Drei Jahrhunderte lang herrschten auf den Orkneys Jarle, die zwei Königen dienten und keinem ganz gehorchten. Sie kämpften in Irland, in Schottland und gegeneinander, einer wurde von seinem Vetter erschlagen und als Heiliger verehrt, ein anderer baute ihm eine Kathedrale. Fast alles, was wir darüber lesen, stammt aus einer einzigen Quelle: einer Saga, die ein Isländer um 1200 aufschrieb, weit weg und lange danach. Das macht sie nicht wertlos. Aber es heißt, dass man jeden Satz prüfen muss – an Annalen, an Runen, an dem, was im Boden liegt.

Die Orkneyinga saga, die „Geschichte der Orkneyleute", erzählt die Geschichte der Jarle von der Landnahme bis ins späte 12. Jahrhundert. Geschrieben hat sie ein unbekannter Isländer, vermutlich um 1200; die heute gelesene Fassung ist eine Überarbeitung aus dem frühen 13. Jahrhundert. Vollständig erhalten ist sie vor allem in der Flateyjarbók, einer großen Sammelhandschrift aus dem späten 14. Jahrhundert. Im Mittelalter hieß sie meist einfach „Jarla saga", die Saga der Jarle. Snorri Sturluson kannte sie und nutzte sie für seine Königsgeschichten.
Die Saga arbeitet mit Stammbäumen, mündlicher Überlieferung und vor allem mit Skaldenversen, die älter sind als der Prosatext. Je näher sie ihrer eigenen Zeit kommt, desto verlässlicher wird sie. Für das 9. und 10. Jahrhundert liegen zwischen Ereignis und Niederschrift dagegen dreihundert Jahre. Der Historiker Alex Woolf hat das Problem sinngemäß so beschrieben: Es sei, als schreibe man eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs nach Hollywoodfilmen. Das ist zugespitzt. Aber es trifft den Kern.
Nach der Saga beginnt alles mit Harald Schönhaar. Der König habe auf einem Zug nach Westen die Inseln unterworfen und sie Rögnvald, dem Jarl von Møre, als Ausgleich für einen gefallenen Sohn überlassen. Rögnvald gab sie an seinen Bruder Sigurd weiter, den ersten Jarl. Sigurd eroberte mit Thorstein dem Roten weite Teile Nordschottlands. Sein Ende ist berühmt: Er erschlug einen schottischen Gegner, Máel Brigte mit dem Zahn, band dessen Kopf an den Sattel – und der vorstehende Zahn ritzte ihm beim Reiten das Bein. Die Wunde entzündete sich, Sigurd starb.
Das ist eine gute Geschichte und eine Warnung zugleich. Ob Harald Schönhaar je im Westen war, ist in der Forschung umstritten; kein zeitgenössischer Text sagt es. Die Gründung des Jarltums durch königliche Schenkung passt vor allem gut zu den Ansprüchen norwegischer Könige des 12. und 13. Jahrhunderts, als die Saga entstand. Sicher ist nur, dass Skandinavier im 9. Jahrhundert auf den Orkneys siedelten. Wann und wie daraus ein Jarltum wurde, liegt im Dunkeln.
Richtig greifbar wird ein Orkney-Jarl erst mit Sigurd Hlöðvisson, genannt der Dicke. Die Saga erzählt, Olaf Tryggvason habe ihn 995 vor die Wahl gestellt: Taufe oder Tod. Sie erzählt auch von einem Rabenbanner, das seine Mutter gewebt habe und das dem Heer den Sieg, seinem Träger aber den Tod bringe. Beides steht nur in isländischen Texten.
Dann aber steht Sigurd in einer Quelle, die ihn mit eigenen Augen hätte sehen können. Die Annalen von Ulster zählen unter den Toten der Schlacht von Clontarf 1014 auf:
Siuchraid mac Loduir, iarla Innsi Orcc
„Sigurd, Sohn des Hlöðver, Jarl der Orkney-Inseln"Annalen von Ulster, Eintrag zu 1014; Übertragung von uns
Das ist die älteste zeitgenössische Erwähnung des Jarltums überhaupt. Sigurd war mit Kriegern von den Inseln nach Irland gezogen, um Leinster und Dublin gegen Brian Boru zu helfen, und fiel am Karfreitag bei Clontarf. Mehr zu den Städten, für die er kämpfte, bei den Ostmännern.
Sigurds Sohn Thorfinn, geboren um 1009, soll mütterlicherseits ein Enkel des schottischen Königs Malcolm II. gewesen sein. Er gilt als der mächtigste aller Jarle, und hier hat die Saga einen Zeugen: Der isländische Skalde Arnórr, genannt Jarlaskáld, dichtete auf Thorfinn ein Preislied, dessen Strophen die Saga wörtlich zitiert. Sie berichten von Seeschlachten und Zügen nach Schottland. Andere Einzelheiten – die Größe seines Reichs, ein Gegner namens Karl Hundason, den keine schottische Quelle kennt – lassen sich nicht nachprüfen.
Nach der Saga reiste Thorfinn im Alter nach Rom, ließ sich danach in Birsay nieder und baute dort eine Christuskirche, den ersten Bischofssitz der Orkneys. Hier hilft eine Quelle von außen: Adam von Bremen berichtet um 1075, Erzbischof Adalbert habe für die Orkneys einen Bischof Thorolf geweiht, mit Sitz in Blascona – nach allgemeiner Ansicht Birsay. Die Orkneys hatten, so Adam, selbst darum gebeten.
Wo genau Thorfinns Sitz lag, ist offen. Lange dachte man an den Brough of Birsay, eine Gezeiteninsel, die man nur bei Ebbe trockenen Fußes erreicht. Dort liegen piktische Spuren, nordische Langhäuser und eine Kirche des 12. Jahrhunderts. Heute vermuten viele Forscher Thorfinns Halle eher auf der Hauptinsel gegenüber, im heutigen Dorf Birsay.
Nach Thorfinns Tod teilten sich meist zwei Jarle die Inseln, und das ging selten gut. Magnus Erlendsson und sein Vetter Hákon Pálsson regierten zunächst gemeinsam. Die Saga schildert Magnus schon früh als anderen Menschen: 1098, auf dem Heerzug des norwegischen Königs Magnus Barfuß, habe er sich geweigert zu kämpfen und während der Schlacht an der Menai-Straße an Bord Psalmen gesungen.
Um 1117 trafen sich die Vettern zu Friedensgesprächen auf der Insel Egilsay. Hákon kam mit mehr Männern als vereinbart. Magnus wurde gefangen und getötet; der Axthieb traf seinen Kopf. Die Überlieferung lässt Hákons Koch Lífólfr den Hieb führen, weil sich keiner der Gefolgsleute dazu bereitfand. Bald wurden am Grab Wunder gemeldet, in den 1130er-Jahren erhob Bischof Wilhelm die Gebeine, und Magnus galt als Heiliger.
1919 stießen Arbeiter in der Kathedrale von Kirkwall hinter einem losen Stein in einem Chorpfeiler auf einen Holzkasten mit Knochen. Der Schädel zeigt eine schwere Hiebverletzung. 2025 wurde das Holz des Kastens, Kiefer, per Radiokarbon datiert: Der Baum wurde höchstwahrscheinlich zwischen 1034 und 1168 gefällt. Das passt zu Magnus. Beweisen kann es nichts – mittelalterliche Reliquien sind nicht immer, was sie zu sein behaupten. Aber Saga und Befund widersprechen sich hier nicht.
Magnus' Neffe Kali Kolsson stammte aus Agder in Norwegen. 1129 machte ihn der norwegische König zum Jarl, und er nahm den Namen Rögnvald an. Um die Orkneys tatsächlich zu gewinnen, gelobte er nach der Saga eine steinerne Kirche für seinen Onkel, prächtiger als jede andere auf den Inseln. 1137 begann der Bau der Kathedrale St Magnus in Kirkwall, aus rotem und gelbem Sandstein, im romanischen Stil. Die Baumeister kamen vermutlich aus dem Umfeld der Kathedrale von Durham. Die Kirche steht bis heute und gilt als nördlichste mittelalterliche Kathedrale Britanniens.
Rögnvald ist auch der Jarl, der selbst dichtete. 1151 brach er zu einer Pilgerfahrt nach Jerusalem auf und kehrte 1153 zurück; die Saga erzählt davon mit viel Kampf, Gelage und Versen, aber wenig Heiligem Land. 1158 wurde er in Caithness erschlagen. 1192 soll er heiliggesprochen worden sein, was allerdings keine päpstliche Urkunde bestätigt.
Wie gut die Saga ihre Orte kennt, zeigt Orphir. Sie schildert ein Julgelage um 1136 im Trinksaal des Jarls, vor dessen Tür eine prächtige Kirche gestanden habe. In Orphir stehen tatsächlich die Reste einer Rundkirche des 12. Jahrhunderts, nach dem Vorbild der Grabeskirche in Jerusalem gebaut, und daneben die Fundamente eines großen Hofs, des Earl's Bu. Die Szene im Saal mag ausgeschmückt sein. Die Kulisse ist echt.
Maeshowe auf Mainland ist ein jungsteinzeitliches Kammergrab, errichtet um 2800 v. Chr. Als James Farrer es 1861 öffnete, fand er an den Wänden rund dreißig Runeninschriften aus dem 12. Jahrhundert, eine der größten Sammlungen an einem einzigen Ort. Es sind keine Weihinschriften, sondern Kritzeleien: Namen, Prahlereien, ein Lob auf eine schöne Frau, ein Schnitzer, der sich für den runenkundigsten Mann westlich des Meeres hält.
Jórsalafarar brutu Orkhaug.
„Jerusalemfahrer brachen in den Orkhaug ein."Runeninschrift in Maeshowe, 12. Jh.; normalisierte Lesung nach Michael P. Barnes, Übertragung von uns
Die Saga kennt den Hügel als Orkahaugr. Sie erzählt, Jarl Harald Maddadsson und seine Leute hätten dort in den 1150er-Jahren während eines Schneesturms zu Jul Schutz gesucht, und zwei von ihnen hätten dabei den Verstand verloren. Ob die „Jerusalemfahrer" der Inschrift Männer aus Rögnvalds Pilgerflotte waren, liegt nahe, ist aber nicht bewiesen. Sicher ist, dass Nordleute des 12. Jahrhunderts in ein fünftausend Jahre altes Grab stiegen und dort ihre Namen hinterließen.
Die Archäologie der Orkneys erzählt eine andere Geschichte als die Saga – weniger von Jarlen, mehr von Siedlern. Auf Sanday wurde 1991 ein Bootsgrab ausgegraben, das ein Bauer 1985 an der Küste bei Scar entdeckt hatte: ein Mann um die dreißig, eine etwa siebzigjährige Frau und ein Kind, bestattet zwischen etwa 875 und 950, mit Schwert, Pfeilen, Kämmen, Spielsteinen und einer Platte aus Walknochen. Bei Skaill fand ein Junge 1858 den größten Silberschatz der Wikingerzeit in Schottland, über hundert Stücke aus Schmuck, Münzen und Hacksilber, vergraben um 950 bis 970.
Solche Funde zeigen Reichtum, Fernhandel und eine Oberschicht, die nach skandinavischer Art bestattete. Einen Jarl zeigen sie nicht. Dass es ihn gab, belegen die Annalen ab 1014, Adam von Bremen, die Skaldenverse und am Ende die Kathedrale. Die nordische Jarlslinie endete 1231; schottische Grafen folgten. 1468 verpfändete der dänisch-norwegische König die Orkneys als Mitgift an Schottland, Shetland folgte 1469. Eingelöst wurde das Pfand nie.
Zeitgenössisch belegt sind Sigurds Tod bei Clontarf in den Annalen von Ulster, der Orkney-Bischof bei Adam von Bremen und Thorfinns Taten in den Strophen Arnórrs, soweit man den Versen traut, die erst die Saga überliefert.
Archäologisch belegt sind nordische Siedlung und Gräber wie Scar, Horte wie Skaill, die Bauten von Birsay und Orphir, die Kathedrale von 1137, die Runen von Maeshowe und ein Schädel mit Hiebverletzung in einem Kasten des 11. oder 12. Jahrhunderts.
Spätere Überlieferung ist fast alles andere: die Schenkung durch Harald Schönhaar, der Zahn des Máel Brigte, die Zwangstaufe, das Rabenbanner, die Psalmen an der Menai-Straße, die Einzelheiten von Magnus' Tod.
Moderne Deutung sind der genaue Ort von Thorfinns Halle, die Verbindung der Jerusalemfahrer zu Rögnvald und die Zuweisung der Knochen an Magnus. Was bleibt, ist ein Inselreich zwischen Norwegen, Schottland und Irland, dessen Kirche noch steht. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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