Zwischen der Pripjat und der Beresina, in einer Landschaft aus Moor, Schwarzerlenbruch und langsam kriechendem Wasser, saß im 9. und 10. Jahrhundert eine ostslawische Bevölkerungsgruppe, die schon ihr Name unverwechselbar macht: die Dregowitschen, wörtlich etwa die Leute vom Morast. Sie tauchen in der Nestorchronik auf, sie tauchen – wahrscheinlich – bei einem byzantinischen Kaiser auf, und sie haben in den Grabhügeln Südbelarus' eine Handvoll sehr eigener Schmuckstücke hinterlassen. Was davon gesichert ist, was Deutung bleibt und warum ihr Land ausgerechnet am Rand der großen Warägerroute lag, sehen wir uns hier in Ruhe an.
Die meisten Völkernamen des frühen Mittelalters sind uns dunkel. Bei den Dregowitschen ist das anders: Ihr Name lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auflösen, und er beschreibt keine Herkunft, keinen Ahnherrn und keinen Gott, sondern schlicht den Boden, auf dem diese Menschen lebten. Altostslawisch dregva beziehungsweise drjagva bezeichnet den Morast, den schwankenden Grund, das zitternde Moor – im heutigen Belarussischen steckt das Wort noch in dryhwa, im nördlichen Ukrainischen in drjagowyna. Der Sprachwissenschaftler Max Vasmer stellte dazu litauisch drėgnas, feucht, klamm. Die Dregowitschen sind, so gelesen, schlicht die Bewohner des nassen Landes.
Das ist keine poetische Zuschreibung, sondern eine geografische Beschreibung, die jeder bestätigt, der einmal im Frühjahr am Oberlauf der Pripjat gestanden hat. Trotzdem gilt: Die Etymologie ist plausibel und wird von der Mehrheit der Forschung getragen, endgültig bewiesen ist sie nicht. Diskutiert wird unter anderem, ob das Wort selbst schon ein baltisches Lehnwort ist – die Region war vor der slawischen Landnahme baltisch besiedelt, und Sprachkontakt ist dort die Regel, nicht die Ausnahme.
Die Nestorchronik verortet sie großzügig: Sie hätten sich zwischen der Pripjat und der Düna niedergelassen und danach Dregowitschen genannt. Das klingt nach einem riesigen Gebiet, von der heutigen Ukraine bis fast nach Lettland. Die Archäologie zeichnet ein bescheideneres Bild. Nach der Kartierung von Valentin Sedov reicht das eigentliche dregowitschische Kerngebiet des 10. bis 12. Jahrhunderts im Süden bis knapp jenseits der Pripjat, im Osten an den Dnjepr, im Nordosten etwa an die Wasserscheide von Drut und Beresina und im Norden ungefähr an eine Linie Borissow–Sasslauje. Bis zur Düna hinauf reicht das gerade nicht: Dort saßen die Polozker Kriwitschen.
Die Diskrepanz ist lehrreich. Ein Chronist, der um 1113 in Kiew schreibt, ordnet Landschaften nach großen, gut merkbaren Flüssen. Er zieht eine Linie von Fluss zu Fluss, nicht von Dorf zu Dorf. Wer heute die Grenzen der Dregowitschen sucht, muss deshalb den Spaten befragen, nicht die Handschrift – und die Fundkarte antwortet anders als der Text.
Das Polesie, die große Sumpfniederung beiderseits der Pripjat, ist einer der eigentümlichsten Landstriche Europas: eine flache Wanne, in der das Schmelzwasser im Frühjahr wochenlang steht, durchzogen von Sandrücken, auf denen Dörfer wie Inseln liegen. Für Siedler bedeutet das zweierlei. Erstens Schutz: Ein Reiterheer kommt hier nicht durch, und wer die Wege nicht kennt, kommt gar nicht. Zweitens Beschränkung: Ackerland gibt es nur auf den trockenen Kuppen, Verkehr fast nur auf dem Wasser oder im Winter auf dem Eis.
Genau diese Abgeschiedenheit ist wahrscheinlich der Grund, weshalb es die Dregowitschen überhaupt als unterscheidbare Gruppe gab. Die frühesten slawischen Fundplätze der Region – Siedlungen und Gräberfelder des 6. und 7. Jahrhunderts mit Keramik vom Prager-Kortschak-Typ – liegen ausschließlich ganz im Süden, an der Pripjat. Von den übrigen Gebieten derselben Kultur trennt sie ein breiter, praktisch unbesiedelbarer Moorgürtel. Eine Bevölkerung, die ein paar Generationen lang hinter einem Sumpf lebt, entwickelt eigene Gewohnheiten, eigene Muster, eigenen Schmuck. Der Sumpf hat die Dregowitschen nicht nur benannt, er hat sie hervorgebracht.
Die Hauptquelle ist die Powest wremennych let, die Erzählung der vergangenen Jahre, im Deutschen meist Nestorchronik genannt. Sie wurde um 1113 in Kiew kompiliert; erhalten ist sie nicht im Original, sondern in späten Abschriften – die Laurentiushandschrift stammt von 1377, die Hypatiushandschrift aus der Zeit um 1425. Zwischen den Ereignissen des 9. Jahrhunderts und der ältesten erhaltenen Seite liegen also gut fünfhundert Jahre.
Was die Chronik sagt, ist trotzdem gewichtig, weil es die einzige zusammenhängende Innensicht ist, die wir haben. Ihr Völkerkatalog nennt die Dregowitschen unter den ostslawischen Gruppen; sie erscheinen neben den Drewlanen, den Poljanen, den Sewerjanen und den Radimitschen. Und sie hält fest, dass die Dregowitschen ihre eigene Herrschaft hatten – ihr eigenes knjaschenije, ihr Fürstentum, so wie die Poljanen eines hatten und die Drewlanen eines. In den Chroniken tauchen die Dregowitschen bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts auf; Sluzk und Kletsk werden noch zu den Jahren 1116 und 1149 ausdrücklich als dregowitschische Orte bezeichnet.
Der stärkste unabhängige Beleg kommt aus Konstantinopel. Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos beschreibt um 948 bis 952 in seinem Handbuch De administrando imperio, wie die Rus alljährlich mit Einbäumen den Dnjepr hinab nach Byzanz fahren – und wie sie den Winter verbringen. Kapitel 9 nennt dabei die tributpflichtigen slawischen Landschaften, und unter ihnen stehen die Drugubiten, die man mit guten Gründen mit den Dregowitschen gleichsetzt: Sie erscheinen im selben Atemzug mit Kriwitschen und Sewerjanen, also mit Nachbarn, die geografisch passen.
Sobald der Monat November beginnt, verlassen ihre Anführer sogleich mit allen Rus Kiew und ziehen aus zum Poljudje – das heißt: zur Umfahrt –, nämlich in die slawischen Gebiete der Werwianen, der Drugubiten, der Kriwitschen, der Sewerjanen und der übrigen Slawen, die den Rus Tribut zahlen. Dort werden sie den Winter über unterhalten; sobald aber der April beginnt und das Eis des Dnjepr aufbricht, kehren sie nach Kiew zurück.Konstantin VII. Porphyrogennetos, De administrando imperio, Kap. 9 (Mitte 10. Jahrhundert), eigene Übersetzung
Diese wenigen Zeilen sind für das dregowitschische Land wertvoller als seitenlange Legenden. Sie zeigen ein festes System: Die Rus sitzen in Kiew, sie ziehen im Winter über das gefrorene Land, sie leben von dem, was die slawischen Landschaften abgeben, und im Frühjahr wird der eingesammelte Ertrag – Pelze, Wachs, Honig, Sklaven – auf dem Dnjepr nach Süden verschifft. Die Dregowitschen sind darin keine Randnotiz, sondern ein Posten in der Rechnung eines byzantinischen Kaisers.
Hier ist Vorsicht geboten, denn derselbe Name begegnet ein zweites Mal, tausend Kilometer weiter südlich. Die Drugubitai beziehungsweise Draguviten waren eine südslawische Gruppe, die im 7. Jahrhundert im Umland von Thessaloniki und um Veroia saß. Sie erscheinen in den Wundern des heiligen Demetrios, sie beteiligten sich an den erfolglosen Belagerungen Thessalonikis, und 879 ist ein eigenes Bistum Drugubiteia bezeugt. Das sind nicht die Dregowitschen.
Sprachlich gehören beide Namen allerdings zusammen: Beide gehen auf dieselbe Wurzel für Sumpf zurück. Manche Forscher, etwa Predrag Komatina, halten die Verwandtschaft für zweifelsfrei und erwägen sogar, dass die Balkangruppe ursprünglich aus dem Bereich der Pripjatsümpfe stammt. Das ist eine Hypothese, keine Tatsache – und ein Musterbeispiel dafür, wie leicht Namensgleichheit zu erfundenen Wanderungsgeschichten verführt. Ein Name, der Sumpfbewohner bedeutet, kann in jeder sumpfigen Gegend unabhängig entstehen.
Der Ort, an dem sich dregowitschische Geschichte verdichtet, heißt Turow (belarussisch Turau). Die Nestorchronik erwähnt ihn zum Jahr 980 und verbindet ihn mit einem Fürsten namens Tur, der – so die Chronik – aus der Fremde kam, ähnlich wie Rogwolod in Polozk. Simon Franklin und Jonathan Shepard weisen darauf hin, dass Turow zu diesem Zeitpunkt offenbar eine junge Gründung war, möglicherweise Turs eigene. Ob dieser Tur eine historische Person war oder eine Rückerklärung des Ortsnamens, ist offen; Gründungsfürsten, deren Name zufällig genau zur Stadt passt, sind ein bekanntes Muster mittelalterlicher Chronistik.
Turow lag strategisch klug: auf einer Landzunge zwischen zwei Flüssen, mitten in einer Landschaft, die jedem Angreifer die Wege diktierte, und zugleich an der Wasserstraße, die über die Pripjat in den Dnjepr und damit ans Schwarze Meer führt. Dass gerade Turow das Zentrum der Dregowitschen war, sagt keine Quelle wörtlich; es ist eine Erschließung aus den Chronikdaten, die etwa Arseni Nassonow und Boris Rybakow vertreten haben – gut begründet, aber eben Deutung.
Was folgt, ist der Weg vom Landschaftsverband zur Provinz. Wladimir der Große setzte um 988 seinen Sohn Swjatopolk als Fürsten von Turow ein – ein achtjähriges Kind, was die Sache klar macht: Turow war jetzt ein Posten in einer Dynastie, kein eigenständiges Gebilde mehr. Später wurde es an Isjaslaw vergeben, dann an dessen Nachkommen; im 12. Jahrhundert entstand daraus das Fürstentum Turow-Pinsk mit Städten wie Pinsk, Sluzk, Kletsk und Masyr. Im 14. Jahrhundert ging das Gebiet an das Großfürstentum Litauen über.
Wichtig für unser Thema: Die Grenzen des Fürstentums Turow des 12. Jahrhunderts sind nicht die Grenzen der Dregowitschen des 10. Jahrhunderts. Historiker des 19. Jahrhunderts haben genau das versucht – aus der politischen Karte die Stammeskarte zu rekonstruieren – und sind daran gescheitert. Ein Fürstentum wächst und schrumpft nach Erbteilungen und Kriegen; eine Trachtprovinz folgt anderen Gesetzen.
Die eigentliche Quelle für die Dregowitschen liegt unter Grashügeln. In ihrem Gebiet sind seit dem frühen 19. Jahrhundert Hunderte von Kurganen geöffnet worden; allein Wladimir Sawitnewitsch grub zwischen 1885 und 1892 rund 700 Grabhügel in 82 Gräberfeldern aus. In den 1920er und 1930er Jahren kamen weitere rund 400 hinzu. Ein bitteres Detail der Forschungsgeschichte: Die Fundkomplexe und die gesamte Grabungsdokumentation der belarussischen Archäologen dieser Jahre wurden im Zweiten Weltkrieg vernichtet. Von vielen dieser Grabungen bleibt nur, was vorher gedruckt worden war.
Der Befund selbst zeigt einen klaren Wandel. Die älteren Hügel enthalten Brandbestattungen; die Umstellung auf Körperbestattung vollzieht sich in der zweiten Hälfte des 10. und zu Beginn des 11. Jahrhunderts – also in der Zeit der Christianisierung der Rus, ohne dass man beides vorschnell gleichsetzen sollte. Typisch sind Bestattungen auf dem alten Bodenniveau unter der Aufschüttung, überwiegend mit dem Kopf nach Westen. Im Norden des Gebiets finden sich hölzerne Grabkammern, sogenannte Domowiny, und Beigaben mit deutlich baltischem Einschlag: Armringe mit stilisierten Schlangenkopfenden, hufeisenförmige Fibeln, Spiralringe, Gürtelbeschläge lettgallischer Machart.
Ein Fundtyp gilt als Erkennungszeichen der Dregowitschen: große, hohle Metallperlen, dicht mit Granulation überzogen – winzige aufgelötete Kügelchen, die eine körnige, funkelnde Oberfläche ergeben. In den Halsketten sitzen sie als ein oder zwei Prunkstücke in der Mitte; in über 120 Bestattungen sind sie nachgewiesen. Bereits Alexander Spizyn benannte sie 1899 als charakteristisch, Sedov machte sie zum wichtigsten Kartierungsmerkmal. Der gelegentlich benutzte Name Perlen vom Minsker Typ ist irreführend – mit Minsk oder dem Minsker Fürstentum haben sie nichts zu tun.
Dazu kommen ringförmige Schläfenringe mit überlappenden oder anderthalbfach gewundenen Enden, oft mehrere pro Frau, zwei bis zwölf Stück. Diese Ringe sind allerdings nicht exklusiv dregowitschisch; sie taugen nur zur Feinjustierung der Nord- und Ostgrenze, weil sie in kriwitschischen und radimitschischen Hügeln fehlen. Und hier ist Ehrlichkeit gefragt: Schmuck zeigt Trachtgewohnheit, Handwerkstradition und Bezugsquelle. Er zeigt, mit wem man Feste feierte und bei wem man kaufte. Er zeigt keine Abstammung. Ein Trachtmerkmal ist keine Volkszugehörigkeit.
Nördlich der Pripjat saßen vor den Slawen Balten – archäologisch fassbar über die Kulturen vom Typ Tuschemlja-Banzerowschtschina und Kolotschin. Die slawische Ausbreitung nach Norden lässt sich im Kurganmaterial ab dem 9. Jahrhundert verfolgen, entlang von Dnjepr und Beresina und über die linken Nebenflüsse der Pripjat. Sie hat die ansässige Bevölkerung nicht ersetzt, sondern aufgesogen.
Man sieht es im Detail: Der Norden des dregowitschischen Gebiets ist beigabenreicher als der Süden, mit baltisch geprägten Formen, während die südlichen Hügel an der Pripjat kaum von denen der Drewlanen, Poljanen oder Duleben zu unterscheiden sind. Auch die anthropologischen Reihen zerfallen in zwei Gruppen entlang der Pripjat. Und selbst die Alltagssprache verrät es: In Teilen Belarus' heißen Grabhügel nicht Kurgane, sondern kapzy – zu litauisch kapas, Grab. Genau dort, wo vor den Slawen Balten lebten.
Und hier trifft das Sumpfland auf die nordische Welt. Der Dnjepr, an dessen rechtes Ufer das dregowitschische Gebiet stößt, ist der mittlere Abschnitt jener Route, die von der Ostsee über Nowgorod und Kiew nach Byzanz führte – der Weg von den Warägern zu den Griechen. Die Kiewer Rus war die Macht, die diesen Korridor kontrollierte, und Konstantins Poljudje-Notiz beschreibt exakt, wie das Hinterland daran angeschlossen war.
In den Halsketten der dregowitschischen Frauen liegen deshalb Dinge, die nicht aus dem Moor stammen. Karneolperlen sind in 36 Grabhügelgruppen belegt, Perlen aus Bergkristall in neun – Halbedelsteine, die über die Wolga- und Dnjeprrouten aus dem Orient kamen und die man in derselben Zeit auch in skandinavischen Gräbern und gotländischen Horten findet. Dazu Spinnwirtel aus rosafarbenem Ovrutscher Schiefer, jenem pyrophyllithaltigen Gestein, das nur an einer einzigen Lagerstätte in Osteuropa vorkommt und das vom 10. bis 13. Jahrhundert in ganz Rus verhandelt wurde. Eine Bäuerin im Polesie spann also mit einem Gewicht aus Wolhynien und trug eine Perle, die den halben Kontinent hinter sich hatte. Das ist die stille, gut belegte Seite der Wikingerzeit: nicht der Raubzug, sondern Fernhandel bis in den letzten Sumpfhof.
Im Norden des dregowitschischen Raums, dort wo das Swislatschtal die Grenze zu den Kriwitschen bildete, wird 1067 erstmals ein Ort namens Menesk genannt – das heutige Minsk. Anlass ist kein Stadtjubiläum, sondern eine Schlacht: Am 3. März 1067 trafen an der Nemiga Wseslaw von Polozk und die Söhne Jaroslaws des Weisen aufeinander. Ein halbes Jahrhundert später ist von den Dregowitschen als handelnder Größe keine Rede mehr; die Chroniken nennen sie zuletzt um die Mitte des 12. Jahrhunderts.
Stattdessen tritt eine andere Art von Berühmtheit auf: Kyrill von Turow, geboren in den 1130er Jahren in eben jener Stadt, Bischof, Prediger, Verfasser eines Zyklus von Osterpredigten in kunstvollem Kirchenslawisch. Zwischen der granulierten Perle im Kurgan und den Metaphern Kyrills liegen kaum mehr als hundert Jahre – und ein vollständiger Weltwechsel. Die Steinkirche von Turow, in der Mitte des 12. Jahrhunderts errichtet, wurde am 3. Mai 1230 von einem Erdbeben zerstört; ihre Fundamente kamen bei Grabungen in den frühen 1960er Jahren wieder ans Licht, zusammen mit Sarkophagen aus Schiefer.
Zum Schluss die Trennung, auf die es bei einem so quellenarmen Thema ankommt. Vieles, was über die Dregowitschen im Netz kursiert, mischt eine Chroniknotiz aus dem 12. Jahrhundert mit einer Fundkarte aus dem 20. und einer Nationalerzählung aus dem 21. Halten wir beides sauber auseinander.

Die Rus (Kiew) · Die Drewlanen · Die Radimitschen · Die Kriwitschen · Die Poljanen.