Wenn man vom Ursprung Kiews und der Kiewer Rus erzählt, kommt man an einem ostslawischen Stamm nicht vorbei: den Poljanen. Die Nestorchronik nennt sie das klügste und angesehenste der ostslawischen Völker – und schreibt ihnen die Gründung Kiews durch die drei Brüder Kyi, Schtschek und Choriw und ihre Schwester Lybed zu. Aus ihrem Land am mittleren Dnjepr wuchs eines der großen Reiche des Mittelalters.
Die Ostslawen des frühen Mittelalters waren kein einheitliches Volk, sondern ein Bündel verwandter Stämme, die sich über die weiten Wälder und Flusslandschaften des heutigen Russlands, der Ukraine und Weißrusslands verteilten. Kriwitschen, Drewlanen, Sewerjanen, Radimitschen, Wjatitschen – jeder saß an seinem Fluss, in seinem Waldstück. Doch einer dieser Stämme sollte dem ganzen Raum den Mittelpunkt geben: die Poljanen, das „Feldervolk" am mittleren Dnjepr, in dessen Land die Stadt Kiew entstand.
Der Name „Poljanen" (altostslawisch Poljane) leitet sich vom slawischen Wort pole für „Feld" ab – die „Leute des offenen Feldes". Damit unterschieden sie sich schon im Namen von ihren Nachbarn: Während die Drewlanen („Waldleute") in den dichten Wäldern nördlich von ihnen saßen, lebten die Poljanen in der offeneren, fruchtbareren Landschaft am rechten Ufer des mittleren Dnjepr, rund um das spätere Kiew. Es war gutes Ackerland an einem der großen Ströme Osteuropas – und genau diese Lage machte sie reich und bedeutend.
Denn der Dnjepr war mehr als ein Fluss: Er war das Rückgrat des berühmten Handelsweges „von den Warägern zu den Griechen", der von der Ostsee über die russischen Flüsse bis nach Byzanz führte. Wer am mittleren Dnjepr saß, saß an der Hauptschlagader des osteuropäischen Fernhandels – zwischen dem Norden mit seinen Pelzen, Sklaven und dem skandinavischen Silber und dem reichen Süden mit Konstantinopel, Seide und Gold.
Unsere Hauptquelle für die Poljanen ist die Nestorchronik (die „Erzählung von den vergangenen Jahren"), die im frühen 12. Jahrhundert in Kiew zusammengestellt wurde. Sie überliefert die berühmte Gründungssage der Stadt. Danach lebten bei den Poljanen drei Brüder – Kyi, Schtschek und Choriw – und ihre Schwester Lybed. Jeder saß auf einem der Hügel über dem Dnjepr. Der älteste, Kyi, gab der Stadt ihren Namen: Kiew (Kyjiw) bedeutet „(Stadt) des Kyi".
Und es waren drei Brüder: dem einen war der Name Kyi, dem andern Schtschek und dem dritten Choriw, und ihre Schwester war Lybed … und sie erbauten eine Stadt und nannten sie nach dem ältesten Bruder Kiew.Nestorchronik / Powest wremennych let (sinngemäß)
Die Chronik betont, dass Kyi kein bloßer Fährmann gewesen sei, wie manche behaupteten, sondern ein Fürst, der sogar bis nach Konstantinopel gereist und dort vom Kaiser geehrt worden sei. Solche Details zeigen, wie sehr die Chronisten des 12. Jahrhunderts ihre Stadt und ihren Ursprungsstamm mit Würde ausstatten wollten. Ob es Kyi wirklich gab, ist unbeweisbar – die Sage ist Jahrhunderte nach den behaupteten Ereignissen aufgeschrieben worden.
Die Nestorchronik erzählt auch, wie die Poljanen nach dem Tod der Brüder unter Druck gerieten. Das mächtige Reich der Chasaren – ein Steppenvolk mit einem großen Khaganat im Süden – forderte von ihnen Tribut. Die Poljanen, so die Chronik, hätten daraufhin „ein Schwert von jedem Herd" gegeben. Die chasarischen Ältesten hätten das Schwert – eine zweischneidige Waffe – mit Sorge betrachtet: Ihr eigener Tribut, den sie von anderen Völkern erhielten, seien einschneidige Säbel; ein Volk, das zweischneidige Schwerter zahle, werde eines Tages selbst Tribut von den Chasaren nehmen.
Diese Schwert-Anekdote ist eine typische chronistische Vorausdeutung: Sie kündigt an, dass die Poljanen und die aus ihnen erwachsende Rus einst die Chasaren besiegen würden – was tatsächlich geschah, als der Kiewer Fürst Swjatoslaw im 10. Jahrhundert das Chasarenreich zerschlug. Ob die Szene je so stattfand, ist unwichtig; sie zeigt, wie die Chronik den Aufstieg der Poljanen als vorherbestimmt erzählt.
Der entscheidende Wandel kam mit den Warägern – skandinavischen Kriegern und Händlern, die im 9. Jahrhundert die russischen Flusswege beherrschten. Nach der Chronik zogen die Fürsten Askold und Dir, dann Oleg von Nowgorod, den Dnjepr hinab und machten Kiew zum Mittelpunkt ihrer Herrschaft. Oleg soll erklärt haben, Kiew solle „die Mutter der Städte der Rus" sein. Aus dem Land der Poljanen wurde so das Herz der Kiewer Rus – jenes Reiches, in dem nordische Waräger und slawische Stämme zu einer neuen Macht verschmolzen.
In diesem Prozess verloren die Poljanen als eigener Stamm ihre Kontur. Ihr Name verschwindet aus den Quellen, weil er nicht mehr gebraucht wurde: Die Menschen am mittleren Dnjepr waren nun nicht mehr „Poljanen", sondern „Rus" – Angehörige des Kiewer Reiches. So wie die einzelnen Stämme sich in einem größeren politischen Verband auflösten, so löste sich auch der Stammesname im Reichsnamen auf.
Die Chronik zeichnet die Poljanen mit auffälliger Sympathie – und das ist kein Zufall. Sie wurde ja in Kiew geschrieben, im alten Poljanenland. Deshalb erscheinen die Poljanen als besonders gesittet: Sie hätten „stille und sanfte Bräuche" gehabt, Ehrfurcht vor den Verwandten, geordnete Ehen. Ganz anders schildert die Chronik die Nachbarstämme – die Drewlanen etwa hätten „viehisch" gelebt, ohne rechte Ehe, und ihre Toten in Fehden getötet. Die Radimitschen, Sewerjanen und Wjatitschen hätten in den Wäldern gehaust.
Diese Gegenüberstellung ist keine neutrale Völkerkunde, sondern Selbstlob des Kiewer Zentrums: Die eigenen Vorfahren, die Poljanen, werden als zivilisierter Kern dargestellt, aus dem zu Recht das Reich erwuchs, während die Nachbarn als roh gelten. Man muss diese Wertungen also mit Vorsicht lesen – sie sagen mehr über die Perspektive der Chronisten als über die tatsächlichen Sitten der Stämme.
Von allen ostslawischen Stämmen haben die Poljanen die dauerhafteste Spur hinterlassen: nicht in einem erhaltenen Namen wie bei manchem Germanen- oder Keltenstamm, sondern in einer Stadt, die zu den ältesten und bedeutendsten Osteuropas gehört. Kiew, im Land der Poljanen gegründet, wurde zur „Mutter der Städte der Rus", zum religiösen Zentrum nach der Taufe von 988, zum Ausgangspunkt der ostslawischen Geschichte, auf die sich Ukrainer, Russen und Weißrussen bis heute beziehen.
So sind die Poljanen mehr als ein Stamm unter vielen. Sie sind der Boden, auf dem eine der großen Kulturen Europas wuchs – und ein weiteres Beispiel dafür, wie aus einem kleinen Feldervolk am Fluss, über Handel, Sage und die Verschmelzung mit nordischen Kriegern, ein Reich entstehen konnte. Bei GLANZ & GRAVUR erzählen wir solche slawischen Wurzeln genauso ehrlich wie die germanischen und keltischen: mit klarem Blick auf das, was die Quellen sagen, und auf das, was Legende bleibt. Damit runden die Poljanen den ostslawischen Ast unserer Völkergeschichte ab – das Feldervolk, aus dessen Erde Kiew wuchs.

Die Rus (Kiew) · Die Drewlanen · Die Radimitschen · Die Sewerjanen.
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