1880 gruben zwei Jungen einen Grabhügel auf, weil sie hofften, Gold zu finden. Was sie freilegten, war kostbarer: das besterhaltene große Wikingerschiff der Welt – und ein Häuptling, der mit ihm bestattet worden war.
Am Hof Gokstad bei Sandefjord in Vestfold erhob sich ein großer Grabhügel, den die Umgebung „Kongshaugen" nannte – der Königshügel. 1880 begannen die Söhne des Hofbesitzers auf eigene Faust zu graben, in der Hoffnung auf Schätze. Als klar wurde, dass hier Holz und Nieten eines Schiffs im Boden lagen, übernahm Nicolay Nicolaysen, der führende Altertumsforscher Norwegens, die Ausgrabung. Was er freilegte, war eine Sensation: ein fast vollständig erhaltenes Wikingerschiff, eingebettet in feuchten blauen Ton, der das Eichenholz über fast tausend Jahre konserviert hatte.
Datiert wird die Bestattung mit Hilfe der Dendrochronologie in die Jahre um 900; das Schiff selbst war einige Jahre zuvor gebaut worden. Heute steht es im Wikingerschiffshaus auf der Osloer Halbinsel Bygdøy – neben dem Oseberg-Schiff das bekannteste Wasserfahrzeug der Wikingerzeit.
Der Name „Königshügel" war dabei mehr als Volksmund. Solche mächtigen Grabhügel waren weithin sichtbare Machtzeichen in der Landschaft, gesetzt an Wege und Wasserwege, damit jeder Vorüberziehende den Anspruch der bestatteten Familie vor Augen hatte. Man häufte über dem Schiff Erde und Rasen zu einem Hügel von vielen Metern Höhe auf – eine gewaltige Gemeinschaftsleistung, die zeigt, wie viel dem Umfeld an diesem einen Toten lag. Gokstad ist also nicht nur ein Schiff, sondern ein Denkmal, errichtet, um Erinnerung und Herrschaft über Generationen festzuhalten.
Das Gokstad-Schiff misst rund 23,8 Meter in der Länge und gut 5 Meter in der Breite. Es ist ein Klinkerboot: Die Planken überlappen sich dachziegelartig und sind mit eisernen Nieten verbunden, die Fugen mit geteertem Tierhaar und Wolle abgedichtet. Gebaut ist es fast vollständig aus Eiche, gespalten statt gesägt, sodass die Fasern dem natürlichen Wuchs des Holzes folgen – das macht die dünnen Planken erstaunlich fest und elastisch zugleich.
Der lange, flache Kiel aus einem einzigen Eichenstamm gibt dem Rumpf Rückgrat und Richtungsstabilität. Der geringe Tiefgang von unter einem Meter erlaubte es, in seichten Küstengewässern und weit flussaufwärts zu fahren und das Schiff an flachen Stränden einfach auflaufen zu lassen. Es ist bis heute das größte erhaltene Wikingerschiff Norwegens.
Der Rumpf besteht aus sechzehn Plankengängen je Seite, die nur an wenigen Stellen fest verspannt, sonst aber elastisch mit den Spanten verbunden sind. Dadurch arbeitet das ganze Schiff in der See: Es gibt nach, statt zu brechen. Zusammengehalten wird alles von mehreren tausend eisernen Nieten. Diese Bauweise – leicht, biegsam, reparierbar – ist der eigentliche Grund für den Erfolg der Wikingerschiffe; sie waren keine starren Kästen, sondern federnde Konstruktionen, die den Kräften des Meeres nachgaben.
Gerudert wurde durch Ruderpforten in der Bordwand: sechzehn auf jeder Seite, also Platz für 32 Riemen. Die Pforten ließen sich mit kleinen Klappen verschließen, damit unter Segel kein Wasser eindrang. Der Mast stand in einem massiven eichenen Mastfischträger mittschiffs; das große Rechtsegel aus Wolle trieb das Schiff bei gutem Wind voran, während die Riemen für Windstille, Flussfahrt und das Manövrieren im Hafen dienten.
Mit voller Besatzung fasste das Schiff gut und gerne siebzig Menschen. Unter günstigem Wind erreichte ein Fahrzeug dieser Bauart beachtliche Geschwindigkeiten – der Nachbau von 1893 lief zeitweise über zehn Knoten. Entscheidend war jedoch nicht das Höchsttempo, sondern die Verbindung aus Segel und Riemen: Sie machte das Schiff unabhängig vom Wind und erlaubte es, Küsten abzufahren, in Flussmündungen einzudringen und dort zu landen, wo tief gehende Schiffe scheiterten.
Gesteuert wurde nicht mit einem mittigen Heckruder, sondern mit einem seitlich an der rechten Achterseite befestigten Steuerruder – dem „Steuerbord", das bis heute im Wort Steuerbord (englisch starboard) fortlebt. 1893 baute man einen seetüchtigen Nachbau, die „Viking", und segelte damit über den Nordatlantik zur Weltausstellung nach Chicago. Das Schiff verhielt sich dabei ausgezeichnet – ein praktischer Beweis, dass diese Bauform hochseetüchtig war.
An beiden Bordwänden hingen Schilde: 32 auf jeder Seite, insgesamt 64, abwechselnd gelb und schwarz bemalt und einander überlappend entlang der Reling. Sie steckten in einer Schildleiste, sodass jeder zweite Riemenplatz von einem farbigen Rundschild gedeckt schien. Das ergibt ein prächtiges Bild – und genau hier lauert ein beliebtes Missverständnis.
Da begann das Zeitalter der Hügelgräber im ganzen Reich … und man errichtete Hügel als Denkmäler für vornehme Männer.Snorri Sturluson, Heimskringla – Ynglinga saga, gemeinfreie Übersetzung nach Samuel Laing 1844
Die Schildreihe gehörte in diesem Rahmen zum Grab- und Paradebild, nicht zur Gefechtsbewaffnung. Im Kampf hätten dicht an dicht hängende Schilde die Riemen blockiert; man führte sie an Bord verstaut mit sich und hängte sie erst zur Zierde oder im Hafen aus.
Von den ursprünglich 64 Schilden ist nicht alles im Original erhalten; ein Teil dessen, was heute an der Reling hängt, ist Ergänzung. Die abwechselnd gelb-schwarze Bemalung ist jedoch belegt und ergibt genau das eindrucksvolle Muster, das man mit Wikingerschiffen verbindet – nur eben als Zier, nicht als Rüstung.
Auf dem Achterschiff war eine hölzerne Grabkammer errichtet, und darin lag ein Mann. Untersuchungen des Skeletts – zuletzt gründlich um 2007 – ergaben einen kräftig gebauten Mann von etwa 40 Jahren und beträchtlicher Körpergröße. An den Beinknochen fanden sich Verletzungsspuren, die auf einen gewaltsamen Tod im Kampf hindeuten. Er war also kein friedlicher Greis, sondern ein Mann, der im Gefecht gefallen sein dürfte.
Mit ihm gingen reiche Beigaben in den Hügel: drei kleinere Boote, ein Schlitten, Reste von Betten und Zelt, Küchengerät, ein Spielbrett – und geopferte Tiere, darunter mehrere Pferde und Hunde sowie ein Pfau, ein exotisches Importtier, das seinen weiten Handelshorizont belegt. Das Ensemble zeigt einen Angehörigen der Oberschicht, einen Häuptling oder Kleinkönig aus dem Vestfold des späten 9. Jahrhunderts.
Wer genau er war, verrät der Hügel nicht. Der Name des Toten ist nicht überliefert, und alle Zuschreibungen an bekannte Sagenkönige des Vestfold bleiben Spekulation. Was wir haben, ist kein Name, sondern ein Rang – ablesbar an Schiff, Tieren und Gerät. Manchmal ist der archäologische Befund gerade darin ehrlicher als die Sage: Er zeigt einen mächtigen Mann, ohne ihn mit einer Legende zu überkleben.
Dass das Gokstad-Schiff heute noch dasteht, verdankt es dem blauen Ton, der es luftdicht umschloss und das Holz vor Fäulnis bewahrte. Doch der Hügel war nicht unangetastet: Schon in der Wikingerzeit oder kurz danach war die Grabkammer aufgebrochen und geplündert worden. Was fehlt, ist bezeichnend – edelmetallene Gegenstände und, auffällig, die Waffen des Toten. Solche gezielten Grabaufbrüche waren keine bloße Habgier; die Forschung deutet sie zunehmend als politische Akte, mit denen Nachfolger die Macht und den Anspruch der Toten gleichsam entwerteten.
Für uns bedeutet das: Das Schiff, die Boote, der Schlitten und die Tiere blieben, weil sie sich nicht so leicht wegtragen ließen. Der bewegliche Reichtum verschwand. Der Befund ist reich – aber lückenhaft, und die Lücke ist selbst eine Geschichte.
Wenige Funde wurden so schnell zur lebenden Erfahrung wie Gokstad. Nur 13 Jahre nach der Ausgrabung stach der originalgetreue Nachbau „Viking" in See und überquerte 1893 unter Kapitän Magnus Andersen den Nordatlantik von Norwegen nach Nordamerika. Die Fahrt zeigte, wie seetüchtig, schnell und flexibel der flache, elastische Rumpf war – und begründete eine bis heute anhaltende Tradition seetüchtiger Wikingerschiff-Nachbauten. Das Original selbst bleibt, aus konservatorischen Gründen, für immer an Land.
Das Klischee vom Wikingerschiff ist das schmale, tief geschnittene Langschiff mit geschnitztem Drachenkopf, randvoll mit Kriegern. Das Gokstad-Schiff ist etwas anderes: ein Karvi, ein mittelgroßes Allzweckschiff, das ebenso Handel, Reise, Fracht und Repräsentation dienen konnte wie gelegentlich der Kriegsfahrt. Es ist breiter und bauchiger als die reinen Langschiffe des Klischees und trägt keinen erhaltenen Drachenkopf. Auch die berühmten 64 Schilde sind eher Grab- und Paradeschmuck als Gefechtsbestückung. Gokstad ist damit kein Bild vom „typischen" Kriegsschiff, sondern das ausgezeichnet erhaltene Fahrzeug eines wohlhabenden Herrn – vielseitig, seetüchtig und alles andere als ein reiner Schlachtruderer.
Woher kommt das schlanke Klischee? Aus späteren Sagas, aus der Wikingerromantik des 19. Jahrhunderts und aus dem Kino, wo das drachenbewehrte Kriegsschiff besser zur Erzählung vom Raubzug passt. Die Wirklichkeit war vielseitiger: Neben den wirklich schmalen, langen Kriegsschiffen – wie den späteren Skuldelev-Funden aus Dänemark – gab es breite Frachtsegler, kleine Küstenboote und eben Allzweckschiffe wie Gokstad. Wer die Wikinger verstehen will, stellt sie sich besser nicht als reine Krieger vor, sondern als Seefahrer, Händler und Siedler, die für jeden Zweck das passende Schiff bauten.
Das Gokstad-Schiff wurde 1880 in einem Grabhügel bei Sandefjord (Vestfold, Norwegen) ausgegraben und stammt aus der Zeit um 900. Es ist ein Klinkerboot aus Eiche, rund 23,8 Meter lang, mit 16 Ruderpforten je Seite (32 Riemen), Mast und Rechtsegel sowie einem seitlichen Steuerruder. An der Reling hingen 64 abwechselnd gelb-schwarz bemalte Schilde. Im Hügel lag die Grabkammer eines kräftigen Mannes von etwa 40 Jahren mit Verletzungsspuren, dazu drei Boote, ein Schlitten, Betten, Zelt und geopferte Tiere (u. a. Pferde, Hunde, ein Pfau). Es ist das größte erhaltene Wikingerschiff Norwegens (Wikingerschiffshaus Oslo/Bygdøy).
Gokstad ist kein schlankes Drachen-Kriegsschiff, sondern ein Karvi – ein mittelgroßes Allzweckschiff für Handel, Reise, Fracht und Repräsentation, das breiter und bauchiger ist als das Langschiff des Klischees und keinen erhaltenen Drachenkopf trägt. Die 64 Schilde an der Reling waren wohl Grab- bzw. Paradeschmuck, keine Gefechtsbestückung: dicht gehängte Schilde hätten die Riemen blockiert. Die fehlenden Waffen im Grab sind kein Zeichen von Armut, sondern die Folge eines gezielten, wohl politisch motivierten Grabaufbruchs.

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