Während Dänen und Norweger nach Westen segelten, fuhren die Schweden nach Osten – über die russischen Flüsse, bis nach Konstantinopel. Aus ihnen wurde die Rus.
Die Wikingerzeit hatte zwei Richtungen. Während die Dänen und Norweger nach Westen fuhren, wandten sich die Schweden und Gotländer nach Osten: über die Ostsee, die russischen Flüsse hinab, bis ans Schwarze und Kaspische Meer. Diese nordischen Händler und Krieger nannte man Rus (bzw. Waräger) – und aus ihnen wuchs ein Reich, das dem heutigen Russland und der Ukraine den Namen gab.
Der Name führt mitten in die schwedische Küste: Das finnische Wort für Schweden, Ruotsi, geht wohl auf altnordisch *rōþs- („Ruder, Rudern") zurück – die „Ruderer", die über die Ostsee kamen. Aus Ruotsi wurde slawisch Rus. Über die Deutung wird bis heute gestritten (die alte „normannistische" Debatte): War die Rus ein nordisches oder ein slawisches Phänomen? Die ehrliche Antwort lautet: beides. Eine nordische Kriegs- und Handelselite legte sich über eine slawische Mehrheit – und verschmolz über wenige Generationen mit ihr zu einem neuen Volk.
Die altrussische Nestorchronik erzählt, wie die zerstrittenen Stämme des Nordens um 862 den Waräger Rurik ins Land riefen, damit er über sie herrsche – die legendäre „Berufung der Waräger". Rurik ließ sich in Nowgorod nieder; sein Nachfolger Oleg zog 882 flussabwärts und machte Kiew zur „Mutter der russischen Städte". So entstand die Kiewer Rus, ein loses Reich entlang der Handelsstraße, das von skandinavischstämmigen Fürsten mit slawischen Namen regiert wurde – aus Rurikiden wurden über die Generationen russische Großfürsten.
Das Rückgrat des Reiches war die Handelsstraße „von den Warägern zu den Griechen": von der Ostsee über Nowgorod, den Dnepr hinab bis nach Konstantinopel. Kaiser Konstantin VII. beschreibt in seinem Werk De administrando imperio sogar die Namen der Dnepr-Stromschnellen – und gibt sie in zwei Sprachen an, „auf Russisch" (altnordisch) und „auf Slawisch". Diese Doppelnamen sind einer der härtesten Belege für den nordischen Ursprung der Rus. Gehandelt wurden Pelze, Honig, Wachs, Waffen – und Sklaven; im Gegenzug kamen Silber (arabische Dirhams), Seide und Wein in den Norden.
Die Rus waren nicht nur Händler. Mehrfach griffen ihre Flotten Konstantinopel an (860, 907, 941); die Rus-Byzantinischen Verträge von 911 und 944 regelten danach Handel und Frieden – und ihre Zeugenlisten sind voller nordischer Namen wie Karl, Ingjald, Farulf. Aus warägischen Kriegern rekrutierte der byzantinische Kaiser später seine berühmte Warägergarde. Der arabische Gesandte Ibn Fadlan traf die Rus 922 an der Wolga und hinterließ die eindrücklichste Augenzeugenbeschreibung überhaupt – bis hin zum Schiffsbegräbnis eines Rus-Häuptlings.
Wie der Westen wurde auch die Rus christlich. Fürstin Olga ließ sich um 957 taufen; ihr Enkel Wladimir der Große nahm 988 das orthodoxe Christentum aus Byzanz an und ließ sein Volk im Dnepr taufen. Damit wandte sich die Rus kulturell nach Konstantinopel – Kirchenslawisch, kyrillische Schrift und orthodoxe Kunst prägten fortan das Reich. Die nordische Herkunft verblasste; aus den „Ruderern" waren endgültig Slawen geworden.
Das Erbe der Rus ist gewaltig: Aus der Kiewer Rus gingen Russland, die Ukraine und Belarus hervor, die sich alle auf sie berufen. Der Name eines Volkes von „Ruderern" aus Schweden wurde zum Namen des größten Landes der Erde. Für die Wikingerwelt sind die Rus das östliche Gegenstück zu Vinland: der Beweis, dass die Nordmänner nicht nur Räuber, sondern auch Staatengründer, Fernhändler und Brückenbauer zwischen den Kulturen waren – vom Nordkap bis nach Bagdad.
Die Ostroute war schon vor Rurik aktiv. In Staraja Ladoga am Wolchow, einem der ältesten Handelsplätze, mischen sich seit dem 8. Jahrhundert nordische und slawische Funde. Über die Flüsse floss ein Strom von arabischem Silber nach Norden: Zehntausende Dirhams liegen in den Horten Gotlands und Schwedens – Zeugnis eines Fernhandels, der von Bagdad bis an die Ostsee reichte. Runensteine in Schweden gedenken der Männer, die „nach Osten" fuhren und in „Serkland" (dem Land der Sarazenen) oder in Griechenland blieben. Die Rus waren das östliche Ende desselben Netzes, zu dem auch Wolin, Haithabu und Birka gehörten.
Fast alle Schriftquellen zur slawischen Geschichte stammen von ihren Nachbarn und Gegnern – deutschen, dänischen, byzantinischen und arabischen Autoren. Sie schrieben aus der Ferne oder aus christlicher bzw. islamischer Sicht, oft mit eigener Absicht. Deshalb ist die Archäologie so wichtig: Burgwälle, Münzhorte, Gräber und Handelsfunde ergänzen und korrigieren das Bild der Texte. Erst beide zusammen ergeben ein ehrliches Bild – und genau so trennen wir hier, was belegt ist, von dem, was Deutung bleibt.
Der Ruhm der Ostfahrer reichte bis Konstantinopel. Aus warägischen Kriegern bildete der byzantinische Kaiser seine Warägergarde – eine Elitetruppe, in der auch der spätere norwegische König Harald Hardrada diente, ehe er heimkehrte und 1066 bei Stamford Bridge fiel. Schwedische Runensteine erinnern an Männer, die „im Osten" oder „in Griechenland" blieben; die berühmten Greklandsstenar und die Ingvar-Steine zeugen von ganzen Zügen, die den Dnepr hinab und über das Schwarze Meer führten. So verband die Rus die Ostsee mit Byzanz und dem Kalifat – ein Handels- und Kriegernetz von unglaublicher Reichweite.
Die Rus sind vielleicht das eindrücklichste Beispiel dafür, wie eng die Welten der Wikingerzeit verflochten waren. Ein nordisches Kriegergeschlecht, das sich mit slawischen Bauern, Fürsten und Städten verband, byzantinische Kirchen baute und arabisches Silber zählte – aus dieser Mischung entstand eine neue Kultur. Wer die Wikinger nur als Räuber im Westen kennt, verpasst diese östliche Hälfte ihrer Geschichte. Für uns gehört die Rus untrennbar zum großen Bild: von den Fjorden Norwegens über die Höfe der Slawen bis zu den Mauern Konstantinopels spannte sich eine einzige, weitverzweigte Welt.
Wie tief die nordische Prägung reichte, zeigt ein berühmtes Detail: Kaiser Konstantin VII. nennt die Namen der Dnepr-Stromschnellen in zwei Sprachen. Die „russischen" Formen wie Ulvorsi, Gelandri oder Baruforos sind eindeutig altnordisch – „Inselschnelle", „tosend", „Wellenschnelle" –, die slawischen Namen daneben eigenständig. Kein anderer Text macht so anschaulich, dass an der Spitze der frühen Rus nordische Ruderer standen, während das Volk um sie herum slawisch sprach. Genau in dieser Doppelsprachigkeit begann die Verschmelzung, aus der ein neues Volk wurde.
„Und sie wählten drei Brüder mit ihren Sippen, und diese nahmen die ganze Rus mit sich … und kamen zu den Slawen."nach der Nestorchronik (Povest vremennych let), gemeinfrei, eigene Übersetzung

Die Suionen · Ibn Fadlan & die Rus · Wolin & Jomsborg.
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