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Jarlshof und die Shetländer – Langhäuser am Ende Schottlands

Geschichte & Funde Jarlshof und die Shetländer – Langhäuser am Ende Schottlands

Kein Jarl hat je in Jarlshof gewohnt. Den Namen hat sich ein Romanautor ausgedacht, Walter Scott, nach einem Besuch im Sommer 1814. Und trotzdem liegt an der Südspitze von Shetland, zwischen Flughafen und Brandung, einer der wichtigsten nordischen Siedlungsplätze der Britischen Inseln. Ein Sturm hat ihn freigelegt, drei Generationen von Archäologen haben ihn ausgegraben. Hier stehen Bronzezeit, Eisenzeit, Wikingerzeit und schottische Neuzeit buchstäblich übereinander. Wer wissen will, wie Shetland nordisch wurde, fängt hier an.

Mauerreste nordischer Langhäuser in Jarlshof auf Shetland
Die nordische Siedlung in Jarlshof am Südende von Shetland: Mauerzüge von Langhäusern, die über Generationen umgebaut wurden. Den Namen „Jarlshof" hat erst Walter Scott erfunden. Foto: Rob Farrow, CC BY-SA 2.0.

Ein Name aus dem Roman

Im Sommer 1814 fuhr Walter Scott sechs Wochen lang mit den Kommissaren der schottischen Leuchtturmbehörde um die Nordküste Schottlands, nach Orkney und Shetland. Er führte Tagebuch. Bei Sumburgh sah er die Ruine eines Herrenhauses aus dem späten 16. Jahrhundert, das die Stewart-Earls von Orkney hatten bauen lassen. Sieben Jahre später setzte er es in einen Roman.

The Pirate erschien Ende Dezember 1821 in Edinburgh, zwei Tage später in London; auf dem Titelblatt steht 1822, deshalb liest man beide Jahreszahlen. Im Roman wohnt die Familie Mertoun in den Resten des alten Hauses der Earls, und Scott nennt es „Jarlshof", Hof des Jarls. Das Wort ist eine Erfindung. Einen alten Ortsnamen dieser Art gibt es dort nicht; der Platz heißt Sumburgh, und in diesem Namen steckt altnordisch borg, Befestigung.

Scott ahnte nicht, was unter dem Haus lag. Dass an dieser Stelle tatsächlich Nordleute gesiedelt hatten, zeigte erst die Archäologie – mehr als hundert Jahre nach dem Roman. Der erfundene Name hat sich gehalten. Er passt besser, als sein Erfinder wissen konnte.

Ein Sturm, ein Laird, drei Grabungen

In den 1890er-Jahren riss ein Sturm einen Teil der Küste weg und legte dicke Steinmauern frei. Der Grundbesitzer, John Bruce of Sumburgh, ließ ab 1897 graben – mit den Mitteln seiner Zeit, also vor allem Mauern freilegen. Planmäßig ging es ab 1925 weiter, als das Gelände in staatliche Obhut kam.

In den 1930er-Jahren grub Alexander Curle im Auftrag des Office of Works. Er stieß auf ein Haus, das anders aussah als alles darunter: langgestreckt, rechteckig, mit geraden Wänden. Es gilt als das erste sicher als nordisch erkannte Langhaus auf den Britischen Inseln. Curle veröffentlichte seine Berichte in den Proceedings of the Society of Antiquaries of Scotland. Auch V. Gordon Childe, einer der großen Prähistoriker des 20. Jahrhunderts, arbeitete 1937 kurz auf dem Platz.

Die entscheidende Grabung leitete J. R. C. Hamilton von 1949 bis 1952. Sein Bericht, Excavations at Jarlshof, Shetland, erschien 1956 und prägt das Bild bis heute. Seitdem ist dort kaum noch gegraben worden. Fast alles, was man über den Platz weiß, beruht auf Grabungen, die siebzig Jahre und älter sind – das sollte man bei jeder Jahreszahl im Hinterkopf behalten.

Viertausend Jahre auf einem Fleck

Jarlshof ist kein Wikingerplatz, auf dem zufällig auch Älteres liegt. Es ist ein Platz, an dem Menschen immer wieder bauten, weil er gut war: geschützte Bucht, Süßwasser, fruchtbarer Boden, Fisch vor der Tür.

Die ältesten Häuser sind kleine ovale Bauten mit dicken Steinwänden aus der Bronzezeit. In der späten Bronzezeit arbeitete hier ein Bronzegießer; Bruchstücke seiner Tongussformen sind erhalten. In der Eisenzeit folgte ein Broch, einer jener runden Steintürme, die es nur im Norden und Westen Schottlands gibt. Heute steht er noch etwa zweieinhalb Meter hoch, ursprünglich war er vermutlich um ein Vielfaches höher; die See hat die Hälfte davon geholt. Danach kamen Radhäuser, wheelhouses, deren Innenräume durch Steinpfeiler wie Speichen gegliedert sind. Die Radhäuser von Jarlshof gehören zu den besten, die es gibt. Ihre letzten Bewohner lebten in der Zeit, die man in Schottland die piktische nennt.

Dann kamen Leute aus Norwegen. Und nach ihnen, Jahrhunderte später, die Schotten mit ihrem Herrenhaus.

Das Langhaus und seine Nachfolger

Das älteste nordische Haus war rund zwanzig Meter lang und fünf Meter breit: ein Wohnraum mit Herdstelle in der Mitte, Holzbänken entlang der Langseiten und zwei einander gegenüberliegenden Türen. Wer unsere Beschreibung des Langhauses kennt, erkennt das Muster sofort. Es ist ein Haus, wie man es in Westnorwegen baute – nur aus Stein und Torf, weil Shetland kaum Bäume hat.

Um dieses erste Haus herum entstand über Generationen ein Hof. Man zählt sieben Langhäuser, aber nie standen alle gleichzeitig. Häuser wurden verlängert, aufgegeben, daneben neu gebaut, Nebengebäude kamen hinzu: Ställe, eine Scheune, ein Bad oder Darrhaus. Historic Environment Scotland spricht von zwölf bis sechzehn Generationen, über die der Hof wuchs und wieder schrumpfte, bis im 13. Jahrhundert ein mittelalterliches Bauernhaus an seine Stelle trat.

Unter den Funden sind Specksteingefäße, Webgewichte, Kämme, Spinnwirtel und Schieferplatten mit eingeritzten Zeichnungen, darunter Schiffe. Es ist das Inventar eines Bauernhofs, nicht eines Kriegerlagers. Die Leute von Jarlshof lebten von Vieh, Getreide und zunehmend vom Fischfang.

Wann genau der erste Bau entstand, ist umstritten. Hamilton setzte den Beginn um 800 an. Historic Scotland hat das später auf etwa 850 verschoben, und Steffen Stummann Hansen hat im Jahr 2000 begründet, dass auch das noch zu früh sein könnte – unter anderem wegen bestimmter Ringnadeln, die eher in eine spätere Zeit passen. Sicher ist nur: Die nordische Besiedlung beginnt im 9. Jahrhundert, nicht früher belegbar.

Hjaltland in der Saga

Die Nordleute nannten die Inseln Hjaltland; daraus ist über Zwischenstufen der Name Shetland geworden. In der Orkneyinga saga, die um 1200 in Island aufgeschrieben wurde, gehört Hjaltland zum Machtbereich der Orkney-Jarle, steht aber meist im Schatten von Orkney. Die Saga erzählt eben von den Jarlen, und die saßen in Orkney.

Shetland taucht vor allem als Durchgangsstation auf. Eine Episode spielt im Broch von Mousa, dem am besten erhaltenen Broch überhaupt, nur ein paar Kilometer nördlich von Jarlshof: Um die Mitte des 12. Jahrhunderts flieht dort Erlend der Junge mit Margarete, der Mutter von Jarl Harald Maddadsson, in den alten Turm, und Harald belagert ihn vergeblich. Auch die Egils saga kennt Mousa – ein Paar aus Norwegen soll dort nach einem Schiffbruch überwintert haben. Beides sind Sagaszenen, aufgeschrieben Jahrhunderte später. Dass die Nordleute den eisenzeitlichen Turm als Zuflucht kannten und nutzten, ist trotzdem glaubhaft.

Politisch trennte sich Shetland 1195 von Orkney. Nach einem gescheiterten Aufstand gegen König Sverre, an dem Jarl Harald Maddadsson beteiligt war, nahm der norwegische König Shetland unter seine direkte Herrschaft. Seitdem war es königlich-norwegisches Land, mit einem eigenen Thing: Das Lawting tagte auf einer kleinen Insel im See von Tingwall, altnordisch Þingvǫllr, Thingfeld – derselbe Name wie das isländische Þingvellir.

Norn: die Sprache, die blieb und ging

Aus dem Altnorwegischen der Siedler entwickelte sich auf Shetland und Orkney eine eigene Sprache, das Norn. Es gehört zum westnordischen Zweig, wie das Färöische und das Isländische; die Verwandtschaft zu den Färingern ist sprachlich eng.

Viel Geschriebenes ist nicht erhalten. Es gibt eine Fassung des Vaterunsers und eine Ballade, Hildina, die der Pfarrer George Low 1774 auf der Insel Foula aufschrieb – von einem Mann, der den Text auswendig kannte, aber nach Lows eigenem Eindruck nicht mehr verstand. Ende des 19. Jahrhunderts sammelte der färöische Sprachforscher Jakob Jakobsen auf Shetland tausende Wörter und Wendungen, die sich im Dialekt gehalten hatten. Als letzter Muttersprachler wird oft Walter Sutherland aus Skaw auf Unst genannt, der um 1850 gestorben sein soll. Das ist eine Überlieferung, keine Messung.

Deutlicher als jede Handschrift sprechen die Ortsnamen. Nach Stummann Hansen sind rund 95 Prozent der Ortsnamen auf Shetland nordischen Ursprungs. Wer heute auf der Karte Namen auf -wick, -setter oder -ness liest, liest Altnordisch: vík Bucht, setr Hof oder Alm, nes Landzunge.

1469: verpfändet, nicht verkauft

Das Ende des nordischen Shetland kam nicht mit einem Schwert, sondern mit einem Ehevertrag. König Christian I. von Dänemark und Norwegen sollte seiner Tochter Margarete eine Mitgift mitgeben, als sie König Jakob III. von Schottland heiratete. Er hatte das Geld nicht. 1468 verpfändete er seine Rechte an Orkney, 1469 seine Rechte an Shetland, diese für 8.000 rheinische Gulden. Der Vertrag sah eine Auslösung vor. Sie fand nie statt. 1472 wurden die Nordinseln förmlich der schottischen Krone angegliedert.

Mit den Pfandverträgen verbindet die Forschung den langsamen Wechsel vom Norn zum Scots. Schottische Grundherren kamen, schottisches Recht verdrängte das norwegische. In Jarlshof sieht man diesen Wechsel in Stein: Aus dem mittelalterlichen Hof wurde im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert ein befestigtes Haus der Stewart-Earls von Orkney. Meist wird der Bau Robert Stewart zugeschrieben und der Umbau seinem Sohn Patrick, der auf Shetland wegen seiner Härte berüchtigt war; Historic Environment Scotland nennt Patrick als Bauherrn. Das ist das Haus, das Scott 1814 als Ruine sah.

Und die Pikten?

Als die ersten Norweger kamen, war Shetland nicht leer. Die Radhäuser von Jarlshof waren bewohnt gewesen, ganz in der Nähe liegt Old Scatness mit Bauten aus piktischer Zeit, und auf St Ninian's Isle fand ein Schüler 1958 unter einer Steinplatte in einer Kapelle einen Silberschatz, der um 800 versteckt wurde. Christliche Gemeinden gab es also. Was aus ihnen wurde, ist eine der am schärfsten geführten Debatten der nordatlantischen Archäologie.

Frederick Wainwright schrieb 1962, die Pikten seien politisch, sprachlich, kulturell und sozial „überwältigt" worden. Anna Ritchie las aus ihren Grabungen in Buckquoy auf Orkney in den 1970er-Jahren ein Nebeneinander heraus, bei dem piktische Gegenstände in nordischen Häusern weiterbenutzt wurden. Brian Smith aus Lerwick hielt 2001 dagegen: Die fast vollständige Ablösung der Ortsnamen spreche dafür, dass die einheimische Bevölkerung getötet oder vertrieben wurde. Andere lesen in der Genetik ein gemischteres Bild. Eine Studie von Goodacre und Kollegen aus dem Jahr 2005 schätzte den skandinavischen Anteil an den Vorfahren heutiger Shetländer auf rund 44 Prozent, bei Männern und Frauen etwa gleich – ein Hinweis auf Einwanderung ganzer Familien. Über das Schicksal der Pikten im 9. Jahrhundert sagt eine Stichprobe von heute allerdings wenig.

Verdrängung oder Vermischung – die Frage ist offen, und wir tun nicht so, als wäre sie es nicht. Wahrscheinlich war es nicht überall gleich. Wer sich für die Nachbarinseln interessiert, findet mehr in unserem Überblick zu den Wikingern in Irland, Schottland und auf den Inseln und im Artikel über die Nordleute auf der Isle of Man.

Befund, Saga, Deutung – sauber getrennt

Archäologisch belegt sind die Siedlungsschichten von der Bronzezeit bis zum Herrenhaus, das nordische Langhaus und seine Nachfolgebauten, der Bauernhof als Lebensform und der Beginn nordischer Besiedlung im 9. Jahrhundert. Der genaue Beginn ist umstritten.

Urkundlich belegt sind die Trennung Shetlands von Orkney 1195, das Lawting, die Verpfändung 1469 und die Angliederung an Schottland 1472.

Spätere Überlieferung sind die Mousa-Episoden aus Orkneyinga saga und Egils saga, aufgeschrieben um 1200 und danach, und die Nachricht vom letzten Norn-Sprecher.

Moderne Deutung ist das Schicksal der Pikten – und nicht zuletzt der Name selbst. Jarlshof ist eine Romanidee von 1821. Der Platz darunter ist echt. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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