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Die Redarier – Führungsmacht eines Bundes ohne Herrscher

Geschichte & Funde Die Redarier – Führungsmacht eines Bundes ohne Herrscher

Adam von Bremen nannte sie das mächtigste Volk zwischen Elbe und Oder. Die Redarier führten den Lutizenbund an, in ihrem Land stand dessen Zentralheiligtum, und von dort ging 983 der Aufstand aus, der die ottonische Ostpolitik für Jahrzehnte anhielt. Trotzdem besitzen wir von ihnen keinen einzigen eigenen Satz: kein Gesetz, keine Urkunde, nicht einmal den Namen eines Fürsten. Alles, was wir wissen, stammt von Chronisten der Gegenseite. Dieser Artikel fragt deshalb nach etwas anderem als nach dem berühmten Tempel: Wie konnte ein Volk ohne Herrscher zur Führungsmacht werden, warum zerbrach diese Führung 1057 im eigenen Bund, und warum blieben ausgerechnet die Mächtigsten die Unbekanntesten?

Modell einer slawischen Burganlage
Modell einer westslawischen Burganlage (Behren-Lübchin, Mecklenburg). Die Burgen der Lutizen sahen ähnlich aus – von Riedegost selbst ist bis heute kein Stein gefunden. Foto: Wolfgang Sauber, CC BY-SA 4.0.

Ein Volk, das nur von außen beschrieben wird

Die Redarier waren ein westslawisches Volk im Südosten des heutigen Mecklenburg-Vorpommern. Sie schrieben nicht, oder jedenfalls nicht auf etwas, das die Jahrhunderte überdauert hätte. Was von ihnen erhalten ist, sind vier Textzeugen und ein paar Urkundenzeilen – und alle stammen von Leuten, die auf der anderen Seite standen: Widukind von Corvey, ein sächsischer Mönch, der um 967 schreibt; Thietmar von Merseburg, ein Bischof, dessen Chronik zwischen Ende 1012 und 1018 entsteht; Adam von Bremen, Domherr, um 1070 bis 1076; und Helmold von Bosau, Pfarrer, um 1167.

Das ist keine Nebenbemerkung, sondern die entscheidende methodische Bedingung für alles Folgende. Diese Männer waren keine Reporter. Thietmar schrieb, während sein Kaiser mit den Lutizen verbündet war – ein Bündnis, das er ablehnte; sein Bericht ist unter anderem eine Warnschrift. Adam nannte Rethra eine metropolis, ein Wort, das er sonst Erzbistumssitzen vorbehielt, und er meinte das nicht als Kompliment. Weder Thietmar noch Adam war je dort. Wer über die Redarier spricht, spricht also immer zuerst über das Bild, das sich ihre Feinde von ihnen machten.

Der Name: drei Deutungen, kein Ergebnis

Schon beim Namen hört die Sicherheit auf. Er begegnet zuerst in einer Urkunde Ottos I. vom 14. Oktober 936 in der Form Riadri. Widukind schreibt Redarii und Redares, Thietmar Redarii, Rederii, Riedirii, Adam Retharii, Retheri, Rederi, Helmold schließlich Ridari, Rederi und Riaduri. Im 19. Jahrhundert war die Schreibung Rhedarier verbreitet; heute hat sich Redarier durchgesetzt.

Eine allgemein anerkannte Herleitung gibt es bis heute nicht, und die Vorschläge liegen weit auseinander. Ernst Eichler dachte an ein germanisches Wort für Ried und Reet und kam so auf Riedmänner. Theodolius Witkowski hielt den Namen für slawisch und übersetzte ihn sinngemäß als Ratgeber oder Leute des Orakels – was verlockend zum Heiligtum passt, aber eben deshalb Vorsicht verlangt. Heinrich Kunstmann wiederum nahm griechischen Ursprung an, abgeleitet vom Ortsnamen Rethra. Drei Sprachen, drei Ergebnisse: Man sollte den Namen nicht als Argument verwenden.

Wo sie saßen

Auch das Siedlungsgebiet steht in keiner Quelle. Es wird im Ausschlussverfahren erschlossen, und die herrschende Meinung setzt die Redarier zwischen Neubrandenburg im Norden und Neustrelitz im Süden an, also in den Raum der späteren Länder Stargard und Wustrow im südöstlichen Mecklenburg. Der Tollensesee liegt darin. Im Nordwesten grenzten die Tollenser, im Südosten die Ukranen. Weiter westlich, jenseits der Peene, saßen Zirzipanen und Kessiner, die vorher zum Machtbereich der Obodriten gehört hatten.

Das ist ein Land aus Wasser, Wald und schmalen Landbrücken. Wer es kennt, versteht die militärische Geschichte der Redarier besser: Ein Heer, das hier eindringt, bewegt sich auf wenigen Wegen zwischen Seen, und wer die Übergänge hält, hält das Land.

929: der erste Auftritt endet in einer Katastrophe

Widukind lässt die Redarier zum Jahr 929 in die Geschichte eintreten – und zwar so, als seien sie längst bekannt. Er erwähnt eine Provinz der Redarier, die einem sächsischen Grafen Bernhard untersteht; eine Abwehrorganisation bestand also bereits. Zu Beginn herrschte Frieden, die Redarier zahlten Heinrich I. Tribut.

Dann kam die Politik dazwischen. Thankmar, der älteste Sohn Heinrichs, sah sich zugunsten seines Halbbruders Otto übergangen und schickte eine Gesandtschaft zu den Redariern, um sie aufzustacheln. Was in der Botschaft stand, weiß niemand; die Redarier erschlugen die Gesandten. Danach überquerten sie die Elbe, nahmen die Burg Walsleben in der Altmark und töteten oder verschleppten deren Bewohner. Die sächsische Antwort kam sofort: Am 4. September 929 unterlagen die Redarier in der Schlacht bei Lenzen. Die überlieferten Zahlen – 120.000 gefallene Slawen in den Corveyer Annalen, bei Widukind sogar bis zu 200.000, dazu 800 Gefangene, die am Hof geköpft worden sein sollen – sind Chroniksprache, nicht Statistik. Die Größenordnung des Grauens ist glaubhaft, die Zahl nicht.

Ein Volk, das sich nicht unterwerfen ließ

Bemerkenswert ist, was danach nicht geschah. Lenzen war keine Unterwerfung. Otto I. schickte unmittelbar nach seiner Erhebung 936 wieder ein Heer gegen die Redarier. 955, nach der Schlacht an der Raxa, zahlten Tollenser und Zirzipanen Tribut – von den Redariern wird nichts dergleichen berichtet. 957 zog Otto erneut gegen sie. Erst für 965 nennt eine Kaiserurkunde eine Tributpflicht, und schon 967 kam es wieder zu Kämpfen. Aus Italien beschwor der Kaiser die in der Pfalz Werla versammelten sächsischen Großen brieflich, während seiner Abwesenheit keinen Frieden mit den treulosen Redariern zu schließen. Sie taten es trotzdem: Vor einem Feldzug gegen die Dänen schien ihnen Ruhe an der Ostgrenze wichtiger als kaiserlicher Grundsatz.

In vierzig Jahren also: mehrere Niederlagen, ein paar Jahre Tribut, keine dauerhafte Herrschaft. Für ein Volk ohne König ist das eine bemerkenswerte Bilanz.

Führung ohne Fürst

Genau hier liegt das Eigentümliche. Die Obodriten hatten Fürsten, die Ranen hatten einen Fürsten neben ihren Priestern, die Pomoranen bekamen Herzöge. Die Lutizen hatten niemanden. Thietmar beschreibt das mit einer Genauigkeit, die man ihm abnehmen darf, weil sie ihm gar nicht gefällt.

His autem omnibus, qui communiter Liutici vocantur, dominus specialiter non presidet ullus. Unanimi consilio ad placitum suimet necessaria discutientes, in rebus efficiendis omnes concordant.

„Über sie alle aber, die man gemeinsam Lutizen nennt, steht kein einziger Herr. Wenn sie das Nötige in einmütigem Rat auf ihrer Versammlung beraten, dann müssen bei der Ausführung auch alle übereinstimmen.“Thietmar von Merseburg, Chronicon VI,25 (im Zusammenhang VI,23–25); Übersetzung: Glanz & Gravur

Thietmar nennt auch, was geschah, wenn jemand widersprach: Wer sich in der Versammlung gegen einen Beschluss stellte, wurde mit Stöcken geschlagen; wer sich außerhalb offen widersetzte, verlor sein Eigentum durch Brand und Plünderung oder musste eine seinem Stand entsprechende Summe zahlen. Das ist kein Idyll der Basisdemokratie. Es ist ein Zwangssystem ohne Herrscher – Einstimmigkeit, die notfalls hergestellt wird.

Autorität aus einem Heiligtum

Wenn kein Fürst führt, muss die Autorität woanders herkommen. Bei den Lutizen kam sie aus dem Heiligtum im Land der Redarier: der Tempelburg, die Thietmar Riedegost nennt und die spätere Jahrhunderte unter dem Namen Rethra kennen. Dort wurden die Feldzeichen verwahrt, die nur für den Krieg herausgegeben wurden. Dort verabschiedete man die Heere und empfing sie zurück. Dort lag der Tempelschatz, gespeist aus den Gaben nach siegreichen Zügen. Und dort entschied ein zweistufiges Orakel – erst Lose, dann ein heiliges Pferd, das über gekreuzte Lanzen geführt wurde – ob ein Unternehmen überhaupt begonnen wurde. Nur wenn beide Stufen dasselbe Vorzeichen ergaben, ging man los.

Die Einzelheiten des Ortes und seines Kults haben wir an anderer Stelle ausführlich behandelt: bei den Lutizen, in deren Artikel Rethra, Zuarasici und der Aufstand von 983 im Zusammenhang stehen. Hier zählt nur die politische Mechanik: Das Heiligtum ersetzte die Dynastie. Wer es besaß, besaß die Führung – ohne einen einzigen Thron.

Die Priester als Diplomaten

Daraus folgte eine Machtstellung, die in den Quellen deutlich durchscheint. Die Priester von Riedegost bewahrten nicht nur die Bilder und das Pferd, sie leiteten die Opfer, deuteten die Lose und traten nach außen auf. In Verhandlungen mit dem Reich und mit Polen erscheinen sie als Unterhändler. Ein Volk, das keinen Fürsten hatte, den man kaufen, verheiraten oder taufen konnte, war für die Nachbarn schwer zu greifen – und genau diese Unangreifbarkeit sicherte den Lutizen über Generationen ihre Freiheit.

983: das Signal geht von den Redariern aus

Im Sommer 983 erhoben sich die elbslawischen Verbände unter Führung der Lutizen. Am 29. Juni fiel Havelberg, drei Tage später die Brandenburg, Sitz des Markgrafen Dietrich von Haldensleben und Bischofssitz. Der Kirchenschatz wurde geplündert, die Geistlichkeit gefangen, das Land bis zum Tanger verwüstet; selbst Magdeburg war bedroht, bis ein eilig aufgestelltes sächsisches Heer die Angreifer Ende Juli oder Anfang August hinter die Elbe zurückdrängte. Helmold berichtet, die Erhebung sei nach einer Versammlung in Rethra begonnen worden – also im Land der Redarier.

Die Folgen waren erheblich: Die Bischöfe von Havelberg und Brandenburg lebten fortan außerhalb ihrer Sprengel, meist am Königshof, und die Kirchenorganisation östlich der Elbe kam für rund zwei Jahrhunderte zum Erliegen. Ob man das eine Schicksalswende Mitteleuropas nennen darf, ist eine andere Frage – dazu unten mehr.

Verbündete des Kaisers

Zwanzig Jahre später kam es zu einer der merkwürdigsten Konstellationen des Mittelalters. Heinrich II. schloss 1003 ein Bündnis mit den heidnischen Lutizen und führte ab 1004 Krieg gegen das christliche Polen Bolesławs I. 1005 und 1017 zogen lutizische Aufgebote mit dem kaiserlichen Heer – und sie trugen ihre Götterbilder mit sich, vor den Truppen her. Thietmar hat genau das gesehen und in seiner Chronik festgehalten, mit unverhohlenem Abscheu; er richtet sich an dieser Stelle sogar direkt an seinen Leser und mahnt ihn, sich von diesem Kult fernzuhalten.

Für die Redarier war das Bündnis ein Erfolg: Es sicherte ihnen Jahrzehnte, in denen niemand ernsthaft ihre Bekehrung betrieb. Bezahlt wurde es mit polnischen Einfällen in ihr Gebiet.

1056/57: die Führung zerbricht am eigenen Bund

Der militärische Höhepunkt lag unmittelbar vor dem Bruch. 1056 vernichteten die Lutizen bei Havelberg ein sächsisches Heer unter Wilhelm von der Nordmark. Ein Jahr später fielen sie übereinander her.

Adam von Bremen schildert den Krieg als Streit um Führung und Macht innerhalb der vier Völker. Und hier ist Genauigkeit nötig, weil die verbreitete Kurzfassung falsch ist. Adam schreibt: Tollenser und Redarier wurden, obwohl ihnen die Kessiner halfen, von den Zirzipanen besiegt. Der Krieg wurde erneuert – die Redarier wurden aufgerieben. Beim dritten Anlauf blieben wieder die Zirzipanen Sieger. Dreimal geschlagen riefen die Unterlegenen fremde Mächte ins Land: den Obodritenfürsten Gottschalk, Herzog Bernhard von Sachsen und den Dänenkönig. Sieben Wochen lang hielten die Zirzipanen dem Heer der drei Herrscher stand, ehe sie sich mit 15.000 Talenten Silber freikauften. Adams Schlussurteil ist bitter und gilt seiner eigenen Seite: Vom Christentum sei keine Rede gewesen, die Sieger hätten nur auf Beute gesehen.

Das ist der Wendepunkt des ganzen Themas. Die Redarier hatten die Führung ausgeübt, weil sie das Heiligtum besaßen. Als andere Teilvölker diese Führung nicht länger bezahlen wollten, gab es kein Mittel, sie zu erzwingen – keinen König, kein stehendes Heer, keine Verwaltung. Es blieb nur, den Feind von gestern um Hilfe zu bitten. Wer das tut, hat aufgehört, eine Führungsmacht zu sein.

1066 und 1068: das Ende der Vormacht

Der Bund erholte sich noch einmal für einen Moment. 1066 wurde der Mecklenburger Bischof Johannes gefangen, sein abgeschlagener Kopf auf einen Spieß gesetzt und im Heiligtum geopfert. Die Rache folgte 1068: Bischof Burchard II. von Halberstadt drang bis in das Heiligtum vor und führte das heilige Pferd fort. Die Annales Augustani halten den Ort unter dem Namen Rheda fest – es ist die letzte zeitgenössische Nennung. Danach ging die kultische und militärische Vormachtstellung im westslawischen Norden auf Arkona bei den Ranen über.

Ob das Heiligtum 1068 endgültig unterging, ist offen. Ebo, ein Biograph Ottos von Bamberg, berichtet von der Zerstörung einer lutizischen Stadt samt Tempel durch König Lothar von Supplinburg; das wird in der Literatur um 1125 bis 1127 angesetzt, doch der Ort wird nicht genannt.

Das Ende eines Namens

Das 12. Jahrhundert räumte auf. Die östlichen Lutizengebiete zwischen Peene, Tollense, Uecker und Oder unterwarf der pommersche Herzog Wartislaw I.; 1128 nahmen die dortigen Großen auf einer Versammlung in Usedom das Christentum an, und Otto von Bamberg ließ die Tempel von Wolgast und Gützkow zerstören. 1147 richtete sich der Wendenkreuzzug gegen Obodriten und Lutizen. Am Ende wurde das Land zwischen dem Herzogtum Pommern, dem Herzogtum Mecklenburg und der Mark Brandenburg aufgeteilt.

Den letzten urkundlichen Nachhall gibt eine Stiftung: Im August 1170 gründete Herzog Kasimir von Pommern das Kloster Broda am Tollensesee und stattete es mit 33 Dörfern aus – in dem Gebiet, in dem heute Neubrandenburg, Burg Stargard, Neustrelitz und Penzlin liegen. Als Aufgabe nennt die Überlieferung die Christianisierung der unterworfenen Redarier. Ihr Land, die terra Stargardiensis, ging im Vertrag von Kremmen am 20. Juni 1236 an die brandenburgischen Markgrafen und kam später zu Mecklenburg. Der Volksname verschwindet aus den Akten; das Land bleibt.

Was der Boden hergibt

Archäologisch ist das Redarierland gut untersucht und trotzdem stumm, denn Scherben tragen keine Volksnamen. Am Schlossberg über dem Breiten Luzin bei Feldberg liegt ein slawischer Höhenburgwall des 7. bis 9. Jahrhunderts, dessen Hauptburg bis zu 36 Meter über dem Wasserspiegel aufragt. Nach seinen Funden benannte Robert Beltz 1922 die Feldberger Keramik, eine der Leitformen der frühen elbslawischen Töpferei.

Der größte bekannte Siedlungskomplex im Gebiet der Redarier liegt am Südende des Tollensesees und im anschließenden See Lieps. Grabungen von Eike Gringmuth-Dallmer und Adolf Hollnagel förderten auf der Fischerinsel eine hölzerne Götterfigur aus slawischer Zeit zutage. Nach den Ergebnissen von Volker Schmidt lag auf der Insel Hanfwerder ein Zentrum einer adligen Führungsschicht mit einem Tempel, worauf zahlreiche Skelette von Opfertieren deuten; auf der Fischerinsel bestand eine über eine Holzbrücke erreichbare Marktsiedlung mit einem weiteren, offenbar allgemein zugänglichen Kultort. Das ist viel – und es ist trotzdem kein Beweis für Riedegost.

Was belegt ist
Die Redarier sind in vier erzählenden Quellen fassbar: Widukind von Corvey (um 967), Thietmar von Merseburg (1012–1018), Adam von Bremen (um 1070–1076) und Helmold von Bosau (um 1167); dazu kommen Urkunden Ottos I., darunter die Nennung Riadri vom 14. Oktober 936, und die Annales Augustani mit der Form Rheda. Gesichert sind die Schlacht bei Lenzen am 4. September 929, der Aufstand von 983 mit dem Fall Havelbergs am 29. Juni, das Bündnis mit Heinrich II. ab 1003, der Bruderkrieg von 1056/57, das Kopfopfer an Bischof Johannes 1066, der Zug Burchards II. von Halberstadt 1068 und die Gründung des Klosters Broda 1170. Archäologisch gesichert sind der Burgwall Feldberg (7.–9. Jh.) und die spätslawische Siedlungskammer Lieps–Tollensesee mit Tempelbefund auf Hanfwerder und hölzerner Götterfigur von der Fischerinsel. Thietmars Satz, dass über die Lutizen kein einziger Herr steht, ist die klarste Aussage zur Verfassung dieses Bundes, die wir besitzen.

Rethra: über dreißig Orte, kein Fund

Kein Thema der norddeutschen Landesgeschichte hat so viele Suchende gefunden. Ernst von Kirchberg nannte um 1379 Demmin, Albert Krantz 1519 Burg Stargard, Bernhard Latomus 1610 Prillwitz, David Franck schloss sich 1753 an. Seit den Grabungen Gustav Oestens Ende des 19. Jahrhunderts sucht auch die Archäologie mit. Inzwischen sind über dreißig Orte im Gespräch gewesen, und die Landesbibliographie Mecklenburg-Vorpommern verzeichnet mehr als dreihundert Titel zum Thema.

Gefunden ist nichts. Der lange favorisierte Schlossberg bei Feldberg schied nach Grabungen von 1967 aus, weil die Burg zum Zeitpunkt der Zerstörung im 11. Jahrhundert längst nicht mehr bestand. Auch die beiden Hauptquellen widersprechen sich: Bei Thietmar liegt die Burg an einem See, bei Adam ist sie ringsum von ihm umgeben; Thietmar zählt drei Tore, Adam neun. Die Neun wird heute überwiegend als Symbolzahl gelesen, als Anspielung auf die neun Arme der Styx – Adam wollte einen Ort der Unterwelt zeichnen, keinen Grundriss liefern. Dass der Name Rethra seit 2003 markenrechtlich geschützt ist und in der Region als Marketingbegriff dient, ist die vielleicht ehrlichste Pointe der ganzen Suchgeschichte.

Die Prillwitzer Idole

Wie stark der Sog dieses Themas war, zeigt ein Skandal des 18. Jahrhunderts. Ab 1768 tauchten in Neubrandenburg in den Sammlungen der Goldschmiedefamilie Sponholz mehrere Dutzend Bronzefiguren und Bronzeplatten auf, teils mit Runenzeichen versehen, teils mit dem Wort Rethra. Andreas Gottlieb Masch veröffentlichte sie 1771 gemeinsam mit den Abbildungen Daniel Woges als gottesdienstliche Altertümer der Obotriten. Die Gelehrtenwelt war elektrisiert; noch 1794 reiste Graf Jan Potocki nach Neubrandenburg, um sie zu studieren.

Es waren Fälschungen. Franz Boll legte im 19. Jahrhundert die kritische Geschichte dieser Stücke vor, und seither gelten sie als das, was sie sind: kunstfertige Erfindungen ihrer Zeit. Ihre Wirkung hielt aber weit über die Entlarvung hinaus an, und bis heute wandern Abbildungen der Prillwitzer Idole durch populäre Darstellungen als angebliche Götterbilder von Rethra.

Mythos-Check
„Der Gott von Rethra hieß Radegast.“ Bei Thietmar heißt der Ort Riedegost und der Gott Zuarasici. Erst Adam von Bremen macht Redigast zum Götternamen und Rethre zum Ortsnamen, Helmold folgt ihm. Ob Adam eine andere Überlieferung kannte oder Orts- und Götternamen verwechselte, ist bis heute strittig; die Forschung hält meist Thietmars Form für die ursprünglichere. Der populäre „Radegast“ ist damit vor allem Rezeptionsgeschichte.
„Rethra ist lokalisiert.“ Nein. Über dreißig Orte wurden vorgeschlagen, kein Fund trägt den Namen. Feldberg schied 1967 aus. Die Siedlungskammer Lieps–Tollensesee ist der aussichtsreichste Raum, mehr nicht.
„Die Prillwitzer Idole zeigen die Götter von Rethra.“ Sie sind Fälschungen des 18. Jahrhunderts.
„Die vier Stämme der Lutizen.“ Adam und Helmold nennen tatsächlich vier Völker, doch die Vierzahl ist auch Ordnungsleistung: Schon der Bayerische Geograph gibt den Wilzen vier regiones, und Adam selbst sagt, der Streit sei um Führung und Macht gegangen. Die Redarier nennt der Bayerische Geograph im Übrigen gar nicht.
„1057 standen Redarier und Tollenser gegen Kessiner und Zirzipanen.“ Das saubere Zwei-gegen-zwei-Schema stammt aus der Sekundärliteratur. Adam schreibt, den Tollensern und Redariern hätten die Kessiner geholfen – und die Zirzipanen hätten dreimal gesiegt. Die Redarier verloren diesen Krieg.
„983 war die Schicksalswende Mitteleuropas.“ Wolfgang H. Fritze hat 1984 so formuliert. Gerd Althoff und andere weisen dagegen darauf hin, dass die zeitgenössischen Quellen den Aufstand außerhalb Sachsens kaum registrieren und Grenzkonflikte dieser Art fast jährlich vorkamen. Zur Katastrophe wird 983 erst, wenn man ein ottonisches Aufbauwerk voraussetzt.

Slawische Namen in norddeutscher Landschaft

Wer heute durch die Mecklenburgische Seenplatte fährt, fährt durch das Redarierland, ohne dass ein Schild es sagt. Die Sprache verrät es trotzdem. Der Fluss Tollense trägt einen slawischen Namen, der auf ein Wort für Niederung und flaches Tal zurückgeht; er hat dem See, dem Volk der Tollenser und dem Tollensewinkel den Namen gegeben. Neubrandenburg, Neustrelitz, Penzlin, Prillwitz, Burg Stargard, Wustrow, Demmin – in dieser Aufzählung ist fast nichts deutschen Ursprungs außer den Zusätzen.

Die Endungen sind das Erkennungszeichen: -ow, -itz, -in, dazu Bildungen auf -gard. Rund 1.300 Ortsnamen zwischen Wismarer Bucht und mittlerer Peene sind auf ihren slawischen Ursprung untersucht worden. Die Redarier sind als Volk untergegangen, ihre Sprache ist verklungen – aber die Landkarte Norddeutschlands spricht sie in Bruchstücken bis heute. Wer sich für diesen Zusammenhang interessiert, findet bei den anderen westslawischen Völkern dieselbe Spur, von den Sorben in der Lausitz bis zu den Daleminziern an der Elbe und den Hevellern an der Havel.

Warum die Mächtigsten die Unbekanntesten blieben

Am Ende steht ein Befund, der wie ein Widerspruch aussieht und keiner ist. Die Redarier waren mächtig genug, um vier Jahrzehnte ottonischer Feldzüge zu überstehen, um 983 eine Kirchenprovinz zu zerschlagen und um einem Kaiser als Bündnispartner zu dienen. Sie hinterließen trotzdem weniger Spuren als kleinere Nachbarn – kein Herrschergrab, keine Münze, keine Dynastie, keinen Vertragstext.

Das ist kein Zufall, sondern die Kehrseite ihrer Verfassung. Ein Bund ohne Herrscher produziert keine Urkunden, weil niemand da ist, der sie ausstellt. Er produziert keine Genealogien, weil es keine Familie gibt, deren Anspruch zu begründen wäre. Und er hinterlässt keinen Nachfolger, der sein Andenken pflegt: Als das Land unter Pommern, Mecklenburg und Brandenburg aufgeteilt wurde, gab es niemanden mehr, der sich Redarier nannte. Was übrig blieb, war das Bild ihrer Gegner – ein dreieckiger Wall im dunklen Wald, ein Pferd über gekreuzten Lanzen und ein Name, den die Forschung bis heute nicht deuten kann.

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