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Freydís Eiríksdóttir – die Frau mit den zwei Gesichtern

Geschichte & Funde Freydís Eiríksdóttir – die Frau mit den zwei Gesichtern

Kaum eine Gestalt der Wikingerzeit ist so widersprüchlich überliefert wie Freydís Eiríksdóttir. In der einen Saga ist sie eine kaltblütige Mörderin, die eine Axt fordert, um wehrlose Frauen zu erschlagen. In der anderen ist sie die schwangere Heldin, die sich allein den Skrælingar entgegenstellt und sie mit blankem Schwert in die Flucht schlägt. Beide Bilder stehen nebeneinander – und genau das macht Freydís zu einem der ehrlichsten Lehrstücke darüber, wie Geschichte entsteht.

Die rekonstruierten Torfhäuser von L’Anse aux Meadows (Neufundland) — der einzige gesicherte Wikingerplatz in Nordamerika.
Die rekonstruierten Torfhäuser von L’Anse aux Meadows (Neufundland) — der einzige gesicherte Wikingerplatz in Nordamerika.

Wer war Freydís?

Freydís Eiríksdóttir war die Tochter Eriks des Roten (Eiríkr rauði), des Gründers der ersten normannischen Siedlung auf Grönland, und damit eine Halbschwester von Leif Eriksson – dem Mann, der um das Jahr 1000 als Erster nachweislich amerikanischen Boden betrat. Damit gehört sie zu einer der berühmtesten Familien der Wikingerzeit: eine Sippe von Auswanderern, Entdeckern und Grenzgängern, die von Norwegen nach Island, von Island nach Grönland und schließlich weiter nach Westen zog, an die Küsten dessen, was die Sagas Vinland nannten.

Ihr Name ist bezeichnend: Freydís setzt sich zusammen aus dem Namen der Göttin Freyja und dem Element dís, das eine weibliche Schutzgeistin oder Ahnfrau bezeichnet. Es ist ein kraftvoller, heidnischer Name – passend für eine Frau, die in der Erinnerung des Nordens als alles andere als sanftmütig weiterlebte. Doch schon hier beginnt das Problem: Fast alles, was wir über Freydís zu wissen glauben, stammt aus zwei Texten, die einander an entscheidender Stelle offen widersprechen.

Die zwei Quellen: die Vinland-Sagas

Über die Fahrten nach Vinland berichten zwei mittelalterliche isländische Sagas, die man zusammenfassend die Vinland-Sagas nennt: die Grœnlendinga saga (die Saga von den Grönländern) und die Eiríks saga rauða (die Saga von Erik dem Roten). Beide wurden erst im 13. Jahrhundert niedergeschrieben – also rund zweihundert Jahre nach den Ereignissen, die sie schildern. Beide beruhen auf mündlicher Überlieferung, beide verfolgen unterschiedliche Interessen, und beide zeichnen Freydís auf gegensätzliche Weise.

Das ist keine Kleinigkeit. Wo zwei Texte einander in Datierung, Reihenfolge und selbst im Charakter der handelnden Personen widersprechen, kann man nicht einfach beide für bare Münze nehmen. Historiker lesen die Vinland-Sagas deshalb nicht als Reisetagebücher, sondern als Literatur – als erzählte Erinnerung, geformt von den Erzählern, die sie über Generationen weitergaben, und von den Schreibern, die sie schließlich aufs Pergament brachten.

Die schwarze Freydís: Mord in Vinland

In der Grœnlendinga saga ist Freydís eine finstere Gestalt. Dort schließt sie sich mit zwei isländischen Brüdern, Helgi und Finnbogi, zu einer gemeinsamen Vinland-Fahrt zusammen. Man vereinbart, dass jedes Schiff dieselbe Zahl von Männern mitführt. Freydís aber bricht die Abmachung heimlich und schmuggelt zusätzliche Männer an Bord – ein erster Vertrauensbruch, der den Ton für alles Folgende setzt.

In Vinland angekommen, wächst der Streit zwischen den beiden Lagern. Eines Morgens sucht Freydís die Brüder auf, kehrt mit nassen Füßen und kalter Wut zu ihrem Mann Þorvarðr zurück und behauptet – der Saga zufolge fälschlich –, die Brüder hätten sie geschlagen und misshandelt. Sie stachelt ihren Mann an, die Ehre wiederherzustellen, und droht ihm mit Scheidung, wenn er es nicht tue. Þorvarðrs Leute überfallen daraufhin die schlafenden Isländer und töten die Männer.

Doch dann bleiben fünf Frauen übrig, und keiner der Männer will sie erschlagen. Hier fällt der Satz, der Freydís in der Erinnerung für immer gebrandmarkt hat: Sie verlangt selbst eine Axt und tötet die Frauen eigenhändig. Danach schwört sie ihre Gefährten zum Schweigen. Die Wahrheit aber, so die Saga, kommt später ans Licht – und selbst ihr Halbbruder Leif, der die Tat nicht ungestraft lassen will, kann sich am Ende nur dazu durchringen zu sagen, dass ihre Nachkommen kein Glück haben würden.

Freydís sprach: „Reicht mir eine Axt." Und als sie eine bekam, erschlug sie die fünf Frauen selbst und ließ nicht ab, bis sie alle tot waren.Sinngemäß nach der Grœnlendinga saga (Grönländer-Saga), Kap. 8; Übersetzung: Glanz & Gravur

Die trotzige Freydís: allein gegen die Skrælingar

Schlägt man die Eiríks saga rauða auf, begegnet einem eine ganz andere Frau. Hier ist Freydís keine Anstifterin eines Massakers, sondern eine der mutigsten Figuren der ganzen Erzählung. Als die nordische Siedlergruppe – geführt von Þorfinnr Karlsefni – von den Skrælingar, den Ureinwohnern, angegriffen wird, geraten die Männer in Panik und fliehen vor der Übermacht.

Freydís, hochschwanger und kaum in der Lage zu laufen, ruft ihnen nach, sie seien Feiglinge: Wenn sie nur eine Waffe hätte, würde sie besser kämpfen als jeder von ihnen. Sie greift nach dem Schwert eines gefallenen Mannes und stellt sich den Angreifern entgegen. Dann entblößt sie sich die Brust und schlägt mit der flachen Klinge kräftig darauf. Die Skrælingar, so die Saga, erschrecken vor diesem furchterregenden Anblick, brechen ihren Angriff ab und fliehen zu ihren Booten. Karlsefni und seine Leute loben sie danach für ihren Mut.

Es ist eine der eindrucksvollsten Szenen der Vinland-Sagas – und sie zeigt eine Freydís, die genau das Gegenteil der Mörderin aus der Grönländer-Saga ist: nicht hinterhältig, sondern trotzig; nicht grausam gegen Wehrlose, sondern tapfer gegen eine Übermacht.

Vinland – der Schauplatz

Beide Bilder spielen am selben fernen Rand der bekannten Welt: in Vinland, dem Land, das die Sagas an der Küste Nordamerikas verorten. Lange galt Vinland als Legende. Das änderte sich, als das Ehepaar Helge und Anne Stine Ingstad in den 1960er Jahren an der Nordspitze Neufundlands den Fundplatz L'Anse aux Meadows ausgrub: Reste von Torfhäusern nordischer Bauart, eine Schmiede, Eisennieten – eindeutig eine wikingerzeitliche Siedlung. Damit war bewiesen, dass Nordleute tatsächlich Amerika erreichten, rund fünfhundert Jahre vor Kolumbus. Eine Dendro- und Radiokarbonuntersuchung datierte das Holz später auf das Jahr 1021 – der erste exakt datierbare Beleg für Europäer in Amerika.

Wichtig ist die Unterscheidung: L'Anse aux Meadows beweist die Fahrten. Es beweist nicht die einzelnen Menschen, von denen die Sagas erzählen. Kein Fund trägt einen Namen. Ob Leif, Karlsefni oder Freydís wirklich dort standen, lässt sich archäologisch nicht sagen – die Siedlung ist stumm. Mehr über den Hintergrund erfährst du in unseren Beiträgen über Vinland und die Entdeckung Amerikas, über Leif Eriksson und über Erik den Roten.

Was belegt ist: Nordleute erreichten um das Jahr 1000 Nordamerika – die Siedlung L'Anse aux Meadows auf Neufundland ist archäologisch gesichert und auf 1021 datiert. Die Familie Eriks des Roten (Erik, Leif, ihre Angehörigen) ist als grönländische Siedlerdynastie mehrfach überliefert. Dass es Fahrten nach Vinland gab und dass Frauen daran teilnahmen, ist glaubhaft. Freydís erscheint namentlich in beiden Vinland-Sagas als Tochter Eriks des Roten.

Der Widerspruch – und warum er zählt

Nun stehen die beiden Freydís-Bilder nebeneinander, und sie lassen sich nicht versöhnen. In der einen Saga ist sie eine berechnende Lügnerin und Mörderin, in der anderen eine furchtlose Kämpferin, die von den Männern gelobt wird. Es sind nicht bloß unterschiedliche Facetten derselben Person – es sind gegensätzliche moralische Urteile.

Dieser Widerspruch ist der eigentliche Kern der ganzen Geschichte. Er zeigt, dass die Sagas keine neutralen Protokolle sind. Jede Erzählergeneration hatte ihre eigenen Zwecke: Die eine Saga wollte vielleicht die Nachkommen Karlsefnis und seiner Frau Guðríðr ins beste Licht rücken – jener Guðríðr, die als fromme, tugendhafte Ahnfrau bedeutender Bischöfe galt. Vor diesem Hintergrund brauchte man womöglich einen Gegenpol, eine dunkle Figur, an der sich das Böse zeigen ließ. Freydís, die uneheliche Tochter Eriks (so nennt sie die Eiríks saga), bot sich dafür an. In der anderen Saga wiederum durfte dieselbe Freydís ihren wilden Mut ausleben.

Frauen auf hoher Fahrt

So gegensätzlich die Zeichnung ausfällt, in einem sind sich beide Sagas einig: Freydís war dabei. Sie war keine Randfigur, die zu Hause blieb, sondern eine Frau, die aufs offene Meer hinausfuhr, in ein unbekanntes Land, unter Menschen, die sie nie zuvor gesehen hatte. Das passt zu dem, was wir sonst über wikingerzeitliche Frauen wissen: Sie führten Höfe, verwalteten Vermögen, trafen Entscheidungen und wanderten mit aus. Die Besiedlung Islands und Grönlands wäre ohne Frauen undenkbar gewesen – Freydís' eigene Verwandte Aud die Tiefsinnige führte selbst eine Auswanderung an.

Doch Vorsicht: Aus Freydís' Mut in der Eiríks saga eine „Schildmaid" zu machen, geht zu weit. Sie greift in der Not zum Schwert eines Gefallenen – sie ist keine ausgebildete Kriegerin, die als solche in die Schlacht zieht. Die Szene lebt gerade davon, dass eine schwangere Frau tut, wovor die Männer zurückschrecken. Was es mit den kämpfenden Frauen des Nordens wirklich auf sich hat, beleuchten wir im Beitrag über die Schildmaid.

Freydís in der Popkultur

In den vergangenen Jahren ist Freydís vor allem durch die Serie Vikings: Valhalla einem großen Publikum bekannt geworden. Dort tritt sie als junge Kriegerin und leidenschaftliche Verteidigerin des alten Glaubens auf – eine Figur, die kämpft, reist und Geschichte macht. Das ist packendes Fernsehen, hat aber mit den Sagas nur noch den Namen gemeinsam. Die Serie erfindet frei: Sie verlegt Freydís in eine andere Zeit, gibt ihr einen erfundenen Werdegang und macht aus der widersprüchlichen Saga-Gestalt eine geradlinige Heldin.

Das ist legitim für fiktionale Unterhaltung – solange man weiß, dass es Fiktion ist. Problematisch wird es erst, wenn das Serienbild als „die wahre Freydís" verkauft wird. Denn eine gesicherte, historisch fassbare Freydís mit festem Charakter gibt es schlicht nicht.

Mythos-Check: „Freydís war eine kaltblütige Mörderin" – oder „eine trotzige Heldin" – oder „eine Schildmaid": Keine dieser Aussagen ist gesichert. Freydís ist eine literarische Figur des 13. Jahrhunderts, die in den beiden Vinland-Sagas gegensätzlich gezeichnet wird. Die Texte widersprechen sich fundamental in Handlung und Charakter; sie entstanden rund zweihundert Jahre nach den Ereignissen und verfolgen erzählerische Absichten. Die moderne Aufladung zur „Schildmaid Freydís" (etwa in Vikings: Valhalla) ist reine Fiktion. Ehrlich ist nur: Es gab wahrscheinlich eine Frau namens Freydís in der Familie Eriks des Roten – wer sie war, wissen wir nicht.

Warum uns Freydís gerade so fasziniert

Man könnte meinen, der Widerspruch mache Freydís uninteressant. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade weil wir sie nicht auf ein einziges Bild festnageln können, wird sie zu einem Spiegel dessen, was wir in eine Frau der Wikingerzeit hineinlesen. Wer eine finstere Antiheldin sucht, findet sie in der Grönländer-Saga. Wer eine furchtlose Grenzgängerin sucht, findet sie bei Erik dem Roten. Beide Freydís sind echt – als Erzählungen. Keine ist es als gesicherte Biografie.

Für uns bei Glanz & Gravur ist das die eigentliche Lektion: Die Wikingerzeit ist selten so eindeutig, wie es Filme und Serien nahelegen. Wer die alten Geschichten ehrlich erzählt, muss die Brüche mit erzählen. Freydís Eiríksdóttir ist das beste Beispiel dafür, dass eine Gestalt zwei Gesichter tragen kann – und dass beide zur selben Zeit erfunden worden sein können. Genau darin liegt ihr bleibender Reiz: nicht in einer Antwort, sondern in einer offenen Frage.

Fazit

Freydís Eiríksdóttir gehörte zu einer Familie, die die Grenzen der bekannten Welt verschob. Sie fuhr nach Vinland, in ein Land, das erst tausend Jahre später durch die Spaten von Archäologen wieder greifbar wurde. Die Sagas machten sie zur Mörderin und zur Heldin zugleich. Wir müssen nicht wählen, welche Version „stimmt" – wir sollten nur nicht so tun, als wüssten wir es. Freydís bleibt eine der eindrucksvollsten und zugleich rätselhaftesten Frauen des Nordens: eine Gestalt aus zwei Sagas, mit zwei Gesichtern, und einem Namen, der die Göttin Freyja in sich trägt.

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