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Die Wilzen – der Verband vor den Lutizen

Geschichte & Funde Die Wilzen – der Verband vor den Lutizen

Im Sommer 789 führte Karl der Große das einzige Heer seiner Regierungszeit, das er persönlich tief in slawisches Gebiet brachte, über die Elbe nach Nordosten. Ziel war ein Verband, den die fränkischen Schreiber Wilzen nannten. Was dieser Verband war – ein Volk, ein Bündnis, eine Verlegenheitsbezeichnung fremder Beobachter –, ist bis heute nicht entschieden. Dieser Artikel handelt vom 8. und 9. Jahrhundert, also von den Wilzen selbst, nicht von den Lutizen, die erst zweihundert Jahre später auftauchen.

Ein Verband, der nur aus fremdem Mund spricht

Von den Wilzen ist kein einziger selbst verfasster Satz überliefert. Kein Vertrag, keine Inschrift, keine Chronik aus ihrer eigenen Hand. Alles, was wir über sie wissen, steht in lateinischen Texten, die im Frankenreich geschrieben wurden – von Männern, die den Verband entweder als militärisches Problem oder als Kulisse für den Ruhm ihres Königs behandelten. Das ist keine Randbemerkung, sondern die entscheidende Bedingung für jeden Satz, der über sie gesagt werden kann.

Ihr Siedlungsgebiet lag nach heutigem Forschungsstand im östlichen Mecklenburg, in Vorpommern und im Norden des heutigen Brandenburg: an der Peene, um den Tollensesee und den Kummerower See, auf Usedom, in der Uckermark, im Süden an Havel und Spree. Das grenzt sie im Westen von den Obodriten ab, im Süden von den Sorben und im Osten von den Pomoranen. Es ist eine Karte, die aus Quellenstellen erschlossen und nicht aus Grenzsteinen abgelesen wurde.

Handschriftenseite der fränkischen Reichsannalen
Eine Seite der Reichsannalen in karolingischer Minuskel: der Eintrag zum Jahr 814 mit dem Tod Karls des Großen und der roten Schlusszeile Finiunt gesta domni Karoli magni. Die Nachricht vom Wilzenfeldzug des Jahres 789 steht im selben Werk, wenige Blätter zuvor – und in derselben Handschrift-Gattung, aus der praktisch unser ganzes Wissen über die Wilzen stammt. Bild: gemeinfrei.

Was die Quellen hergeben – und was nicht

Die Hauptquelle sind die Reichsannalen, die Annales regni Francorum. Sie berichten zu den Jahren 789, 799, 808 bis 812 und 823 über die Wilzen. Dazu kommen die überarbeitete Fassung dieser Annalen, Einhards Vita Karoli Magni, eine letzte Nennung in den Annalen von Saint-Bertin zu 839 und die Zahlenliste des sogenannten Bayerischen Geographen. Das ist alles. Für rund einhundertfünfzig Jahre Geschichte eines großen Verbandes haben wir weniger als ein Dutzend brauchbarer Stellen.

Diese Stellen sind zudem nicht neutral. Die Annalisten interessierten sich für die Wilzen genau dann, wenn ein karolingischer Herrscher gegen sie zog, sie unterwarf oder über sie richtete. Zwischen den Einträgen klaffen Lücken von zehn und zwanzig Jahren, in denen nichts überliefert ist – nicht weil nichts geschah, sondern weil niemand Anlass sah, etwas aufzuschreiben. Wer aus dieser Überlieferung eine Geschichte des Verbandes bauen will, baut auf Löchern.

Warum 789 ein Reichsheer über die Elbe zog

Der unmittelbare Anlass, den die fränkischen Texte nennen, waren fortgesetzte wilzische Angriffe auf die Obodriten, die seit längerem mit den Franken verbündet waren. Die Wilzen, so die Darstellung, ließen sich durch Anweisungen des Königs nicht zurückhalten. Das ist die Begründung der Sieger, und sie hat die Funktion, den Feldzug als Rechtsdurchsetzung erscheinen zu lassen.

Der strukturelle Grund liegt tiefer. Die Sachsenkriege waren in ihre entscheidende Phase getreten, und das Frankenreich wollte die Elbe als Reichsgrenze mit befriedeten Nachbarräumen dahinter. Dragowits Einflussbereich reichte aber über das eigentliche wilzische Siedlungsgebiet hinaus bis an die mittlere Elbe: Die Linonen um Lenzen, die Smeldinger und die Bethenzer standen ihm unter oder waren mit ihm verbündet. Solange das so war, lag hinter der frisch eroberten sächsischen Grenze eine Macht, die dort mitredete.

Der Feldzug: Feuer, Schwert und ein geöffnetes Tor

Karl stellte ein Heer aus Franken, Sachsen, Friesen, Sorben und Obodriten zusammen – bemerkenswerterweise also unter Beteiligung slawischer Verbündeter gegen slawische Gegner. Die Friesen kamen nach der Überlieferung auf Schiffen die Elbe herauf. Die Reichsannalen halten für das Jahr 789 fest, der Zug sei in die Gebiete Slawiens gegangen, deren Name Wilze sei. Die überarbeitete Fassung schildert, dass alles mit Feuer und Schwert verwüstet worden sei und dass der Verband dem königlichen Heer trotz seiner Zahl nicht lange habe standhalten können.

Am Ende stand keine Schlacht, sondern eine Öffnung. Vor der Burg des wilzischen Oberherrn kam Dragowit mit den Seinen heraus, stellte die geforderten Geiseln und leistete einen Eid. Die übrigen Großen und Fürsten der Slawen folgten. Karl ließ danach keine Besatzung zurück. Das entspricht der karolingischen Vorstellung von einer Grenze an der Elbe: Man wollte Ruhe im Vorfeld, nicht Herrschaft im Land.

Dragowit, ein Fürst über Fürsten

Die Annalen bezeichnen Dragowit als rex und sagen, er habe die übrigen Kleinfürsten der Wilzen an vornehmer Abkunft und an Ansehen des Alters überragt. Das ist eine der wenigen Stellen, an denen eine fränkische Quelle etwas über die innere Ordnung des Verbandes verrät: Es gab mehrere Herren, und einer stand über ihnen – aber nicht als Alleinherrscher, sondern als der Erste unter benennbar anderen.

Wie dieser Vorrang zustande kam, ist unbekannt. Ob er erblich war, gewählt wurde oder von den Franken bestätigt werden musste, steht in keiner Quelle. Wenn in populären Darstellungen Regierungsjahre für Dragowit erscheinen, etwa ab 740 bis 810, dann stammen diese Zahlen aus späterer Fachliteratur und genealogischen Zusammenstellungen, nicht aus den Annalen. Auch dass er Tribut zahlen und Missionare aufnehmen musste, findet sich in den zeitgenössischen Texten nicht; das ist Ausschmückung älterer Darstellungen.

Wo lag die civitas Dragawiti?

Die Quellen nennen den Ort der Unterwerfung civitas Dragawiti, also die Burg oder den Burgbezirk Dragowits. Einen Namen trägt der Platz nicht. Die in Reiseführern und im Netz kursierende Form Dragowitburg ist eine moderne Bildung und steht so in keinem mittelalterlichen Text.

Wo der Platz lag, ist offen. Die deutschsprachige Forschung neigt überwiegend zum Peeneraum bei Demmin, zuletzt konkret zu einem Burgwall bei Vorwerk. Andere Vorschläge setzen die Burg an der Havel an, mit Blick auf die spätere Brandenburg. Beide Ansätze sind Deutungen: Es gibt keinen Fund, keine Inschrift und keine eindeutige Wegbeschreibung in den Annalen, die die Frage entscheiden könnte. Wer eine Karte sieht, auf der die civitas Dragawiti eingezeichnet ist, sieht eine Hypothese, keine Fundstelle.

Einhards Blick auf die Ostsee

Einhard, der Karls Leben eine Generation später beschrieb, ordnet den Krieg in eine Geographie ein. Er beschreibt die Ostsee als einen Meerbusen, der sich vom westlichen Ozean nach Osten erstreckt, mit Dänen und Schweden – „die wir Nordmänner nennen“ – an der Nordküste und Slawen sowie Aisten an der Südküste. Unter diesen südlichen Völkern seien die Welataben die vornehmsten gewesen. Das ist der Rahmen, in den ein karolingischer Gelehrter den Verband stellte: kein Randvolk, sondern eine der maßgeblichen Mächte an der Ostsee.

His motibus ita conpositis, Sclavis, qui nostra consuetudine Wilzi, proprie vero, id est sua locutione, Welatabi dicuntur, bellum inlatum est. – Nachdem diese Unruhen so beigelegt waren, wurde Krieg geführt gegen die Slawen, die wir nach unserer Gewohnheit Wilzen nennen, die aber eigentlich, das heißt in ihrer eigenen Sprache, Welataben heißen.Einhard, Vita Karoli Magni 12; Übersetzung: Glanz & Gravur (Originaltext gemeinfrei)

Der Satz ist deshalb wertvoll, weil er die beiden Namensebenen ausdrücklich trennt. Einhard weiß, dass Wilzen die fränkische Gewohnheitsbezeichnung ist, und er weiß, dass die Betroffenen ein anderes Wort für sich benutzten. Ein zweites Mal nennt er die Welataben in der Aufzählung der von Karl bekriegten Völker.

Wilzen, Welataben, Weleten: der Streit um den Namen

Der Name Wilze erscheint 789 erstmals. Sprachlich gilt er als slawisch. Die in der Forschung am häufigsten vertretene Deutung führt ihn auf eine Wurzel mit der Bedeutung hoch oder groß zurück, sinngemäß also „die Großen“ oder „die Riesen“; die Form Welataben beziehungsweise Weleten steht in derselben Reihe. Sicher ist das nicht, denn eine Etymologie erklärt ein Wort, nicht ein Volk.

Sehr verbreitet ist daneben eine Herleitung vom slawischen Wort für Wolf. Sie klingt gut, passt zum Bild vom kriegerischen Grenzvolk und begegnet vor allem in populären Texten und in älterer Literatur, die Nebenformen wie Volki heranzieht. Als Erklärung des überlieferten Namens Wilze ist sie jedoch nicht gesichert. Wer sie als Tatsache weitergibt, verkauft eine Deutung als Befund.

Kein Volk, sondern ein Dach

Der Verband setzte sich am Ende des 8. Jahrhunderts aus mehreren Kleinstämmen zusammen, an deren Spitze jeweils ein regulus stand. Die Namen dieser Kleinstämme kennen wir nicht. Die fränkischen Quellen nennen sie schlicht nicht, weil sie für fränkische Zwecke ohne Belang waren. Was verhandelt wurde, wurde mit dem Oberherrn verhandelt.

Damit stellt sich die Grundfrage dieses Artikels. Waren die Wilzen ein Volk mit gemeinsamer Herkunft und Selbstbezeichnung – oder waren sie ein Dach, unter das fränkische Beobachter mehrere Gruppen stellten, weil diese gemeinsam handelten und einen gemeinsamen Sprecher hatten? Einhards Satz über die Selbstbezeichnung spricht für ein gewisses Eigenbewusstsein. Das Fehlen aller Einzelnamen und die Beobachtung, dass der Verband nach 789 rasch an Bindekraft verlor, sprechen eher für das Dach. Die Forschung ist hier uneins.

Der Bayerische Geograph und seine Zahlen

Die einzige Quelle, die Größenordnungen nennt, ist die Liste, die nach ihrem Aufbewahrungsort Bayerischer Geograph heißt. Dort steht der Eintrag Vuilci, in qua ciuitates XCV et regiones IIII: fünfundneunzig civitates und vier regiones. Eine Untergliederung in regiones verzeichnet die Liste nur bei drei sicher bestimmbaren Verbänden – Obodriten, Wilzen, Sorben – und bei einer unbekannten Gruppe. Das ist ein starkes Indiz dafür, dass der Schreiber die Wilzen als mehrgliedrig kannte.

Nur: Was eine civitas in diesem Text bedeutet, ist ungeklärt. Burg, Siedlungskammer oder Verwaltungsbezirk – die Fachdiskussion läuft seit Jahrzehnten. Auch die Datierung ist strittig; neuere Arbeiten setzen den ersten Textteil ins späte 9. Jahrhundert, die erhaltene Handschrift ins 10. Die Zahl fünfundneunzig ist deshalb kein Zensus, sondern eine Angabe unbekannter Herkunft in einer Liste unbekannten Zwecks. Die verbreitete Gleichsetzung der vier regiones mit den später bezeugten Kessinern, Redariern, Tollensern und Zirzipanen hat sich schon wegen des zeitlichen Abstands nicht durchgesetzt.

Die Prignitz: der eigentliche Streitfall

Karl änderte 789 politisch nur wenig – aber das Wenige lag an der Elbe. Die Kleinstämme der Prignitz, Linonen, Smeldinger und Bethenzer, unterstellte er der Oberhoheit der Obodriten unter deren Oberherrn Witzan, mit dem er ein Bündnis geschlossen hatte. Damit war der wilzische Einfluss von der mittleren Elbe abgeschnitten.

Diese Regelung hielt keine Generation. Schon 799 musste Karl seinen gleichnamigen Sohn an die Elbgrenze schicken, um Streitigkeiten zwischen Wilzen und Obodriten um die Vorherrschaft in der Prignitz zu schlichten. Der Landstrich war kein Nebenschauplatz: Dort liefen die Verbindungen zwischen Elbe und Ostseeraum zusammen, und wer ihn kontrollierte, kontrollierte den Zugang zur Reichsgrenze.

808 bis 812: Dänen, Obodriten, Grenzkrieg

Die zweite dichte Nachrichtenphase beginnt 808. In diesem Jahr griff der Dänenkönig Godfred die Obodriten an und zerstörte deren Ostseemarkt Reric. Im selben Zug fielen Linonen und Smeldinger von den Obodriten ab und kamen wieder unter wilzischen Einfluss, während die Wilzen von Osten her in obodritisches Kernland eindrangen, plünderten und sich zurückzogen.

809 kehrte sich das Verhältnis um: Der obodritische Oberherr Drasco verwüstete wilzisches Gebiet und nahm anschließend die größte Burg der Smeldinger. 810 zerstörten die Wilzen die erst im Vorjahr errichtete fränkische Burg Hohbuoki an der Elbe, in der ein Gesandter des Kaisers und eine ostsächsische Besatzung lagen. 812 marschierten drei fränkische Heeresabteilungen gemeinsam mit den Obodriten in der Prignitz gegen die Wilzen. Am Ende stand keine Entscheidung, sondern der Zustand von vor 789: Der wilzische Einflussbereich reichte wieder an die mittlere Elbe.

823: ein Herrschaftsstreit und wer ihn entschied

Die aufschlussreichste Einzelnachricht steht zum Jahr 823. Der populus Wilzorum habe Milegast, den Sohn des Liub, als Oberherrn eingesetzt und wieder abgesetzt und danach dessen Bruder Cealadragus bestimmt. Hier taucht also so etwas wie ein Verfassungsorgan auf, ein handelndes Volk oder eine Versammlung.

Nur endet die Geschichte nicht dort. Die streitenden Brüder reisten zum fränkischen Kaiser und baten Ludwig den Frommen um eine Entscheidung – und erst diese Entscheidung scheint Verbindlichkeit gehabt zu haben. Wer sich hinter dem populus Wilzorum verbirgt und wie weit dessen Beschlüsse trugen, lässt sich aus dem einen Satz nicht rekonstruieren.

839 – und dann Stille

Zum Jahr 839 erscheinen die Wilzen ein letztes Mal in erzählenden fränkischen Quellen: in den Annalen von Saint-Bertin, bei einem gemeinsamen Angriff von Sorben und Wilzen auf sächsisches Gebiet. Danach brechen die Nachrichten ab. Was bleibt, sind Listeneinträge – der Bayerische Geograph und die angelsächsische Völkertafel in der Orosius-Bearbeitung aus der Zeit Alfreds des Großen, die die Wilzen mit den Hevellern gleichsetzt.

Diese Gleichsetzung ist wahrscheinlich ein Irrtum aus der Ferne: Widukind von Corvey kann 929 noch sauber zwischen Wilzen und Hevellern unterscheiden, und auch der Bayerische Geograph führt beide getrennt. Das Schweigen der Quellen nach 839 bedeutet im Übrigen nicht, dass der Verband erloschen wäre. Es bedeutet, dass er für fränkische Schreiber aufgehört hatte, wichtig zu sein.

Was die Archäologie beitragen kann

Im erschlossenen Siedlungsgebiet liegen Fundschwerpunkte im Peenegebiet, auf Usedom, südöstlich von Malchin, bei Altentreptow, am Tollensesee, am Kummerower See und in der Uckermark. Dazu kommen die Ostseeplätze, an denen sich Handel greifen lässt – Menzlin an der Peene und Ralswiek auf Rügen gehören zu den bekanntesten.

Ein Leitfund der Zeit ist die nach dem Burgwall Feldberg benannte Keramik, scheibengedrehte Ware mit Kamm- und Wellenbanddekor, die ins 8. und frühe 9. Jahrhundert gehört. Der Burgwall Feldberg selbst zeigt exemplarisch, wie vorsichtig man sein muss: Carl Schuchhardt hielt ihn 1924 für das gesuchte Rethra; Grabungen unter Joachim Herrmann wiesen 1967 nach, dass die Burg lange vor der Rethra-Zeit aufgegeben war. Und grundsätzlich gilt, was Sebastian Brather für die westslawische Archäologie herausgearbeitet hat: Ein Keramikstil ist ein Handwerks- und Verbreitungsphänomen, kein Ausweis. Töpfe nennen keine Stammesnamen.

Wurden aus den Wilzen die Lutizen?

Die Gleichung Wilzen gleich Lutizen ist so eingängig, dass sie überall steht. Sie ist aber mindestens unscharf. Der Verband der Wilzen zerfiel bis zur Mitte des 10. Jahrhunderts; der Lutizenbund erscheint erst nach dem Slawenaufstand von 983 und wird bei Adam von Bremen greifbar. Zwischen beiden liegt mehr als ein Jahrhundert.

Wichtiger als der Zeitabstand ist der Unterschied in der Verfassung. Die Wilzen kannten einen Oberherrn, mit dem man verhandeln konnte – genau das machte 789 eine Unterwerfung überhaupt möglich. Der Lutizenbund hatte keine zentrale Führung, sondern eine Versammlung, und seine Stämme entschieden gemeinsam. Ein Teil der Forschung, beginnend mit Wolfgang H. Fritze, betrachtet die Lutizen deshalb nicht als Rechtsnachfolger, sondern als Neubildung auf einem Teil des früher wilzischen Raums. Räumliche Überschneidung ist keine Kontinuität.

Warum uns das hier beschäftigt

Das alles spielt vor der Haustür: an Havel und Spree, an Peene und Tollense, an der Ostseeküste zwischen Demmin und der Oder. Es ist norddeutsche Geschichte, kein fernes Kapitel. Und es ist ein guter Prüfstein für den Umgang mit Vergangenheit überhaupt. Wir kennen die Wilzen ausschließlich durch die Augen derer, die gegen sie zogen; wir kennen nicht einen einzigen Namen ihrer Kleinstämme; wir wissen nicht sicher, wo ihre wichtigste Burg stand. Wer das ehrlich benennt, verliert nichts. Er gewinnt einen Blick auf die Lücken – und die Lücken sind an dieser Stelle das Ehrlichste, was die Überlieferung zu bieten hat.

Was gesichert ist

Der Name erscheint 789 als Wilze in den Reichsannalen. Karl der Große führte in diesem Jahr ein Heer aus Franken, Sachsen, Friesen, Sorben und Obodriten gegen den Verband; der Oberherr Dragowit öffnete seine Burg, stellte Geiseln und leistete einen Treueid, weitere Fürsten folgten. Einhard hält in der Vita Karoli Magni ausdrücklich fest, dass Wilzen die fränkische Bezeichnung und Welataben die Eigenbezeichnung sei. Der Bayerische Geograph nennt für die Vuilci fünfundneunzig civitates und vier regiones. Belegt sind ferner der Abfall von Linonen und Smeldingern 808, der obodritische Gegenschlag 809, die Zerstörung der fränkischen Burg Hohbuoki durch die Wilzen 810, der Feldzug von 812 und der Herrschaftsstreit um Milegast und Cealadragus 823, den Ludwig der Fromme entschied. Die letzte erzählende Nennung steht zu 839.

Mythos-Check

Der Name Wilzen kommt nach verbreiteter Darstellung vom slawischen Wort für Wolf. Das ist eine Deutung, keine gesicherte Etymologie; die Forschung neigt eher zu einer Wurzel mit der Bedeutung hoch oder groß. Der Burgname Dragowitburg ist eine moderne Bildung – die Quellen sagen nur civitas Dragawiti, und deren Lage ist zwischen Peeneraum und Havelraum bis heute offen. Regierungsdaten für Dragowit, etwa 740 bis 810, sowie Tributzahlungen und aufgenommene Missionare stammen aus späterer Literatur, nicht aus den Annalen. Wilzen und Lutizen sind nicht dasselbe: Zwischen dem Zerfall des einen und dem Auftreten des anderen liegt über ein Jahrhundert, und die Verfassungen unterscheiden sich grundlegend. Die angelsächsische Völkertafel setzt Wilzen und Heveller gleich – das ist ein Fernirrtum, denn die kontinentalen Quellen trennen beide. Und wenn Widukind von Corvey die Wilzen unter den 928/929 von Heinrich I. tributpflichtig gemachten Völkern aufzählt, dient das nach heutiger Lesart der Verherrlichung Heinrichs im Vergleich mit Karl dem Großen; einen Wilzenfeldzug Heinrichs I. gab es nicht.

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