An der unteren Elbe, im heutigen Wendland, lebten die westlichsten Slawen Deutschlands. Ihre Sprache, das Polabische, überdauerte fast tausend Jahre – bis ins 18. Jahrhundert.
Die Polaben (von slawisch po Labe, „an der Elbe") waren westslawische Stämme an der unteren Elbe, im Grenzraum des heutigen Niedersachsen, Mecklenburg und Holstein. Zu ihnen im weiteren Sinne gehörten viele Elbslawen; im engeren Sinne meint man oft die Gruppe um die Drawehner im heutigen Wendland (Landkreis Lüchow-Dannenberg). Ihre Geschichte ist die faszinierendste aller Elbslawen – denn ihre Sprache überlebte länger als die aller anderen westslawischen Stämme östlich der Elbe.
Im Zuge der slawischen Wanderung besiedelten westslawische Gruppen ab dem 6./7. Jahrhundert das Land östlich der Elbe und teils westlich davon – bis in das Gebiet um Lüneburg. Die Elbe wurde zur großen Grenze zwischen der germanisch-fränkischen und der slawischen Welt. Die Polaben lebten in Dörfern und Burgwällen, betrieben Ackerbau, Viehzucht und Fischerei und standen jahrhundertelang im Spannungsfeld zwischen sächsischen, fränkischen und später deutschen Nachbarn und den slawischen Fürstentümern im Osten.
Während die meisten Elbslawen im Hochmittelalter im Zuge der deutschen Ostsiedlung sprachlich und kulturell aufgingen, hielt sich im Hannoverschen Wendland eine slawische Bevölkerung besonders lange. In den Rundlingsdörfern – kreisförmig um einen Dorfplatz angelegten Siedlungen, die als typisch slawisch gelten – lebten die Nachfahren der Drawehner. Das Wendland wurde so zu einer sprachlichen und kulturellen „Insel", die tief in Norddeutschland hinein slawisches Erbe bewahrte.
Das Bemerkenswerteste ist die polabische Sprache. Sie war die letzte lebende westslawische Sprache westlich der Oder – und sie überlebte im Wendland bis ins 18. Jahrhundert. Die letzten Sprecher starben um 1750; die Bäuerin Emerentz Schultze aus Dolgow, gestorben 1756, gilt als eine der letzten. Damit erlosch eine Sprache, die fast tausend Jahre lang an der Elbe gesprochen worden war – ein stiller, später Abschied von der slawischen Welt Norddeutschlands.
Dass wir das Polabische überhaupt kennen, verdanken wir wenigen aufgeklärten Sammlern des 17. und 18. Jahrhunderts, die ahnten, dass hier eine Sprache verschwand. Der Bauer Johann Parum Schultze aus Süthen schrieb eine Chronik und ein Wörterverzeichnis seiner sterbenden Muttersprache; andere Gelehrte legten Wortlisten und sogar ein Vaterunser auf Polabisch an. Diese Aufzeichnungen sind ein Schatz: Sie bewahren die letzte Stimme der Elbslawen und machen das Polabische zu einer der am besten dokumentierten ausgestorbenen Sprachen Europas.
Das slawische Erbe ist im Wendland bis heute sichtbar. Die Rundlingsdörfer mit ihren charakteristischen Grundrissen, unzählige Ortsnamen auf -ow, -itz und -in (wie Lüchow, Clenze, Gartow) und Flurnamen zeugen von der slawischen Vergangenheit. Der Name „Wendland" selbst leitet sich von den Wenden ab, wie die Deutschen die Slawen nannten. Wer heute durch das Wendland fährt, bewegt sich durch eine der letzten slawischen Kulturlandschaften Deutschlands.
Die Polaben waren nicht die einzigen Westslawen in Deutschland. Verwandt sind sie mit den Sorben in der Lausitz – dem einzigen westslawischen Volk, dessen Sprache in Deutschland bis heute lebendig ist. Während das Polabische im Wendland erlosch, überlebte das Sorbische im Südosten. Zusammen zeigen beide, dass Deutschland eine tief slawische Schicht hat: Von der Ostsee bis in die Lausitz, von der Elbe bis zur Oder war weite Teile des Landes einst slawisch besiedelt.
Die Polaben und Drawehner sind der berührendste Fall der Elbslawen: nicht ein Volk, das durch Krieg unterging, sondern eine Sprache und Kultur, die langsam, über Jahrhunderte, verklang – und deren letzte Stimmen wir dank einiger weitsichtiger Sammler noch hören können. Für unser Bild der slawischen Welt sind sie ein starker Regional-Hook: Slawisches Erbe nicht fern im Osten, sondern mitten in Niedersachsen, im Wendland, das seinen Namen bis heute mit Stolz trägt.
Die Quellen sind ungewöhnlich: Neben mittelalterlichen Chroniken (Helmold von Bosau u. a.) stehen die frühneuzeitlichen Sprachaufzeichnungen des 17./18. Jahrhunderts (Johann Parum Schultze, Christian Hennig von Jessen und andere), die das sterbende Polabisch festhielten. Dazu kommen Ortsnamenforschung und die Archäologie der slawischen Burgwälle und Rundlingsdörfer. Beleg und Deutung halten wir auseinander: Sprache, Rundlinge und Namensspuren sind sehr gut bezeugt; die genaue Stammesgliederung der frühen Polaben ist in Details unsicher.
Das eindrücklichste sichtbare Erbe der Polaben sind die Rundlingsdörfer des Wendlands. Diese Dörfer sind kreisförmig um einen zentralen Platz angelegt, von dem die Höfe wie Tortenstücke nach außen zeigen; nur ein einziger Zugang führt hinein. Über hundert solcher Rundlinge haben sich im Wendland erhalten – eine europaweit einzigartige Dichte. Ob die Form rein slawisch ist oder in der deutsch-slawischen Kontaktzone des Hochmittelalters entstand, wird diskutiert; sicher ist, dass diese Dörfer bis heute das Gesicht der Landschaft prägen und um Anerkennung als UNESCO-Welterbe werben.
Der Untergang des Polabischen war kein plötzlicher, sondern ein langsamer. Über Jahrhunderte lebten slawische und deutsche Bevölkerung im Wendland nebeneinander; Deutsch wurde die Sprache von Kirche, Recht und Verwaltung, Polabisch blieb die Sprache des bäuerlichen Alltags. Nach und nach zogen sich die Sprecher zurück, das Slawische galt als bäuerlich und rückständig, und die Kinder lernten nur noch Deutsch. Um 1750 war die Kette gerissen. Der Fall der Polaben zeigt, wie eine Sprache stirbt: nicht durch Gewalt, sondern durch den stillen Druck von Prestige und Alltag.
Die Polaben sind der westlichste Zeuge einer Wahrheit, die vielen kaum bewusst ist: Weite Teile Ost- und Norddeutschlands waren einst slawisch besiedelt. Berlin, Leipzig, Rostock, Chemnitz, Lübeck-Umland – unzählige Orts- und Flussnamen sind slawischen Ursprungs. Von den Sorben der Lausitz über die Obodriten Mecklenburgs bis zu den Polaben des Wendlands zieht sich eine slawische Grundschicht durch die deutsche Geschichte. Sie anzuerkennen macht das Bild reicher – und zeigt, dass „deutsch" und „slawisch" nie sauber getrennte Welten waren.
Wer heute im Wendland durch ein Rundlingsdorf geht, an einem Ort mit slawischem Namen, in einer Landschaft, die stolz „Wendland" heißt, berührt das leiseste und westlichste Kapitel der slawischen Welt – die letzten Elbslawen, deren Stimme erst vor rund 250 Jahren verstummte.
Für unser Bild der Slawen sind die Polaben unverzichtbar: Sie zeigen, dass die slawische Welt bis an die untere Elbe reichte, tief nach Niedersachsen hinein – und dass ihr Erbe in Dörfern, Namen und einer erst spät verstummten Sprache bis heute greifbar ist.
Ihr stilles Ende macht sie umso kostbarer: Weil aufmerksame Sammler die letzten Worte des Polabischen festhielten, können wir heute noch der Sprache der Elbslawen lauschen, die sonst spurlos verklungen wäre.
„Die Slawen, die man Wenden nennt, bewohnen das Land an der Elbe bis weit ins Land der Sachsen hinein."nach Helmold von Bosau, Chronica Slavorum (gemeinfrei, eigene Übersetzung)

Die Sorben · Die Obodriten · Die Drewlanen.
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