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Die Polanen: Wie aus einem Namen Polen wurde

Geschichte & Funde Die Polanen: Wie aus einem Namen Polen wurde Im Jahr 1000 zog ein Kaiser barfuß nach Gnesen – und öffnete wenige Wochen später in Aachen das Grab Karls des Großen. Dazwischen liegt die Geschichte eines westslawischen Verbands, dessen Name zum Namen eines ganzen Landes wurde.

Es gibt Völker, deren Name älter ist als ihr Staat. Und es gibt solche, bei denen es vielleicht umgekehrt war. Die Polanen gehören zur zweiten Sorte – und gerade deshalb sind sie so lehrreich. Ihr Name steckt bis heute im Wort „Polen", abgeleitet vom slawischen polje, „Feld": die Leute, die auf dem offenen Feld leben. Nur: Bevor der Piastenstaat entstand, hat sie so gut wie niemand erwähnt.

Ein Land an der Warthe

Der Kernraum lag in Großpolen, beiderseits der mittleren Warthe. Dort stehen bis heute die Namen, an denen alles hängt: Gniezno (Gnesen), Poznań (Posen), Ostrów Lednicki auf seiner Insel, Giecz und, seit Kurzem im Rampenlicht, Grzybowo. Das sind keine Dörfer, sondern gewaltige Burgen: Grzybowo umfasste 4,4 Hektar, der Wall maß bis zu 680 Meter, der Trockengraben war dreizehn bis vierzehn Meter breit.

Was diese Burgen so spannend macht, ist die Dendrochronologie. Für Grzybowo liegen 246 datierte Eichenproben vor – die erste Phase entstand zwischen 919 und 923, ein Ausbau 929 bis 935, die große Burg in den frühen 940er Jahren. Eine Studie in der Fachzeitschrift Antiquity (2025) nennt den Platz eine der am besten dendrodatierten mittelalterlichen Burganlagen Mitteleuropas. Gniezno entstand um 940, Ostrów Lednicki um 930/940, Posen irgendwann zwischen 900 und 940. Giecz ist der Ausreißer: Es reicht nach neuerer Datierung schon in die 860er Jahre zurück.

Das Bild, das sich daraus ergibt, ist ungewöhnlich scharf. Innerhalb von zwei, drei Jahrzehnten wurde ein dichtes Netz großer Burgen aus dem Boden gestampft, wobei ältere Zentren teils zerstört wurden. Das ist keine langsam wachsende Stammeslandschaft, das ist eine aggressive, ressourcenhungrige Herrschaftsbildung – jemand hat hier mit enormem Aufwand einen Staat gebaut.

Historisierendes Porträt des Piastenfürsten Mieszko I.
Mieszko I. in der Darstellung Jan Matejkos (19. Jahrhundert) – ein Phantasieporträt des Historismus, kein zeitgenössisches Bild. Gemeinfrei (Wikimedia Commons).

Misaca, der zweimal verlor

Dieser Jemand tritt 963 ins Licht der Schriftquellen, und zwar von der unangenehmen Seite. Widukind von Corvey berichtet, wie der sächsische Rebell Wichmann den Fürsten Misaca – Mieszko – zweimal besiegte, dessen Bruder erschlug und große Beute erpresste.

Er besiegte zweimal den König Misaca, dessen Herrschaft die Slawen unterstanden, die Licicaviki genannt werden, tötete dessen Bruder und erpresste große Beute von ihm.Widukind von Corvey, Res gestae Saxonicae III (gemeinfrei, eigene Übersetzung)

Man beachte, wie Widukind das Volk nennt: Licicaviki. Nicht Polanen. Das ist kein Zufall. Zwei Jahre später beschreibt der andalusisch-jüdische Reisende Ibrahim ibn Ya'qub, der 965/966 am Hof Ottos I. in Magdeburg weilte, Mieszkos Reich als den größten Slawenstaat, mit dreitausend gerüsteten Kriegern, die der Fürst vollständig unterhielt – Sold, Ausrüstung und sogar die Versorgung ihrer Kinder. Die Zahl steht aus zweiter und dritter Hand da und ist als Größenordnung zu lesen, nicht als Zählung. Aber sie sagt etwas über den Eindruck, den dieses Reich machte.

965 heiratete Mieszko Dobrawa, eine böhmische Přemyslidin. 966 ließ er sich taufen – der Chrzest Polski, die Taufe Polens, traditionell auf den Karsamstag datiert. Der Ort ist bis heute unbekannt; Ostrów Lednicki, Gnesen, Posen und sogar Regensburg werden diskutiert. 968 folgte das Bistum Posen unter Bischof Jordan. Und um 991 stellte Mieszko in dem rätselhaften Dokument Dagome iudex sein Land unter den Schutz des Apostolischen Stuhls.

Der Name kam zuletzt

Und hier wird es methodisch interessant. Es gibt keine ältere sächsische oder slawische Quelle, die von „Polanen" spricht. Die westliche Geschichtsschreibung verwendet Polenia, Polonia und polani erst ab etwa dem Jahr 1000 – also nach dem Akt von Gnesen. Die ersten Belege stehen in der Vita des heiligen Adalbert, in den Hildesheimer Annalen und bei Thietmar von Merseburg; dazu kommt ein Denar Bolesławs mit der Umschrift PRINCEPS POLONIE. Die Nestorchronik erzählt die Herkunft der Poljanen erst gut hundert Jahre später und dazu legendenhaft.

Ein Teil der Forschung schließt daraus: Der Name ist nicht der Ursprung, sondern das Ergebnis der Staatsbildung. Die sächsischen Chronisten brauchten eine Bezeichnung für Land und Leute, mit denen ihr Kaiser plötzlich Verträge schloss – und schufen oder popularisierten sie. Archäologisch lässt sich eine eigene „polanische" Sachkultur ohnehin nicht abgrenzen; die alte Gleichung „archäologische Kultur gleich Volk" gilt längst als überholt. Wer also von „dem Stamm der Polanen" spricht, spricht bequemer, als die Quellen es erlauben.

Gnesen 1000 – und Aachen

Am 23. April 997 wurde Adalbert von Prag von heidnischen Pruzzen erschlagen. Bolesław Chrobry, Mieszkos Sohn, kaufte den Leichnam frei – eine Szene, die später auf der berühmten Bronzetür von Gnesen dargestellt wurde. Und im Februar oder März 1000 kam Kaiser Otto III. selbst. Er zog barfuß in Gnesen ein und ließ sich zum Grab Adalberts führen. Am Ende stand eine eigene Kirchenprovinz Gnesen mit den Bistümern Kolberg, Krakau und Breslau. Otto schenkte eine Kopie der Heiligen Lanze, Bolesław eine Armreliquie Adalberts. Thietmar von Merseburg, der das alles rund fünfzehn Jahre später aufschrieb, kommentierte die Erzbistumsgründung spitz mit den Worten „wie ich hoffe, rechtmäßig".

Und nun kommt die Stelle, die uns hier am Rhein besonders angeht. Von Gnesen reiste Otto über Magdeburg und Quedlinburg zurück und feierte Pfingsten 1000 in Aachen – am 19. Mai. Dort ließ er das Grab Karls des Großen öffnen. Bolesław begleitete ihn nachweislich bis Aachen; einer Überlieferung nach schenkte Otto ihm dort sogar einen Sessel aus dem Karlsgrab. Die Aachener Szene ist damit nicht der Auftakt der Polenfahrt, sondern ihr Schlussbild: Gnesen zuerst, Aachen danach. Beides gehört zu derselben Idee einer Erneuerung des Reiches – und beides fand in wenigen Monaten statt.

Über die Graböffnung selbst muss man ehrlich sprechen. Thietmar berichtet nüchtern: Otto, unsicher über die Lage der Gebeine, ließ den Boden heimlich aufbrechen, fand Karl in solio regio, auf einem königlichen Sitz, nahm das goldene Kreuz vom Hals und unverweste Teile der Gewandung und ließ das Übrige ehrfürchtig wieder beisetzen. Die bekanntere Fassung – Karl sitzt wie ein Lebender aufrecht auf dem Thron, mit Krone und Zepter, die Fingernägel durch die Handschuhe gewachsen, Otto nimmt ihm einen Zahn – steht ausschließlich in der Chronik von Novalesa, einem italienischen Klosterwerk von etwa 1048, das rund fünfzig Jahre später entstand und in der Forschung als unzuverlässig gilt. Und noch etwas gehört dazu: Karl war im Jahr 1000 kein Heiliger. Seine Erhebung erfolgte erst 1165, unter Friedrich Barbarossa. Zeitgenossen werteten Ottos Tat teilweise als Grabschändung, und sein früher Tod 1002 wurde als Strafe gedeutet.

Nordmänner im Piastendienst

Ein letzter Faden führt zurück in die Wikingerwelt. In Bodzia in Kujawien, wenige Kilometer von der Weichsel, hat man ein Gräberfeld von 58 Kammergräbern ausgegraben, datiert auf etwa 980 bis 1035 – in dieser Form einzigartig im frühmittelalterlichen Europa. Die Beigaben, Silbermünzen, Waffen und Schmuck, weisen nach Skandinavien und in die Rus. Ähnliches gilt für Ciepłe an der unteren Weichsel. Am plausibelsten ist die Deutung als Gefolgschafts- und Grenzelite in piastischem Dienst – Männer aus dem Norden, die für einen slawischen Fürsten kämpften.

Daraus lässt sich allerdings nicht machen, was gern daraus gemacht wird. Auf dem Gebiet des frühen Piastenstaates ist vor dem späten 10. Jahrhundert kein einziger sicherer skandinavischer Fund nachgewiesen. Eine skandinavische Herkunft der Piasten gilt als nicht belegt und archäologisch eher widerlegt. Auch die berühmte Tochter Mieszkos, die Sven Gabelbart heiratete, ist ein Musterfall: Die zeitgenössischen Chronisten Thietmar und Adam von Bremen kennen sie namenlos; der Name Świętosława ist eine spätere Zuweisung, und die isländische Saga-Gestalt „Sigrid die Stolze" ist damit nicht identisch – ihre Historizität wird ohnehin bestritten. Saga und Chronik erzählen zwei verschiedene Dinge, und wer sie zusammenrührt, bekommt einen Roman.

1025 setzte sich Bolesław I. Chrobry die Krone auf und starb wenige Wochen später. Aus dem Verband an der Warthe war ein Königreich geworden. Und die Piastensage, die Gallus Anonymus um 1113 aufschrieb – vom bösen Fürsten Popiel und vom armen Bauern Piast, der zwei fremde Gäste bewirtet, während der Herrscher sie abweist –, ist genau das, was solche Sagen immer sind: eine Legitimationsgeschichte, die erklärt, warum die Richtigen herrschen.

Was belegt ist: Kernraum Großpolen an der mittleren Warthe mit den Burgen Gniezno, Poznań, Ostrów Lednicki, Giecz und Grzybowo; die Dendrodatierungen (Grzybowo 919–923 und 929–935 sowie frühe 940er Jahre auf Basis von 246 Eichenproben, Antiquity 2025; Gniezno um 940; Giecz bis in die 860er Jahre); erste Erwähnung Mieszkos 963 bei Widukind von Corvey als Misaca, Herr der Licicaviki; Niederlagen gegen Wichmann; Bericht Ibrahim ibn Ya'qubs 965/966; Heirat mit Dobrawa 965 und Taufe 966; Bistum Posen 968; Dagome iudex um 991; Tod Adalberts von Prag am 23. April 997; Akt von Gnesen Februar/März 1000 mit Gründung der Kirchenprovinz; Pfingsten 1000 (19. Mai) in Aachen und die Öffnung des Karlsgrabes; Krönung Bolesławs 1025; die Gräberfelder Bodzia (58 Kammergräber, ca. 980–1035) und Ciepłe.
Was Deutung ist: Ob es „die Polanen" als Stamm vor dem Piastenstaat überhaupt gab, ist offen – der Name ist erst ab etwa 1000 belegt, also nach dem Akt von Gnesen, und ein Teil der Forschung hält ihn für eine westliche Fremdbezeichnung, die erst mit dem Staat entstand. Eine eigene „polanische" archäologische Kultur ist nicht abgrenzbar. Der Taufort von 966 ist unbekannt. Die 3.000 Panzerreiter Ibrahim ibn Ya'qubs sind eine Größenangabe aus zweiter Hand. Bei der Aachener Graböffnung stammen der sitzende Leichnam, Krone, Zepter, durchgewachsene Fingernägel und der entnommene Zahn ausschließlich aus der rund fünfzig Jahre späteren Chronik von Novalesa; Thietmar nennt nur den königlichen Sitz, das goldene Kreuz und Gewandreste. Karl der Große war im Jahr 1000 noch nicht heiliggesprochen. Eine skandinavische Herkunft der Piasten ist nicht belegt. Die Gleichsetzung von Mieszkos Tochter mit der Sagengestalt „Sigrid der Stolzen" ist eine späte Konstruktion. Die Piastensage bei Gallus Anonymus ist eine Legitimationssage, die vor-mieszkonischen Herrscher sind nicht unabhängig belegt.
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