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Die Duleben: der Slawenstamm, den die Awaren brachen

Geschichte & Funde Die Duleben: der Slawenstamm, den die Awaren brachen Kaum ein frühslawisches Volk hat eine so berühmte und zugleich so dünne Überlieferung wie die Duleben. Eine einzige, drastische Erzählung in der Nestorchronik hat sie unsterblich gemacht: awarische Herren, die slawische Frauen vor ihre Wagen spannen, und ein Sprichwort, das bis heute im Russischen lebt. Wir gehen der Geschichte nach, trennen Beleg und Deutung und schauen, was Sprachwissenschaft und Spatenforschung dazu sagen.

Ein Volk, das fast nur in einem einzigen Satz überlebt hat

Die Duleben — altostslawisch Дулѣби, ukrainisch Duliby, tschechisch Doudlebi, in der Forschung auch Dudlebi — gehören zu jenen frühslawischen Verbänden, über die wir eigentlich zu wenig wissen, um ein Buch zu füllen, und trotzdem zu viel, um sie zu übergehen. Sie erscheinen als einer der Stammesverbände der Slawen zwischen dem 6. und dem 10. Jahrhundert. Was von ihnen bleibt, sind ein paar Zeilen in einer Chronik, die rund fünfhundert Jahre nach den geschilderten Ereignissen niedergeschrieben wurde, eine Handvoll Ortsnamen quer durch Mitteleuropa und ein Sprichwort. Das ist wenig. Aber es ist ein ehrliches Wenig, und gerade deshalb lohnt sich der genaue Blick: An den Duleben lässt sich beispielhaft zeigen, wie frühmittelalterliche Geschichte entsteht — aus Erinnerung, aus Literatur, aus Namen im Gelände und aus Scherben im Boden, die selten dasselbe erzählen.

Historische Karte der slawischen Völker im 8. und 9. Jahrhundert
Die slawische Welt des 8./9. Jahrhunderts auf einer historischen Karte – zwischen Ostsee, Karpaten und Schwarzem Meer. Solche Karten sind Rekonstruktionen späterer Zeit, keine zeitgenössischen Quellen. Gemeinfrei (Wikimedia Commons).

Wo die Duleben saßen: der westliche Bug und Wolhynien

Die Nestorchronik verortet die Duleben klar: Sie saßen am Bug, dort, wo später die Wolhynier zu finden seien. Gemeint ist der westliche Bug, also das Gebiet des heutigen westlichen Wolhynien im Nordwesten der Ukraine, mit Ausläufern nach Ostpolen und Südbelarus. Das ist eine Landschaft aus Flusstälern, Waldrändern und Sumpfgebieten, in der sich Siedlungen an Wasserläufen entlangziehen — und zugleich ein Scharnier zwischen dem Karpatenraum, dem Weichselgebiet und dem Dnjepr. Wer hier saß, saß nicht abseits, sondern an einer Nahtstelle. Die Chronik führt die Duleben in ihrem großen Völkerkatalog gemeinsam mit den anderen ostslawischen Verbänden auf, unter denen später die Poljanen und die Drewlanen die bekanntesten wurden.

Die Quelle: die Nestorchronik und ihr Abstand zum Geschehen

Alles, was wir über die Duleben zu wissen glauben, hängt an der Powest wremennych let, der sogenannten Nestorchronik. Sie wurde um 1113 in Kiew kompiliert; die Zuschreibung an den Mönch Nestor gilt heute als unsicher, und die Forschung sieht in ihr ein mehrfach überarbeitetes Sammelwerk. Erhalten ist sie nicht im Original: Die älteste Handschrift ist die Laurentius-Abschrift von 1377, es folgen der Hypatius-Codex um 1425 und weitere, noch jüngere Zeugen. Zwischen dem Awarensturm des späten 6. Jahrhunderts und dem ältesten erhaltenen Blatt liegen also gut siebeneinhalb Jahrhunderte. Das entwertet die Nachricht nicht — aber es verbietet, sie wie ein Protokoll zu lesen. Was wir vor uns haben, ist Erinnerung, die durch mündliche Überlieferung, klösterliche Gelehrsamkeit und redaktionelle Absicht gegangen ist.

Die Awaren: ein Steppenreich am Rand der slawischen Welt

Die Gegenspieler heißen in der Chronik Obry — die Awaren. Sie erreichten 567/568 aus der zentraleurasischen Steppe das Karpatenbecken und errichteten dort unter ihrem Khagan Bajan ein Reich, das über zweihundert Jahre lang das östliche Mitteleuropa dominierte. Ihre Machtmittel waren berittene Bogenschützen, ein straff organisierter Hof und ein Netz abhängiger Völker, unter ihnen zahlreiche slawische Gruppen. Für Byzanz waren sie über Jahrzehnte der gefährlichste Gegner an der Donau. Ihr Ende kam von Westen: 791 zogen Karl der Große entlang der Donau und sein Sohn Pippin von Italien aus gegen das Khaganat; 795/796 wurde der Ring, der Hauptsitz des Khagans, eingenommen und der berühmte awarische Schatz nach Westen gebracht. Die Awarenkriege der Franken zogen sich bis etwa 803 hin.

Die berühmteste Stelle: Frauen vor dem Wagen

Die eine Passage, die den Duleben ihren Platz im Gedächtnis gesichert hat, steht im undatierten Einleitungsteil der Chronik. Sie ist kurz, drastisch und wird bis heute in jeder Darstellung der frühslawischen Geschichte zitiert.

Diese Obry führten Krieg gegen die Slawen und bedrängten die Duleben, die auch Slawen waren, und taten den Frauen der Duleben Gewalt an. Wollte ein Obre ausfahren, so ließ er weder Pferd noch Rind anspannen, sondern befahl, drei oder vier oder fünf Frauen vor den Wagen zu spannen und ihn zu ziehen. So bedrängten sie die Duleben. Die Obry aber waren groß von Leib und hochmütig im Sinn, und Gott vertilgte sie.Nestorchronik (Powest wremennych let), undatierter Einleitungsteil; sinngemäße eigene Übersetzung nach dem altostslawischen Text

Man beachte den Bau der Szene: Sie ist nicht nur Bericht, sondern Lehrstück. Die Erniedrigung wird konkret geschildert, der Hochmut der Herren benannt, und der Schluss liefert die Moral gleich mit — Gott vertilgte sie. Das ist die Handschrift eines Chronisten, der in der Geschichte einen Sinn sucht, nicht die eines Kriegsberichterstatters.

Sie kamen um wie die Awaren

Unmittelbar an die Szene schließt die Chronik die Bemerkung an, die Obry seien allesamt umgekommen, ohne Erben und ohne Nachkommen zu hinterlassen, und daraus sei in der Rus ein geflügeltes Wort geworden: pogiboscha aki obre — sie kamen um wie die Awaren. Der Chronist markiert es ausdrücklich als Sprichwort, das man zu seiner Zeit kannte. Es gilt als eine der ältesten geflügelten Wendungen des Ostslawischen, greifbar spätestens im 11. Jahrhundert, und meint bis heute: spurlos verschwunden. Historisch trifft es erstaunlich gut. Nach dem fränkischen Schlag verschwindet das Khaganat als politische Größe; in fränkischen Quellen des 9. Jahrhunderts tauchen Awaren nur noch als Untertanen auf. Ein Volk wird zur Redensart — ein seltener Fall, in dem Sprache länger hält als Herrschaft.

Was byzantinische Quellen über Slawen und Awaren sagen

Die Chronik steht nicht allein. Zeitgenössische byzantinische Autoren schildern dasselbe Spannungsfeld, nur aus dem Süden. Prokop von Caesarea schreibt Mitte des 6. Jahrhunderts, Sklavenen und Anten würden nicht von einem Mann regiert, sondern lebten seit alters in einer Volksherrschaft, weshalb alles Wichtige vor die Gemeinschaft komme. Das dem Kaiser Maurikios zugeschriebene Strategikon rät römischen Feldherren, mit allen Mitteln zu verhindern, dass sich die Slawen unter einem Herrscher vereinen — sie seien zahlreich, hart im Ertragen von Hitze, Kälte und Mangel und weigerten sich entschieden, beherrscht zu werden. Menander Protektor berichtet zudem, wie der Khagan Bajan von einem slawischen Anführer Tribut fordert und die Gesandten dafür erschlagen werden; 578 zieht Bajan mit byzantinischer Hilfe gegen diese Slawen und brennt ihre Siedlungen nieder.

Ein zweiter Zeuge? Fredegar und die Wenden

Besonders reizvoll ist eine Parallele aus dem Westen. Die fränkische Fredegar-Chronik des 7. Jahrhunderts berichtet, die Awaren seien Jahr für Jahr zu den Wenden gezogen, um bei ihnen zu überwintern, hätten deren Frauen und Töchter genommen und Abgaben erzwungen; die slawischen Krieger hätten voranziehen und die erste Schlachtreihe bilden müssen. Aus dieser Bedrückung sei der Aufstand erwachsen, in dessen Verlauf der Kaufmann Samo um 623/624 zum Anführer der Wenden aufstieg. Die Ähnlichkeit zur Dulebenstelle ist auffällig: sexuelle Gewalt, Tributdruck, ein Reich, das seine Untertanen verbraucht. Ob die Nestorchronik eine verwandte Überlieferung aufgriff, ob beide auf ein verbreitetes Erzählmuster über Steppenherrschaft zurückgehen oder ob es sich um zwei unabhängige Erinnerungen an dasselbe Regime handelt, ist offen und wird kontrovers diskutiert.

Doudleby, Dudleipa, Duliby: derselbe Name an vielen Orten

Der Name der Duleben klebt nicht an Wolhynien. Kosmas von Prag nennt in seiner Chronik (verfasst 1119–1125) eine Burgsiedlung Doudleby im südlichen Böhmen, die zum Herrschaftsbereich der Slavnikiden gehörte; der Ort existiert bis heute. Im pannonisch-ostalpinen Raum begegnet die Form Dudleipa mehrfach: Eine Urkunde Kaiser Ludwigs II. nennt Tudleipin unter den Besitzungen des Salzburger Erzbischofs Adalwin, die Conversio Bagoariorum et Carantanorum (um 870) erwähnt eine von Fürst Pribina errichtete Kirche in Dudleipin, ein Arnulf-Brief von 891 einen comitatus Dudleipa, und noch 1060 taucht ein Dulieb an der oberen Drau auf. Räumlich führt das in die Gegend zwischen Bad Radkersburg und Leibnitz an der Mur, also in die Nachbarschaft der Karantanen. Weitere Namen dieses Typs finden sich in Polen, Slowenien, Kroatien, Bosnien und Serbien — dort, wo später auch die Serben und Kroaten fassbar werden.

Woher kommt der Name? Eine ungewöhnliche Etymologie

Die Herkunft des Namens ist umstritten. Der polnische Chronist Jan Długosz half sich im 15. Jahrhundert mit einem Stammvater namens Duleba — eine typisch mittelalterliche Lösung, die historisch nichts wert ist. Ernst zu nehmen ist der Vorschlag von Oleg Trubatschow, der urslawisch *dudlěbi auf ein westgermanisches *daud-laiba- zurückführt, etwa Erbe des Verstorbenen oder herrenlos gewordenes Erbland. Passen würde das zu einer Lage, in der slawische Gruppen in Räume einrückten, die germanische Bevölkerungen zuvor verlassen hatten. Wäre die Deutung richtig, hätten wir hier den bemerkenswerten Sonderfall eines slawischen Volksnamens mit germanischer Etymologie. Valentin Sedow verband das mit der Annahme, die Duleben hätten ursprünglich im Umfeld der Przeworsk-Kultur nahe westgermanischem Gebiet gelebt und seien später Teil der Prager-Korčak-Kultur geworden. Beweisbar ist keine dieser Rekonstruktionen.

Was die Archäologie zeigt — und was nicht

Der Boden Wolhyniens liefert für das 6. und 7. Jahrhundert ein deutliches Bild, nur eben kein ethnisches. Charakteristisch ist die Prager-Korčak-Kultur: unbefestigte Siedlungen an Gewässern mit meist acht bis zwanzig Gehöften, rechteckige, halb eingetiefte Grubenhäuser mit einem Steinofen in der Ecke, handgemachte, unverzierte Keramik in Form hoher Töpfe mit kegelstumpfförmigem Körper, und Brandbestattung als vorherrschender Ritus, in Flachgräbern wie unter Hügeln. Dazu kommen einzelne befestigte Plätze wie die Höhensiedlung Zimno am Bug, seit den 1970er Jahren untersucht. Man ist versucht, das kurzerhand den Duleben zuzuweisen. Genau davor ist zu warnen: Eine archäologische Kultur ist eine Verbreitungskarte von Fundtypen, kein Stamm. Töpfe wandern, Menschen ändern ihre Namen, und keine Scherbe sagt, wie ihre Besitzer sich nannten. Ähnlich vorsichtig muss man bei den späteren Sorben und anderen westslawischen Verbänden argumentieren.

Vom Stammesnamen zum Landesnamen: Buschanen, Wolhynier, Kiewer Rus

Die Chronik selbst liefert die Auflösung: Die Duleben verschwinden nicht, sie werden umbenannt. Am Bug erscheinen die Buschanen, deren Name schlicht den Fluss meint; aus ihnen wiederum werden die Wolhynier, benannt nach einem Ort und einer Landschaft. Der sogenannte Bayerische Geograph des 9. Jahrhunderts schreibt den Busani 231 Burgen zu — eine Zahl, die man als Größenordnung, nicht als Zensus lesen sollte. Für 907 nennt die Chronik dulebische Truppen im Heer Olegs vor Konstantinopel, und 981 unterwirft Wladimir den Raum endgültig, als er den Lachen Peremyschl, Tscherwen und weitere Städte abnimmt. Damit ist Wolhynien Teil der Kiewer Rus, wie zuvor schon das Gebiet der Kriwitschen. Der Stammesname wird zum Landesnamen, und der Landesname zum Fürstentum.

Was von den Duleben bleibt

Es bleibt: ein Name, der von Wolhynien bis in die Steiermark reicht, eine Erzählung von Unterdrückung, die niemand vergessen hat, und ein Sprichwort über Reiche, die spurlos verschwinden. Das ist erstaunlich viel für ein Volk ohne eigene Schrift, ohne eigenen Chronisten und ohne einen einzigen Fund, den man ihm sicher zuweisen könnte. Manches davon ist Geschichte, manches Literatur, und die ehrliche Antwort besteht darin, beides auseinanderzuhalten, statt die Lücken mit Fantasie zu füllen. Genau so halten wir es in unserer Werkstatt in Alsdorf auch bei den Motiven: Wir gravieren, was sich belegen lässt, und sagen dazu, wo die Deutung anfängt. Eine lasergravierte Platte, die eine ehrliche Geschichte trägt, hält länger als eine, die eine erfundene erzählt.

Beleg: Gesichert ist, dass die Nestorchronik (kompiliert um 1113, älteste Handschrift 1377) die Duleben am Bug verortet, ihre Bedrängung durch die Awaren schildert und das Sprichwort von den umgekommenen Obry überliefert; dass dieselbe Chronik dulebische Truppen im Zug Olegs von 907 nennt; dass die Awaren 567/568 das Karpatenbecken erreichten und ihr Khaganat 791–796 von Karl dem Großen und Pippin zerschlagen wurde; dass byzantinische Autoren (Prokop, Strategikon des Maurikios, Menander, Theophylaktos Simokattes zum Jahr 602) das Verhältnis von Awaren und Slawen unabhängig beschreiben; dass Ortsnamen des Typs Doudleby, Dudleipa und Duliby urkundlich in Böhmen, Pannonien, an der Mur und an der oberen Drau belegt sind; und dass Wolhynien 981 unter Wladimir an die Kiewer Rus fiel.
Mythos-Check: Ob die Duleben überhaupt ein einzelner Stamm waren, ist offen — die weite Streuung des Namens spricht ebenso für einen weiterverbreiteten Sammel- oder Übernamen. Die Wagenszene ist keine Augenzeugennachricht, sondern eine rund 500 Jahre später aufgeschriebene, moralisch zugespitzte Erzählung; Teile der Forschung halten sie für slawisches Epos, andere für eine gelehrte Buchkonstruktion. Archäologisch ist eine awarische Herrschaft in Wolhynien nicht nachweisbar: Frühawarische Gürtelbeschläge fehlen nördlich der Karpaten praktisch vollständig, und die Awarenfunde im heutigen Polen konzentrieren sich im Süden und datieren überwiegend erst nach 700. Die Gleichsetzung der Duleben mit der Prager-Korčak-Kultur oder mit den Anten ist Deutung, nicht Befund. Die germanische Etymologie des Namens ist eine gut begründete Hypothese, kein Beweis, und der Stammvater Duleba bei Jan Długosz ist eine mittelalterliche Erfindung.
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