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Die Radimitschen: Ostslawen am Sozh

Aufklärung Die Radimitschen: Ostslawen am Sozh Am Fluss Sozh, im Grenzland des heutigen Belarus und Russland, saß ein ostslawischer Stamm, dessen Herkunftssage ihn eng mit den Wjatitschen verband: die Radimitschen.

Die Radimitschen (altruss. Radimichi) waren ein ostslawischer Stamm am Fluss Sozh, einem Nebenfluss des Dnepr, im Grenzraum des heutigen Südost-Belarus und West-Russland. Sie gehören zu den kleineren, aber gut bezeugten Stämmen, aus denen die Kiewer Rus zusammenwuchs – und ihre Geschichte ist eng mit der ihrer Nachbarn, der Wjatitschen, verbunden.

Die Sage von Radim und Wjatko

Die Nestorchronik erzählt eine bemerkenswerte Herkunftssage: Die Radimitschen und die Wjatitschen gingen auf zwei Brüder zurück, Radim und Wjatko, die aus dem Westen, „aus dem Land der Lechen" (der Polen), eingewandert seien. Radim habe sich am Sozh niedergelassen, Wjatko an der Oka. Diese Brudersage ist typisch für die Herkunftserzählungen der Chronik – sie erklärt die Verwandtschaft und die Namen zweier Stämme durch ein Ahnenpaar. Ob dahinter eine echte Westwanderung steht oder eine gelehrte Konstruktion, ist unter Forschern umstritten.

Ein Volk am Fluss

Das Land der Radimitschen lag in den Wäldern und Flusstälern am Sozh und seinen Nebenflüssen. Sie lebten von Ackerbau, Viehzucht, Jagd, Imkerei und dem Handel entlang der Wasserwege, die zum Dnepr und damit zur großen Handelsstraße „von den Warägern zu den Griechen" führten. Archäologisch sind sie über ihre Grabhügel und ihren charakteristischen Trachtschmuck fassbar – vor allem über eine bestimmte Form von Schläfenringen, die als Erkennungszeichen des Stammes gelten.

Tribut an die Chasaren

Wie ihre Nachbarn, die Wjatitschen und die Sewerjanen, zahlten auch die Radimitschen zunächst Tribut an das Chasaren-Khaganat, die Steppenmacht im Süden. Die Nestorchronik berichtet, sie hätten den Chasaren gegeben, „was diese verlangten". Diese Abhängigkeit band sie an die Steppenwelt und ihren Fernhandel, hielt sie aber fern von der aufstrebenden Macht der Rus im Norden – bis Kiew nach der Zerschlagung der Chasaren auch nach ihrem Land griff.

Die Schlacht an der Pischane 984

Der entscheidende Moment kam 984. Fürst Wladimir der Große von Kiew sandte einen Heerführer mit dem eigentümlichen Beinamen „Wolfsschwanz" (Woltschi Chwost) gegen die Radimitschen. An einem Fluss namens Pischane wurden die Radimitschen geschlagen. Die Chronik überliefert dazu einen spöttischen Spruch, mit dem die Nachbarn die Radimitschen fortan verhöhnten: „Die Radimitschen fliehen vor dem Wolfsschwanz." Nach dieser Niederlage waren die Radimitschen fest in die Kiewer Rus eingegliedert und tributpflichtig gegenüber Kiew.

Der Spott der Nachbarn

Der Spottvers über die vor dem „Wolfsschwanz" fliehenden Radimitschen ist eines der lebendigsten Details der frühen ostslawischen Überlieferung. Er zeigt, dass die Chronik nicht nur trockene Ereignisse festhielt, sondern auch geflügelte Worte und Volkshumor bewahrte. Für die Radimitschen war er ein wenig schmeichelhaftes Andenken – aber immerhin ein Andenken: Nur wenige kleine Stämme haben es in die Sprichwörter ihrer Zeit geschafft.

Aufgehen in der Rus

Nach 984 verloren die Radimitschen ihre Eigenständigkeit. Ihr Land wurde Teil der Kiewer Rus und gehörte später zu den Fürstentümern Smolensk und Tschernigow. Wie bei den anderen ostslawischen Stämmen verschwand der Stammesname mit dem Aufstieg der Fürstentümer und der Kirche; die Radimitschen wurden zu Bewohnern ihrer Regionen. Ihr Erbe lebt in der Bevölkerung des heutigen Südost-Belarus weiter – und in den archäologischen Funden, die ihre eigene Kultur bezeugen.

Was die Radimitschen besonders macht

Die Radimitschen vervollständigen zusammen mit Wjatitschen und Sewerjanen das Bild der südlichen Ostslawen: Stämme zwischen Wald und Steppe, zwischen Chasaren und Kiew, die erst spät und teils gewaltsam in die Rus eingegliedert wurden. Ihre Brudersage mit den Wjatitschen, ihr Tribut an die Chasaren und ihre Niederlage gegen den „Wolfsschwanz" machen sie zu einem anschaulichen Beispiel dafür, wie die Kiewer Rus Stamm um Stamm zusammenwuchs. Für unser Bild der Ostslawen sind sie ein wichtiger Baustein.

Woher wir das wissen

Die Hauptquelle ist die Nestorchronik (Powest wremennych let) mit der Brudersage, dem Chasaren-Tribut und der Schlacht von 984 – später verfasst und mit Vorsicht zu lesen. Das Gegengewicht liefert die Archäologie: Grabhügel und die charakteristischen Radimitschen-Schläfenringe im Sozh-Gebiet, die ihre eigene Kultur unabhängig von den Texten belegen. Beleg und Deutung halten wir auseinander: der Stamm, der Chasaren-Tribut und die Unterwerfung 984 sind gut bezeugt; die Brudersage von Radim und Wjatko ist eine legendarische Herkunftserzählung.

Schläfenringe als Erkennungszeichen

Archäologisch sind die Radimitschen besonders gut fassbar – über ihren Schmuck. Charakteristisch sind ihre siebenstrahligen Schläfenringe, die Frauen am Kopfschmuck trugen und die sich deutlich von denen der Nachbarstämme (etwa der siebenlappigen der Wjatitschen) unterscheiden. Solche Trachtbestandteile sind für die Archäologie wie ein Fingerabdruck: Sie erlauben es, das Siedlungsgebiet eines Stammes auch dort zu bestimmen, wo die Schriftquellen schweigen. Die Radimitschen-Schläfenringe zeichnen so das Kerngebiet am Sozh nach und bestätigen unabhängig von der Chronik ihre Eigenständigkeit.

Am Rand der großen Handelsstraße

Der Sozh führt zum Dnepr – und damit zur großen Handelsstraße „von den Warägern zu den Griechen". Die Radimitschen lagen also nicht völlig abseits, sondern am Rand dieses Stroms, über den Silber, Pelze, Wachs und Waren flossen. Diese Lage brachte Wohlstand, machte das Land aber auch für die Kiewer Fürsten begehrenswert, die die Kontrolle über die Handelswege und ihre Tribute suchten. So teilten die Radimitschen das Schicksal vieler ostslawischer Stämme: Ihr Reichtum zog die Aufmerksamkeit der aufstrebenden Zentralmacht auf sich.

Ein Stamm in der Erinnerung

Obwohl die Radimitschen ein kleiner Stamm waren, haben sie in der Überlieferung einen festen Platz. Die Brudersage mit den Wjatitschen erklärt ihre Herkunft, der Spottvers vom „Wolfsschwanz" hält ihre Niederlage fest, und ihre Schläfenringe machen sie archäologisch sichtbar. Damit sind sie besser bezeugt als mancher größere Stamm. Ihr Erbe lebt in der Bevölkerung des heutigen Südost-Belarus und in der Landschaft am Sozh weiter – ein weiterer Faden im Gewebe der Ostslawen, aus dem die Rus und die heutigen ostslawischen Nationen hervorgingen.

Zwischen Belarus und Russland

Das alte Land der Radimitschen liegt heute im Grenzraum zwischen Belarus und Russland, um Städte wie Gomel und Tschetschersk am Sozh. Die belarussische Geschichtsschreibung sieht in den Radimitschen (neben Dregowitschen und Kriwitschen) einen der Stämme, aus denen das belarussische Volk mit hervorging. So sind die Radimitschen nicht nur ein Baustein der Kiewer Rus, sondern auch ein Bezugspunkt moderner nationaler Identität – ein weiteres Beispiel dafür, wie die frühmittelalterlichen Stämme in den heutigen ostslawischen Nationen weiterwirken.

Für unser Bild der Ostslawen runden die Radimitschen das Dreigestirn der südlichen Waldstämme ab: Wjatitschen an der Oka, Sewerjanen an der Desna, Radimitschen am Sozh – drei verwandte Völker zwischen Wald und Steppe, die den Weg von der Chasarenherrschaft in die Kiewer Rus gemeinsam gingen.

Von der Brudersage bis zum Spott über den „Wolfsschwanz", von den Schläfenringen am Sozh bis zur belarussischen Erinnerung: Die Radimitschen sind ein kleiner Stamm mit erstaunlich vielen Spuren.

„Die Radimitschen fliehen vor dem Wolfsschwanz."nach der Nestorchronik (Powest wremennych let), gemeinfrei, eigene Übersetzung
Was belegt ist: Die Radimitschen als ostslawischer Stamm am Sozh; ihr Tribut an die Chasaren; die Unterwerfung durch Wladimirs Feldherrn „Wolfsschwanz" an der Pischane 984 und die Eingliederung in die Kiewer Rus; die charakteristischen Radimitschen-Schläfenringe (Archäologie).
Was Deutung ist: Die Brudersage von Radim und Wjatko (Einwanderung aus dem Land der Lechen/Polen) ist eine legendarische Erzählung der Nestorchronik. Die frühen Datierungen stammen aus der später verfassten Chronik. Die genaue ethnische Herkunft (west- oder ostslawischer Ursprung) ist in der Forschung umstritten.
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