Am Südende Europas, auf den Hängen des Taygetos, lebten jahrhundertelang zwei slawische Gruppen, die ein byzantinischer Kaiser namentlich kannte: die Milingen und die Ezeriten. Kaiser Konstantin VII. hat ihnen ein eigenes Kapitel seines Regierungshandbuchs gewidmet und dabei Zahlen genannt, die auf das einzelne Goldstück genau sind. Damit sind sie der am besten dokumentierte Fall slawischer Siedlung in Griechenland. Sie sind zugleich der Kern eines Streits, der seit den 1830er Jahren mit erheblicher politischer Schärfe geführt wird. Dieser Artikel erzählt beides: die nachprüfbare Geschichte und die Geschichte ihrer Deutung.

Die wichtigste Quelle ist ein Text, der nie für die Öffentlichkeit bestimmt war. Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos ließ um 948 bis 952 ein Handbuch der Außen- und Innenpolitik zusammenstellen, das sein Sohn und Nachfolger Romanos II. lesen sollte. Die Forschung nennt es nach seinem neuzeitlichen Titel De administrando imperio. Maßgeblich ist bis heute die Ausgabe von Gyula Moravcsik mit der englischen Übersetzung von Romilly J. H. Jenkins, erschienen als Band 1 des Corpus Fontium Historiae Byzantinae, Washington 1967.
Kapitel 50 trägt eine Überschrift, die klingt wie ein Aktendeckel: über die Slawen im Thema Peloponnes, die Milingen und die Ezeriten, über den von ihnen entrichteten Tribut, und ebenso über die Bewohner der Festung Maina und deren Tribut. Genau darin liegt der Wert. Wir lesen hier keine Erzählung über ferne Barbaren, sondern einen Verwaltungsvorgang mit Namen, Amtsträgern, Jahreszeiten und Beträgen.
Der Vorbehalt gehört trotzdem dazu. Der Text ist Herrschaftswissen, verfasst in der Werkstatt eines Kaisers, der seine Dynastie und seine Ordnung rechtfertigen wollte. Er berichtet aus der Perspektive derer, die Abgaben einziehen. Die Milingen und Ezeriten kommen darin nur vor, weil sie zahlten oder sich weigerten zu zahlen.
Im späten 6. und im 7. Jahrhundert brach die römische Donaugrenze zusammen. Awarische und slawische Verbände drangen tief in die Balkanhalbinsel ein, einzelne Gruppen bis in den äußersten Süden. Prokop, das Strategikon des Maurikios und die Wundersammlung des heiligen Demetrios von Thessaloniki zeichnen davon ein Bild, das eher aus Einzelszenen als aus einer Chronologie besteht.
Man sollte sich das nicht als einen Zug vorstellen. Es waren wahrscheinlich kleinere Verbände, Familien und Sippen, die sich über Jahrzehnte hinweg in Räume schoben, aus denen die spätantike Verwaltung sich zurückgezogen hatte. Dieselbe Bewegung erreichte gleichzeitig ganz andere Gegenden Europas: die Gebiete der späteren Serben und Kroaten, den Alpenraum der Karantanen und das spätere slawische Bulgarien. Konstantin VII. schreibt über all diese Gruppen in benachbarten Kapiteln desselben Buches.
Die dramatischste Schilderung des Einbruchs stammt aus einem Text, der genau deshalb umstritten ist. Die sogenannte Chronik von Monemvasia berichtet von einem awarisch-slawischen Einfall im Jahr 587 oder 588, von der Flucht der Bewohner nach Kalabrien, Aigina und Sizilien, von 218 Jahren fremder Herrschaft über die Peloponnes und von der Rückgewinnung unter Kaiser Nikephoros I. Sie ist in vier griechischen Fassungen überliefert, darunter je eine aus den Athosklöstern Iviron und Koutloumousiou sowie eine, die 1749 in Turin gedruckt wurde.
Über die Bewertung streitet die Forschung seit Jahrzehnten. Peter Charanis hielt den Text 1950 für im Kern zuverlässig. Kenneth Setton nannte ihn eine Mischung aus Tatsache und Erfindung, Stilpon Kyriakides sah in ihm eine kirchliche Tendenzschrift, Anthony Kaldellis hält ihn für notorisch unzuverlässig. Florin Curta betont, dass es sich gar nicht um eine Chronik handelt, sondern um eine Kompilation, deren eigentliches Thema die Rangerhöhung des Bistums Patras ist.
Es gibt handfeste Gegenbefunde. Monemvasia bestand bereits vor dem angeblichen Einfall, und ein Brief Gregors des Großen vom Februar 591 zeigt einen Erzbischof von Korinth im Amt, obwohl die Chronik die Korinther längst nach Aigina geflohen sein lässt. Die Zahl 218 ist deshalb kein Messwert, sondern eine Angabe aus einem interessegeleiteten Text.
Ein Kapitel früher, in De administrando imperio 49, erzählt derselbe Kaiser eine andere Geschichte. Unter Nikephoros I. erheben sich die Slawen der Peloponnes, plündern das Umland und belagern Patras, zusammen mit Sarazenen aus Afrika. Als in der Stadt Wasser und Vorräte knapp werden, senkt ein zurückkehrender Späher versehentlich sein Feldzeichen, die Belagerten halten das für das verabredete Signal, öffnen die Tore und sehen den Apostel Andreas zu Pferd auf die Feinde einreiten.
Der Ausgang ist für unser Thema wichtiger als das Wunder. Der Kaiser habe verfügt, die Besiegten mit ihren Familien und ihrem gesamten Besitz der Kirche von Patras zuzuweisen. Aus Kriegsgefangenen wurden abhängige Bauern, paroikoi des Metropolitansitzes; Kaiser Leon VI. regelte ihre Pflichten später noch einmal durch ein Siegelschreiben.
Das ist keine neutrale Nachricht. Kapitel 49 ist eine Legitimationserzählung: Sie begründet, warum ausgerechnet dieser Kirche Menschen und Abgaben zustehen. Ein Jahr nennt der Text nicht; die Belagerung wird üblicherweise auf 805 oder 807 datiert.
Kapitel 50 beginnt mit einem älteren Aufstand. Unter Kaiser Theophilos und seinem Sohn Michael hätten sich die Slawen des Themas Peloponnes erhoben und seien, wie es heißt, idiorrhythmoi geworden, also eigenwillig, nach eigener Ordnung lebend. Unter Michael III. schickte die Regierung den Protospatharios Theoktistos mit dem Beinamen Bryennios als Strategen auf die Halbinsel, mit Truppen aus Thrakien, Makedonien und den übrigen westlichen Themen.
Er unterwarf, so der Text, alle Slawen und sonstigen Unbotmäßigen des Themas. Nur zwei Gruppen blieben übrig, im Raum von Lakedaimonia und Helos: die Ezeriten und die Milingen. Auch sie brachte Theoktistos schließlich zur Unterwerfung und setzte ihnen einen Tribut fest, den die Einheimischen nach Konstantins Worten bis in seine Gegenwart im Gedächtnis behalten hätten: für die Milingen 60 Goldstücke, für die Ezeriten 300.
Die Ortsangabe ist ungewöhnlich genau. Dort, schreibt Konstantin, gebe es einen großen und sehr hohen Berg namens Pentadaktylos, den Fünffinger, der sich wie ein Hals weit ins Meer hinausstrecke. Weil die Gegend unwegsam sei, hätten sie sich an den Flanken dieses Berges niedergelassen, die Milingen auf der einen Seite, die Ezeriten auf der anderen.
Gemeint ist der Taygetos mit seiner Verlängerung in die Halbinsel Mani. Die Milingen werden im Westen gesucht, in der messenischen Mani, die Ezeriten im Osten, in der sumpfigen Ebene von Helos. Das Muster ist typisch: Die fruchtbare messenische Ebene blieb griechisch benannt, die schwer zugänglichen Hänge wurden slawisch besiedelt. Wer im Gebirge sitzt, ist schwerer zu besteuern, und genau darum geht es im ganzen Kapitel.
Der Name der Ezeriten ist sprachlich durchsichtig. Er gehört zu slawisch jezero, See oder stehendes Gewässer, und passt damit exakt zum griechischen Landschaftsnamen Helos, Sumpf. Die Gruppe ist nach dem Gelände benannt, in dem sie saß. Solche Namen kennt man auch aus dem Norden, etwa bei den Dulebiern oder bei Flussanwohnern an Elbe und Havel.
Bei den Milingen wird es unsicher. Das Oxford Dictionary of Byzantium erklärt Herkunft und Etymologie schlicht für unbekannt. Predrag Komatina hat 2019 und 2020 vorgeschlagen, den Namen zu urslawisch milъ zu stellen und mit einer Form wie Milenьci zu verbinden, was ihn in die Nähe der lausitzischen Milzener rücken würde. Das ist ein begründeter Vorschlag, kein Befund. Wer schreibt, die Milingen seien ein Teil der Milzener gewesen, geht über die Quellen hinaus.
Unter Kaiser Romanos I. Lakapenos meldete der Protospatharios und Stratege Johannes Proteuon nach Konstantinopel, die beiden Gruppen hätten sich erhoben. Seine Beschwerde ist die vielleicht aufschlussreichste Stelle des ganzen Kapitels, weil sie nicht von Krieg spricht, sondern von verweigerter Verwaltung.
Sie gehorchen weder dem Strategen noch fügen sie sich einem kaiserlichen Befehl, sondern sie sind gleichsam eigenen Rechts und ihre eigenen Herren. Sie nehmen vom Strategen keinen Vorsteher an, sie fügen sich nicht, mit ihm ins Feld zu ziehen, und sie lassen sich auch zu keinem anderen Staatsdienst bewegen.
Konstantin VII., De administrando imperio 50; eigene Übersetzung
Drei Punkte werden genannt: kein vom Statthalter eingesetzter archon, keine Heeresfolge, kein sonstiger Staatsdienst. Judith Herrin und Florin Curta verweisen darauf, dass es bei der Heeresfolge um einen Einsatz jenseits des Meeres ging, in Süditalien gegen einen langobardischen Aufstand. Der Streit entzündete sich also an einer sehr konkreten Zumutung.
Während der Bericht noch unterwegs war, wurde der Protospatharios Krinites Arotras zum neuen Strategen der Peloponnes ernannt. Er erhielt den Auftrag, gegen die Aufständischen zu ziehen. Die Forschung datiert den Feldzug meist auf 921 oder 922; ältere Arbeiten setzten ihn erst um 935 an.
Konstantin beschreibt kein Gefecht, sondern eine Methode. Krinites begann im Monat März, verbrannte die Ernten und plünderte das ganze Land, und er hielt die Gegner bis zum Monat November in Abwehr und Widerstand. Erst dann, als sie ihre Vernichtung vor Augen sahen, baten sie um Verhandlung und um Nachsicht für ihre früheren Vergehen. Acht Monate systematischer Zerstörung der Lebensgrundlage waren wirksamer als jede Schlacht.
Krinites legte den Unterworfenen höhere Zahlungen auf als zuvor. Die Milingen erhielten zu ihren bisherigen 60 Goldstücken weitere 540 auferlegt, insgesamt 600. Den Ezeriten wurden zu ihren 300 weitere 300 zugeschlagen, ebenfalls insgesamt 600. Das Geld führte Krinites an die kaiserliche Kammer ab.
Der Zustand hielt nicht lange. Krinites wurde in das Thema Hellas versetzt, sein Nachfolger Bardas Platypodes geriet mit den örtlichen Großen in Streit, ein Protospatharios namens Leon Agelastos wurde aus der Provinz vertrieben, und slawische Truppen, die der Text Sklabesianoi nennt, fielen in das Thema ein. In dieser Lage baten die Milingen und Ezeriten den Kaiser, ihnen die Aufschläge zu erlassen. Romanos I. fürchtete ein Zusammengehen der beiden Seiten und stellte durch eine Goldbulle den alten Zustand wieder her: 60 für die Milingen, 300 für die Ezeriten.
Der Fachbegriff des Textes ist nicht Steuer, sondern pakton, vom lateinischen pactum. Das ist eine Vertragszahlung. Zum Vergleich nennt dasselbe Kapitel für die Festung Maina 400 Goldstücke. Man sollte aus den Summen keine Bevölkerungszahlen ableiten; sie messen das Kräfteverhältnis zwischen einer Provinzregierung und zwei Berggemeinschaften, nicht deren Größe.
Am Ende von Kapitel 50 unterscheidet Konstantin ausdrücklich. Die Bewohner der Festung Maina stammten nicht aus dem Geschlecht der zuvor genannten Slawen, sondern von den älteren Römern; die Einheimischen nennten sie bis heute Hellenen, weil sie in alter Zeit Götzendiener gewesen seien, und sie seien erst unter Kaiser Basileios getauft worden. Ihr Land sei wasserlos und schwer zugänglich, trage aber Oliven.
Diese Passage ist methodisch wichtig. Sie zeigt, dass der Kaiser nicht pauschal alles Widerspenstige im Gebirge für slawisch hielt, sondern zwischen Gruppen unterschied, die nebeneinander lebten. Wer Kapitel 50 als Beleg für eine slawische Peloponnes liest, liest die Hälfte des Kapitels nicht.
Über die Christianisierung der beiden Gruppen schweigt Konstantin. Die Chronik von Monemvasia schreibt Nikephoros I. eine Missionierung der Peloponnes zu, doch archäologisch lässt sich das behauptete Programm von Kirchenbauten bislang nicht abstützen. Sicher ist nur, dass die Milingen im späteren Mittelalter als Christen erscheinen.
Eine späte Spur trägt der Gruppenname der Ezeriten: Für das Jahr 1340 ist in der Gegend ein Bistum Ezerou bezeugt. Danach verliert sich der Name. Die Sprache hielt sich in Rückzugsgebieten deutlich länger als die politische Selbständigkeit, und sie verschwand nicht durch einen Erlass, sondern durch die Alltagsmehrheit des Griechischen ringsum.
Nach 1204 kam der Peloponnes unter fränkische Herrschaft, und die Milingen erscheinen wieder in den Akten. Fürst Wilhelm II. von Villehardouin ließ zwischen 1248 und 1250 die Burg Grand Magne anlegen, ausdrücklich, um die Milingen im Taygetos zu kontrollieren, und 1249 die Burg Mistra bei Sparta. Nach seiner Gefangennahme in der Schlacht von Pelagonia musste er 1262 Mistra, Monemvasia und Grand Magne an das wiederhergestellte byzantinische Reich abtreten.
Die Chronik von Morea nennt einen großen droungos der Milingen, dem Wilhelm II. Freiheit von allen Lasten außer dem Kriegsdienst zugestand. Der Begriff droungos bezeichnete ursprünglich eine Truppeneinheit und meinte seit dem 12. Jahrhundert auch einen Gebirgszug und die dort ausgehobene Miliz. In den 1330er Jahren erscheinen Milingen in Stifterinschriften lakonischer Kirchen; ein Konstantinos Spanes heißt dort tzaousios des droungos der Milingen. Um 1438 oder 1439 notierte der Reisende Laskaris Kananos bei Lübeck, die dortigen Wenden sprächen ähnlich wie die Zygioten am Taygetos.
1830 und 1836 veröffentlichte der Tiroler Historiker Jakob Philipp Fallmerayer seine Geschichte der Halbinsel Morea während des Mittelalters. Seine These lautete, die alten Griechen der Peloponnes seien im Mittelalter ausgestorben und durch slawische Siedler ersetzt worden. Der Satz fiel in eine Zeit, in der der europäische Philhellenismus die Griechen als unmittelbare Nachfahren der Antike feierte und der junge griechische Staat um seine Anerkennung rang. Er war damit von Anfang an mehr als eine gelehrte Behauptung.
Die Kritik setzte sofort ein. Bartholomäus Kopitar wies 1830 auf Fallmerayers dünne Kenntnis der slawischen Sprachen hin. Konstantinos Paparrigopoulos legte 1843 die erste ausführliche Gegenschrift vor. Phaidon Malingoudis hält fest, dass kein slawistischer Fachmann Fallmerayers Etymologien je ernst genommen hat; dessen Vorstellung, die peloponnesischen Slawen stammten aus dem Raum Wladimir-Susdal, ist sprachgeschichtlich haltlos.
Die heutige Lage lässt sich nüchtern zusammenfassen. Slawische Siedlung auf der Peloponnes gab es, in erheblichem Umfang und über Jahrhunderte. Einen Bevölkerungsaustausch gab es nicht. Eine genomweite Untersuchung an 241 Personen aus allen Bezirken der Halbinsel bezifferte 2017 den slawischen Anteil je nach Teilpopulation auf 0,2 bis 14,4 Prozent. Solche Daten widerlegen die Austauschthese; über mittelalterliche Zugehörigkeiten, Sprache und Selbstverständnis sagen sie nichts. Wer sie in die eine oder andere Richtung als nationalen Beweis benutzt, wiederholt den Fehler Fallmerayers mit anderen Mitteln.
Die größte Materialsammlung zum Thema stammt von Max Vasmer, Die Slaven in Griechenland, Berlin 1941. Für die Peloponnes verzeichnet sein Katalog 428 Ortsnamen, verteilt auf Korinthia, die Argolis, Achaia, Elis, Triphylien, Arkadien, Messenien und Lakonien. Die Zahl wird bis heute zitiert, oft ohne Prüfung.
Malingoudis hat 1983 gezeigt, warum das in beide Richtungen irreführt. Von Vasmers 428 Namen sind nach seiner Prüfung 213 gar nicht slawisch, sondern griechische Bildungen aus slawischen Lehnwörtern, Namen aus neugriechischen Familiennamen, Mischkomposita oder albanische und aromunische Formen. Zugleich ist die Sammlung im Kerngebiet viel zu dünn: Allein in der messenischen Mani, für die Vasmer neun Namen nennt, fand Malingoudis rund 400 slawische Flurnamen, gebildet aus 81 urslawischen Personennamen und 133 Appellativen. Ortsnamen zeigen also Sprachräume, sie zählen keine Menschen, und datieren können sie erst recht nichts.
Der bekannteste Befund ist ein 1960 in Olympia entdecktes slawisches Brandgräberfeld, vorgelegt von Tivadar Vida und Thomas Völling im Jahr 2000. Es zeigt, dass sich dort erst ab dem zweiten Viertel des 7. Jahrhunderts Slawen niederließen. Lange war es die einzige bekannte slawische Nekropole der Halbinsel; inzwischen kommen zwei arkadische Fundplätze hinzu, ein Gräberfeld des 8. und 9. Jahrhunderts bei Makri südwestlich von Tripoli und eine Nekropole des 7. Jahrhunderts bei Asea.
Die Menge ist klein, und die Deutung ist umstritten. Völling sah in dreizehn Hortfunden des späten 6. Jahrhunderts eine Reaktion auf eine erste Angriffswelle, betonte aber selbst, dass daraus weder eine dauerhafte Landnahme noch die Aufgabe der Siedlung folgte. Anna Lambropoulou und Anastasia Yangaki haben seine Datierung des Siedlungsendes später bestritten und ein Nebeneinander von Einheimischen und Slawen für möglich gehalten. Grundsätzlicher argumentiert Florin Curta: Aus Keramik lässt sich keine Ethnie ablesen. Brandbestattung und handgemachte Ware sind Praktiken, keine Ausweise.
Es lohnt, die Perspektive kurz zu weiten. In denselben Jahrhunderten, in denen fränkische Heere jenseits der Elbe gegen slawische Verbände zogen und Annalisten die Namen der Obodriten, Wilzen und Sorben notierten, saßen slawische Gruppen im Gebirge Griechenlands und wurden von einer byzantinischen Kanzlei erfasst. Dieselbe große Bewegung, zwei völlig verschiedene Überlieferungslagen: Im Norden schreiben Chronisten über Feldzüge, im Süden schreibt eine Verwaltung über Beträge.
Gleichsetzen darf man die Gruppen deshalb nicht. Die Wagrier an der Ostsee und die Ranen auf Rügen haben mit den Milingen nichts zu tun außer einer entfernten sprachlichen Verwandtschaft und einer ähnlichen Ausgangslage am Rand eines Reiches. Genau diese Verwandtschaft ist es aber, die der Reisende Laskaris Kananos bei Lübeck zu hören meinte. Wer über Byzanz und den Norden zugleich nachdenkt, findet die Verbindung ohnehin an anderer Stelle wieder, etwa bei den Warägern in Miklagard und in der Kiewer Rus.
Zwei slawische Gruppen namens Milingen und Ezeriten saßen im 9. und 10. Jahrhundert an den Hängen des Taygetos, im Raum Lakedaimonia und Helos. Sie wurden unter Michael III. von Theoktistos Bryennios unterworfen und zahlten danach 60 beziehungsweise 300 Goldstücke jährlich. Nach einem Aufstand unter Romanos I. Lakapenos führte der Stratege Krinites Arotras von März bis November einen Verwüstungsfeldzug gegen sie; danach zahlten beide Gruppen je 600 Goldstücke. Nach Unruhen in der Provinz stellte eine kaiserliche Goldbulle die alten Sätze wieder her. Der Name Ezeriten gehört zu slawisch jezero. Die Milingen sind im 13. und 14. Jahrhundert als droungos mit Kriegsdienstpflicht bezeugt, für 1340 ist ein Bistum Ezerou belegt. Slawische Flur- und Ortsnamen im Taygetosraum sowie die Gräberfelder von Olympia, Makri und Asea bestätigen slawische Siedlung archäologisch und sprachlich.
Die verbreitete Kurzfassung, beide Gruppen hätten zuerst je 60 Goldstücke gezahlt und dann den doppelten Betrag, ist falsch: Der Ausgangssatz war ungleich, und die Erhöhung war bei den Milingen verzehnfacht. Die Senkung erfolgte nicht unter Romanos II., sondern noch unter Romanos I. Die 218 Jahre slawischer Herrschaft stammen aus der Chronik von Monemvasia, einem tendenziösen und in Teilen nachweislich falschen Text, nicht aus einer Messung. Fallmerayers These vom Aussterben der Griechen gilt als widerlegt; die Gegenvereinfachung, es habe kaum Slawen gegeben, ist ebenso falsch. Vasmers 428 Ortsnamen sind keine Volkszählung, und rund die Hälfte davon ist nach heutiger Prüfung nicht slawisch. Die Tsakonen sind kein slawischer Stamm: Ihre Sprache ist ein griechischer Dialekt dorischer Herkunft. Die Gleichsetzung der Milingen mit den lausitzischen Milzener ist ein Namensvorschlag, kein Nachweis. Und die peloponnesischen Slawen waren keine Bulgaren; sie lebten seit ihrer Ansiedlung ohne nachweisbaren Kontakt zu den späteren südslawischen Reichen.

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