Von den Draguviten ist kein einziger Satz in ihrer eigenen Sprache überliefert. Was wir über sie wissen, stammt aus den Akten einer Stadt, die sich gegen sie verteidigte: aus den Wundern des heiligen Demetrios, aufgezeichnet in Thessaloniki im 7. Jahrhundert. Dort erscheinen sie als Nachbarn, als Gegner, als Lieferanten von Belagerungsmaschinen und als Volk, dem ein Kaiser befiehlt, Fremde mit Getreide zu versorgen. Zwei Jahrhunderte später trägt ein byzantinisches Bistum ihren Namen, im zehnten ein Verwaltungsbezirk. Dieser Artikel geht Schritt für Schritt durch die Quellen, trennt das Belegte von der Deutung und benennt eine der hartnäckigsten Verwechslungen der frühslawischen Geschichte.

Die Draguviten – griechisch Δρουγουβῖται, in den Handschriften auch Δραγοβῖται – gehören zu jenen frühmittelalterlichen Gruppen, von denen wir ausschließlich durch fremde Augen wissen. Sie haben keine eigene Chronik hinterlassen, keine Inschrift, keinen Vertragstext. Alles, was über sie gesagt werden kann, stammt aus griechischen Texten, die in Thessaloniki oder in Konstantinopel entstanden – also dort, wo man sie als Bedrohung, als Steuerobjekt oder als Missionsfeld wahrnahm.
Das ist keine Kleinigkeit, sondern die entscheidende methodische Vorbedingung. Eine Gruppe, die nur in den Akten ihrer Gegner erscheint, wird in diesen Akten so beschrieben, wie es der Erzählabsicht dient. Wir erfahren, wann sie angreift, wann sie stillhält, wann sie liefert – wir erfahren nichts darüber, wie sie sich selbst nannte, wie sie sich organisierte oder ob sie sich überhaupt als eine Einheit verstand.
Wer über die Draguviten schreibt, schreibt deshalb zwangsläufig auch über die Grenzen dessen, was Quellen leisten können. Genau das macht sie interessant: An ihnen lässt sich zeigen, wie viel und wie wenig sich über frühe slawische Gruppen auf dem Balkan tatsächlich sagen lässt.
Die Hauptquelle ist eine Sammlung, die unter dem lateinischen Titel Miracula Sancti Demetrii geführt wird: griechische Texte über die Wunder des Stadtpatrons von Thessaloniki. Sie besteht aus zwei sehr ungleichen Büchern. Buch I wurde um 610 bis 620 von Johannes, dem Erzbischof von Thessaloniki, zusammengestellt und besteht aus fünfzehn Predigten, die der Gemeinde vorgelesen werden sollten. Buch II entstand in den 680er Jahren, stammt von einem unbekannten Verfasser und liest sich deutlich nüchterner, fast wie ein Bericht.
Für unser Thema ist Buch II der eigentliche Text. Sein Autor kennt die slawischen Nachbarn der Stadt beim Namen, unterscheidet zwischen einzelnen Gruppen und nennt sie an einer Stelle ausdrücklich Nachbarn. Buch I dagegen spricht pauschal von Barbaren. Der Unterschied ist überlieferungsgeschichtlich teuer bezahlt: Buch II wurde von den Abschreibern deutlich seltener kopiert und ist in nur einer einzigen Handschrift erhalten.
Die maßgebliche kritische Ausgabe stammt von Paul Lemerle und erschien 1979 und 1981 in zwei Bänden in Paris. Wer die Draguviten zitiert, zitiert praktisch immer Lemerles Text und Lemerles Paragraphenzählung – auch dort, wo die Sekundärliteratur das nicht dazuschreibt.
Die Draguviten betreten die Überlieferung nicht als handelnde Gestalten, sondern als Eintrag in einer Aufzählung. Buch II der Miracula berichtet von einem Angriff, den slawische Gruppen unabhängig von den Awaren gegen Thessaloniki führten; die Forschung setzt ihn gewöhnlich um 615 an. Der Verfasser nennt dabei die beteiligten Völker beim Namen, und die Draguviten stehen an erster Stelle.
τῶν Δρουγουβιτῶν, Σαγουδάτων, Βελεγεζιτῶν, Βαϊουνητῶν τε καὶ Βερζητῶν καὶ τῶν λοιπῶν ἐθνῶν
Miracula S. Demetrii II,1 (Zählung nach Lemerle); sinngemäße Übersetzung: Glanz & Gravur
… der Draguviten, Sagudaten, Belegeziten, Baiuniten und Berziten und der übrigen Völker …
Diese Liste ist der Grundstein aller weiteren Forschung. Sie zeigt, dass die Verteidiger Thessalonikis im frühen 7. Jahrhundert bereits zwischen mehreren benachbarten Verbänden unterschieden – und dass diese Verbände gemeinsam handeln konnten, ohne deshalb eine einheitliche Macht zu bilden. Wo genau die einzelnen Gruppen saßen, sagt der Text nicht. Die üblichen Verortungen – Draguviten nördlich und westlich der Stadt, Belegeziten am thessalischen Golf – sind Rückschlüsse aus späteren Erwähnungen, keine Angaben der Quelle.
Die Miracula nennen fast nie Jahreszahlen. Der Verfasser datiert nach Indiktionen, also nach einem fünfzehnjährigen Steuerzyklus, der sich ohne weitere Anhaltspunkte nicht eindeutig auflösen lässt. Sämtliche Jahreszahlen, die in der Literatur kursieren, sind daher Rekonstruktionen.
Die heute überwiegend akzeptierte Chronologie stammt von Lemerle. Sie ordnet die Ereignisse ungefähr so: ein awarisch-slawischer Angriff 586 oder 597, ein nächtlicher Überfall 604, der Angriff der slawischen Koalition unter Chatzon um 615, eine dreiunddreißigtägige awarisch-slawische Belagerung 617 oder 618, und schließlich die große, über zwei Jahre laufende slawische Blockade 676 bis 678 mit dem Hauptsturm am 25. bis 27. Juli 677.
Frühere Forscher kamen zu ganz anderen Ergebnissen. Für die große Belagerung wurden unter anderem 634, 647, 657/658, 685 bis 687 und 692 vorgeschlagen. Lemerles Ansatz setzte sich durch, weil er als einziger alle Angaben des Textes zugleich erfüllt: die verstrichene Zeit seit den früheren Belagerungen, die Identität des regierenden Kaisers und dessen Bindung an einen gleichzeitigen Krieg gegen die Araber. Andreas Stratos verschob den Beginn auf 675. Das ist keine Randfrage – es entscheidet darüber, in welchem politischen Rahmen die Draguviten überhaupt gehandelt haben.
Hier muss eine verbreitete Verkürzung korrigiert werden. Die Draguviten gehörten nicht zu den Gruppen, die die Blockade begannen. Auslöser war die Hinrichtung des Perbundos, den der Text als Herrscher der Rhynchinen bezeichnet – ein Mann, der Griechisch sprach, sich byzantinisch kleidete und in Thessaloniki sogar eine Unterkunft unterhielt. Nach seinem Tod erhoben sich die Rhynchinen, dann die Strymoniten und die Sagudaten. Andere Gruppen blieben fern, die Belegeziten stellten sich sogar auf die Seite der Stadt und verkauften ihr später Getreide.
Die Draguviten kamen erst ins Spiel, als die Belagerer eine günstige Gelegenheit sahen: Ein großer Teil der wehrfähigen Männer Thessalonikis war mit Schiffen unterwegs, um bei den Belegeziten Lebensmittel zu holen. Die Angreifer baten daraufhin die Draguviten um Hilfe – und zwar ausdrücklich, weil diese sich auf den Bau von Belagerungsmaschinen verstanden.
Beim Sturm vom 25. bis 27. Juli soll der heilige Demetrios persönlich, zu Fuß und mit einer Keule, einen Angriff der Draguviten auf eine Nebenpforte namens Arktos zurückgeschlagen haben. Einige Ausleger sehen darin einen verhüllten Hinweis darauf, dass die Angreifer tatsächlich in die Stadt eindrangen. Am Abend des 27. brachen die Slawen den Sturm ab und ließen ihre Maschinen zurück, die in die Stadt geschafft wurden.
Der Satz, die Draguviten hätten Belagerungsmaschinen bauen können, ist die konkreteste Aussage, die eine Quelle über sie macht – und zugleich die interessanteste. Er widerspricht dem Bild von losen Verbänden, die über keine Technik verfügten. Wer Wurfmaschinen und Sturmgerät baut, braucht Zimmerleute, Seiler, Schmiede, Erfahrung mit Zug- und Hebelkräften und eine Organisation, die solche Arbeit über Wochen zusammenhält.
Woher dieses Können kam, sagt der Text nicht. Denkbar ist Erfahrung aus den awarischen Belagerungen, in denen schweres Gerät vorgeführt wurde, ebenso denkbar sind übergelaufene oder verschleppte römische Fachleute. Beides ist Vermutung.
Lemerle selbst bremst hier die Fantasie: Er hält es für wahrscheinlich, dass die Draguviten in erster Linie das Gerät und vielleicht dessen Bedienung stellten, nicht ein eigenes Heer. Und der Bericht selbst räumt ein, dass die Maschinen im Kampfverlauf keine erkennbare Rolle spielten. Ein Volk, das für seine Technik geholt wird, ist trotzdem etwas anderes als ein Volk, das nur Beute macht.
Die zweite große Szene steht ebenfalls in Buch II. Ein Bulgare namens Kuber, den die Awaren über eine im Raum Sirmium angesiedelte Bevölkerung gesetzt hatten, erhob sich gegen den Khagan und zog mit dieser Gruppe – den sogenannten Sermesianern – nach Süden. Die Nachkommen verschleppter Römer waren darunter, die ihre christliche Überlieferung bewahrt hatten.
Kuber bat den Kaiser um die Erlaubnis, sich niederzulassen. Der Kaiser stimmte zu und wies die benachbarten Draguviten an, die Neuankömmlinge mit Nahrung zu versorgen. Später versuchten Kuber und sein Vertrauter Mauros, der die Titel Patrikios und Archon der Sermesianer und Bulgaren führte, sich Thessalonikis zu bemächtigen; der Versuch scheiterte.
Diese Passage ist historisch wertvoller, als sie zunächst wirkt. Ein Kaiser, der den Draguviten Lieferungen befehlen kann, behandelt sie nicht als äußeren Feind, sondern als Größe innerhalb seiner Ordnung – tributpflichtig, ansprechbar, in gewisser Weise eingebunden. Die Draguviten erscheinen hier nicht als Angreifer, sondern als Kornkammer des Umlands.
Aus den Miracula lässt sich ein Grundzug ablesen, der für die gesamte frühslawische Balkangeschichte gilt: Die einzelnen Gruppen handelten nicht gemeinsam. Im Jahr 615 stehen die Draguviten in einer Koalition; 676 bis 678 fehlen sie zunächst und treten dann nur als technische Unterstützung auf. Die Belegeziten liefern der belagerten Stadt Weizen und Hülsenfrüchte. Die Strymoniten kehren mitten im Sturm um.
Wer diese Verbände als geschlossene Front gegen Byzanz zeichnet, projiziert ein Bild zurück, das die Quellen nicht hergeben. Dasselbe gilt für das Gegenteil: Sie waren auch keine harmlosen Bauern, die nur zufällig in Konflikte gerieten. Die Blockade dauerte zwei Jahre, führte zu Hungersnot und Versklavung und endete erst, als der Kaiser nach dem Sieg über die arabische Flotte Truppen freimachen konnte.
Ähnliche Muster begegnen später auf dem Peloponnes, wo Ezeriten und Milingen erst nach einem Aufstand zu höheren Zahlungen verpflichtet wurden, und in Nordostbulgarien bei den Slawen Bulgariens.
Die gängige Herleitung führt den Namen auf eine urslawische Bildung zurück, die gewöhnlich als *Drъgъvitji angesetzt wird, zu einem Wort *drъgъva mit der Bedeutung Sumpf oder Morast. Die Draguviten wären demnach schlicht die Leute aus dem feuchten Land – ein Siedlungsname, kein Ehrentitel.
Diese Deutung gilt als gut begründet, ist aber keine Urkunde. Sie beruht auf sprachwissenschaftlicher Rekonstruktion, und die griechischen Schreiber haben den slawischen Halbvokal ъ uneinheitlich wiedergegeben: einmal als ο, einmal als ου, einmal als α. Genau daraus entstehen die Namensformen Drogoviten, Drouguviten und Draguviten, die in der Literatur nebeneinander stehen.
Wichtig ist der Grundsatz dahinter: Ein Ethnonym sagt etwas über den Blick derer aus, die den Namen benutzten, nicht zwingend etwas über Herkunft oder Selbstbild der Benannten. Namen wandern, Namen wiederholen sich, und Namensgleichheit ist kein Verwandtschaftsbeweis.
Damit sind wir beim heikelsten Punkt. Derselbe Name begegnet in den Quellen mehrfach – und die drei Träger sind auseinanderzuhalten.
Erstens die Draguviten bei Thessaloniki und im makedonischen Raum, um die es hier geht. Zweitens eine gleichnamige Gruppe, die in Thrakien verortet wird; ein Teil der Forschung hält beide für verschiedene Völker, während etwa Predrag Komatina die abweichenden Schreibungen für bloße Wiedergaben desselben Namens hält. Drittens – und das ist die folgenreichste Verwechslung – die ostslawischen Dregowitschen am Pripjat.
Denn Konstantin VII. Porphyrogennetos benutzt in seiner Schrift De administrando imperio, Kapitel 9, für die ostslawischen Tributpflichtigen der Rus ausgerechnet die Form Δρουγουβῖται. Er nennt sie dort neben Werwianen, Kriwitschen und Sewerjanen als jene Gebiete, in die die Fürsten der Rus im November zur Poljudje aufbrachen. Ein byzantinischer Autor des 10. Jahrhunderts verwendet also für ein Volk am Pripjat denselben griechischen Namen wie für ein Volk bei Thessaloniki. Dass beide Namen etymologisch zusammengehören, ist plausibel; dass es sich um dieselbe Gruppe handelt, folgt daraus nicht.
Der stärkste Beleg dafür, dass die Draguviten für Byzanz eine feste Größe waren, ist kirchlicher Natur. Spätestens ab 879 ist ein Bistum Drougoubiteia als Suffragan der Metropolie Thessaloniki bezeugt; der Bischofssitz wird westlich der Stadt, in der Gegend von Pella, gesucht.
Das ist bemerkenswert. Ein Bistum, das nach einem Volk und nicht nach einer Stadt benannt ist, verrät zweierlei: dass die Gruppe als Bevölkerungseinheit greifbar blieb, und dass die Kirche sie als eigenen Seelsorgebezirk behandelte. Für frühslawische Gruppen auf byzantinischem Boden ist das kein Einzelfall, aber auch kein Regelfall.
Zugleich gilt die Einschränkung: Eine Bistumsbezeichnung beweist nicht, dass dort noch alle Bewohner slawisch sprachen, und sie sagt nichts über den Zeitpunkt der Christianisierung. Sie beweist nur, dass der Name im 9. Jahrhundert amtlich weiterlebte.
Parallel dazu wird der Name Teil der weltlichen Verwaltung. Nicolas Oikonomides hat vermutet, dass die Gruppe etwa gleichzeitig einem byzantinischen Militärgouverneur mit dem Titel Strategos unterstellt wurde. Im Escorial-Taktikon, einer Rangliste aus den Jahren 971 bis 975, erscheint ein Strategos von Drougoubiteia.
Im späten 10. und im 11. Jahrhundert ist Drougoubiteia dann mit den Themen Thessalonike und Strymon zu einer Provinz verbunden. Ein bleiernes Amtssiegel aus dem 11. Jahrhundert nennt einen Michael Skleros als Protoproedros und Anagrapheus – also Steuerveranlager – von Drougoubiteia. Solche Siegel sind für die Verwaltungsgeschichte Gold wert, weil sie keine Erzählabsicht haben.
Der Weg ist damit vollständig ablesbar: aus einem Namen in einer Feindliste wird ein kirchlicher Sprengel, daraus ein Militärkommando, daraus ein Steuerbezirk. Am Ende steht kein Volk mehr, sondern eine Landschaftsbezeichnung.
Dieser Weg verlief nicht friedlich. Nach dem Ende der großen Belagerung setzte Byzanz immer wieder militärisch nach. 688 oder 689 führte Justinian II. einen Feldzug durch Thrakien und Makedonien bis nach Thessaloniki, unterwarf slawische Gruppen und siedelte große Teile von ihnen nach Kleinasien um.
Ein Jahrhundert später, 783, zog der Logothet Staurakios im Auftrag der Kaiserin Irene von Konstantinopel über Thessaloniki bis auf den Peloponnes und zwang die slawischen Gruppen der Region zu Abgaben. Im 9. und frühen 10. Jahrhundert geriet das Gebiet zwischen Byzanz und das bulgarische Reich; erst die Feldzüge Basileios' II. um 1018 stellten die byzantinische Herrschaft dauerhaft her.
Umsiedlungen, Tributforderungen und Kirchenorganisation wirkten dabei zusammen. Was die Quellen nicht bieten, ist eine Aussage darüber, wie die Betroffenen das erlebten. Auch hier gilt die Grundregel dieses Artikels: Das Schweigen der Überlieferung ist selbst ein Befund.
Für den südlichen Balkan sind die frühslawischen Spuren dünn und schwer zu datieren. Als Leitfunde gelten handgemachte Keramik vom sogenannten Prager Typ, eingetiefte Grubenhäuser und Brandbestattungen in einfachen Urnengruben. Solche Befunde gibt es im nordgriechischen und nordmakedonischen Raum, aber sie sind weit verstreut und selten gut datiert.
Entscheidend ist der Negativbefund: Es gibt keine Fundgruppe, die sich den Draguviten zuweisen ließe. Keine Siedlung, kein Gräberfeld, kein Gegenstand trägt einen Hinweis auf diesen Namen. Florin Curta hat in mehreren Arbeiten grundsätzlich bestritten, dass sich Keramiktypen überhaupt als Ausweis slawischer Identität verwenden lassen – eine Position, die nicht unwidersprochen blieb, aber die Zuordnungspraxis des 20. Jahrhunderts dauerhaft erschüttert hat.
Auch die Schatzfunde von Vrap und Ersekë in Albanien, die Joachim Werner und Ivan Mikulčić mit Kuber und den Sermesianern verbanden, sind eine Deutung und kein Nachweis. Wer sie als Beleg für die Draguviten anführt, verknüpft zwei ohnehin unsichere Zuweisungen miteinander.
Der Name verschwindet nicht mit dem 7. Jahrhundert. Johannes Kaminiates, der über die Einnahme Thessalonikis durch arabische Flottenverbände im Jahr 904 berichtet, erwähnt die Draguviten als Bewohner der Gegend um Veroia. Im 13. Jahrhundert schreibt der Erzbischof Demetrios Chomatenos, sie beherrschten das Land von Veroia bis nach Skopje.
Beide Stellen sind mit Vorsicht zu lesen. Kaminiates' Werk ist nur in Handschriften des 15. Jahrhunderts erhalten; Alexander Kazhdan hielt es deshalb und wegen vermeintlicher Anachronismen für eine spätere Fälschung. Die Mehrheit der heutigen Forschung folgt ihm darin nicht und hält den Text für ein echtes Zeugnis des 10. Jahrhunderts, doch die Debatte ist geführt worden und gehört erwähnt.
Chomatenos wiederum schreibt gut sechshundert Jahre nach dem ersten Auftreten des Namens. Ob er damit noch eine Bevölkerungsgruppe meint oder bereits eine eingebürgerte Landschaftsbezeichnung, lässt sich aus der Stelle allein nicht entscheiden.
Ein letzter, besonders prüfbedürftiger Faden führt in die Geschichte der dualistischen Bewegungen. In westlichen Ketzerlisten des 12. Jahrhunderts erscheint neben Kirchen von Bulgarien, Melingia, Romania und Dalmatien auch eine ecclesia Dragovitiae. Ein Bischof Nicetas, der dieser Richtung zugerechnet wird, soll 1167 eine Versammlung im südfranzösischen Saint-Félix geleitet haben.
Die Verbindung zum Namen der Draguviten liegt nahe, ist aber aus zwei Gründen unsicher. Erstens ist die Lage der Dragovitia umstritten: Die Vorschläge reichen vom ägäischen Makedonien bis in das Gebiet südlich von Philippopel in Thrakien – also genau in jene Zone, in der auch der zweite, thrakische Namensträger vermutet wird. Zweitens ist der zentrale Text selbst umstritten. Die sogenannte Charta von Saint-Félix ist nur über einen Druck des Guillaume Besse von 1660 bekannt; Monique Zerner und andere haben eine neuzeitliche Fälschung erwogen, Bernard Hamilton hat für die Echtheit argumentiert, und ein Kolloquium von 1999 kam zu keinem abschließenden Urteil.
Solange diese beiden Fragen offen sind, kann man die Bogomilen-Spur erwähnen, aber nicht als gesicherte Fortsetzung der Draguviten-Geschichte behandeln.
Bleibt die Frage nach Ortsnamen. Häufig genannt wird das Dorf Drugovo bei Kičevo in Nordmazedonien, gelegentlich auch Namen wie Dragovištica. Solche Anklänge sind auffällig und werden in der Literatur regelmäßig angeführt.
Zugleich sind sie methodisch heikel. Ein Ortsname, der erst spät urkundlich auftaucht, kann einen alten Volksnamen bewahren – er kann aber ebenso gut von einem Personennamen, einem Gewässernamen oder derselben Sumpf-Wurzel unabhängig gebildet sein. Ohne eine Belegkette, die den Namen möglichst nah an die fragliche Zeit heranführt, bleibt jede Ableitung ein Vorschlag.
Ähnliche Vorsicht ist bei anderen slawischen Gruppen angebracht, deren Namen in der Landschaft fortzuleben scheinen – von den Karantanen im Alpenraum bis zu den westslawischen Verbänden an der Ostsee.
Am Ende steht ein schmaler, aber klarer Befund. Eine slawischsprachige Bevölkerung siedelte im 7. Jahrhundert im Umland von Thessaloniki und im makedonischen Raum. Sie konnte angreifen, sie konnte liefern, sie verfügte über handwerkliches Können. Byzanz nahm sie als Gegenüber ernst genug, um ihr Getreidelieferungen zu befehlen, ihr ein Bistum zu widmen und ihren Namen in die Verwaltungssprache zu übernehmen.
Alles Weitere ist Auslegung. Das gilt auch und besonders für die Frage, in welcher Beziehung diese Gruppe zu heutigen Nationen steht. Griechische, nordmazedonische und bulgarische Deutungen der frühmittelalterlichen Balkanslawen unterscheiden sich erheblich; sie hängen weniger an neuen Quellen als an nationalen Geschichtsbildern des 19. und 20. Jahrhunderts. Wer historisch arbeitet, benennt diese Positionen als Positionen und zieht keine Linie vom 7. Jahrhundert in die Gegenwart.
Das Ähnliche gilt für die byzantinischen Berichte über Serben und Kroaten: Sie beschreiben Gruppen ihrer Zeit, nicht Vorläufer moderner Staaten. Die Draguviten sind ein gutes Beispiel dafür, wie viel Geschichte in einem einzigen Namen stecken kann – und wie wenig man aus ihm herauslesen darf.
Gesichert ist: Die Draguviten erscheinen im zweiten Buch der Miracula Sancti Demetrii unter den slawischsprachigen Nachbarn Thessalonikis. Sie stehen in der Liste der Gruppen, die um 615 gemeinsam gegen die Stadt zogen. Während der großen Blockade – nach Lemerles Chronologie 676 bis 678 – wurden sie von den Belagerern wegen ihrer Kenntnis im Bau von Belagerungsmaschinen herbeigeholt; beim Sturm im Juli 677 richtete sich ein Angriff der Draguviten gegen eine Nebenpforte. Ein Kaiser wies sie an, die Leute Kubers mit Nahrung zu versorgen. Ab 879 ist ein Bistum Drougoubiteia als Suffragan Thessalonikis bezeugt, im Escorial-Taktikon von 971 bis 975 ein Strategos gleichen Namens, im 11. Jahrhundert ein Steuerbeamter per Bleisiegel. Johannes Kaminiates nennt sie im frühen 10. Jahrhundert um Veroia, Demetrios Chomatenos im 13. Jahrhundert zwischen Veroia und Skopje.
Nicht gesichert ist fast alles Übrige. Die Draguviten bei Thessaloniki, die gleichnamige Gruppe in Thrakien und die ostslawischen Dregowitschen am Pripjat dürfen nicht gleichgesetzt werden, auch wenn Konstantin VII. für die Letzteren dieselbe griechische Form benutzt. Der Begriff Sklavinia ist eine Fremdbezeichnung byzantinischer und westlicher Kanzleien und wird erst ab dem späten 8. Jahrhundert geläufig; die Miracula sprechen schlicht von Völkern. Die Jahreszahlen der Belagerungen sind rekonstruiert, nicht überliefert. Die Verortungen der einzelnen Gruppen sind Rückschlüsse. Archäologisch ist keine einzige Fundgruppe den Draguviten zuzuweisen; die Schatzfunde von Vrap und Ersekë sind eine Deutung. Die Bogomilenkirche Dragovitia ist weder sicher lokalisiert noch ihr wichtigster Textzeuge unumstritten. Und jede Linie von einer Gruppe des 7. Jahrhunderts zu einer heutigen Nation ist Geschichtspolitik, kein Befund.

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