Zwischen den Wäldern und Steppen der heutigen Ukraine und Russland saß ein ostslawischer Stamm, der zwischen zwei Mächten stand: die Sewerjanen. Erst den Chasaren, dann Kiew untertan, wurden sie ein tragender Teil der Rus.
Die Sewerjanen (altruss. Sewerjane) waren ein ostslawischer Stammesverband im Süden der ostslawischen Welt, an den Flüssen Desna, Sejm und Sula – im Grenzraum der heutigen Ukraine und Russland um Städte wie Tschernigow und Nowgorod-Sewerski. Ihr Name bedeutet vermutlich „die Nördlichen" (zu slawisch sever, „Norden"), was aus Sicht anderer Völker oder aus einer älteren Wohnlage erklärt werden könnte. Sie gehören zu den Stämmen, aus denen die Kiewer Rus zusammenwuchs.
Das Land der Sewerjanen lag an einer bedeutenden Grenze: dem Übergang zwischen der bewaldeten Zone im Norden und der offenen Steppe im Süden. Diese Lage war Segen und Fluch zugleich. Die fruchtbaren Böden und die Flüsse machten das Land reich, aber die Nähe zur Steppe setzte die Sewerjanen dem Druck der Reitervölker aus – vor allem der mächtigen Chasaren. Sie lebten in befestigten Burgstädten, betrieben Ackerbau, Handel und Handwerk und standen im Austausch mit der Steppen- wie der Waldwelt.
Vor dem Aufstieg Kiews standen die Sewerjanen unter der Oberherrschaft des Chasaren-Khaganats, jenes mächtigen Reiterreichs an der unteren Wolga, das den Handel zwischen Europa und dem Orient kontrollierte und dessen Elite zum Judentum übertrat. Die Nestorchronik berichtet, dass die Sewerjanen den Chasaren Tribut zahlten. Diese Abhängigkeit prägte ihre frühe Geschichte: Sie lebten im Schatten einer Großmacht, die Sicherheit gegen Abgaben bot – bis eine neue Macht aus dem Norden kam.
Diese neue Macht war die Rus. Nach der Nestorchronik befreite der Kiewer Fürst Oleg um 884 die Sewerjanen von der Tributpflicht gegenüber den Chasaren und unterstellte sie stattdessen Kiew – gegen einen bewusst „leichten Tribut", um sie für sich zu gewinnen. Später zerschlug Fürst Swjatoslaw um 965 das Chasaren-Khaganat endgültig. Damit wechselten die Sewerjanen von der Steppenmacht zur Flussmacht: Aus Untertanen der Chasaren wurden Untertanen der Rus – und ein fester Bestandteil des entstehenden Kiewer Reiches.
Das Land der Sewerjanen wurde zum Kern eines der wichtigsten Fürstentümer der Rus: Tschernigow (Tschernihiw). Diese Stadt entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Zentren der Kiewer Rus, reich an Kirchen und fürstlichen Grabhügeln. Auch Nowgorod-Sewerski („Nowgorod der Sewerer") trägt den Stammesnamen bis heute. Aus dem Stammesland wurde eine Fürstenlandschaft, die in der Geschichte der Rus eine große Rolle spielte – bis hin zum berühmten mittelalterlichen „Igorlied", das von einem Feldzug eines Sewersker Fürsten gegen die Steppenvölker erzählt.
Wie viele slawische Stammesnamen überdauerte auch der der Sewerjanen in der Landschaft. Das Gebiet hieß im Mittelalter Sewerien (Sewerland), und der Name lebt in Nowgorod-Sewerski und in regionalen Bezeichnungen weiter. Damit sind die Sewerjanen ein weiterer Beleg für das Muster der Ostslawen: Der Stamm als politische Einheit verschwand mit dem Aufstieg der Fürstentümer, aber sein Name blieb der Landschaft erhalten.
Die Sewerjanen zeigen exemplarisch, wie die Kiewer Rus entstand: nicht als Eroberung durch ein einziges Volk, sondern als Zusammenwachsen vieler ostslawischer Stämme unter einer nordisch-slawischen Fürstendynastie. Neben den Kriwitschen, Drewlanen, Poljanen und anderen waren die Sewerjanen einer der tragenden Stämme dieses Reiches. Ihr Wechsel von den Chasaren zu Kiew markiert einen Schlüsselmoment: die Verschiebung der Macht von der Steppe an die Flüsse.
Die Sewerjanen sind der Stamm an der Nahtstelle zwischen zwei Welten – der Steppe der Reitervölker und den Flüssen der Rus. Ihre Geschichte erzählt vom Übergang eines ganzen Raumes aus dem Einflussbereich des Chasaren-Khaganats in den der Kiewer Rus. Für unser Bild der Ostslawen sind sie unverzichtbar: Sie zeigen, dass die frühe Rus nicht im leeren Raum entstand, sondern auf den Ländern selbstbewusster Stämme, die zuvor eigene Herren hatten.
Die Hauptquelle ist die Nestorchronik (Powest wremennych let), die aber erst rund 250 Jahre nach den frühen Ereignissen niedergeschrieben und nur in späteren Abschriften erhalten ist – ihre frühen Jahreszahlen sind mit Vorsicht zu lesen. Ergänzend berichten byzantinische und arabische Quellen über die Chasaren und ihre slawischen Tributpflichtigen. Das Gegengewicht liefert die Archäologie (Burgwälle, Grabhügel und Horte im Desna-Gebiet, Zentren wie Tschernigow). Beleg und Deutung halten wir auseinander: Lage, Chasaren-Tribut und Wechsel zu Kiew sind gut bezeugt; die genaue Herleitung des Namens und die frühe Stammesstruktur bleiben unsicher.
Um die Sewerjanen zu verstehen, muss man ihre Herren kennen: die Chasaren. Ihr Khaganat an der unteren Wolga war eine Großmacht des frühen Mittelalters, die den Handel zwischen dem Kalifat, Byzanz und dem Norden kontrollierte und den Steppenraum beherrschte. Berühmt wurde das Reich dadurch, dass seine Herrscherschicht das Judentum annahm – ein einzigartiger Fall in der Geschichte. Für die slawischen Stämme im Süden, darunter die Sewerjanen, bedeutete die Nähe zu den Chasaren Tributpflicht, aber auch Anteil an einem gewaltigen Handelsnetz, das Silber und Waren bis in ihre Wälder brachte.
Der Reichtum des Sewerjanen-Landes zeigt sich in seinen Grabhügeln. Bei Tschernigow liegt die Tschorna Mohyla („Schwarzes Grab"), einer der größten Grabhügel der Kiewer Rus aus dem 10. Jahrhundert. In ihm fanden sich prachtvolle Beigaben: Waffen, Rüstung, ein byzantinischer Münzschatz und zwei mit Silber beschlagene Auerochsenhörner mit kunstvollen Beschlägen. Solche Fürstengräber zeigen, dass Tschernigow zu den mächtigsten Zentren der Rus gehörte – und dass das Land der Sewerjanen nach dem Wechsel zu Kiew nicht verarmte, sondern zu einem der reichsten Fürstentümer aufstieg.
Aus dem Land der Sewerjanen stammt eines der berühmtesten Werke der ostslawischen Literatur: das Igorlied (Slowo o polku Igoreve). Es erzählt vom unglücklichen Feldzug des Fürsten Igor von Nowgorod-Sewerski gegen die Steppenvölker der Polowzer im Jahr 1185. Das Gedicht, in kunstvoller, bildreicher Sprache verfasst, ist ein Nationalepos der Ostslawen – auch wenn seine Echtheit lange umstritten war, da das Original 1812 in Moskau verbrannte. Dass ausgerechnet ein Sewersker Fürst der Held dieses Epos ist, zeigt, welche Bedeutung das alte Stammesland noch im Hochmittelalter besaß.
So sind die Sewerjanen ein Schlüsselvolk für das Verständnis der frühen Rus: Ihr Wechsel von der Steppenmacht der Chasaren zur Flussmacht Kiews steht sinnbildlich für die große Verschiebung, aus der das erste ostslawische Reich entstand – und ihr Erbe reicht über Tschernigow und das Igorlied bis tief ins Mittelalter.
Zwischen Steppe und Fluss, zwischen Chasaren und Kiew: Die Sewerjanen erinnern daran, dass die Rus aus vielen selbstbewussten Stämmen zusammenwuchs – und dass ihr Erbe in den Namen und Grabhügeln der Ukraine bis heute weiterlebt.
„Oleg herrschte über die Poljanen, die Drewlanen, die Sewerjanen … und den Sewerjanen legte er einen leichten Tribut auf."nach der Nestorchronik (Powest wremennych let), gemeinfrei, eigene Übersetzung

Die Rus (Kiew) · Die Drewlanen · Die Kriwitschen.
Alle Geschichte & Funde-Artikel →
Silber war das Blut des Wikingerhandels – gewogen, zerhackt, vergraben. Drei der größten Horte zeigen, wie weit die …
Weiterlesen →