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Die Ostmänner von Dublin, Waterford und Limerick

Geschichte & Funde Die Ostmänner von Dublin, Waterford und Limerick

Irland hatte vor den Wikingern keine Städte. Es hatte Klöster, Königssitze, Ringwälle, aber keinen Ort, an dem Tausende auf engem Raum vom Handel lebten. Die ersten bauten Leute, die als Plünderer gekommen waren. Aus einem Schiffslager an der Liffey wurde Dublin, aus weiteren Lagern Waterford und Limerick. Dreihundert Jahre später nannten die Engländer die Nachfahren dieser Gründer „Ostmen". Da sprachen sie längst Irisch, gingen in die Kirche und prägten eigene Münzen. Wikinger waren sie nicht mehr. Iren aber auch nicht ganz.

Reginald's Tower in Waterford, runder Steinturm am Kai
Reginald's Tower in Waterford. Er trägt den Namen des Turms, den die anglonormannischen Berichte zur Eroberung von 1170 turris Reginaldi nennen. Der heutige Bau ist jünger als 1170. Foto: Jason.nlw, CC BY-SA 4.0.

Ein Schiffslager am Schwarzen Teich

Zum Jahr 841 vermerken die Annalen von Ulster ein longphort bei Duiblinn. Das Wort bezeichnet ein befestigtes Lager, in dem Schiffe an Land gezogen und überwintert werden konnten. Von dort aus, so die Annalen, wurden Leinster und die Uí Néill bis weit ins Landesinnere geplündert. Im selben Eintrag steht ein zweites solches Lager, Linn Duachaill an der Küste des heutigen County Louth. Die Überfälle, die seit 795 die Klöster an den Küsten getroffen hatten, bekamen damit feste Stützpunkte.

Duiblinn heißt „schwarzer Teich". Gemeint ist ein Becken, in dem der kleine Fluss Poddle in die Liffey mündete, ein natürlicher Hafen. Daneben lag Áth Cliath, die „Hürdenfurt", die bis heute der irische Name der Stadt ist. Wo genau das erste Lager stand, ist nicht geklärt. Bei Kilmainham und Islandbridge, rund drei Kilometer westlich, kamen seit dem 19. Jahrhundert zahlreiche Gräber mit Schwertern, Speeren und Schildbuckeln zutage; das Gräberfeld gilt als das größte der Wikingerzeit außerhalb Skandinaviens. Weitere Kriegergräber an der Ship Street und der South Great George's Street liegen näher am späteren Stadtkern.

Ein Selbstläufer war die Sache nicht. 902 vertrieben die Könige von Leinster und Brega die Fremden aus Dublin. Erst 917 kehrte eine Flotte unter Sihtric Cáech zurück, aus dem Geschlecht des Ímar, und von da an blieb Dublin skandinavisch geführt. Wer die Gründergeneration um Olaf den Weißen kennenlernen will, findet sie in einem eigenen Artikel, den größeren Rahmen im Überblick über die Wikinger in Irland, Schottland und auf den Inseln.

Die zweite Welle: Waterford und Limerick

Die Rückkehr der Nordleute nach 902 begann nicht in Dublin, sondern im Süden. Zum Jahr 914 melden die Annalen von Ulster eine große neue Flotte der Heiden auf Loch Dá Chaech, dem Mündungstrichter bei Waterford. Geführt wurde sie zunächst von einem Jarl Ottir, dann von Ragnall, einem Enkel des Ímar. Waterford bedeutet im Altnordischen Veðrafjǫrðr, meist als „Widderfjord" gedeutet. Ganz neu war der Platz nicht: Schon für die 850er-Jahre ist ein Wikingerlager in der Gegend bezeugt. 2003 stießen Archäologen beim Bau der Umgehungsstraße von Waterford bei Woodstown auf ein solches Lager des 9. und 10. Jahrhunderts, mit einem reich ausgestatteten Kriegergrab. Die Straße wurde verlegt, der Platz blieb im Boden.

In Limerick, altnordisch Hlymrekr, sind Wikinger schon 845 in den Annalen belegt. Die dauerhafte Ansiedlung setzte 922 ein, als ein Anführer namens Tomrair mac Ailchi mit einer Flotte den Shannon heraufkam. Limerick wurde sofort zum Rivalen Dublins; die beiden Wikingerstädte bekämpften sich bis 937. Das Ende der Unabhängigkeit kam von irischer Seite: 967 schlug Mathgamain, der ältere Bruder Brian Borus, die Fremden von Limerick bei Sulcoit und brannte die Stadt nieder. Zehn Jahre später tötete Brian den letzten Wikingerkönig Limericks, Ivar. Die Stadt blieb bestehen und wurde zum Sitz der Könige aus Brians Familie.

Neben den drei großen gab es Wexford und Cork. Keine dieser Städte war je ein Wikingerstaat im Sinn eines eigenen Reiches. Sie waren Häfen mit Hinterland, die von Handel und Tribut lebten – und schnell lernten, mit irischen Königen zu verhandeln statt nur gegen sie zu kämpfen.

Wood Quay: die Stadt im Boden

Was Dublin im 10. und 11. Jahrhundert war, weiß man heute nicht aus Chroniken, sondern aus dem Schlamm am Liffey-Ufer. Zwischen 1962 und 1981 grub das irische Nationalmuseum in der Altstadt: zuerst unter Breandán Ó Ríordáin an High Street, Winetavern Street und Christchurch Place, dann unter Patrick Wallace an Wood Quay und Fishamble Street. Der feuchte, luftarme Boden hatte Holz, Leder, Textilien und Pflanzenreste erhalten, die anderswo längst vergangen wären.

Das Ergebnis: über zweihundert Häuser, meist aus Flechtwerk mit Pfosten, dazu Zäune, Wege und Uferbefestigungen. Die Stadt war in rechteckige Grundstücke aufgeteilt, deren Grenzen sich über Generationen kaum verschoben. Das häufigste Haus hatte einen dreigeteilten Innenraum mit Herdstelle in der Mitte und Bänken an den Längsseiten. Es gab Viertel für Kammmacher aus Geweih, für Buntmetallgießer, für Holzschnitzer. Gewichte aus Blei folgen einer eigenen Dubliner Unze von etwa 26,6 Gramm. Dazu Bernstein, Seide, Walrosselfenbein, englische Fibeln, Runen auf Knochen und Geweih.

Die Grabung hatte ein Nachspiel, das in Irland jeder Ältere kennt. Die Stadt wollte auf dem Gelände Verwaltungsgebäude bauen. Im September 1978 zogen rund 20.000 Menschen unter dem Motto „Save Wood Quay" durch Dublin, 1979 besetzten Demonstranten das Gelände für drei Wochen, und der High Court erklärte den Ort zwischenzeitlich zum Nationaldenkmal. Gebaut wurde trotzdem. Die Civic Offices stehen seit 1986 auf der Wikingerstadt. Die Funde liegen im Nationalmuseum.

Hiberno-Nordisch: weder Wikinger noch Iren

Die Forschung nennt diese Stadtbewohner heute meist hiberno-nordisch oder hiberno-skandinavisch. Das ist ein moderner Behelf, kein Selbstname. Die irischen Annalen sprechen von den Gaill, den Fremden, und genauer von den „Fremden von Áth Cliath". Das englische „Ostmen" geht auf das altnordische austmenn zurück, Männer aus dem Osten, also aus Skandinavien.

Wie gemischt diese Städte schon im 10. Jahrhundert waren, zeigt ein einziger Lebenslauf. Olaf Cuarán, König von Dublin und zeitweise von York, trug einen nordischen Namen mit irischem Beinamen, heiratete in irische Königsfamilien und war Christ. 980 verlor er die Schlacht bei Tara gegen den Hochkönig Máel Sechnaill und zog sich auf die Klosterinsel Iona zurück, wo er starb. Seine Enkel trugen irische und nordische Namen nebeneinander. Die Sprache der Straße dürfte längst zweisprachig gewesen sein, die Kirche lateinisch. Eine noch frühere Mischgruppe kannten die Annalen schon im 9. Jahrhundert: die Gall-Goídil. Wikinger im eigentlichen Sinn – Männer auf Fahrt, auf Beute aus – waren diese Stadtbürger nicht. Sie waren Händler, Handwerker, Seeleute und Söldner, die ihre Flotten an irische Könige vermieteten.

Silber mit Königsnamen

Um 997 geschah in Dublin etwas, das es in Irland vorher nicht gegeben hatte: Ein König ließ Münzen prägen. Sihtric Silkbeard, Sohn Olaf Cuaráns, ahmte dafür den englischen Pfennig König Æthelreds II. nach, den sogenannten Crux-Typ, und setzte seinen eigenen Namen darauf.

+SIHTRC REX DYFLIN

„Sihtric, König von Dublin"Münzlegende der ersten Dubliner Pfennige, um 997, in wechselnden Schreibungen; Übertragung von uns

Die Münzen wogen etwa ein bis anderthalb Gramm und folgten jahrzehntelang englischen Vorbildern. Manche Münzmeisternamen sind von englischen Stücken abgeschrieben, die Schreibung von Dublin schwankt wild. Die hiberno-nordische Prägung lief, immer leichter und gröber, bis ins 12. Jahrhundert weiter. Für Dublin bedeutete sie vor allem eines: Die Stadt dachte in Silber, nicht in Rindern wie das Umland. Wer mehr über das Bezahlen nach Gewicht wissen will, findet es beim Hacksilber.

Derselbe Sihtric pilgerte 1028 nach Rom. Um diese Zeit entstand in Dublin ein Bistum und die erste Christ Church. Der Kern der Stadt, die einst ein Plünderlager gewesen war, war nun eine Kathedrale.

Clontarf 1014: der Mythos von der Vertreibung

Im irischen Schulbuch des 19. und frühen 20. Jahrhunderts war die Sache klar: Am Karfreitag, dem 23. April 1014, schlug Brian Boru bei Clontarf die Wikinger und befreite Irland. Brian fiel, aber die Fremden waren gebrochen.

Der Befund ist unbequemer. Auf der einen Seite stand Brian mit Munster und Verbündeten. Auf der anderen stand Máel Mórda, König von Leinster, der sich gegen Brians Oberherrschaft auflehnte, zusammen mit Dublin und Hilfstruppen von den Inseln, darunter Jarl Sigurd von den Orkneys. Es war zu einem guten Teil ein irischer Krieg um die Vorherrschaft, mit Nordleuten auf beiden Seiten. Sihtric selbst kämpfte nach den irischen Annalen nicht mit, sondern blieb in der Stadt.

Und die Wikinger wurden nicht vertrieben. Sihtric regierte Dublin nach 1014 noch mehr als zwanzig Jahre, prägte weiter Münzen und stiftete seine Kirche. Das Bild vom Befreiungsschlag stammt vor allem aus dem Cogad Gáedel re Gallaib, dem „Krieg der Iren mit den Fremden", einer Erzählung aus dem frühen 12. Jahrhundert, geschrieben zum Ruhm von Brians Nachfahren. Mehr zur Schlacht selbst im Artikel über Clontarf 1014.

1169–1171: Die Normannen kommen

Das Ende der Ostmänner-Städte kam nicht aus Skandinavien und nicht aus dem irischen Hinterland, sondern aus Wales. Der vertriebene König Diarmait Mac Murchada von Leinster holte sich anglonormannische Ritter zu Hilfe; 1169 landeten die ersten. Im August 1170 erstürmte Richard de Clare, genannt Strongbow, Waterford. Nach den anglonormannischen Berichten verschanzten sich die Anführer der Stadt in einem Turm, der dort turris Reginaldi heißt, Ragnalls Turm. Der heutige Reginald's Tower an derselben Stelle trägt den Namen noch, ist aber jünger. Kurz darauf heiratete Strongbow in Waterford Diarmaits Tochter Aoife.

Am 21. September 1170 fiel Dublin. Der letzte hiberno-nordische König, Ascall mac Ragnaill, floh zu Schiff zu den Inseln im Norden. 1171 kam er mit einer Flotte von den Inseln und aus Norwegen zurück und griff das Osttor an. Der Angriff scheiterte, Ascall wurde gefangen und enthauptet. Im Oktober 1171 landete König Heinrich II. bei Waterford. Dublin wurde eine englische Königsstadt, die der König Bürgern aus Bristol zur Ansiedlung überließ.

Ostmen vor Gericht

Jetzt erst beginnt die Geschichte des Wortes. In englischen Urkunden und Gerichtsakten des 12. bis 14. Jahrhunderts heißen die Nachfahren der Stadtgründer Ostmanni, Ostmen. Sie galten als eigene Gruppe, weder englisch noch irisch, und das hatte handfeste Folgen. Wer Ostman war, konnte sich auf englisches Recht berufen. Ein Ire konnte das in der Regel nicht.

In Dublin zogen die Ostmen – freiwillig oder gedrängt – auf das Nordufer der Liffey. Die Siedlung hieß Ostmaneby oder Ostmantown. Daraus ist der Stadtteil Oxmantown geworden, dessen Name heute kaum jemand mit Skandinaviern verbindet.

Wie viel der Status wert war, zeigt ein Fall aus dem Jahr 1311. Ein Robert le Waleys stand vor Gericht, weil er einen Mann namens Eóin Mac Gilla Muire getötet hatte. Er gab die Tat zu, bestritt aber, dass es ein Verbrechen sei: Der Tote sei Ire gewesen. Die Gegenseite hielt dagegen, die Familie Mac Gilla Muire gehöre zu den Ostmen von Waterford, denen Heinrich II. englisches Recht verbrieft und Eduard I. es bestätigt habe. Wie das Verfahren ausging, ist nicht überliefert. Der Fall zeigt aber, dass „Ostman" um 1300 eine Rechtskategorie war, über die man vor Gericht stritt. Im Lauf des 13. und 14. Jahrhunderts gingen die Ostmen in der englischen Stadtbevölkerung auf, und das Wort verschwand aus den Akten.

Beleg, Saga, Deutung – sauber getrennt

Zeitgenössisch belegt sind die Lager von 841, die Vertreibung 902, die Flotten von 914 und 922, die Kriege zwischen den Städten und die Schlacht von 1014 – aus den irischen Annalen, die aus der Sicht der Klöster und irischen Könige schreiben. Für 1169 bis 1171 schreibt Gerald von Wales aus der Sicht der Eroberer.

Archäologisch belegt sind die Gräber von Kilmainham und Islandbridge, die Stadt unter Wood Quay mit ihren Häusern, Grundstücken und Werkstätten, das Lager von Woodstown und die Münzen Sihtrics.

Spätere Überlieferung ist das Bild von Clontarf als Befreiungsschlacht, das vor allem auf das Cogad Gáedel re Gallaib des 12. Jahrhunderts und auf die isländische Njáls saga zurückgeht.

Moderne Deutung sind Begriffe wie „hiberno-nordisch" und die Frage, wie irisch die Ostmänner um 1100 schon waren. Dass ihre Städte blieben, als ihre Könige gingen, ist dagegen keine Deutung. Dublin, Waterford und Limerick stehen noch. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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