Kein ostslawischer Stamm hat eine dramatischere Geschichte hinterlassen als die Drewlanen. Ihr Aufstand gegen die Rus und Fürstin Olgas furchtbare Rache gehören zu den eindrücklichsten Szenen der frühen Ostgeschichte.
Die Drewlanen (altruss. Drevljane, „die Waldleute") waren ein ostslawischer Stamm westlich des Dnepr, im dichten Waldland des heutigen Nordwest-Ukraine um ihre Hauptstadt Iskorosten (heute Korosten). Ihr Name sagt schon alles: Sie waren das Volk der Wälder – und sie hatten den Ruf, wilder und unabhängiger zu sein als ihre Nachbarn, die Poljanen von Kiew. Ihre Geschichte ist untrennbar mit einer der berühmtesten Erzählungen der Nestorchronik verbunden: dem Tod des Fürsten Igor und der Rache seiner Witwe Olga.
Wie ihr Name verrät, lebten die Drewlanen in den ausgedehnten Wäldern zwischen den Flüssen Teterew und Usch. Sie betrieben Landwirtschaft, Jagd, Imkerei (Honig und Wachs waren begehrte Handelswaren) und lebten in befestigten Burgstädten. Politisch hatten sie eigene Fürsten. In der frühen Rus galten sie als einer der Stämme, die den Kiewer Fürsten Tribut zahlen mussten – und genau dieser Tribut wurde ihnen und dem Kiewer Fürsten zum Verhängnis.
Im Jahr 945 zog der Kiewer Fürst Igor ins Land der Drewlanen, um Tribut einzutreiben. Als er den Tribut erhalten hatte, kehrte er mit einem kleinen Gefolge noch einmal um, weil er mehr fordern wollte. Das brachte das Fass zum Überlaufen. Die Drewlanen unter ihrem Fürsten Mal beschlossen, sich zu wehren. Die Chronik legt ihnen einen berühmten Satz in den Mund: „Wenn ein Wolf sich unter die Schafe gewöhnt, trägt er die ganze Herde weg, wenn man ihn nicht erschlägt." Sie überfielen Igor und töteten ihn. Nach späterer Überlieferung banden sie ihn zwischen zwei herabgebogene Bäume und ließen ihn zerreißen – eine Szene, die den byzantinischen Autor Leon Diakonos entsetzt festhielt.
Igors Witwe Olga übernahm für den unmündigen Sohn Swjatoslaw die Regentschaft – und nahm eine Rache, die die Chronik in vier kunstvoll gesteigerten Episoden erzählt. Als die Drewlanen Gesandte schickten, die um Olgas Hand für ihren Fürsten Mal warben, ließ sie die erste Gesandtschaft lebendig begraben, die zweite in einem Badehaus verbrennen. Dann zog sie selbst ins Drewlanenland, hielt beim Totenmahl an Igors Grab ein Massaker unter den Betrunkenen ab und belagerte schließlich Iskorosten. Zuletzt, so die berühmteste Episode, bat sie die Stadt um einen scheinbar geringen Tribut: drei Tauben und drei Spatzen je Hof. An die Vögel band sie brennenden Zunder – und als diese in ihre Nester unter den Dächern zurückflogen, ging ganz Iskorosten in Flammen auf.
Die Rache-Erzählung ist grandios komponiert – und gerade darin liegt ihr Problem als historische Quelle. Die vier Rachen sind kunstvoll gestuft (lebendig begraben, verbrannt, erschlagen, ausgebrannt), und das Motiv der brandstiftenden Vögel taucht in mehreren Kulturen als Wandersage auf. Die Forschung sieht darin daher weniger einen Tatsachenbericht als eine literarisch geformte Erzählung, die einen echten Kern – den Aufstand der Drewlanen, Igors Tod, die Unterwerfung durch Olga – dramatisch ausgestaltet. Historisch gesichert ist: Nach 945 verloren die Drewlanen ihre Eigenständigkeit und wurden fest ins Kiewer Reich eingegliedert.
Der Aufstand hatte eine bemerkenswerte Folge. Olga erkannte, dass das willkürliche Tributsystem, das Igor das Leben gekostet hatte, gefährlich war. Sie ordnete das Abgabenwesen neu: feste Tributmengen, feste Sammelpunkte (pogosty) und geregelte Termine. Aus dem blutigen Konflikt mit den Drewlanen ging so einer der ersten Schritte zu einer geordneten Verwaltung der Rus hervor. Olga selbst ließ sich um 957 in Konstantinopel taufen und wurde später als Heilige verehrt – die Rächerin von Iskorosten wurde zur ersten Christin unter den Herrschern der Rus.
Die Hauptquelle ist die Nestorchronik, ergänzt durch den byzantinischen Autor Leon Diakonos für Igors Todesart. Beide sind mit Vorsicht zu lesen: Die Chronik wurde rund 150 Jahre nach den Ereignissen niedergeschrieben und formt Geschichte zu einer moralischen Erzählung. Für die Drewlanen als realen Stamm sprechen aber auch archäologische Befunde – Burgwälle und Gräberfelder in der Region um Korosten. Den gesicherten Kern (Stamm, Tributpflicht, Aufstand 945, Eingliederung durch Olga) trennen wir hier von der ausgeschmückten Rache-Legende.
Hinter dem Aufstand stand ein politischer Plan. Der Drewlanenfürst Mal wollte nach Igors Tod nicht nur Freiheit, sondern die Macht selbst: Er warb um die Hand der Witwe Olga, um Kiew und das Drewlanenland unter einer Krone zu vereinen. Genau diese Werbung wurde den Drewlanen zum Verhängnis, denn Olga nutzte die Gesandtschaften für ihre Rache. Die Chronik zeichnet Mal nicht als plumpen Barbaren, sondern als Herrscher mit ehrgeizigem Kalkül – das die kühlere, klügere Olga jedoch durchschaute und gnadenlos gegen ihn wendete.
Das Zentrum der Drewlanen war Iskorosten, das heutige Korosten am Fluss Usch. Die befestigte Burgstadt lag geschützt im Waldland und war stark genug, um Olgas Heer lange zu widerstehen – die Chronik lässt die Belagerung ein ganzes Jahr dauern, ehe die List mit den Vögeln die Mauern überwand. Archäologisch ist die Region reich an slawischen Burgwällen und Gräberfeldern, die eine dichte Besiedlung und eine wehrhafte, selbstbewusste Gesellschaft bezeugen. Iskorosten steht für das, was die Drewlanen ausmachte: ein Volk, das seine Wälder und seine Unabhängigkeit verteidigte.
Mit dem Fall von Iskorosten endete die Eigenständigkeit der Drewlanen. Ihr Land wurde fest ins Kiewer Reich eingegliedert, ihre Fürsten verschwanden, und der Tribut floss fortan geordnet nach Kiew. Der Aufstand der Drewlanen war damit der letzte große Versuch eines ostslawischen Stammes, sich der Herrschaft der Rus zu entziehen – und sein Scheitern markiert den Übergang von einem lockeren Tributverband zu einem echten Staat. Was als Rache begann, wurde zur Geburtsstunde einer geordneten Verwaltung.
Der Reichtum der Drewlanen kam aus dem Wald. Honig und Bienenwachs waren begehrte Fernhandelswaren – Wachs für Kerzen, Honig als Süßungs- und Konservierungsmittel und für den Met. Dazu kamen Pelze, Felle und Holz. Genau dieser Reichtum machte den Stamm zum lohnenden Tributobjekt der Kiewer Fürsten und erklärt, warum Igor 945 ein zweites Mal umkehrte, um mehr zu fordern. Die Wälder, die den Drewlanen ihren Namen gaben, waren also zugleich ihre Stärke und der Grund ihres Untergangs: Sie machten den Stamm wohlhabend – und weckten die Gier der Herrscher am Dnepr.
So sind die Drewlanen bis heute unvergessen: als der Stamm, der einem Großfürsten das Leben nahm – und dessen Untergang die Rus zwang, aus einem Raubzug-Reich einen geordneten Staat zu machen.
„Wenn ein Wolf sich unter die Schafe gewöhnt, trägt er die ganze Herde weg, wenn man ihn nicht erschlägt."nach der Nestorchronik (Powest wremennych let), gemeinfrei, eigene Übersetzung

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