, wo die Quelle endet und die Legende beginnt. Die echte Ladgerda ist ein einziger, faszinierender Handlungsstrang bei einem mittelalterlichen Gelehrten. Das macht sie nicht kleiner. Es macht sie nur ehrlicher – und, wenn man genau liest, sogar rätselhafter, als es jede Serie zeigen könnte.

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