Wo die großen Flüsse Osteuropas nahe beieinander entspringen, saß ein mächtiger ostslawischer Bund: die Kriwitschen. An ihrem Handelsplatz Gnjozdowo begegneten sich slawische Bauern und nordische Krieger.
Die Rus gründeten ihr Reich nicht im leeren Raum, sondern auf den Ländern ostslawischer Stämme. Einer der bedeutendsten war der Bund der Kriwitschen (altruss. Kriwitschi). Sie saßen im Herzen der russischen Wasserscheide – dort, wo Düna (Westliche Dwina), Dnepr und Wolga nahe beieinander entspringen. Wer den Osten beherrschen wollte, musste durch ihr Land. Genau deshalb wurde es zu einem der wichtigsten Knotenpunkte der Warägerstraße „von den Warägern zu den Griechen".
Das Gebiet der Kriwitschen umfasste die Räume um Smolensk, Polozk (an der Düna) und Isborsk/Pskow im Norden. Hier lag die entscheidende Landbrücke der Portagen: Boote wurden zwischen den Flusssystemen über Land geschleppt, um von der Ostsee zum Schwarzen Meer und zur Wolga zu gelangen. Wer diese Umschlagplätze kontrollierte, kontrollierte den Fernhandel. Archäologisch fassbar werden die Kriwitschen unter anderem über ihre charakteristischen langen Grabhügel und über Schmuckformen wie bestimmte Schläfenringe, die als Trachtmerkmal galten.
Nahe dem heutigen Smolensk liegt einer der größten frühmittelalterlichen Fundplätze Osteuropas: Gnjozdowo. Zur Blütezeit im 10. Jahrhundert umfasste das Gräberfeld nach Schätzungen mehrere tausend Grabhügel. Die Funde zeigen eine gemischte Gesellschaft: slawische Keramik neben skandinavischen Fibeln, Waffen und Thorshämmern, dazu arabische Dirhams und byzantinische Waren. Auf einem Tongefäß fand sich zudem eine der ältesten Inschriften in altrussischer Sprache. Gnjozdowo ist damit ein Musterbeispiel für die Verschmelzung, aus der die Rus wurden – der Handelsplatz gehörte zum Land der Kriwitschen, war aber ein Treffpunkt vieler Völker.
In der Nestorchronik erscheinen die Kriwitschen als einer der Stämme, die an der „Berufung der Waräger" beteiligt waren und früh unter die Herrschaft der Rus-Fürsten gerieten. Ihre Stadt Smolensk wurde ein wichtiger Etappenort auf dem Weg von Nowgorod nach Kiew; Polozk entwickelte sich zu einem eigenständigen Fürstentum, das später zeitweise um Unabhängigkeit von Kiew rang. Die Kriwitschen stellten Krieger und Kaufleute für das entstehende Reich und wurden so zu einem seiner tragenden Völker.
Wie bei vielen ostslawischen Stämmen verblasste der Stammesname mit dem Aufstieg der Fürstentümer und der Kirche: Aus Kriwitschen wurden Bewohner von Smolensk, Polozk und Pskow, aus dem Bund wurde Landschaft. Doch der Name lebte weiter – im Lettischen heißt Russland bis heute Krievija und ein Russe krievs, benannt nach den einst benachbarten Kriwitschen. So sind sie ein Baustein gleich mehrerer Nationen: Russland, Belarus und, über die Fürstentümer Polozk und Smolensk, auch der Geschichte der Ostsee-Anrainer.
Die schriftliche Hauptquelle ist die Nestorchronik (Powest wremennych let), die aber erst rund 250 Jahre nach den frühen Ereignissen niedergeschrieben und nur in späteren Abschriften erhalten ist – ihre frühen Jahreszahlen sind mit Vorsicht zu lesen. Das Gegengewicht liefert die Archäologie: Gnjozdowo, die langen Grabhügel, Münzhorte und Siedlungsbefunde erlauben ein von den Texten unabhängiges Bild. Wo Chronik und Fund sich treffen, wird die Geschichte belastbar; wo nur die Chronik spricht, markieren wir es als Deutung.
Aus dem Land der Kriwitschen erwuchs mit Polozk eines der frühesten und eigenständigsten Fürstentümer der Rus. Die Chronik erzählt von Fürst Rogwolod und seiner Tochter Rogneda, die der junge Wladimir gewaltsam zur Frau nahm, nachdem er ihren Vater erschlagen hatte – eine düstere Episode, die zeigt, wie die Rus-Fürsten die alten Stammeszentren unter ihre Kontrolle brachten. Gehandelt wurde, was der Norden brauchte: Pelze, Wachs, Honig und Sklaven zogen flussabwärts, arabisches Silber und byzantinische Waren flussaufwärts. Die Kriwitschen saßen an der Schaltstelle dieses Stroms – reich, umkämpft und unentbehrlich.
Die materielle Kultur der Kriwitschen ist vor allem über ihre Gräber fassbar. Charakteristisch sind die langen Grabhügel (russisch dlinnyje kurgany), langgestreckte Erdwälle, in denen über Generationen Brandbestattungen niedergelegt wurden – eine Sitte, die sich deutlich von den runden Hügeln anderer Regionen unterscheidet. Dazu kommen typische Trachtbestandteile wie bestimmte Schläfenringe, die als weibliches Erkennungszeichen galten und den Kriwitschen archäologisch eine eigene Handschrift geben. Über ihr Land lief zugleich einer der großen Silberströme des frühen Mittelalters: Zehntausende arabischer Dirhams gelangten über die Flusswege in den Norden, und die Handelsplätze der Kriwitschen waren ein Nadelöhr dieses Verkehrs. Die planmäßige Erforschung Gnjozdowos begann im 19. Jahrhundert und dauert bis heute an – kaum ein Fundplatz zeigt die Verschmelzung slawischer, baltischer, finnischer und skandinavischer Einflüsse so klar wie das Herzland der Kriwitschen.
Die Kriwitschen gehören zu jenen Völkern, die in keinem heutigen Staat allein weiterleben und doch in mehreren stecken. Aus ihren Zentren Smolensk und Polozk wurden Fürstentümer, die die Geschichte Russlands, Belarus' und des Ostseeraums mitbestimmten; ihr Name überdauerte im lettischen Wort für Russland. Sie waren kein Randvolk, sondern saßen an der Schaltstelle des größten Fernhandelsnetzes ihrer Zeit, dort, wo nordische Ruderer, slawische Bauern, baltische und finnische Nachbarn aufeinandertrafen. Für die Wikingerwelt sind sie ein wichtiger Baustein: Ohne die Flüsse und Portagen der Kriwitschen hätte es die Straße „von den Warägern zu den Griechen" nicht gegeben – und ohne diese Straße keine Rus. So sind die Kriwitschen ein stiller Riese der osteuropäischen Frühgeschichte: fast vergessen, aber überall im Fundament.
Während Fürstentümer kamen und gingen, überdauerte der Name der Kriwitschen an unerwarteter Stelle. Die baltischen Nachbarn im Westen nannten das ganze aufstrebende Reich nach dem Stamm, mit dem sie am längsten und engsten zu tun hatten: Bis heute heißt Russland auf Lettisch Krievija und ein Russe krievs. Kaum ein anderer ostslawischer Stamm hat eine so deutliche Spur in einer fremden Sprache hinterlassen. Es ist ein schönes Beispiel dafür, wie Völkernamen wandern: Ein Bund an der oberen Düna und am Dnepr, längst in Russen und Belarussen aufgegangen, lebt im Wort eines ganz anderen Volkes weiter – ein sprachliches Denkmal für ein Volk, das die Karten längst nicht mehr verzeichnen.
Wer heute durch Smolensk oder Polozk geht, ahnt kaum, dass hier einst einer der wichtigsten Knoten der Wikingerwelt lag – ein Land, in dem sich Norden, Osten und Süden trafen und aus dem Handel, Silber und Herrschaft in alle Richtungen flossen.
„Und die Kriwitschen, die an den Oberläufen der Wolga, der Düna und des Dnepr sitzen …"nach der Nestorchronik (Powest wremennych let), gemeinfrei, eigene Übersetzung

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