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Wie die Wikinger navigierten

Schiffe & Seefahrt Wie die Wikinger navigierten Von Bergen nach Grönland, quer über den offenen Nordatlantik – ohne Magnetkompass, ohne Seekarte, ohne GPS. Wie fand ein Langschiff sein Ziel, wenn tagelang nur Wasser und Himmel zu sehen waren? Die Antwort ist weniger geheimnisvoll und viel beeindruckender, als die Legenden vom „magischen Kristall“ vermuten lassen.

Kein Kompass, aber ein Kopf voller Wissen

Beginnen wir mit einer Ernüchterung, die zugleich eine Verbeugung ist: Die Wikinger hatten keinen Magnetkompass. Die magnetische Nadel kam erst später über China und das Mittelmeer nach Nordeuropa; in der Wikingerzeit (etwa 793 bis 1066) war sie schlicht nicht verfügbar. Und trotzdem befuhren nordische Seefahrer regelmäßig die gefährlichste Seeroute ihrer Welt – von Norwegen über die Färöer und Island bis nach Grönland und weiter bis an die Küste Nordamerikas.

Wie das ging? Nicht mit einem einzigen Wundergerät, sondern mit einem ganzen Bündel aus Erfahrung, Beobachtung und mündlich weitergegebenem Wissen. Der Steuermann kannte die Wanderwege der Vögel, das Verhalten der Wale, die Farbe des Wassers, die Windrichtungen der Jahreszeit und – vor allem – die Höhe der Sonne über dem Horizont. Navigation war für die Wikinger kein technisches Fach, sondern ein Handwerk, das man an Bord lernte, so wie man Segelnähen oder Ruderdienst lernte.

Breitengradsegeln: die Autobahn des Nordatlantiks

Das Rückgrat der offenen Seefahrt war das sogenannte Breitengradsegeln. Die Idee ist genial einfach: Statt einen Kurs quer über das offene Meer zu berechnen, segelte der Navigator zunächst an der Küste nach Norden oder Süden, bis er auf demselben Breitengrad wie sein Ziel lag. Dann drehte er bei günstigem Wind nach Westen (oder Osten) ab und hielt diese Breite so gut wie möglich – so lange, bis Land in Sicht kam.

Die Breite hielt man, indem man die Höhe der Mittagssonne über dem Horizont im Auge behielt oder nachts die Höhe des Polarsterns. Blieb die Sonne mittags immer gleich hoch, stimmte der Kurs. Stieg sie höher, war man zu weit südlich abgekommen; sank sie, zu weit nördlich. Das klingt grob, funktionierte in der Praxis aber erstaunlich zuverlässig, weil die wichtigsten Ziele – die Färöer, Island, Grönland – auf recht klar merkbaren Breiten lagen.

Die Segelanweisung aus der Landnámabók

Dass dieses Verfahren kein modernes Wunschdenken ist, zeigt eine der schönsten Quellen der nordischen Seefahrt: die Segelanweisung im Landnámabók, dem isländischen „Buch der Landnahme“, überliefert in der Hauksbók-Fassung. Sie beschreibt die Route von Norwegen nach Grönland als eine Kette von Peilungen an bekannten Landmarken:

Von Hernar in Norwegen soll man geradewegs westwärts nach Hvarf in Grönland segeln; dann segelt man nördlich an Hjaltland (Shetland) vorbei, so dass man es bei klarer Sicht gerade eben erblickt, dann südlich an den Färöern, so dass die See ihnen bis zur Mitte der Berghänge reicht, dann südlich an Island vorbei, so dass man Vögel und Wale von dort her hat.Landnámabók (Hauksbók), gemeinfreie Übersetzung nach mittelalterlichem Text

Das ist kein Zauberspruch, sondern eine nüchterne Gebrauchsanweisung: gerade westwärts halten, Shetland eben am Horizont, die Färöer halb im Wasser, Island südlich lassen. Wer diese Sichtpeilungen einhielt, blieb auf Kurs – ein ganzes System aus Landmarken, Sichthöhen und Naturzeichen, in wenige Sätze gepackt.

Küstensegeln und die Kunst der Peilung

Der weitaus größte Teil der Wikingerfahrten war ohnehin kein offenes Meer, sondern Küstensegeln. Entlang der zerklüfteten Küsten Skandinaviens, der britischen Inseln oder der Ostsee hangelte man sich von Landmarke zu Landmarke: eine markante Bergspitze, eine Flussmündung, eine bekannte Insel. Solche Merkpunkte wurden im Gedächtnis behalten und mündlich weitergegeben – ein Seehandbuch, das nie geschrieben werden musste, weil es in den Köpfen der erfahrenen Steuerleute lebte.

Auch die Wassertiefe war ein Werkzeug: Mit dem Senkblei prüfte man den Grund, dessen Farbe und Beschaffenheit erfahrenen Seefahrern verriet, wo sie waren. Und man rechnete in dœgr – halben Tagen einer Reise –, nicht in Kilometern. Eine Etappe von so und so vielen dœgr war eine handfeste Größe, wenn man Schiff, Wind und Route kannte.

Vögel, Wale, Wolken: das Meer lesen

Wo keine Landmarke half, half die Natur. Küstengebundene Vögel zeigten die Nähe von Land an – ein Trick, der auch in der Landnámabók anklingt („Vögel und Wale von dort her“). Eine berühmte Anekdote erzählt vom Siedler Hrafna-Flóki, der auf seiner Islandfahrt Raben mitnahm und sie steigen ließ: Der Vogel, der nicht zum Schiff zurückkehrte, wies die Richtung zum Land.

Dazu kamen zahllose weitere Zeichen: die Zugbahnen von Walen, das Muster der Dünung, die Farbe des Wassers über Untiefen, Treibholz und Seetang, sogar die Form der Wolken, die sich über unsichtbaren Inseln stauen. Ein „Landblink“ – die helle Spiegelung von Eis oder Land am Wolkenhimmel – konnte Grönland verraten, lange bevor die Küste selbst zu sehen war. Nichts davon war Instrument; alles davon war geschultes Auge.

Der Sonnenstein (sólarsteinn) – geniale Idee, dünner Beleg

Und nun zum berühmtesten Puzzleteil: dem Sonnenstein. In wenigen mittelalterlichen isländischen Texten – etwa im Rauðúlfs þáttr – wird ein sólarsteinn erwähnt, mit dem man die Stellung der Sonne bei bedecktem Himmel bestimmen können soll. Die moderne Deutung: ein doppelbrechender Kristall wie Kalkspat (Islandspat), der das polarisierte Licht des Himmels sichtbar macht. Dreht man einen solchen Kristall gegen den grauen Himmel, lässt sich aus dem Polarisationsmuster die Richtung der verdeckten Sonne einkreisen – und damit die Nordrichtung.

Optische Experimente (unter anderem Studien der 2010er Jahre) zeigen, dass das physikalisch tatsächlich funktioniert und in bewölkten Bedingungen auf wenige Grad genau sein kann. So weit, so faszinierend. Aber: Ein Sonnenstein aus einem sicher wikingerzeitlichen Schiffsfund existiert nicht. Der oft zitierte Kalkspatkristall vom Wrack bei Alderney stammt von einem englischen Schiff, das 1592 sank – rund fünf Jahrhunderte nach der Wikingerzeit. Er belegt bestenfalls, dass Kristalle an Bord späterer Schiffe eine Rolle spielten, nicht dass Wikinger sie benutzten.

Die Sonnenscheibe von Uunartoq

Ein zweiter Kandidat für ein „Instrument“ ist die hölzerne Scheibe von Uunartoq, gefunden in den Ruinen eines nordischen Hofes in Grönland und meist ins 11. Jahrhundert datiert. Das Fragment trägt Einkerbungen am Rand und wird von vielen Forschern als Teil eines Sonnenkompasses gedeutet: Ein Stift in der Mitte wirft einen Schatten, dessen Spitze im Tagesverlauf eine Kurve zeichnet; hält man den Schatten auf der eingeritzten Linie, hält man den Kurs.

Für die Praxistauglichkeit spricht ein Feldtest: 1984 segelte eine Expedition mit dem Nachbau eines nordischen Handelsschiffs zwischen Island und Grönland und ließ Nachbildungen der Uunartoq-Scheibe gegen den modernen Magnetkompass antreten – die Abweichung wurde als „vernachlässigbar“ beschrieben. Trotzdem bleibt Vorsicht geboten: Erhalten ist nur ein kleines, verwittertes Bruchstück, und ob es wirklich ein Peilschatten-Kompass war oder etwa ein Zierstück, ist nicht endgültig bewiesen. Die Deutung ist gut begründet, aber sie bleibt eine Deutung.

Was blieb: Erfahrung statt Instrument

Fassen wir zusammen: Die eindrucksvollste „Technik“ der Wikinger war kein Gerät, sondern ein Kopf. Breitengradsegeln, Sichtpeilungen, das Lesen von Vögeln, Walen, Wasser und Wolken, gebündelt in mündlich weitergegebenen Segelanweisungen wie der aus der Landnámabók – das trug die Langschiffe über den Nordatlantik. Sonnenstein und Sonnenscheibe sind spannende, physikalisch plausible Ergänzungen, aber für die Wikingerzeit archäologisch nicht hart belegt.

Vielleicht ist gerade das die schönste Pointe: Was die Wikinger zu großen Seefahrern machte, war nicht der eine geheime Kristall, sondern jahrhundertelang gesammeltes, geteiltes und gemerktes Wissen. Ein Schatz, den man nicht ausgraben kann – nur bewundern.

Was belegt ist

Historisch gesichert sind das Breitengradsegeln und die Sichtpeilung an Landmarken (Segelanweisung der Landnámabók/Hauksbók), das Rechnen in dœgr, das Loten mit dem Senkblei sowie die Naturbeobachtung von Vögeln, Walen, Wasserfarbe und Wolken. Die Uunartoq-Scheibe (11. Jh.) existiert als realer Fund und wird breit als Sonnenkompass-Fragment gedeutet; ein Nachbau-Feldtest 1984 verlief erfolgreich.

Mythos-Check

Einen Magnetkompass hatten die Wikinger nicht – der kam erst später aus dem Osten. Der Sonnenstein ist physikalisch plausibel, aber archäologisch NICHT für die Wikingerzeit belegt: Der bekannte Kalkspat von Alderney stammt von einem 1592 gesunkenen englischen Schiff, nicht von einem Langschiff. Und die Uunartoq-Scheibe ist nur als kleines Bruchstück erhalten – die Sonnenkompass-Deutung ist gut begründet, aber kein endgültiger Beweis.

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