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Die Tollenser – das Volk an der Tollense

Geschichte & Funde Die Tollenser – das Volk an der Tollense

Sie haben nie eine Zeile über sich selbst geschrieben. Alles, was wir über die Tollenser wissen, steht in den Chroniken ihrer Gegner: ein Satz in einer Klosterannale, ein paar Zeilen bei einem Bremer Domherrn, dazu Wälle im Boden Mecklenburg-Vorpommerns. Es reicht, um ein Volk zu umreißen, das ohne König lebte, an der Führung eines Bundes scheiterte und in einem Krieg unter Verwandten zerbrach. Und es reicht, um ein hartnäckiges Missverständnis auszuräumen: Das weltberühmte Schlachtfeld im Tollensetal hat mit ihnen nichts zu tun.

Die Tollense bei Demmin, ruhiger Flusslauf zwischen Ufergehoelz
Die Tollense kurz vor ihrer Muendung bei Demmin. In diesem Flussgebiet sassen die Tollenser – und rund zweitausend Jahre frueher, weiter flussaufwaerts, die Menschen des bronzezeitlichen Schlachtfeldes. Derselbe Fluss, zwei voellig verschiedene Geschichten. Foto: Leonhard Lenz, CC0.

Ein Volk, das nur in fremden Chroniken vorkommt

Die Tollenser – lateinisch Tholenzi, in älteren Belegen auch Tolonsenis und Tolensane, im Polnischen Dołężanie – waren ein westslawischer Stamm im Südosten des heutigen Mecklenburg-Vorpommern. Sie gehörten zu den vier Kernvölkern des Lutizenbundes. Über ihre Sprache, ihre Ordnung, ihren Glauben besitzen wir kein einziges Zeugnis aus ihrer eigenen Hand. Die Elbslawen dieser Region waren schriftlos; was von ihnen überliefert ist, haben sächsische Mönche, ein Bremer Domherr und ein holsteinischer Pfarrer aufgeschrieben – Männer, die auf der anderen Seite standen, militärisch wie religiös.

Das ist keine Kleinigkeit, sondern die Grundbedingung jeder Aussage über dieses Volk. Wir sehen die Tollenser ausschließlich dort, wo sie den Chronisten auffielen: im Krieg, bei der Tributzahlung, beim Aufstand. Ihr Alltag, ihre Höfe, ihre Toten bleiben im Dunkeln – bis auf das, was Grabungen hergeben. Wer über die Tollenser schreibt, schreibt deshalb immer zwei Dinge zugleich: das Wenige, das dasteht, und die Grenze dessen, was daraus folgt.

Wo sie saßen – und warum der See nicht dazugehört

Die Tollenser siedelten am Unter- und Mittellauf der Tollense, also im Raum zwischen Altentreptow und Demmin, nordwestlich des Tollensesees. Westlich von ihnen lagen die Zirzipanen um den Teterower See und Demmin, südlich die Redarier, östlich die Ukranen, an der unteren Warnow die Kessiner.

Hier lohnt ein genauer Blick, weil eine naheliegende Annahme in die Irre führt. Der Name legt nahe, die Tollenser hätten am Tollensesee gesessen. Die Forschung sieht das anders: Fred Ruchhöft lokalisiert die Redarier im Ausschlussverfahren zwischen Neubrandenburg und Neustrelitz, also in den späteren Ländern Stargard und Wustrow – und dieses Gebiet schließt den Tollensesee ein. Die Tollenser saßen demnach flussabwärts, nördlich davon. Der See, der ihren Namen trägt, lag nach dieser Rekonstruktion im Gebiet der Nachbarn. Das ist kein Detail für Landkartenfreunde: Es zeigt, wie stark unsere Vorstellung von „Stammesgebieten“ von modernen Namen gesteuert wird und wie wenig die Quellen selbst über Grenzen sagen.

Der Name: Leute aus der Niederung

Der Flussname Tollense wird auf eine slawische Bildung zur Wurzel dol- („Tal“, „Niederung“; vgl. dolina) zurückgeführt; die polnische Form des Gewässernamens lautet Dołęża, die des Volksnamens Dołężanie. Der Sinn ist also klar: Es geht um Menschen, die in einer Talniederung leben – und die Tollense fließt tatsächlich über weite Strecken in einem breiten Urstromtal mit hohen Uferhängen.

Weniger klar ist die Richtung. Wurde der Fluss nach den Leuten benannt oder die Leute nach dem Fluss? Beides ist sprachlich möglich, und die Quellen entscheiden es nicht. Vergleichbare Namen im Bund helfen nur begrenzt: Die Kessiner heißen nach ihrer Burg Kessin, die Zirzipanen nach der Peene – wobei schon hier zwei Deutungen konkurrieren, „um die Peene“ und „jenseits der Peene“. Beim Namen der Redarier gibt es bis heute keine anerkannte Erklärung; Vorschläge reichen von einer germanischen über eine slawische bis zu einer griechischen Herleitung. Wer bei Stammesnamen dieser Zeit eine eindeutige Etymologie präsentiert bekommt, sollte misstrauisch werden.

Der erste Satz über sie: St. Gallen, 16. Oktober 955

Die früheste Nennung der Tollenser steht nicht bei Adam von Bremen, sondern rund hundert Jahre früher – in einem knappen Jahreseintrag der Größeren St. Galler Annalen. Ein Schweizer Klosterschreiber notiert dort, an welchem Tag König Otto I. gegen eine slawische Koalition kämpfte, wer dazugehörte und wie es ausging. Der Eintrag ist zeitnah und nüchtern; er ist zugleich der Beleg dafür, dass die Tollenser schon in der Mitte des 10. Jahrhunderts als eigenständige Größe wahrgenommen wurden.

Eodem anno Otto rex et filius eius Liutolf in festivitate sancti Galli pugnaverunt cum Abatarenis, et Vulcis, et Zcirizspanis, et Tolonsenis, et victoriam in eis sumpsit, occiso duce illorum nomine Ztoignavo, et fecit illos tributarios.

Im selben Jahr kämpften König Otto und sein Sohn Liudolf am Fest des heiligen Gallus gegen die Abodriten und die Wilzen und die Zirzipanen und die Tollenser, und er errang den Sieg über sie; ihr Anführer namens Stoignew wurde getötet, und er machte sie tributpflichtig.

Annales Sangallenses maiores zum Jahr 955 (MGH SS 1, hrsg. von Ildefons von Arx, S. 79); Übersetzung: Glanz & Gravur

Was 955 wirklich geschah

Hinter dem einen Satz steht die Schlacht an der Raxa vom 16. Oktober 955. Ausführlich schildert sie Widukind von Corvey (Res gestae Saxonicae III,53–55): Otto war nach dem Sieg auf dem Lechfeld in das Slawengebiet eingedrungen, wurde an einem Fluss namens Raxa gestellt, konnte weder vor noch zurück, und im sächsischen Lager brachen Hunger und Krankheit aus. Erst ein Übergang an anderer Stelle – gefunden mit Hilfe verbündeter Slawen – entschied das Treffen.

Was danach folgte, gehört zu den härtesten Passagen der ottonischen Geschichtsschreibung: Widukind berichtet, der Kopf des getöteten Stoignew sei auf dem Schlachtfeld aufgestellt und dort seien 700 slawische Gefangene enthauptet worden; dem Ratgeber des Gefallenen habe man die Augen genommen und die Zunge herausgeschnitten. Für die Tollenser bedeutete diese Niederlage Tributpflicht. Und noch etwas ist bemerkenswert: Wo die Raxa lag, weiß bis heute niemand sicher. Die Fachliteratur setzt sie meist mit der Recknitz gleich, teils mit der Elde. Die Tollenser kämpften also, so viel ist sicher, weit außerhalb ihres eigenen Tals.

Der Lutizenbund: ein Volk ohne König

Im 10. Jahrhundert formierte sich zwischen Warnow, Havel und Oder ein Verband, den die deutschen Quellen Lutizen nennen. Adam von Bremen setzt ihn mit den älteren Wilzen gleich: Leuticios, qui alio nomine Wilzi dicuntur (Gesta II,22). Ob dahinter wirklich dieselbe Bevölkerung steht, gilt in der Forschung als unbewiesen.

Politisch war dieser Bund eine Ausnahmeerscheinung. Er hatte keinen Fürsten und keinen König. Entschieden wurde in Versammlungen, im Konsens, und wer sich einem Beschluss widersetzte, wurde hart bestraft. Thietmar von Merseburg beschreibt für die Lutizen ein gestaffeltes Bußensystem, das nach sozialem Rang unterschied (Chronicon VI,25) – ein Hinweis darauf, dass „ohne König“ nicht „ohne Hierarchie“ bedeutete. An anderer Stelle spricht Thietmar von einer Lebensform libertas more Liuticio, der Freiheit nach Lutizenart (Chronicon VIII,5). Für die benachbarten Fürstentümer war genau das provozierend: Es gab keinen Herrscher, den man taufen, unterwerfen oder bestechen konnte.

983 – der Aufstand, der alles veränderte

Im Jahr 983 erhoben sich die Lutizen und vernichteten die Reichsherrschaft in der Nord- und Billungermark; die Bistümer Brandenburg und Havelberg brachen faktisch zusammen. Thietmar, selbst Bischof, sucht die Schuld ausdrücklich nicht nur bei den Heiden: Er spricht von Kriegern, die einst Diener gewesen und durch „unsere Ungerechtigkeiten“ (iniquitates) frei geworden seien (VI,25). Das ist ein bemerkenswerter Satz aus der Feder eines Gegners.

Die Tollenser werden in den Berichten über 983 nicht einzeln herausgestellt – wie fast immer erscheinen sie im Verband. Für die folgenden Jahrzehnte gilt: Der Bund verhandelt, kämpft und wechselt die Seiten als Ganzes. 1003 verbündete er sich mit Heinrich II. gegen Polen, 1033 bis 1035 stand er wieder im Krieg mit dem Reich, 1056 schlug er bei Havelberg ein sächsisches Heer vernichtend. Ein Jahr später zerbrach er an sich selbst.

Rethra und die Frage der Führung

Der Streitpunkt war das Heiligtum. Der Bund besaß mit Riedegost oder Rethra einen zentralen Kultort im Gebiet der Redarier; dort standen die Götterbilder, dort wurde geopfert und ein Orakel befragt, dort wurden die Krieger verabschiedet. Thietmar beschreibt die Burg als dreieckig mit drei Toren und nennt den obersten Gott Zuarasici (VI,23); Adam von Bremen kennt sie unter dem Namen Rethra, mit neun Toren und einem Gott Redigast. Zwei Zeugen, zwei abweichende Bilder – und das schon innerhalb von rund sechzig Jahren.

Weil dieses Heiligtum in ihrem Bereich lag, beanspruchten Redarier und Tollenser die Führung im Bund. Genau daran entzündete sich der Konflikt, der 1056/57 offen ausbrach. Man sollte allerdings festhalten, was hier nicht bekannt ist: Rethra ist bis heute nicht lokalisiert. Kein Fundplatz gilt als gesichert, und die berühmten „Prillwitzer Idole“, die im 18. Jahrhundert als Tempelschatz präsentiert wurden, sind längst als Fälschungen erwiesen.

Der Bruderkrieg 1057 – was Adam wirklich schreibt

Die Hauptquelle ist Adam von Bremen, Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum, Buch III, Kapitel 21 nach der MGH-Zählung (in älteren Ausgaben findet sich auch die Zählung III,22 – Kapitelangaben zu Adam sollte man deshalb immer mit der Ausgabe nennen). Adam schreibt sinngemäß: Von den vielen Völkern der Winuler seien nur vier, die „bei uns Leutici, bei ihnen selbst Wilzi“ heißen, unter denen es Streit um Vorrang und Macht gebe – die Kicini und Circipani diesseits der Peene, die Tholenzi und Redarii jenseits der Peene.

Und dann folgt der Satz, an dem die meisten Zusammenfassungen scheitern: Als der Streit zum Krieg wurde, unterlagen die Tollenser und Redarier den Zirzipanen – obwohl ihnen die Kessiner zu Hilfe kamen. Der Krieg wurde erneuert, die Redarier wurden geschlagen; ein drittes Mal siegten wieder die Zirzipanen. Die Frontlinie war also nicht „zwei gegen zwei“, und die Tollenser standen dreimal auf der Verliererseite.

Der Preis: sieben Wochen und fünfzehntausend

Erst danach riefen die Besiegten Hilfe von außen. Adam nennt drei Mächte: den Obodritenfürsten Gottschalk, Herzog Bernhard von Sachsen und den Dänenkönig. Sieben Wochen lang, schreibt er, hätten die Tollenser und Redarier das gewaltige Heer der drei Herren aus eigenen Mitteln unterhalten, und die Zirzipanen hätten tapfer zurückgeschlagen. Viele tausend Heiden seien auf beiden Seiten gefallen, noch mehr in die Gefangenschaft geführt worden. Am Ende erkauften die Zirzipanen den Frieden mit fünfzehntausend Talenten.

Adams Fazit ist bitter und richtet sich gegen die eigene Seite: Die Unseren, schreibt er, kehrten im Triumph heim, aber vom Christentum sei keine Rede gewesen – die Sieger hätten nur an Beute gedacht. Er nennt sogar seinen Gewährsmann, einen angesehenen Nordalbinger. Was für die Tollenser dabei herauskam, sagt er nicht ausdrücklich, aber es lässt sich ablesen: Sie hatten den Krieg verloren, ihn nur mit fremden Heeren zu einem Ergebnis gedreht, ihr Land sieben Wochen lang eine fremde Armee ernährt – und die Führung im Bund gab es danach nicht mehr zu gewinnen, weil es den Bund in seiner alten Form nicht mehr gab.

Was belegt ist
Gesichert ist die Existenz eines Volkes namens Tholenzi/Tolonsenis an der Tollense, seine Zugehörigkeit zu den vier Kernvölkern der Lutizen, seine erste Nennung 955 in den St. Galler Annalen im Zusammenhang mit der Schlacht an der Raxa und der Bruderkrieg von 1056/57 nach Adam von Bremen III,21. Gesichert ist ferner Adams Wortlaut in der Sache: Die Kessiner kämpften auf Seiten der Tollenser und Redarier, die Zirzipanen siegten dreimal, und der Frieden wurde mit fünfzehntausend Talenten erkauft. Archäologisch gesichert ist eine dichte slawische Burgenlandschaft im Tollensetal, darunter der Burgwall Kastorf bei Knorrendorf und die jungslawische Burganlage Haus Demmin am Zusammenfluss von Peene und Tollense (rund ein Hektar, Hauptburg und Vorburg, erstmals 1128 schriftlich erwähnt, 1164 und endgültig 1177 zerstört).

Nach 1057: das lange Ende

Der Bund erholte sich nicht mehr. 1066 gelang den Lutizen noch einmal ein großer Schlag: Der Obodritenfürst Gottschalk wurde erschlagen, der greise Mecklenburger Bischof Johannes gefangen, verstümmelt und sein abgetrennter Kopf am 10. November in Rethra geopfert. Die Antwort kam prompt – Bischof Burchard von Halberstadt plünderte Rethra im Winter 1067/68, König Heinrich IV. führte 1069 einen weiteren Feldzug.

Die Tollenser tauchen danach nur noch selten auf. Für das Jahr 1110 wird berichtet, dass sie gemeinsam mit den Redariern die deutsche Oberhoheit abschüttelten, nachdem Kaiser Heinrich V. im Krieg gegen Polen unterlegen war; Lothar von Süpplingenburg, gerade Herzog von Sachsen geworden, schlug den Aufstand nieder. Danach zerfiel das Lutizenland zwischen den Nachbarn: 1128 stießen die Pomoranen weit vor, 1147 verwüstete der Wendenkreuzzug das Gebiet, und im 12. Jahrhundert wurde es zwischen dem Herzogtum Pommern, dem obodritischen Mecklenburg und der Mark Brandenburg aufgeteilt. Die Tollenser fielen an das Herzogtum Pommern und verschwinden aus der Überlieferung.

Was der Boden hergibt

Da die Schriftquellen so dünn sind, liegt die Last auf der Archäologie – und die kann viel über Siedlungsweise, aber sehr wenig über Stammeszugehörigkeit sagen. Im Tollensetal und seiner Umgebung liegt eine dichte Kette slawischer Burgwälle. Gut untersucht ist der Burgwall Kastorf auf dem Gebiet der Gemeinde Knorrendorf am Westufer des Kastorfer Sees. Bei Altentreptow lag zwischen Buchar und Pripsleben eine früh- bis mittelslawische Burganlage des 8. bis 10. Jahrhunderts, die von der modernen Landwirtschaft vollständig eingeebnet wurde; nördlich der Stadt liegt die Burgstelle mit dem slawischen Namen Conerow.

Das eindrucksvollste Bauwerk steht am Ausgang des Tals: Haus Demmin, eine jungslawische Anlage von etwa einem Hektar in der Niederung am Zusammenfluss von Peene und Tollense, mit Hauptburg und Vorburg. Sie wird 1128 erstmals schriftlich erwähnt, 1164 nach dem Sieg Heinrichs des Löwen dem Erdboden gleichgemacht, wieder aufgebaut und 1177 endgültig vernichtet. Wem diese Burgen im 10. Jahrhundert gehörten, sagt kein Fund. Demmin selbst wird in der Literatur mal den Zirzipanen, mal dem Grenzsaum zugeordnet – Wälle tragen keine Stammesnamen.

Wie man Slawenzeit datiert: Feldberg und Menkendorf

Wer wissen will, ob eine Scherbe aus der Zeit der Tollenser stammt, arbeitet mit Keramikgruppen. Die nach dem Burgwall Feldberg benannte Feldberger Keramik – 1961 von Ewald Schuldt definiert – ist scheibengedreht und reich mit Kammstrich und Wellenbändern verziert; sie unterscheidet sich damit deutlich von der handgeformten, unverzierten Ware der älteren Sukow-Dziedzice-Gruppe. Ursprünglich wurde sie ins 8. bis 9. Jahrhundert gesetzt, heute eher ins 9. und 10.

Ihr folgt die Menkendorfer Gruppe des 9. und 10. Jahrhunderts, benannt nach Funden vom Burgwall Menkendorf, und auf diese wiederum Teterower, Vipperower und Weisdiner Ware. Diese Abfolge ist ein gutes Werkzeug – und ein gutes Beispiel für die Grenzen des Fachs. Sie liefert Zeitstufen, keine Ethnien. Eine Feldberger Scherbe verrät, wann ein Hof bewohnt war; sie verrät nicht, ob die Bewohner sich selbst Tollenser nannten.

Zweitausend Jahre früher: das Schlachtfeld im Tollensetal

Und damit zum größten Missverständnis, das an diesem Namen hängt. Wer heute „Tollense“ googelt, landet fast unweigerlich beim Schlachtfeld im Tollensetal – dem berühmtesten bronzezeitlichen Fundplatz Europas. 1996 meldete ein ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger einen menschlichen Oberarmknochen mit einer eingeschossenen Feuersteinpfeilspitze, den er vom Schlauchboot aus bei Niedrigwasser am Ufer entdeckt hatte. Der Fundplatz liegt östlich von Weltzin auf dem Gebiet der Gemeinden Burow und Werder im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Seit 2007 wird er systematisch untersucht, seit 2010 mit Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, unter Leitung des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege und der Universität Greifswald.

Die Zahlen sind eindrucksvoll: Bis 2024 wurden rund 12.500 Knochen von mindestens 150 Menschen geborgen, fast ausschließlich Männer zwischen 18 und 40 Jahren; die Mindestindividuenzahl anhand der Oberschenkelknochen liegt bei 125. Dazu kommen etwa 50 bronzene Tüllenpfeilspitzen, Holzkeulen, ein Goldspiralring, zwei Ringe aus Zinn – die bislang ältesten Zinnfunde Deutschlands – und 2016 ein geschlossener Komplex von 31 Objekten, den die Ausgräber als persönliche Ausrüstung eines Kriegers deuten. Eine 2024 in „Antiquity“ veröffentlichte Untersuchung ordnet einen Teil der Pfeilspitzentypen einem Raum zwischen dem heutigen Bayern und Mähren zu und stützt damit die These, dass hier Kämpfer aus dem Süden auf einheimische Kräfte trafen.

Datiert ist das Ganze per Radiokarbonmethode auf etwa 1300 bis 1250 v. Chr. Und genau hier liegt der Punkt.

Ein Fluss, zwei Geschichten

Zwischen dem bronzezeitlichen Gewaltereignis im Tollensetal und den slawischen Tollensern liegen rund 2.200 Jahre. Das ist mehr Zeit, als uns von Caesar trennt. Die Toten von Weltzin starben, als in Ägypten Ramses II. regierte und im östlichen Mittelmeer die Schlacht bei Kadesch noch frische Erinnerung war. Slawische Bevölkerung erreichte diesen Raum erst rund anderthalb Jahrtausende später. Die beiden „Schlachten an der Tollense“ haben nichts miteinander zu tun außer dem Flusslauf – und selbst der Name ist erst mit den Slawen entstanden.

Bemerkenswert ist die Nähe im Raum trotzdem: Die frühmittelalterliche Burgstelle Conerow nördlich von Altentreptow liegt in Sichtweite jener Wiesen, unter deren Torf die bronzezeitlichen Knochen lagen. Wer im 10. Jahrhundert dort seine Kühe trieb, ging über ein Massengrab, von dem er nichts wusste. Das ist kein Mythos, das ist Topografie: Dasselbe Tal, dieselbe Furt, dieselbe Kreuzung von Wasser- und Landweg – und deshalb zweimal, in völlig verschiedenen Welten, ein militärisch interessanter Ort.

Mythos-Check
Das „Schlachtfeld im Tollensetal“ ist nicht das Schlachtfeld der Tollenser. Es datiert um 1250 v. Chr., die Tollenser erscheinen erstmals 955 n. Chr. – rund 2.200 Jahre später. Auch die Zahlen zur Bronzezeitschlacht sind vorsichtig zu lesen: Landesarchäologe Detlef Jantzen hat sich 2024 ausdrücklich von der früher kursierenden Hochrechnung auf 4.000 bis 5.000 Kämpfer distanziert. Zweitens: Die saubere Aufstellung „Kessiner und Zirzipanen gegen Redarier und Tollenser“ ist Sekundärliteratur, nicht Quelle – Adam schreibt, die Kessiner hätten den Tollensern und Redariern geholfen. Drittens: Die englischsprachige Wikipedia behauptet, die Seite der Tollenser und Redarier habe gesiegt; nach Adam siegten dreimal die Zirzipanen, und entschieden wurde erst durch fremde Heere. Viertens: „Redarier“ und „Tollenser“ sind zwei verschiedene Völker, kein Doppelname. Fünftens: Der Bayerische Geograph nennt die Tollenser nicht; das dort verzeichnete Talaminzi steht für die Daleminzier an der Elbe. Und schließlich: Rethra ist bis heute nicht lokalisiert, die „Prillwitzer Idole“ des 18. Jahrhunderts sind nachgewiesene Fälschungen.

Was von den Tollensern bleibt

Am Ende steht ein Volk, von dem wir den Namen kennen, das Tal, drei verlorene Kriege und ein Datum. Kein Fürstenname, kein Ortsname ihrer Hauptburg, kein Wort ihrer Sprache außer dem, was im Flussnamen weiterlebt. Die Tollenser sind damit ein Musterfall für die Geschichte der Elbslawen insgesamt: Anders als die Sorben, die bis heute als Volk bestehen, anders auch als die Obodriten, deren Fürstenhaus über Niklot in das Haus Mecklenburg mündete, hinterlassen sie fast nichts als Landschaft.

Das ist kein Grund für Pathos in die eine oder andere Richtung. Frühmittelalterliche Stammesverbände sind nicht die Vorläufer heutiger Nationen, und die Auseinandersetzungen zwischen sächsischen Herzögen, dänischen Königen, obodritischen Fürsten und lutizischen Versammlungen lassen sich nicht in ein Schema von Tätern und Opfern pressen – 1057 kämpften Slawen gegen Slawen, und geholt hatten die fremden Heere die Besiegten selbst. Was bleibt, ist ein Fluss in Mecklenburg-Vorpommern, der zwei Katastrophen im Namen trägt, die einander nie begegnet sind. Wer beide auseinanderhält, hat schon mehr verstanden als die meisten Reiseführer.

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