Wer heute durch Lincolnshire fährt, liest auf den Ortsschildern Grimsby, Scunthorpe, Kirkby, Ingoldmells. Das ist kein Zufall und keine Mode. Es ist der Abdruck einer Landnahme, die vor über elfhundert Jahren begann, als ein Heer beschloss, nicht mehr weiterzuziehen. Aus Kriegern wurden Bauern, aus Winterlagern Dörfer, aus Beute Grundbesitz. Das Gebiet, in dem sie lebten, nennen wir Danelag. Das Wort allerdings ist gut hundert Jahre jünger als die Sache – und die Sache war nie so einheitlich, wie die Landkarten im Schulbuch sie zeichnen.

Die Geschichte beginnt mit drei knappen Einträgen der Angelsächsischen Chronik. Zu 876 heißt es, Halfdan habe das Land der Northumbrier aufgeteilt, „und sie pflügten und versorgten sich selbst". Zu 877 zog ein Teil des Heeres nach Mercia, teilte einen Teil davon unter sich auf und überließ den Rest dem König Ceolwulf. Und zu 880 ging Guthrums Heer nach East Anglia, „besiedelte das Land und teilte es auf".
Diese Männer kamen aus der Großen Heidnischen Armee, die 865 gelandet war und dreizehn Jahre lang durch England gezogen war. Jetzt wurden sie sesshaft. Es gab also nicht ein Danelag, sondern mehrere Siedlungsgebiete mit eigenen Herren: das Königreich um York, das Gebiet um die Städte der östlichen Midlands und das Reich Guthrums in East Anglia. Was sie verband, war die Herkunft der neuen Oberschicht, nicht eine gemeinsame Regierung.
Guthrum war 878 bei Edington von Alfred geschlagen worden und hatte sich taufen lassen. Irgendwann zwischen 878 und Guthrums Tod 890 schlossen die beiden einen Vertrag, der im Altenglischen erhalten ist, in einer Handschrift des Corpus Christi College in Cambridge. Viele setzen ihn nach 886 an, als Alfred London besetzte. Er beginnt mit der Grenze:
Ærest ymb ure landgemæra: up on Temese, ond þonne up on Ligan, ond andlang Ligan oð hire æwylm, þonne on gerihte to Bedanforda, ðonne up on Usan oð Wætlingastræt.
„Zuerst zu unseren Landesgrenzen: die Themse hinauf, dann den Lea hinauf und den Lea entlang bis zu seiner Quelle, dann geradewegs nach Bedford, dann die Ouse hinauf bis zur Watling Street."Vertrag zwischen Alfred und Guthrum, Kap. 1; Übertragung von uns
Das ist die Grenze zu East Anglia, nicht die zum ganzen späteren Danelag. Der Vertrag regelt dann Praktisches: Ein erschlagener Engländer und ein erschlagener Däne gleichen Ranges sind gleich viel wert, acht halbe Mark reinen Goldes. Wer Pferde, Rinder oder Sklaven über die Grenze handeln will, stellt Geiseln. Ein Friedensvertrag also, geschrieben für ein Nebeneinander.
„Danelaw" oder „Danelag" bedeutet „Gesetz der Dänen". Als Ausdruck taucht Dena lage erst nach dem Jahr 1000 auf, in den Rechtstexten, die Erzbischof Wulfstan von York für die Könige Æthelred und Knut entwarf. Dort steht es neben Engla lage und Myrcna lage, dem Recht der Engländer und der Mercier. Gemeint war ein Rechtsgebiet, kein Staat, und seine Grenze war vermutlich nie genau gezogen.
Was dieses Recht ausmachte, zeigt ein Gesetz König Æthelreds, das um 997 in Wantage erlassen wurde. Es gilt ausdrücklich für die Fünf Burgen und ist voller nordischer Lehnwörter. Die Gerichtsbezirke heißen dort wapentake, vom altnordischen vápnatak, dem Waffenklirren, mit dem eine Versammlung Zustimmung gab. Und es verlangt, dass in jedem Wapentake die zwölf angesehensten Thegns einen Eid schwören, niemanden Unschuldigen anzuklagen und keinen Schuldigen zu verschweigen. Wapentakes gab es bis in die Neuzeit in Yorkshire, Lincolnshire, Nottinghamshire, Derbyshire und Leicestershire. Mehr zum nordischen Rechtsbrauch im Artikel über das Thing.
Im Herzen des Danelag lagen fünf befestigte Orte: Derby, Leicester, Lincoln, Nottingham und Stamford. Schon der Name Derby ist nordisch, ein -by-Ort, der an die Stelle eines älteren englischen Namens trat.
Die Rückeroberung begann unter Alfreds Kindern. 917 nahm Æthelflæd, die Herrin der Mercier, Derby ein. Im selben Jahr stürmte ihr Bruder Edward der Ältere die Festung Tempsford, wo der letzte dänische König East Anglias fiel, und nahm Colchester. 918 unterwarf sich Leicester Æthelflæd, Stamford und Nottingham fielen an Edward. Nach Æthelflæds Tod im Juni 918 übernahm Edward Mercia selbst. Zu 920 berichtet die Chronik, bei Bakewell hätten sich ihm die Schotten, die Northumbrier und alle Bewohner Northumbrias unterstellt, „Engländer wie Dänen wie Nordmänner und andere". Ob das eine echte Unterwerfung war oder ein Bündnis unter Gleichen, ist umstritten.
Um 940 holte sich Olaf Guthfrithsson, König von Dublin und York, die Fünf Burgen zurück. 942 eroberte König Edmund sie wieder, und die Chronik feiert das mit einem kurzen Gedicht. Darin steht der Satz, der das Danelag des 10. Jahrhunderts erklärt:
Dæne wæran æror under Norðmannum nyde gebegde on hæþenra hæfteclommum lange þrage …
„Die Dänen waren zuvor unter den Nordmännern mit Gewalt gebeugt, in den Fesseln der Heiden, eine lange Zeit …"Angelsächsische Chronik zu 942, „Die Einnahme der Fünf Burgen"; Übertragung von uns
Hier sind die Dänen der Fünf Burgen nicht mehr die Feinde, sondern Befreite. Die Heiden sind die Nordmänner aus Dublin. Zwei Generationen nach der Landnahme galten die Nachkommen des Großen Heeres als Christen und Untertanen des englischen Königs. 954 verlor mit Erik Blutaxt der letzte skandinavische König von York seine Herrschaft.
Die dauerhafteste Spur sind die Ortsnamen. -by heißt Hof oder Dorf, -thorpe meist eine kleinere, abhängige Siedlung. Grimsby, Whitby, Selby, Scunthorpe, Kirkby: Sie drängen sich in Yorkshire, Lincolnshire und den östlichen Midlands, weiter südlich werden sie selten. Rund zwei Drittel der -by-Namen enthalten einen nordischen Personennamen. Dazu kommen Mischformen wie Grimston, ein nordischer Name mit dem englischen -tūn.
Wie viele Menschen hinter diesen Namen standen, ist die alte Streitfrage. Peter Sawyer hielt die Siedler für wenige; Kenneth Cameron und andere lasen aus der Dichte der Namen eine große Einwanderung. Ein Ortsname zählt keine Köpfe. Er zeigt, wer das Land besaß und wessen Sprache man vor Ort sprach.
Die Sprache hat Spuren bis heute hinterlassen. Die englischen Pronomen they, them, their stammen aus dem Nordischen, ebenso Wörter wie law, sky und window. Das Danelag hat nicht nur die Landkarte verändert, sondern die Grammatik.
Als Wilhelm der Eroberer 1086 im Domesday Book erfassen ließ, wem welches Land gehörte, fiel eine Gruppe auf: die sokemen. Sie waren persönlich frei, konnten ihr Land verkaufen, schuldeten aber einem Herrn Gerichtsfolge und bestimmte Dienste. In den Grafschaften des Danelag, besonders in Lincolnshire und East Anglia, stellten sie einen großen Teil der ländlichen Bevölkerung, nach gängigen Schätzungen zwischen einem Drittel und der Hälfte.
Frank Stenton sah darin die Nachfahren der einfachen Krieger des Großen Heeres, die als freie Bauern gesiedelt hatten. Das ist eine schöne Deutung, aber eine Deutung. Zwischen 880 und 1086 liegen zweihundert Jahre, und freie Bauern gab es auch anderswo. Die Sokemen zeigen, dass die Gesellschaft im Osten Englands anders gebaut war. Warum, bleibt offen.
Handfester sind die Münzen. Guthrum prägte in East Anglia bald nach 880 Pfennige nach dem Muster Alfreds – unter seinem Taufnamen Æthelstan. Ab den 890er-Jahren liefen in East Anglia Pfennige zu Ehren des heiligen Edmund um, jenes Königs, den das Große Heer 869 getötet hatte. Die Nachkommen seiner Mörder bezahlten mit seinem Namen.
In York ließen Könige mit den nordischen Namen Cnut und Siefredus um 900 Silber schlagen, das dem Geld im Süden an Güte nicht nachstand. Später folgten Pfennige im Namen des heiligen Petrus, auf manchen davon ein Schwert. Erik Blutaxt setzte ebenfalls ein Schwert auf seine Münzen.
Wie viel Silber im Umlauf war, zeigt der Schatz von Cuerdale. Am 15. Mai 1840 stießen Arbeiter am Ufer des Ribble bei Preston in Lancashire auf eine Bleikiste mit rund 40 Kilogramm Silber: etwa 7.500 Münzen und rund tausend Barren, Schmuckstücke und Stücke Hacksilber, zusammen über 8.600 Objekte. Die jüngsten Münzen datieren die Niederlegung auf die Jahre um 905. Darunter waren Prägungen aus York und East Anglia, rund 1.800 St.-Edmund-Pfennige, Münzen Alfreds, fränkische und arabische Stücke. Oft wird der Schatz mit den Wikingern verbunden, die 902 aus Dublin vertrieben wurden. Beweisen lässt sich das nicht. Ein Schaufenster in die Welt der Danelag-Dänen ist er so oder so.
Lange galt: Die Siedler waren Männer, die einheimische Frauen heirateten. Die Archäologie hat das korrigiert. Metallsondengänger haben in den letzten Jahrzehnten über 500 skandinavische Fibeln und Anhänger aus Frauentracht gefunden, datiert etwa 870 bis 950. Jane Kershaw hat sie ausgewertet: Sie häufen sich im ländlichen Norfolk und Lincolnshire. Das spricht für Frauen skandinavischer Herkunft oder Prägung in erheblicher Zahl.
Und die Gene? 2015 veröffentlichte das Projekt „People of the British Isles" in Nature eine feine genetische Karte Großbritanniens. Die Autoren um Stephen Leslie fanden auf Orkney einen norwegischen Anteil von etwa einem Viertel, für das Danelag aber „keinen klaren genetischen Beleg" für die dänische Besetzung. Das wird oft verkürzt zu „Die Wikinger haben keine Spuren hinterlassen". So steht es dort nicht. Die Autoren betonen selbst, dass sich dänische und angelsächsische Einträge kaum trennen lassen, weil beide aus benachbarten Regionen kamen. Jane Kershaw und Ellen Røyrvik haben 2016 dargelegt, dass ein Teil des vermeintlich angelsächsischen Signals auch dänisch sein könnte. Das letzte Wort ist hier nicht gesprochen.
Zeitgenössisch belegt sind die Landnahmen von 876, 877 und 880 in der Angelsächsischen Chronik, der Vertrag zwischen Alfred und Guthrum, die Rückeroberung 917/918, die Fünf Burgen im Gedicht zu 942 und das Wantage-Gesetz Æthelreds um 997.
Archäologisch belegt sind die Münzen aus East Anglia und York, der Schatz von Cuerdale und die Frauenfibeln skandinavischen Stils.
Später belegt sind der Begriff Dena lage nach 1000 und die Sokemen des Domesday Book von 1086.
Moderne Deutung sind die Zahl der Siedler, die Sokemen als Kriegernachfahren und die Lesart der Genetik.
Das Danelag war kein Land der Dänen, das England abgetrotzt wurde, und kein Märchen der Viktorianer. Es war eine Gegend, in der Einwanderer und Einheimische ein paar Generationen lang dieselben Felder pflügten, bis man sie kaum noch unterscheiden konnte. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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