Am nördlichsten Rand der slawischen Welt, dort wo der Wolchow aus dem Ilmensee tritt, entstand die Verbindung, aus der die Rus wurde – und mit ihr die Brücke zwischen der Wikingerwelt und Byzanz.
Wenn man aus dem Norden kommt, aus der Ostsee, den Finnischen Meerbusen hinauf und die Newa hinein, dann über den Ladogasee und den Wolchow flussaufwärts, dann landet man irgendwann am Ilmensee. Hier, im nordwestlichsten Winkel der ostslawischen Welt, saß ein Stammesverband, den die Forschung heute Ilmenslawen nennt. Sie selbst nannten sich schlicht Slowene – „Slawen". Sie hatten keinen Sondernamen wie die Kriwitschen oder die Drewlanen. Und genau bei ihnen begann eine der folgenreichsten Begegnungen des frühen Mittelalters: die zwischen Slawen und Skandinaviern.
Das Siedlungsgebiet lag rund um den Ilmensee und an den Flüssen Wolchow, Lowat und Msta. Bis etwa 700 war dieser Raum ausschließlich von finnougrischen Gruppen besiedelt; die ältesten slawischen Siedlungen stammen aus dem 8. Jahrhundert. Die Nachbarn blieben gemischt: Kriwitschen im Süden und Westen, dazu Tschuden, Wes und Merja – finnougrische Völker, deren Namen bis heute in der Landschaft nachklingen. Die Archäologie zeigt Ackerbausiedlungen und hohe kegelförmige Grabhügel, die sogenannten sopki, mit Brandbestattungen. Ein Metallschar von einem Holzpflug beweist entwickelte Landwirtschaft.
Vor allem aber war das ein Land aus Wasser. Wer hier saß, saß an der Schaltstelle zweier Fernwege: der Route „von den Warägern zu den Griechen" über Lowat und Dnjepr nach Konstantinopel, und der Wolgaroute zu den Chasaren und weiter bis Bagdad. Das arabische Silber, das später in Hacksilberhorten auf Gotland und in Skandinavien landete, kam über diese Flüsse.
Staraja Ladoga, altnordisch Aldeigjuborg, wurde per Dendrochronologie auf das Jahr 753 datiert. Damit ist sie eine der frühesten skandinavisch geprägten Siedlungen außerhalb Skandinaviens – älter als Haithabu in seiner Blütezeit, älter als der Überfall auf Lindisfarne. Ab dem Übergang der 760er zu den 770er Jahren stellten Ostslawen den dominierenden Bevölkerungsteil. Die ältesten Dirhams Osteuropas liegen hier; die frühesten Münzen datieren auf 786/787.
Der zweite Schlüsselort ist das Rjurikowo Gorodischtsche, ein befestigter Fürstensitz zwei Kilometer südlich des heutigen Nowgorod, genau dort, wo der Wolchow den Ilmensee verlässt. Ausgrabungen seit 1975 haben hier eine große Menge skandinavischer Funde ans Licht gebracht, mit einer auffälligen Konzentration von Altertümern und Silber für die 860er Jahre. In skandinavischen Quellen erscheint dieser Ort am ehesten als Holmgarðr – der Name, unter dem die Nordmänner Nowgorod kannten.
Nowgorod selbst ist jünger, als man denkt. Die frühesten Kulturschichten der großen Troizki-Grabung reichen in die 920er und 930er Jahre. Machtzentrum (das Gorodischtsche, Mitte 9. Jahrhundert) und Stadt (Ende 10. Jahrhundert) fallen also zeitlich auseinander – ein Befund, den man im Kopf behalten sollte, wenn man gleich die Chroniken liest.
Die berühmteste Geschichte des russischen Mittelalters spielt genau hier. Die Nestorchronik berichtet zum Jahr 862, die Slowenen, Kriwitschen, Tschuden und Merja hätten die Waräger über das Meer zurückgejagt und keinen Tribut mehr gezahlt – und seien dann in Fehde untereinander geraten.
Und es war kein Recht unter ihnen, und Geschlecht erhob sich gegen Geschlecht, und es kam zu Fehden unter ihnen … Und sie sprachen: Lasst uns unter uns einen Fürsten suchen, der über uns herrsche und uns ordne nach Ordnung und nach Recht.Nestorchronik zum Jahr 6370 (862), Hypatius-Handschrift – Originaltext gemeinfrei, eigene Übersetzung
So kamen, sagt die Chronik, Rurik und seine Brüder Sineus und Truwor. Die Formel „unser Land ist groß und reich, aber eine Ordnung ist nicht darin" ist bis heute geflügeltes Wort – wobei das altrussische Wort narjad nicht „Ordnung" im Sinne von Sauberkeit meint, sondern Rechtsordnung, Leitung, Verwaltung. Die Nowgoroder Vierte Chronik liest sogar „aber es gibt keinen Verwalter darin". Es geht also nicht um Chaos, sondern um einen fehlenden Herrscher.
Und hier muss man ehrlich sein. Die Chronik wurde um 1110 bis 1112 zusammengestellt, rund 250 Jahre nach dem Ereignis, und ist nur in Abschriften des 14. und 15. Jahrhunderts erhalten. Die Jahreszahlen der frühen Einträge gelten in der Forschung als „offenkundig konventionell", also als nachträgliche Ordnung. Die Erzählung von den drei berufenen Brüdern hat eine enge Parallele bei Widukind von Corvey, wo die Briten drei sächsischen Brüdern die Herrschaft antragen – ein verbreitetes Erzählmuster für Herrschaftsursprünge.
Die Sage ist eine Sage. Die skandinavische Präsenz aber ist real. Über 1.200 skandinavische Objekte des 8. bis 11. Jahrhunderts – Waffen, Schmuck, Amulette, Werkzeug – sind aus rund 70 altrussischen Fundplätzen bekannt, dazu rund 100 Funde mit skandinavischen Runenzeichen. Skandinavisches Material findet sich in allen frühen Handels- und Handwerkszentren: Ladoga, Timerjowo, Gnjosdowo, Schestowiza, Nowgorod, Pskow, Kiew. Und die Intensivierung dieser Funde in der Nordrus fällt in die zweite Hälfte des 9. Jahrhunderts – also genau in die Zeit, von der die Chronik spricht.
Die heutige Forschung erkennt den skandinavischen Charakter der Waräger, des Volksnamens Rus und der frühen Oberschicht an. Sie sieht darin aber keine „Staatsgründung durch Fremde": Die Entstehung der Rus gilt als komplexer Prozess aus innerer gesellschaftlicher Entwicklung der ostslawischen Verbände und äußeren Impulsen. Wer diese Debatte kennt, versteht auch, warum sie so hitzig geführt wurde – der sogenannte Normannistenstreit ist seit dem 18. Jahrhundert immer auch Politik gewesen. Von hier führt die Linie weiter zur Warägergarde in Konstantinopel, in der später Männer wie Harald Hardrada dienten.
Der Glaube der Ilmenslawen ist so schlecht überliefert wie der aller Elbslawen. Fest steht: 980 ließ Wladimirs Onkel Dobrynja in Nowgorod ein Perun-Idol am Wolchow aufstellen. Nach der Taufe der Rus 988/989 wurde es gestürzt – die Nowgoroder Chronik berichtet, Bischof Joakim aus Korsun habe die Kultstätten zerstört, den Perun fällen und in den Wolchow schleifen lassen. Bis ins 20. Jahrhundert warfen Vorbeifahrende an der Stelle eine Münze ins Wasser.
Der Ort heißt Peryn. Ausgrabungen von Arzichowski (1948) und Sedow (1951/52) legten dort eine Plattform von 21 Metern Durchmesser frei, umgeben von einem Ringgraben mit Holzkohle und mit einer zentralen Grube für einen massiven Pfosten. Sedow rekonstruierte ein Perun-Idol in der Mitte und acht bogenförmige Feuerstellen ringsum. Diese Deutung ist in die Fachliteratur eingegangen – sie ist aber nicht unbestritten.
Am 26. Juli 1951 fand Nina Akulowa bei der Nerewski-Grabung in Nowgorod das erste Stück beschriebener Birkenrinde. Bis 2018 waren es über 1.200 solcher Urkunden, mehr als 1.100 davon aus Nowgorod. Sie sind mit Bronze- und Eisengriffeln geritzt, nie mit Tinte, und der sauerstoffarme Sumpfboden hat sie bewahrt. Ihre Sprache ist echte Alltagssprache, fast frei von kirchenslawischem Einfluss – Einkaufszettel, Schuldscheine, Liebesbriefe, sogar die Schulhefte eines Jungen namens Onfim mit seinen Zeichnungen.
Wichtig ist aber die Datierung: Die Birkenrindenurkunden gehören ins 11. bis 15. Jahrhundert. Sie sind also kein Zeugnis der Wikingerzeit, sondern des hohen und späten Mittelalters. Wer sie als Beleg für nordische Schriftlichkeit heranzieht, verwechselt zwei Epochen. Was sie tatsächlich beweisen, ist bemerkenswert genug: eine erstaunlich hohe Alphabetisierung bis hinunter zu Frauen und Kindern.
Aus den Ilmenslawen wurde später die Republik Nowgorod. 1136 vertrieb die Stadt ihren Fürsten; von da an berief und entließ die Volksversammlung, das Wetsche, die Fürsten selbst, wählte Bürgermeister und Erzbischof und entschied über Krieg und Frieden. Erst 1478 verlor Nowgorod seine Unabhängigkeit. Ihre Nachfahren zogen weiter nach Norden, ans Weiße Meer, wo sie als Pomoren zu Seefahrern wurden – ein spätes Echo jener Wasserwelt, in der alles begann.

Miklagard & die Waraeger · Harald Hardrada · Hacksilber – Silber als Währung · Haithabu · Wolin & Jomsborg.
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