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Die Grönländer – fünfhundert Jahre und ein Ende

Geschichte & Funde Die Grönländer – fünfhundert Jahre und ein Ende

Am Sonntag, dem 16. September 1408, heirateten in der Steinkirche von Hvalsey ein Isländer und eine Isländerin. Das Aufgebot war an drei Sonntagen verlesen worden. Wir wissen das, weil sich das Paar Jahre später in Island die Trauung bestätigen ließ. Danach schweigen die Schriftquellen über die Nordleute in Grönland. Fast ein halbes Jahrtausend hatten sie dort gelebt, mit Bischof, Kirchen und einem Exportgut, das in ganz Europa gefragt war. Warum sie verschwanden, ist bis heute eine offene Frage. Es gibt Antworten. Nur nicht eine.

Die Kirchenruine von Hvalsey in Südgrönland
Die Kirchenruine von Hvalsey in Südgrönland, gebaut im frühen 14. Jahrhundert. Hier wurde im September 1408 die Hochzeit gefeiert, über die die letzten schriftlichen Nachrichten von den Nordleuten in Grönland berichten. Foto: Number 57, CC0.

Ein Name als Werbung

Die älteste Nachricht über die Besiedlung Grönlands steht bei Ari Þorgilsson, der in den 1120er-Jahren das Buch der Isländer schrieb. Er widmet der Sache ein ganzes Kapitel, und es beginnt mit einer berühmten Begründung:

Hann gaf nafn landinu ok kallaði Grænland ok kvað menn þat mundu fýsa þangat farar, at landit ætti nafn gott.

„Er gab dem Land einen Namen und nannte es Grönland und sagte, es werde die Leute reizen, dorthin zu fahren, wenn das Land einen guten Namen habe."Ari Þorgilsson, Íslendingabók, Kap. 6; Übertragung von uns

Der Mann ist Eiríkr inn rauði, Erik der Rote, ein Isländer aus dem Breiðafjörður. Ari datiert seinen Aufbruch auf vierzehn oder fünfzehn Winter vor der Annahme des Christentums in Island, also um 985 oder 986. Und Ari nennt seine Quelle: einen Mann, der selbst mit Erik gefahren war und es Aris Onkel Þorkell Gellisson in Grönland erzählt hatte. Näher an ein Ereignis des 10. Jahrhunderts kommt man in der nordischen Überlieferung selten.

Im selben Kapitel steht ein zweiter bemerkenswerter Satz. Erik und seine Leute hätten im Osten wie im Westen Spuren von Menschen gefunden, Bruchstücke von Booten und Steinwerkzeuge. Daraus habe man geschlossen, dass dort dasselbe Volk gewesen sei, das Vinland bewohne und das die Grönländer Skrælingar nennen. Die Archäologie gibt Ari recht: Die Südwestküste war vor den Nordleuten von Paläo-Eskimo-Kulturen besiedelt gewesen, deren Spuren die Siedler finden mussten.

Vierzehn von fünfundzwanzig Schiffen

Die Vorgeschichte erzählen das Landnahmebuch und die Eiríks saga rauða. Erik sei wegen Totschlags für drei Jahre geächtet worden, habe die Zeit genutzt, um die Westküste zu erkunden, und sei dann zurückgekehrt, um Siedler zu werben. Nach dem Landnahmebuch fuhren im Sommer der Auswanderung fünfundzwanzig Schiffe los; vierzehn kamen an, die anderen kehrten um oder gingen verloren. Wie viele Menschen das waren, weiß niemand.

Es entstanden zwei Siedlungsgebiete, die man nüchtern nach der Himmelsrichtung benannte. Die Ostsiedlung, Eystribyggð, lag an den Fjorden der Südspitze um das heutige Qaqortoq und Narsaq. Hier nahm Erik sein Land in Brattahlíð, dem heutigen Qassiarsuk. Die Westsiedlung, Vestribyggð, lag rund 500 Kilometer weiter nördlich im Fjordsystem um das heutige Nuuk. Archäologisch sind in der Ostsiedlung etwa 500 Hofstellen erfasst, in der Westsiedlung um die 95. Die Einwohnerzahl ist eine Schätzung. Genannt werden 2.000 bis 3.000 Menschen auf dem Höhepunkt, neuere Arbeiten neigen zu etwa 2.500.

Von Grönland aus fuhr man weiter nach Westen. Das ist die Geschichte von Leif Eriksson und Vinland, die wir an anderer Stelle erzählen, ebenso wie den großen Bogen der Wikinger im Nordatlantik.

Kirchen und ein Bischof am Ende der Welt

Eriks Frau Þjóðhildr soll sich taufen lassen und eine kleine Kirche gebaut haben, so die Saga. 1961 fand man bei Qassiarsuk die Reste einer winzigen Torfkirche mit Friedhof. Ob es ihre ist, lässt sich nicht beweisen, die Gleichsetzung liegt aber nahe. Später wurden es rund sechzehn Kirchen in beiden Siedlungen, dazu Kapellen.

Einen eigenen Bischof bekam Grönland im 12. Jahrhundert. Der erste, Arnaldr, kam 1126 und residierte in Garðar, dem heutigen Igaliku. Wie es dazu kam, erzählt eine kurze Erzählung des 13. Jahrhunderts, der Grænlendinga þáttr: Ein Grönländer namens Einarr Sokkason sei nach Norwegen gefahren und habe dem König Walrosszähne und einen lebenden Eisbären mitgebracht, um ihn für einen Bischof zu gewinnen. Das ist Überlieferung, kein Protokoll. Aber es sagt, womit Grönland bezahlte.

Die Kirche wurde reich. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts gehörten ihr offenbar der größte Hof und ein großer Teil der besten Weiden. Die Kirche von Hvalsey, im frühen 14. Jahrhundert aus Feldsteinen gebaut, rund sechzehn mal acht Meter groß, ist die besterhaltene Ruine der Nordleute in Grönland. 1261 unterstellten sich die Grönländer dem norwegischen König, ein Jahr bevor die Isländer damit begannen. Der letzte Bischof, der tatsächlich in Grönland lebte, starb 1377. Seine Nachfolger wurden zwar geweiht, betraten die Insel aber nicht mehr.

Elfenbein aus dem Norden

Was konnte Grönland Europa bieten? Holz und Eisen fehlten, Getreide wuchs kaum. Dafür gab es Walrosse. Ihre Stoßzähne waren im Hochmittelalter ein gefragter Rohstoff für Schnitzereien, Spielfiguren, Kruzifixe, Bischofsstäbe. Dazu kamen Walrosshaut, aus der man starke Schiffstaue schnitt, Eisbärenfelle, Narwalzähne, die als Horn des Einhorns galten, und Jagdfalken.

Gejagt wurde weit im Norden der Siedlungen, in einem Gebiet, das die Quellen Norðrseta nennen. Wie weit man kam, zeigt ein kleiner Stein. 1824 fand man auf der Insel Kingittorsuaq bei Upernavik, fast auf 73 Grad Nord, einen Runenstein. Drei Männer, Erlingr Sighvatsson, Bjarni Þórðarson und Eindriði Oddsson, melden darauf, sie hätten am Samstag vor dem Bittag Steinmale errichtet. Datiert wird der Stein meist ins 13. oder frühe 14. Jahrhundert.

Wie wichtig Grönland für diesen Handel war, hat eine Studie um James Barrett und Bastiaan Star 2018 gezeigt. Sie untersuchte alte DNA aus Walrossresten von Handelsplätzen zwischen Dublin, London, Schleswig, Bergen und Sigtuna. Ergebnis: Ab dem 12. Jahrhundert stammte das Elfenbein fast ausschließlich von einer Walrosslinie, die nur in den Gewässern zwischen Grönland und Kanada lebt. Grönland hatte den europäischen Markt in der Hand. Nach 1400 finden sich kaum noch Einfuhren.

Robben statt Rinder

Die Siedler kamen als Viehbauern mit Rindern, Schafen und Ziegen. Das Ansehen eines Hofes hing an seinen Kühen. Die Knochen erzählen aber eine andere Geschichte. Jette Arneborg und Kollegen haben 1999 an Skeletten von Kirchhöfen die Kohlenstoffisotope gemessen, die verraten, ob jemand eher von Land- oder von Meeresnahrung lebte. Ihr Befund: Um 1000 lag der Anteil der Meeresnahrung bei rund 20 Prozent, gegen Ende bei rund 80.

Eine größere Folgestudie an 80 Individuen, 2012 vorgelegt, hat das Bild verfeinert. Schon die ersten Generationen aßen viel aus dem Meer, vor allem Robben. Im 14. Jahrhundert machten Robben dann 50 bis 80 Prozent der Nahrung aus. Die alte Vorstellung, die Grönländer seien an ihrem Festhalten am europäischen Bauernleben zugrunde gegangen, lässt sich so nicht halten. Sie haben sich angepasst. Die Frage ist, ob es gereicht hat.

Dieselbe Forschergruppe weist auf einen weiteren Befund hin: In den späten Gräbern sind junge Frauen auffällig selten. Das kann Zufall der Stichprobe sein. Es passt aber auch dazu, dass gerade junge Leute fortgingen.

Die leere Westsiedlung

Die erste Nachricht vom Ende betrifft die Westsiedlung. Sie stammt von Ívar Bárðarson, einem norwegischen Geistlichen, der ab 1341 für den Bischof in Grönland tätig war und in den 1360er-Jahren nach Norwegen zurückkehrte. Er sei mit anderen in die Westsiedlung gefahren, um die Skrælinger zu vertreiben, habe dort aber keine Menschen gefunden, weder Christen noch Heiden, nur verwildertes Vieh und Schafe.

Der Bericht hat einen Haken. Das Original ist verloren; erhalten ist eine dänische Übersetzung des 16. Jahrhunderts, die in Abschriften des 17. Jahrhunderts vorliegt und vermutlich spätere Zusätze enthält. Die Archäologie stützt den Kern: Auf dem Hof, den die Forschung „Gården under Sandet" nennt, blieben Tiere zurück, die Siedlung wurde um die Mitte des 14. Jahrhunderts aufgegeben. Ob die Leute abwanderten, verhungerten oder getötet wurden, zeigt der Befund nicht eindeutig.

Zum Jahr 1379 melden isländische Annalen, Skrælinger hätten die Grönländer angegriffen, achtzehn Männer getötet und zwei Knaben verschleppt. Es ist die einzige Nachricht dieser Art. Die Thule-Inuit waren seit dem 13. Jahrhundert nach Süden gezogen und lebten nun in denselben Fjorden. Wie das Zusammenleben aussah, ob Handel, Streit oder beides, ist umstritten.

Eine Hochzeit in Hvalsey

Die letzte Szene verdanken wir einem Schiff, das vom Kurs abkam. 1406 trieb ein Schiff, das nach Island wollte, nach Grönland ab. An Bord waren Isländer, darunter Þorsteinn Ólafsson, der dort Sigríðr Björnsdóttir heiratete. Die Trauung fand in der Kirche von Hvalsey statt, am Sonntag nach dem Fest der Kreuzerhöhung, also am 16. September 1408. Das Paar blieb bis 1410, fuhr über Norwegen nach Island und ließ sich dort die Rechtmäßigkeit der Ehe bezeugen. Die Briefe darüber, geschrieben zwischen 1409 und 1424, sind die letzten schriftlichen Nachrichten von den Grönländern.

Aus demselben Umfeld stammt eine düstere Nachricht. Nach einem isländischen Annalenbericht wurde 1407 in Hvalsey ein Mann namens Kolgrímr verbrannt, weil er mit Zauberei eine verheiratete Frau verführt habe. Die Gemeinschaft funktionierte also noch: mit Kirche, Aufgebot und Gericht.

Danach bricht die Überlieferung ab. Die jüngsten Radiokarbondaten aus der Ostsiedlung reichen in die erste Hälfte oder Mitte des 15. Jahrhunderts. Die Kleiderfunde vom Kirchhof in Herjolfsnes, 1921 ausgegraben, zeigen Schnitte, wie man sie auch in Europa trug. Kontakte gab es also bis spät, aber sie wurden seltener.

Warum das Ende?

Eine einzige Ursache nennt heute kaum noch jemand. Es gibt Faktoren, die zusammenwirkten, und ihr Gewicht wird unterschiedlich beurteilt.

Klima. Ab dem späten 13. Jahrhundert wurde es im Nordatlantik kühler und unberechenbarer. Kürzere Sommer bedeuten weniger Heu, weniger Heu bedeutet weniger Vieh über den Winter. Neuere Studien bringen daneben Trockenheit und einen steigenden Meeresspiegel ins Spiel.

Handel. Die Stoßzähne verloren an Wert, als afrikanisches Elfenbein wieder leichter nach Europa kam und der Geschmack sich änderte. Gleichzeitig traf die Pest ab 1349 Norwegen, Grönlands einzigen Handelspartner, schwer. Die Schiffe blieben aus.

Isolation und Abwanderung. Eine kleine Bevölkerung, die ihre jungen Leute verliert, kann sich nicht halten. Wer ging, hinterließ keine Nachricht. Das Fehlen von Kampfspuren und die geräumten Häuser passen eher zu einem langsamen Auszug als zu einem Untergang.

Die Inuit. Sie lebten ab dem 14. Jahrhundert in Nachbarschaft der Nordleute. Die Nachricht von 1379 zeigt Gewalt, andere Funde deuten auf Austausch. Eine Vernichtung durch Krieg lässt sich nicht belegen.

Jared Diamond hat 2005 in seinem Buch Collapse das Bild einer Gesellschaft gezeichnet, die an ihren eigenen Werten scheiterte. Viele Archäologen halten das inzwischen für zu einfach, gerade wegen der Isotopenbefunde. Einigkeit gibt es in einem Punkt: Die Grönländer waren keine hilflosen Opfer. Sie hielten mehr als vierhundert Jahre an einem Ort, an dem Europa aufhörte.

Beleg, Saga, Deutung – sauber getrennt

Archäologisch belegt sind die zwei Siedlungen mit Hunderten Höfen, die Kirchen mit Garðar und Hvalsey, der Runenstein von Kingittorsuaq, der Wechsel zu Meeresnahrung, das grönländische Walross-Elfenbein in Europa und das Ende der Siedlungen im 14. und 15. Jahrhundert.

Zeitgenössisch sind die kirchlichen Urkunden, die isländischen Annalen und die Briefe zur Hochzeit von 1408. Ívar Bárðarsons Bericht ist zeitnah, aber nur in späterer Übersetzung erhalten.

Spätere Überlieferung sind Aris Kapitel über Erik, das Landnahmebuch, die Vinland-Sagas und der Grænlendinga þáttr mit dem Eisbären für den König.

Moderne Deutung sind alle Erklärungen für das Ende. Keine davon ist bewiesen, mehrere sind gut begründet.

Was bleibt, ist eine Hochzeit in einer Steinkirche am Fjord und ein Abschied, den niemand aufgeschrieben hat. Woher die Siedler kamen, erzählen wir bei den Isländern. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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