Ein arabischer Reisender hörte in Haithabu singen und fand es scheußlich. Ein Bremer Domherr schrieb über die Lieder von Uppsala, sie seien zu unanständig, um sie wiederzugeben. Zwei Männer, zwei Abneigungen – und beide verraten uns dasselbe: Im Norden wurde gesungen, laut und oft. Nur wie es klang, sagt uns niemand. Aus dreihundert Jahren Wikingerzeit ist keine einzige Melodie überliefert. Was wir haben, sind Bruchstücke aus dem Boden, ein paar spitze Bemerkungen von Fremden und eine Dichtung, deren Form wir kennen und deren Klang wir verloren haben.

Fangen wir mit dem unbequemen Teil an. Aus der Wikingerzeit gibt es keine Noten. Keine Tabulatur, keine Neumen, kein Lied mit Tonhöhen. Die älteste aufgeschriebene weltliche Melodie des Nordens entsteht rund zweihundertfünfzig Jahre nach dem Ende der Wikingerzeit, und sie ist zwei Zeilen lang. Dazu unten mehr.
Was bleibt, sind drei Arten von Spuren: Instrumententeile aus Siedlungen, Häfen, Abfallgruben und Gräbern; Bemerkungen von Leuten, die den Norden besuchten oder beschrieben, meistens von außen und meistens abschätzig; und eine hochentwickelte Dichtung, die sicher vorgetragen wurde, über deren Vortragsweise die Quellen aber schweigen.
Das klingt mager. Es reicht trotzdem für eine Menge. Nur nicht für das eine, was alle wissen wollen: wie es geklungen hat.
Blasinstrumente sind die häufigste Fundgattung, weil Knochen sich hält. Aus Haithabu kennt die Forschung Knochenflöten, meist aus Röhrenknochen von Rind, Schaf oder Vogel, mit eingeschnittenen Grifflöchern. Aus dem angelsächsisch-skandinavischen Jórvík, dem Wikinger-York, stammt neben Knochenpfeifen ein Stück, das in jeder Ausstellung auftaucht: eine kleine Panflöte aus Buchsbaum, ein flaches Holzplättchen mit fünf erhaltenen Bohrungen, aus dem 10. Jahrhundert, gefunden bei den Grabungen in der Coppergate. An einer Seite ist das Stück abgebrochen – ursprünglich können es mehr Röhren gewesen sein.
Solche Pfeifen sind keine Konzertinstrumente. Sie sind klein, laut und schnell gemacht: Hirtenpfeife, Kinderspielzeug, Signalgeber – die Übergänge sind fließend. Eine sauber gearbeitete Blockflöte aus Schafsknochen gibt es auch, aus Århus – die gehört allerdings ins frühe 13. Jahrhundert.
Aus dem Osebergschiff stammen zwei Holzpfeifen ohne Grifflöcher und ein etwa meterlanges, kegelförmiges Holzblasinstrument, dessen ausgehöhlter Kern mit Weidenbändern umwickelt war; es wird üblicherweise als Lur angesprochen. Die Grabkammer von Oseberg ist dendrochronologisch auf 834 datiert. Ein Instrument dieser Bauart macht keine Melodien, sondern Signale: Aufbruch, Sammlung, Warnung. Dass zum Kriegshandwerk Hornsignale gehörten, setzen die Sagas voraus – nur stehen die dreihundert Jahre später.
Das Saiteninstrument des germanischen Nordens war nicht die Harfe, wie man sie sich heute vorstellt, sondern die Leier: flacher Korpus, zwei Arme, ein Querjoch, sechs bis sieben Saiten, gezupft oder mit einem Plektrum angerissen.
Aus Skandinavien selbst ist kein vollständiges Exemplar erhalten, nur die kleinen, harten Teile. Aus Broa in der Gemeinde Halla auf Gotland stammt ein Leiersteg aus Bernstein, aus einem Männergrab des 8. oder 9. Jahrhunderts, zusammen mit Pferd und Schwert. Aus der Schwarzen Erde von Birka kommt ein Steg aus Geweih mit Einkerbungen für fünf bis sieben Saiten. In Haithabu lag in einer Abfallgrube des 10. oder 11. Jahrhunderts ein 15,5 Zentimeter langes Jochstück aus Eibenholz mit sechs Wirbellöchern. Aus York kennt man einen hölzernen Steg mit sechs Saitenkerben, aus Elisenhof an der Eider zwei Bernsteinstege des 8. Jahrhunderts, aus Dorestad in den Niederlanden zwei weitere. Aus Sigtuna stammt ein Stimmschlüssel aus Elchgeweih mit Runeninschrift, um 1100.
Wie ein solches Instrument als Ganzes aussah, wissen wir trotzdem ziemlich genau – nur eben aus Nachbarkulturen, wo die Böden gnädiger waren. Die Leier aus Grab 58 von Trossingen, 2001 gefunden, ist dendrochronologisch um 578 bis 580 datiert: 80,3 Zentimeter lang, Korpus, Arme und Joch aus einem Stück Ahorn, sechs Wirbel, ein Steg aus Weidenholz, beide Seiten geschnitzt. Dazu kommen die angelsächsischen Stücke aus Sutton Hoo, Taplow und Prittlewell. Das sind germanische Leiern, nur ein paar Generationen älter und ein paar hundert Kilometer südlicher. Die skandinavischen Stege passen zu genau diesem Instrumententyp.
Ein Bild dazu liefert erst das Hochmittelalter. Am Portal der Stabkirche von Hylestad, geschnitzt in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, sitzt Gunnar in der Schlangengrube und spielt die Harfe mit den Zehen – die letzte Szene einer Bildfolge, die den Stoff um Sigurd und Fafnir erzählt. Ein Musiker in der Kunst, ja. Aber christliche Zeit, nicht Wikingerzeit.
Bei Arbeiten an einem Bachdamm kam aus dem Bereich von Haithabu ein 43 Zentimeter langes Holzstück aus Erle zutage, gedeutet als der rundlich-birnenförmige Boden eines Klangkörpers mit angesetztem flachem Hals, datiert ins 10. oder 11. Jahrhundert. Wenn die Deutung stimmt, ist das der älteste archäologische Beleg für ein Streichinstrument in Europa. Die Deutung ist nicht unbestritten, und das Stück wirkt unfertig. Altnordisch gibt es ein Wort für so etwas: gígja. Aus Dublin stammt ein Bogen aus der Mitte des 11. Jahrhunderts, verziert mit einem Tierkopf im nordischen Stil.
Damit hört die Sicherheit aber auf. Die Tagelharpa oder Talharpa, die heute jedes Wikingerfestival beschallt, ist eine Streichleier aus dem estnisch-schwedischen Küstengebiet. Das älteste erhaltene Exemplar stammt aus Nuckö in Nordwestestland und wird in die Mitte des 18. Jahrhunderts datiert; beschrieben wird das Instrument ausführlich erst im 19. Jahrhundert. Bildliche Belege für Streichleiern überhaupt setzen im 11. Jahrhundert ein, auf dem Kontinent. In wikingerzeitlicher Kunst gibt es kein Bild davon.
Ähnlich steht es mit der Maultrommel. Sie gilt vielen als typisches Wikingerinstrument. Die Fundlage sagt etwas anderes: Die gut datierten europäischen Maultrommeln setzen im 13. und 14. Jahrhundert ein, und selbst dort ist die Datierung oft heikel, weil die schwingende Zunge fehlt und viele Stücke Lesefunde ohne Schichtzusammenhang sind. Ein sicher wikingerzeitliches Exemplar kennen wir nicht. Das heißt nicht, dass es sie damals nicht gab – es heißt, dass wir es nicht belegen können. Der Unterschied ist uns wichtig.
Die schriftlichen Zeugnisse sind wenige, kurz und fast alle unfreundlich. Der andalusische Reisende Ibrāhīm ibn Yaʿqūb at-Tartūschi besuchte im 10. Jahrhundert Schleswig, also Haithabu. Sein Bericht ist nur in der Bearbeitung späterer arabischer Geographen erhalten, bei al-Bakrī und bei al-Qazwīnī. Die berühmteste Stelle ist diese:
„Nie hörte ich üblere Gesänge als die der Leute von Schleswig: ein Brummen, das aus ihren Kehlen kommt, wie das Bellen von Hunden, nur noch tierischer."Bericht des at-Tartūschi über Schleswig, überliefert bei al-Qazwīnī; Übertragung von uns
Man kann darüber lachen. Man sollte aber mitlesen, was da steht: Gesang aus der Kehle, tief, gepresst, über längere Zeit. Wer heute nordische Kulning oder färöischen Kettentanzgesang hört, versteht, warum ein Mann aus dem andalusischen Musikbetrieb das für Gebell hielt.
Der arabische Gesandte Ibn Fadlan beschrieb 922 an der Wolga das Begräbnis eines Rus-Anführers. Zwei Details gehören hierher. Zum einen wurde dem Toten neben Rauschtrank und Früchten ein Saiteninstrument ins Grab gelegt. Zum anderen schlugen die Männer beim Tod der Sklavin mit Stäben auf ihre Schilde, damit man ihre Schreie nicht hörte – Lärm mit Funktion, nicht Musik.
Adam von Bremen schrieb um 1075 über die Opferfeste von Uppsala und brach an der entscheidenden Stelle ab:
Ceterum neniae, quae in eiusmodi ritu libationis fieri solent, multiplices et inhonestae, ideoque melius reticendae.
„Die Gesänge übrigens, die bei einem solchen Opferritus üblich sind, sind vielfältig und unanständig, und deshalb schweigt man besser darüber."Adam von Bremen, Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum IV,27; Übertragung von uns
Adam war nie dort. Er schrieb aus zweiter Hand und mit Absicht. Trotzdem steht da eine Information: Zum Opfer gehörten Gesänge, mehrere Arten davon, und sie waren aus christlicher Sicht anstößig. Mehr gibt der Satz nicht her, und mehr sollte man ihm nicht abpressen.
Die kunstvollste Lautäußerung der Wikingerzeit war kein Lied, sondern eine Strophe. Das Dróttkvætt, das Hofversmaß, verlangt sechs Silben pro Zeile, Stabreim über die Zeilenpaare, dazu Binnenreime in festem Muster. Wer das beherrschte, konnte einen Fürsten preisen, einen Gegner vernichten oder eine Schlacht in acht Zeilen haltbar machen. Wie bei Eyvindr skáldaspillir oder in der Vellekla.
Ob diese Strophen gesungen wurden, wissen wir nicht. Die Sprache selbst gibt einen Hinweis: Altnordisch werden Strophen kveðit, also gesagt, gesprochen, skandiert – nicht sungit. Das schließt eine Art melodisches Sprechen nicht aus, im Gegenteil. Aber es legt nahe, dass Skaldik näher am Vortrag als am Gesang lag und dass ihr musikalisches Gerüst im Metrum steckte, nicht in einer Melodie. Wer heute eine Skaldenstrophe zu einer Leier singen hört, hört eine moderne Entscheidung, keine überlieferte.
Das gilt genauso für die Eddalieder. Ihre Metren sind freier, ihr Alter ist umstritten, und die Handschriften der Edda sind Bücher des 13. Jahrhunderts. Noten stehen in keiner davon.
Es gibt einen Punkt, an dem die Stille aufhört, und er liegt schön schief. Der Codex Runicus, eine Handschrift des Schonischen Rechts von um 1300, ist vollständig in Runen geschrieben. Ganz am Ende, nach dem Gesetzestext, stehen zwei Zeilen Lied – und darüber zwei einfache Notenlinien in früher Notation. Der Text beginnt: Drømde mik en drøm i nat, mir träumte diese Nacht ein Traum. Das ist die älteste erhaltene weltliche Melodie Skandinaviens.
Sie ist zweihundertfünfzig Jahre jünger als die Wikingerzeit, zwei Zeilen lang, und selbst über ihren Rhythmus streitet man, weil die Notation Tonhöhen gibt, aber keine klaren Dauern. Genau deshalb ist sie lehrreich: Sie zeigt, wie dünn die Überlieferung wird, sobald es um Klang geht – und wie spät sie einsetzt.
Damit zu der Musik, wegen der die meisten diesen Artikel überhaupt suchen. Wardruna wurde 2003 in Norwegen von Einar Selvik gegründet und arbeitet mit Rahmentrommeln aus Hirschhaut, Flöten, Bockhorn, Lur, Kraviklyra und Maultrommel. Heilung entstand 2014 in Kopenhagen und nennt das Eigene treffend „amplified history": Die Texte stammen großenteils aus echten Runeninschriften, Zaubersprüchen und alten Sprachstufen, von Altnordisch über Althochdeutsch bis Gotisch.
Beides ist sorgfältig gemacht, beides ist gut recherchiert, und beides ist neue Musik. Die Instrumente sind teils rekonstruiert, teils aus jüngeren Volksmusiktraditionen entlehnt. Die Texte sind alt, die Melodien sind es nicht und können es nicht sein, weil keine überliefert ist.
Wir halten das für einen redlichen Umgang. Ein Rekonstruktionsversuch ist keine Fälschung, solange er sich zu erkennen gibt als das, was er ist: eine Antwort auf eine Leerstelle. Nur wer behauptet, das sei „die Musik der Wikinger", gibt die Antwort für die Quelle aus. Wir gravieren ähnlich: Ein Motiv nach einem Fund aus Haithabu ist ein Motiv nach einem Fund – und keine Zeitreise.
Archäologischer Befund: Knochen- und Holzpfeifen aus Haithabu, York und Oseberg; die Buchsbaum-Panflöte aus der Coppergate; Leierstege aus Broa, Birka, Elisenhof, Dorestad und York; ein Eibenjoch aus Haithabu; ein Stimmschlüssel aus Sigtuna; ein Bogen aus Dublin. Vollständige Leiern nur außerhalb Skandinaviens.
Zeitgenössische Schriftquellen: at-Tartūschi über den Gesang in Schleswig, überliefert bei späteren arabischen Autoren; Ibn Fadlan 922 über das Saiteninstrument im Grab und den Schildlärm; Adam von Bremen um 1075 über die Gesänge von Uppsala. Alle drei von außen, alle drei wertend.
Spätere Überlieferung: Sagas und Edda-Handschriften des 13. Jahrhunderts, die Instrumente erwähnen, aber nicht beschreiben; das Hylestad-Portal mit Gunnar in der Schlangengrube; der Codex Runicus um 1300 mit der ältesten Melodie.
Moderne Deutung: alles, was über Tonleitern, Stimmungen, Mehrstimmigkeit und Rhythmus der Wikingerzeit gesagt wird. Ebenso jede heutige „Wikingermusik", so gut sie auch gemacht ist. Was wir sicher wissen: Es wurde gesungen, es wurde gezupft, es wurde geblasen, und es hat mindestens einen Andalusier ernsthaft gestört. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Haithabu · Die Nordleute von Jórvík · Ibn Fadlan & die Rus · Adam von Bremen · Eyvindr skáldaspillir – der letzte Hofskalde · Die Gotländer.