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Die Wjatitschen: Die letzten Heiden

Aufklärung Die Wjatitschen: Die letzten Heiden Tief in den Wäldern am Oka-Fluss lebte ein ostslawischer Stamm, der sich länger als alle anderen der Macht Kiews und dem neuen Glauben widersetzte: die Wjatitschen.

Die Wjatitschen (altruss. Wjatitschi) waren ein ostslawischer Stammesverband im Becken der Oka, im Herzen des heutigen europäischen Russland – im Raum der späteren Städte Moskau, Rjasan und Tula. Sie gehören zu den ostslawischen Stämmen, die in die Kiewer Rus eingegliedert wurden – aber sie taten es später und widerwilliger als alle anderen. Die Wjatitschen gelten als die letzten Heiden unter den Ostslawen.

Ein Volk der tiefen Wälder

Das Land der Wjatitschen lag abseits der großen Flussstraße „von den Warägern zu den Griechen", in dichten Wäldern fernab der Zentren Nowgorod und Kiew. Diese abgeschiedene Lage prägte ihren Charakter: Sie lebten von Ackerbau, Jagd, Imkerei und Pelzhandel und bewahrten ihre Eigenständigkeit länger als die Stämme an den Hauptverkehrswegen. Die Nestorchronik führt ihren Namen auf einen Ahnherrn Wjatko zurück, der mit seinem Bruder Radim aus dem Westen (dem Land der Lechen/Polen) eingewandert sei – eine typische Herkunftssage.

Tribut an die Chasaren

Wie die Sewerjanen zahlten auch die Wjatitschen zunächst Tribut an das Chasaren-Khaganat, die Steppenmacht im Süden. Die Nestorchronik berichtet, sie hätten den Chasaren „einen Schilling vom Pflug" gegeben. Diese Abhängigkeit band sie an die Steppenwelt und ihren Handel, hielt sie aber zugleich fern von der aufstrebenden Macht der Rus im Norden. Erst als Kiew die Chasaren zerschlug, geriet auch das Land der Wjatitschen in den Blick der Kiewer Fürsten.

Swjatoslaw und die Unterwerfung

Der Kiewer Fürst Swjatoslaw unterwarf um 964–966 die Wjatitschen und zerschlug anschließend das Chasaren-Khaganat. Doch die Unterwerfung war brüchig: Immer wieder erhoben sich die Wjatitschen gegen Kiew. Fürst Wladimir der Große musste sie in den 980er Jahren erneut unterwerfen. Kein anderer ostslawischer Stamm leistete der Kiewer Zentralmacht so hartnäckigen Widerstand – ein Zeichen für die tief verwurzelte Unabhängigkeit dieses Waldvolkes.

Die letzten Heiden

Am bemerkenswertesten ist die Zähigkeit ihres alten Glaubens. Während die Rus unter Wladimir 988 das Christentum annahm, blieben die Wjatitschen über Generationen heidnisch. Noch im frühen 12. Jahrhundert wirkte der Mönch Kuksha von Kiew als Missionar bei den Wjatitschen – und wurde von ihnen getötet. Damit gelten die Wjatitschen als die letzten Ostslawen, die ihren vorchristlichen Glauben bewahrten. Archäologisch bestätigen das ihre heidnischen Bestattungssitten (Grabhügel mit Brandbestattungen), die bis ins 12. Jahrhundert nachweisbar sind.

Der Widerstand gegen Kiew

Auch politisch blieben die Wjatitschen lange eigenständig. Noch im 11. und frühen 12. Jahrhundert mussten die Kiewer Fürsten Feldzüge gegen sie führen; der berühmte Fürst Wladimir Monomach berichtet in seiner „Belehrung" stolz von seinen Zügen durch das Land der Wjatitschen. Erst im Laufe des 12. Jahrhunderts wurden sie endgültig in die russischen Fürstentümer eingegliedert. Ihre lange Unabhängigkeit macht sie zu einem Sonderfall unter den Ostslawen.

Aus dem Waldland wird Moskau

Ein bemerkenswertes Erbe: Das Kernland der Wjatitschen um die Oka und ihre Nebenflüsse wurde später zum Kernland des Großfürstentums Moskau. Die Stadt Moskau selbst entstand im 12. Jahrhundert in einem Raum, der zuvor wjatitschisch besiedelt war; archäologische Funde belegen wjatitschische Dörfer und Grabhügel im heutigen Moskauer Stadtgebiet. So steht am Anfang der Geschichte der späteren russischen Hauptstadt ein heidnischer Waldstamm, der sich lange gegen Kiew behauptete.

Was die Wjatitschen besonders macht

Die Wjatitschen sind der eigensinnigste der ostslawischen Stämme: am längsten unabhängig, am längsten heidnisch, tief in den Wäldern verwurzelt. Ihre Geschichte zeigt, dass die Christianisierung und die Einigung der Rus kein rascher, gleichförmiger Prozess war, sondern Jahrhunderte dauerte und auf zähen Widerstand stieß. Für unser Bild der Ostslawen sind sie unverzichtbar – und ein starker Beleg dafür, dass der alte Glaube nicht überall mit einem Federstrich verschwand.

Woher wir das wissen

Die Hauptquelle ist die Nestorchronik (Powest wremennych let) mit der Herkunftssage, dem Chasaren-Tribut und den Feldzügen, ergänzt durch Wladimir Monomachs „Belehrung" und die Vita des Märtyrers Kuksha. Wie stets ist die Chronik später verfasst und mit Vorsicht zu lesen. Das Gegengewicht liefert die Archäologie: wjatitschische Grabhügel, Schmuck (charakteristische Schläfenringe) und Siedlungen, die den langen Fortbestand heidnischer Sitten belegen. Beleg und Deutung halten wir auseinander: die lange Unabhängigkeit und das späte Heidentum sind gut bezeugt; die Herkunftssage um Wjatko ist Legende.

Am Rand der Steppe

Das Oka-Gebiet lag am Übergang zwischen Wald und Steppe – und damit im Spannungsfeld zwischen den slawischen Bauern des Nordens und den Reitervölkern des Südens. Der Tribut an die Chasaren band die Wjatitschen an die Steppenwelt und ihren Fernhandel; über diese Verbindung gelangten orientalisches Silber und Waren in ihre Wälder. Zugleich schützte die abgelegene, waldreiche Lage sie vor rascher Unterwerfung. So konnten die Wjatitschen ihre Eigenständigkeit bewahren, während die Stämme an den großen Flussstraßen längst unter Kiewer Herrschaft standen.

Schläfenringe und Grabhügel

Archäologisch sind die Wjatitschen besonders gut fassbar – vor allem über ihren Schmuck. Charakteristisch sind ihre siebenlappigen Schläfenringe, die Frauen am Kopfschmuck trugen und die als regelrechtes „Erkennungszeichen" des Stammes gelten. Dazu kommen ihre Grabhügel mit Brandbestattungen, die den langen Fortbestand heidnischer Sitten belegen: Während anderswo längst christliche Körpergräber üblich waren, hielten die Wjatitschen an der alten Bestattung fest. Diese Funde bestätigen unabhängig von den Chroniken, was die Texte über ihr zähes Heidentum berichten.

Aus dem Wald wächst eine Weltstadt

Das vielleicht überraschendste Erbe der Wjatitschen ist ihre späte Rolle in der russischen Geschichte. Ihr Kernland um die Oka und die Moskwa wurde im 12. Jahrhundert zum Ausgangspunkt des aufsteigenden Moskau. Unter dem heutigen Stadtgebiet der russischen Hauptstadt liegen wjatitschische Dörfer und Grabhügel; die ersten Bewohner des Moskauer Raums waren dieser heidnische Waldstamm. So steht am Anfang der Geschichte einer der größten Städte der Welt ein Volk, das sich einst am längsten von allen Ostslawen gegen Kiew und das Christentum wehrte – ein stiller, aber gewaltiger Nachhall.

Ein Volk, das seine Zeit hatte

Die Wjatitschen erinnern daran, dass die Geschichte der Ostslawen nicht nur die Geschichte Kiews ist. Abseits der großen Flussstraße, in den Wäldern der Oka, lebte ein Volk nach eigenen Regeln, zahlte seinen Tribut mal den Chasaren, mal Kiew, und hielt am alten Glauben fest, als ringsum längst die Kirchen standen. Erst als ihre Zeit vorbei war, wurde ihr Land zum Kern eines neuen Reiches. So sind die Wjatitschen ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass die Ränder der Geschichte manchmal ihre künftigen Zentren sind.

Von den Wäldern der Oka bis zu den Grabhügeln unter dem heutigen Moskau: Die Wjatitschen sind der eigensinnige Schlussstein unseres Bildes der Ostslawen – das Volk, das am längsten es selbst blieb.

„Die Wjatitschen aber saßen an der Oka … und gaben den Chasaren einen Schilling vom Pflug."nach der Nestorchronik (Powest wremennych let), gemeinfrei, eigene Übersetzung
Was belegt ist: Die Wjatitschen als ostslawischer Stamm im Oka-Becken; ihr Tribut an die Chasaren; die Unterwerfung durch Swjatoslaw (~964–966) und erneut durch Wladimir; ihr langer politischer Widerstand (Wladimir Monomachs Feldzüge); das späte Heidentum (Märtyrer Kuksha, 12. Jh.); heidnische Grabhügel und Schläfenring-Schmuck; das Kernland als späterer Raum Moskaus.
Was Deutung ist: Die Herkunftssage vom Ahnherrn Wjatko (Einwanderung aus dem Land der Lechen) ist eine legendarische Erzählung der Nestorchronik. Die frühen Datierungen stammen aus der später verfassten Chronik. Die ethnische und kulturelle Abgrenzung der Wjatitschen von Nachbarstämmen ist in Details umstritten.
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