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Die Gotländer – die Insel der Silberschätze

Geschichte & Funde Die Gotländer – die Insel der Silberschätze

Im Juli 1999 zeigte ein Metalldetektor auf einem Hof bei Othem erst einen Ausschlag, dann „Überlast", dann schaltete er sich ab. Darunter lagen rund 67 Kilogramm Silber. Der Spillings-Hort ist der größte bekannte Silberschatz der Wikingerzeit, und er liegt auf einer Insel, die kaum größer ist als ein großer deutscher Landkreis. Gotland hat mehr Silber der Wikingerzeit hergegeben als jede andere Gegend Skandinaviens. Wer waren die Leute, die es vergruben? Ihre eigene Geschichte beginnt mit einer Insel, die tagsüber im Meer versank.

Silberhort Nr. 1 aus dem Spillings-Fund: Armringe, Barren und Münzen
Silberhort Nr. 1 aus dem Spillings-Fund im Gotlands Museum in Visby. Zusammen brachte Spillings rund 67 Kilogramm Silber zutage, den größten bekannten Silberschatz der Wikingerzeit. Foto: W.carter, CC BY-SA 4.0.

Eine Insel, die tagsüber versank

Die Gotländer haben ihre Herkunft selbst aufgeschrieben. Die Guta saga, die „Geschichte der Gutar", ist ein kurzer Text in altgutnischer Sprache, der Mundart der Insel. Erhalten ist sie in einer einzigen Handschrift aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, heute in der Königlichen Bibliothek in Stockholm, als Anhang zum Gutalag, dem Landrecht der Insel. Wann sie verfasst wurde, ist nicht genau zu sagen; die Herausgeberin Christine Peel setzt sie ins 13. oder vielleicht 14. Jahrhundert. Sie beginnt so:

Gutland hitti fyrsti maþr þann sum Þieluar hit. Þa war Gutland so eluist, at þet daghum sank ok natum war uppi.

„Gotland fand zuerst ein Mann, der Thjelvar hieß. Damals war Gotland so verzaubert, dass es bei Tag versank und bei Nacht oben war."Guta saga, Anfang; Übertragung von uns

Thjelvar bringt als Erster Feuer an Land, und von da an versinkt die Insel nie wieder. Man kann das als altes Motiv lesen: Wer Feuer macht, nimmt Land in Besitz. Man kann es auch als Erinnerung an eine Insel lesen, die aus dem Meer aufgestiegen ist – Gotland hat sich nach der Eiszeit tatsächlich gehoben. Beweisen lässt sich keine der beiden Lesarten. Es ist eine Ursprungssage, und sie will auch nichts anderes sein.

Drei Söhne und ein Drittel, das gehen musste

Thjelvars Sohn Hafthi heiratet Hvitastjerna, den „Weißen Stern". In der ersten Nacht träumt sie, drei Schlangen lägen in ihrem Schoß. Hafthi deutet den Traum: Sie werden drei Söhne haben. Guti, Graipr und Gunfjaun teilen die Insel später in drei Teile, Graipr den Norden, Guti die Mitte, Gunfjaun den Süden. Die Dreiteilung ist kein reines Märchen. Gotland war im Mittelalter tatsächlich in Drittel gegliedert, und die Saga erklärt eine Ordnung, die ihre Leser kannten.

Dann wird die Insel zu klein. Das Volk wächst, bis das Land es nicht mehr ernähren kann. Per Los muss jeder Dritte fort, darf aber alles mitnehmen außer dem Land. Die Auswanderer ziehen erst zur Burg Torsburgen, dann nach Fårö, dann nach Dagö an der estnischen Küste, schließlich die Düna hinauf durch Russland bis nach „Griechenland", also ins Byzantinische Reich. Dort, so die Saga, lebten sie noch und bewahrten etwas von der Sprache der Gutar.

Wie viel Erinnerung in dieser Wanderung steckt, weiß niemand. Die Route liest sich wie die Ostwege, die Gotländer der Wikingerzeit tatsächlich fuhren. Ob der Verfasser des 13. Jahrhunderts eine alte Überlieferung aufschrieb oder die Wege seiner eigenen Zeit in die Vorzeit zurückverlegte, lässt sich nicht entscheiden.

Gutar, Goten, Gotland – ein Name, viele Fragen

Die Gotländer nannten sich Gutar. Der Name klingt nach Goten, und das ist kein Zufall der Aussprache: Sprachwissenschaftler führen die Namen der Gutar, der Götar in Västergötland und Östergötland und der Goten auf eine gemeinsame germanische Wurzel zurück. Daraus folgt aber nicht, dass die Goten von Gotland kamen.

Der gotische Geschichtsschreiber Jordanes erzählte um 551, seine Vorfahren seien einst mit drei Schiffen aus Scandza gekommen. Welche Gegend Skandinaviens er meinte und ob überhaupt eine echte Erinnerung dahintersteckt, ist seit langem umstritten. Manche haben die Auswanderung der Guta saga als Echo dieser Gotenwanderung gelesen. Das ist eine Hypothese, und keine, die sich belegen ließe. Wir halten es wie die vorsichtige Forschung: gleiche Wortwurzel, offene Geschichte. Wer mehr über die antiken Goten wissen will, findet es in einem eigenen Artikel.

Sechzig Mark Silber: der Vertrag mit den Svear

Das zweite große Thema der Guta saga ist die Freiheit der Insel. Viele Könige, heißt es, hätten Gotland mit Krieg überzogen, doch die Gutar hätten stets gesiegt. Dann schickten sie Awair Strabain aus dem Kirchspiel Alva zum König der Svear, und der schloss den ersten Frieden:

So gingu Gutar sielfs wiliandi undir Swia kunung, þy at þair mattin frir ok frelsir sykia Swiariki i hwerium staþ, utan tull ok allar utgiptir.

„So gingen die Gutar aus freiem Willen unter den König der Svear, damit sie frei und ungehindert überall im Svea-Reich verkehren konnten, ohne Zoll und alle Abgaben."Guta saga, Kapitel über Awair Strabain; Übertragung von uns

Dafür zahlten die Gutar nach der Saga jährlich sechzig Mark Silber, davon vierzig an den König und zwanzig an den Jarl. Der König schuldete ihnen im Gegenzug Schutz und Hilfe. Der Ton ist unverkennbar: Hier unterwirft sich niemand, hier schließt man einen Vertrag unter Partnern.

Wann Awair gelebt haben soll, sagt die Saga nicht, und Christine Peel gibt zu bedenken, dass die Bedingungen eher die Verhältnisse des 13. Jahrhunderts spiegeln als die einer Vorzeit. Einen zeitgenössischen Hinweis gibt es trotzdem. Um 890 berichtete der Seefahrer Wulfstan am Hof König Alfreds von seiner Fahrt nach Truso. Dabei zählte er die Inseln auf, die an Backbord lagen, Gotland eingeschlossen, und setzte hinzu: þas land hyrað to Sweon – „diese Länder gehören zu den Svear". Wie eng diese Zugehörigkeit war, sagt der Satz nicht. Mehr zu diesem Bericht steht bei Ottar von Hålogaland.

Über 700 Horte: das Silber im Boden

Das Staatliche Historische Museum in Stockholm zählt über 700 Silberhorte der Wikingerzeit auf Gotland. Keine Landschaft Schwedens hat mehr. Oft genannt wird eine Gesamtzahl von rund 180.000 Münzen von der Insel, deutlich mehr als auf dem ganzen schwedischen Festland; solche Summen sind Hochrechnungen aus vielen Einzelfunden und nicht auf die Münze genau. Den größten Anteil haben arabische Dirhams aus dem Kalifat und seinen Nachfolgestaaten, später kommen deutsche und englische Pfennige dazu.

Der Spillings-Hort ist der größte Einzelfund. Er wurde 1999 bei Othem im Norden der Insel entdeckt und bestand aus zwei Silberdepots von zusammen rund 67 Kilogramm sowie einem Depot mit über 20 Kilogramm Bronze. Darunter 14.295 Münzen, fast alle Dirhams, und 486 Armringe oder Bruchstücke davon. Die jüngsten Münzen stammen von 870/71; vergraben wurde der Schatz also irgendwann danach. Heute liegt er im Gotlands Museum in Visby.

Warum so viel Silber im Boden blieb, ist die eigentliche Frage. Majvor Östergren hat Ende der 1980er-Jahre gezeigt, dass viele Horte nicht irgendwo im Gelände lagen, sondern in oder bei Wohnhäusern. Das spricht eher für eine Art Hausbank als für hastig versteckte Beute. Andere Forscher betonen Glauben, Familie und Status: Silber, das man nicht ausgab, sondern besaß. Beides schließt sich nicht aus. Unstrittig ist nur, dass die Gotländer als Händler und Zwischenhändler an den Wegen nach Osten saßen – über die Ostsee, die Flüsse Russlands und den Warägerweg.

Steine mit Bildern, Steine mit Runen

Das zweite Erbe der Insel steht aufrecht. Auf Gotland sind mehr als vierhundert Bildsteine bekannt, die zwischen etwa 400 und 1100 entstanden. Die frühen tragen Wirbelmuster und Sonnenscheiben, die späten, bis über drei Meter hohen, zeigen Schiffe mit geschachteltem Segel, Kämpfe, Reiter und eine Frau, die einem Ankommenden das Trinkhorn reicht. Wie weit diese Szenen Mythen darstellen, die wir aus der Edda kennen, wird seit Sune Lindqvists großer Bestandsaufnahme von 1941/42 diskutiert. Sicher ist, dass viele Steine Gedenksteine waren und an Wegen standen, nicht auf Gräbern.

Runensteine hat Gotland weniger als Uppland, aber einige sprechen deutlich. Der Stein von Pilgårds im Kirchspiel Boge, aus der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts, nennt Brüder, die für einen gewissen Hrafn Steine setzen ließen, und erwähnt Aifur. So hieß eine der gefährlichen Stromschnellen des Dnjepr, die auch der byzantinische Kaiser Konstantin Porphyrogennetos unter fast demselben Namen beschreibt. Die Deutung liegt nahe, dass Hrafn auf dieser Fahrt umkam, weit im Osten.

Eine Bauernrepublik?

Gotland hatte im Mittelalter keinen eigenen Adel und keinen König auf der Insel. Die Guta saga nennt das Gutnalþing, die Versammlung aller Gutar, an die auch die Abgabe an den König ging. Das Gutalag, wohl im 13. Jahrhundert aufgezeichnet, regelte das Leben der Bauern ohne Herrn dazwischen. Unter der Dreiteilung gab es kleinere Bezirke mit eigenen Thingen. Über das Heidentum, das diese Ordnung abgelöst hat, sagt die Saga, die Menschen hätten an Haine und Grabhügel, an Heiligtümer und heidnische Götter geglaubt – geschrieben von einem Christen, der wusste, was er davon hielt.

In der schwedischen Geschichtsschreibung ist für diese Verhältnisse der Begriff bonderepublik verbreitet, Bauernrepublik. Das Wort ist eine moderne Deutung, keine mittelalterliche Selbstbezeichnung. Es trifft etwas Richtiges: Die Insel regelte ihre Angelegenheiten weitgehend selbst und zahlte dem König eine feste Summe. Es verdeckt aber, dass auch diese Bauern keine Gleichen unter Gleichen waren. Die Silberhorte zeigen große Unterschiede im Besitz, und ob eine Schicht reicher Höfe das Thing bestimmte, wird bis heute diskutiert.

Mit dem Aufstieg Visbys im 12. und 13. Jahrhundert verschob sich das Gewicht zur Stadt und zu den deutschen Kaufleuten. 1361 eroberte der Dänenkönig Waldemar Atterdag die Insel. Das ist dann schon eine andere Geschichte.

Beleg, Saga, Deutung – sauber getrennt

Archäologisch belegt sind die über 700 Silberhorte, der Spillings-Hort mit seinen Zahlen, die Bildsteine und die Runensteine wie der von Pilgårds. Sie zeigen eine reiche Bauernbevölkerung mit weiten Verbindungen nach Osten.

Zeitgenössische Schriftquelle ist vor allem Wulfstans Satz aus dem späten 9. Jahrhundert, Gotland gehöre zu den Svear.

Spätere Überlieferung ist die Guta saga des 13. oder 14. Jahrhunderts: Thjelvar und das Feuer, Hvitastjernas Traum, die drei Söhne, die Auswanderung nach Griechenland, Awair Strabain und die sechzig Mark. Das Feuer und die Schlangen sind Legende. Die Vertragsbedingungen sind eher Recht des 13. Jahrhunderts als Erinnerung.

Moderne Deutung sind die Verbindung zu den Goten, der Grund für das Vergraben der Horte und der Begriff der Bauernrepublik.

Was bleibt, ist eine Insel, die ihre Geschichte selbst erzählt hat und deren Boden eine zweite, genauere Fassung aufbewahrt. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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