Kein anderes Volk Europas kennt seine Anfänge so genau – oder glaubt es jedenfalls. Die Isländer haben ein Buch, das Hunderte Siedler mit Namen, Hof und Herkunft aufzählt, und eine Chronik, die den Tag nennt, an dem das Land christlich wurde. Beides wurde zweihundert Jahre nach den Ereignissen aufgeschrieben. Seitdem sind zwei Zeugen hinzugekommen, die nicht erzählen, sondern messen: eine dünne Ascheschicht im Boden und die Genome der ersten Toten. Sie bestätigen vieles. Und bei einer Frage widersprechen sie deutlich.

Alles beginnt mit einem Priester namens Ari Þorgilsson, dem man den Beinamen inn fróði gab, der Kundige. In den 1120er-Jahren schrieb er eine knappe Geschichte seines Landes, die Íslendingabók, das Buch der Isländer. Wann genau, lässt sich eingrenzen: Ari widmet es den Bischöfen Þorlákr und Ketill, und beide waren nur zwischen 1122 und 1133 gleichzeitig im Amt. Das Werk ist kurz und in der Volkssprache geschrieben. Es ist erhalten nur in Abschriften des 17. Jahrhunderts, die ein Pfarrer namens Jón Erlendsson nach einer älteren Handschrift anfertigte.
Ísland byggðist fyrst ór Norvegi á dögum Haralds ins hárfagra, Hálfdanarsonar ins svarta.
„Island wurde zuerst von Norwegen aus besiedelt, in den Tagen Haralds des Schönhaarigen, des Sohnes Halfdans des Schwarzen."Ari Þorgilsson, Íslendingabók, Kap. 1; Übertragung von uns
Ari arbeitet wie ein Historiker. Er nennt seine Gewährsleute und hängt seine Zeitrechnung an ein Datum, das er aus englischen Quellen kannte: den Tod König Edmunds von East Anglia, den er 870 ansetzt. Er schreibt, Ívarr, der Sohn Ragnar Lodbroks, habe Edmund töten lassen. Damit reicht die isländische Geschichte gleich im ersten Kapitel hinüber zur Großen Heidnischen Armee. Als ersten Siedler nennt Ari Ingólfr, der sich im Südwesten niederließ, wo heute Reykjavík liegt. Das Jahr 874, mit dem Ingólfr heute verbunden wird, stammt aus der späteren Überlieferung.
Leer war die Insel nach Ari nicht. Christliche Männer hätten dort gelebt, die die Nordleute papar nannten. Sie seien gegangen, weil sie nicht mit Heiden zusammenleben wollten:
… ok létu eftir bækr írskar ok bjöllur ok bagla. Af því mátti skilja, at þeir váru menn írskir.
„… und ließen irische Bücher zurück, Glocken und Krummstäbe. Daraus konnte man erkennen, dass es irische Männer waren."Ari Þorgilsson, Íslendingabók, Kap. 1; Übertragung von uns
Das klingt nach Legende, hat aber einen Zeugen von außen. Der irische Gelehrte Dicuil schrieb um 825 am Hof der Karolinger ein Buch über die Vermessung der Welt. Darin berichtet er, Kleriker hätten ihm dreißig Jahre zuvor erzählt, sie hätten von Februar bis August auf der Insel Thule gelebt, wo die Sonne um die Sommersonnenwende nachts kaum untergehe. Ob Dicuils Thule Island ist, lässt sich nicht beweisen, aber die Beschreibung passt. Archäologisch sind die papar bis heute nicht sicher nachgewiesen. Es gibt Ortsnamen wie Papey und Höhlen mit eingeritzten Kreuzen, deren Alter offen ist. Mehr nicht.
Die genaueste Uhr der Landnahme ist ein Vulkanausbruch. Ende des 9. Jahrhunderts brach im Gebiet Vatnaöldur im Hochland ein Spaltensystem auf und bedeckte weite Teile Islands mit einer dünnen, zweifarbigen Ascheschicht. Isländische Archäologen nennen sie die Landnahme-Tephra. Dieselbe Asche fand sich im grönländischen Eis, und dort lässt sie sich jahrgenau datieren. Lange galt 871 plus minus zwei Jahre. Nach einer Überarbeitung der Eiskern-Zeitskala wird inzwischen meist 877 angegeben; eine Studie von Magdalena Schmid und Kollegen rechnet mit 877 plus minus eins.
Wichtiger als das Jahr ist die Lage im Boden. In Reykjavík, in der Straße Aðalstræti, fand man ein Stück Rasensodenmauer, das unter der Tephra liegt, also älter ist als der Ausbruch. Das Langhaus daneben entstand danach. Menschen waren also da, knapp bevor die Asche fiel. Schmid und Kollegen haben 2018 mehr als dreihundert verlässliche Radiokarbondaten mit der Tephra kombiniert. Ihr Ergebnis: Vor 877 gibt es nur Spuren kurzer Aufenthalte, danach geht es schnell. Weniger als ein Prozent der tephradatierten Fundplätze ist älter, knapp die Hälfte entstand zwischen 877 und dem Ausbruch der Eldgjá um 939. In etwa zwei Jahrzehnten war das Land in seinen Grundzügen verteilt.
Ari schreibt, weise Männer hätten gesagt, Island sei in sechzig Jahren voll besiedelt gewesen. Die Asche sagt: Das stimmt ungefähr, und der Anfang lag um 870 bis 880. Selten liegen Saga und Spaten so nah beieinander.
Neben Ari steht die Landnámabók, das Landnahmebuch. Es geht Island im Uhrzeigersinn ab, Bucht für Bucht, und nennt, wer wo Land nahm, woher er kam und wer von ihm abstammt. Die Zahlen sind gewaltig: rund 430 Landnehmer, darunter auch Frauen, mehr als dreitausend Personen und etwa vierzehnhundert Orts- und Hofnamen.
Das Original ist verloren. Erhalten sind Fassungen, und jede hat einen Bearbeiter. Die Sturlubók stammt von Sturla Þórðarson, entstanden um 1275 bis 1280. Die Hauksbók schrieb Haukr Erlendsson im frühen 14. Jahrhundert, gestützt auf Sturla und auf eine verlorene Fassung des Styrmir Kárason. Von der Melabók sind nur zwei Blätter übrig. Dazu kommen zwei Bearbeitungen des 17. Jahrhunderts, Skarðsárbók und Þórðarbók. Ob Ari eine erste Fassung schrieb, ist offen.
Das Buch sicherte Besitz und Abstammung, im 13. Jahrhundert handfeste Fragen. Ein Nachwort in einer der jüngeren Fassungen sagt es offen: Man schreibe das auf, um Ausländern entgegenzutreten, die den Isländern vorwürfen, von Sklaven und Schurken abzustammen. Die Landnahme ist hier auch Selbstbild. Eine der großen Gestalten dieses Buches ist Aud die Tiefsinnige, die aus Schottland kam, Land an ihre Leute verteilte und ihre Freigelassenen mit Höfen ausstattete.
Das Landnahmebuch zeigt die Siedler als freie Männer aus Norwegen. Es verschweigt die anderen aber nicht. Gleich am Anfang steht die Geschichte von Hjörleifr, dem Schwurbruder Ingólfs: Er sei von seinen irischen Sklaven erschlagen worden, die auf die Inseln vor der Südküste flohen und dort getötet wurden. Die Inseln heißen seitdem Vestmannaeyjar, Inseln der Westmänner – so nannte man die Iren. Ob das so geschah, weiß niemand. Dass es Sklaven gab, bezeugen auch die Rechtsbücher. Mehr dazu unter Sklaverei bei den Wikingern.
Hier sprechen die Gene deutlicher als die Texte. Agnar Helgason und Kollegen haben um 2000 die mütterlichen und väterlichen Linien heutiger Isländer untersucht. Ergebnis: Rund 80 Prozent der Y-Chromosomen, also der väterlichen Linien, sind skandinavischer Herkunft; bei den mütterlichen Linien sind es nur gut 37 Prozent, der Rest, rund 62 Prozent, stammt von den Britischen Inseln. 2018 kamen Genome von 27 Toten der Frühzeit hinzu. Sie zeigen Menschen skandinavischer, gälischer und gemischter Herkunft; im Mittel lag der skandinavische Anteil bei etwa 57 Prozent, bei heutigen Isländern bei etwa 70.
Daraus folgt nicht, dass jede Frau aus Irland oder Schottland eine Sklavin war. Viele Siedler kamen über die Hebriden, Irland und Schottland, wo Nordleute seit Jahrzehnten lebten und einheirateten; Aud ist das beste Beispiel. Die Studien messen Herkunft, nicht Rechtsstand. Sicher ist nur: Die Isländer entstanden aus nordischen Männern und zu einem großen Teil aus Frauen aus dem Westen. Den Weg der Gene nach Westen verfolgt der Beitrag Indigene DNA in Island.
Island hatte keinen König. Es hatte ein Thing. Nach Ari brachte ein Mann namens Úlfljótr Gesetze aus Norwegen mit, und das Alþingi, das Allthing, wurde „nach dem Rat Úlfljóts und aller Landesbewohner" eingesetzt, an dem Ort, wo es noch zu Aris Zeit tagte: Þingvellir, die Thingebene in einer Grabenbruchzone östlich von Reykjavík. Aus Aris Angaben ergibt sich das Jahr 930. Jeden Sommer kamen die Freien dort für rund zwei Wochen zusammen, stritten, handelten und verheirateten ihre Kinder.
Die Macht lag bei den Goden, goðar. Ein Gode hatte ein goðorð, eine Godenschaft. Das war kein Bezirk, sondern ein Bündel von Rechten und Gefolgsleuten, das man erben, teilen, verschenken und kaufen konnte. Jeder freie Bauer musste sich einem Goden anschließen, konnte aber wechseln. Das Wort hängt mit goð, Gott, zusammen. Ob die Goden der Frühzeit auch Kultvorsteher waren, ist umstritten; Belege dafür stammen fast nur aus Sagas.
Um 965 wurde das Land nach Ari in Viertel geteilt, mit je drei Frühjahrsthingen, im Nordviertel vier. Aus den Rechtsbüchern ergibt sich eine Zahl von 39 Godentümern. Damit das Nordviertel nicht mehr Stimmen hatte, erhielten die anderen Viertel zusätzliche Sitze; in der gesetzgebenden Versammlung, der lögrétta, saßen so 48 Goden mit je zwei Beratern. Die oft genannte Zahl von 36 Godentümern vor der Reform ist eine Rückrechnung, keine überlieferte Angabe. Dazu kamen die vier Viertelgerichte und um 1005 ein Fünftgericht, das mit einfacher Mehrheit entscheiden durfte, weil die anderen sich zu oft festfuhren.
Das Gesetz war zunächst nicht geschrieben. Es lebte im Kopf eines Mannes, des Gesetzessprechers, lögsögumaðr. Er wurde für drei Jahre gewählt und musste in dieser Zeit das ganze Gesetz vom Gesetzesfelsen, dem Lögberg, vortragen, jeden Sommer ein Drittel, die Verfahrensregeln des Things jedes Jahr. Ari kannte die Liste der Gesetzessprecher und datiert mit ihr. Der erste nach Úlfljótr war Hrafn Hængsson, der Sohn eines Landnehmers.
Im Winter 1117/18 wurde das Gesetz nach Ari im Haus des Hafliði Másson niedergeschrieben. Was wir heute als isländisches Freistaatsrecht lesen, heißt Grágás, Graugans, und ist in zwei großen Handschriften des 13. Jahrhunderts erhalten. Es regelt Totschlag, Erbschaft und die Frage, wem ein angespülter Wal gehört. Ein Staat ohne Heer, gestützt allein auf Verfahren: Das hielt bis 1262/64, als die Isländer dem norwegischen König huldigten.
Die berühmteste Szene der Íslendingabók spielt auf dem Allthing. König Olaf Tryggvason von Norwegen drängte die Isländer zum neuen Glauben, Missionare waren gekommen, Christen und Heiden standen sich auf der Thingebene gegenüber und sagten sich voneinander los. Man einigte sich, dass der Gesetzessprecher Þorgeirr, selbst noch Heide, entscheiden solle.
… þá lagðist hann niðr Þorgeirr ok breiddi feld sinn á sik ok hvíldi þann dag allan ok nóttina eftir.
„… da legte sich Þorgeirr nieder, breitete seinen Mantel über sich und lag so den ganzen Tag und die Nacht darauf."Ari Þorgilsson, Íslendingabók, Kap. 7; Übertragung von uns
Am Morgen sprach er vom Gesetzesfelsen. Wenn man das Gesetz zerreiße, zerreiße man auch den Frieden; alle sollten „ein Gesetz und eine Sitte" haben. Die Isländer sollten Christen sein und sich taufen lassen. Zugleich blieben Ausnahmen: Das alte Recht zum Aussetzen von Kindern und zum Essen von Pferdefleisch galt weiter, und wer wollte, durfte heimlich opfern. Nur wer dabei gesehen wurde, verfiel der Strafe. Ein paar Jahre später wurden auch diese Ausnahmen aufgehoben.
Ari datiert das in den Sommer, in dem Olaf Tryggvason fiel, also 1000; vertreten wird auch 999. Was unter dem Mantel geschah, ob Gebet, Grübeln oder ein Ritual, darüber wird seit Jahrhunderten spekuliert. Überliefert ist nur der Mantel.
Archäologisch belegt sind der Beginn der dauerhaften Besiedlung kurz vor oder um die Landnahme-Tephra von etwa 877, die rasche Verteilung des Landes in wenigen Jahrzehnten und einzelne ältere Spuren kurzer Aufenthalte. Die Genetik belegt eine gemischte Herkunft mit deutlichem Anteil von den Britischen Inseln, besonders bei den Frauen.
Zeitgenössisch ist fast nichts. Dicuils Bericht um 825 über Kleriker auf Thule ist der einzige Text aus der Zeit vor der Landnahme, und er nennt Island nicht beim Namen.
Spätere Überlieferung sind Aris Buch aus den 1120er-Jahren, das Landnahmebuch in Fassungen des 13. und 14. Jahrhunderts, die Gesetzbücher und die Sagas. Aus ihnen stammen Ingólfr und das Jahr 874, Úlfljótr, Hjörleifrs Tod, die Szene unter dem Mantel. Ari ist nah dran und vorsichtig, aber auch er schreibt zwei Jahrhunderte später.
Moderne Deutung sind die Rolle der papar, die Frage, ob die Goden Priester waren, und die Übersetzung genetischer Anteile in Lebensgeschichten.
Was bleibt, ist ein Volk, das sich selbst aufgeschrieben hat, und ein Boden, der ihm in vielem recht gibt. Wie es weiterging nach Westen, erzählen wir bei den Grönländern und im Überblick über die Wikinger im Nordatlantik. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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