Wikinger Blog / Geschichte & Funde
Aus dem Wissensarchiv

Die Zirzipanen: das Volk jenseits der Peene

Geschichte & Funde Die Zirzipanen: das Volk jenseits der Peene Zwischen Recknitz und Peene, im heutigen Mecklenburg-Vorpommern, lebte ein westslawischer Stamm, den kaum noch jemand kennt: die Zirzipanen. Sie gehörten zu den vier Kernvölkern des Lutizenbundes, sie schlugen 1057 ihre eigenen Verbündeten dreimal hintereinander in die Flucht, und sie bauten Burgen auf Inseln, zu denen Holzbrücken von mehreren hundert Metern Länge führten. Was wir über sie wissen, stammt fast vollständig von Männern, die ihr Ende betrieben – und aus dem nassen Boden, der ihre Bauhölzer bewahrt hat. Ein Blick auf ein Volk, das nach einem Fluss benannt wurde und an einem Streit über Silber zerbrach.

Ein Volk am Fluss

Wer heute von Güstrow nach Demmin fährt, durchquert das alte Zirzipanien. Das Stammesgebiet lag ungefähr südlich von Recknitz und Trebel und westlich von Malchiner und Kummerower See – ein Land aus flachen Seen, Mooren, Bachläufen und leicht welligen Grundmoränen. Zu ihm gehörten nach heutigem Forschungsstand die späteren Burgbezirke um Demmin, Dargun, Krakow am See, Sukow und Altkalen; als Hauptburgen gelten Teterow, Malchin und Demmin.

Slawische Gruppen siedelten hier seit dem 7. Jahrhundert. Aus ihnen bildete sich über Generationen der Stamm heraus, den lateinische Quellen im 10. Jahrhundert erstmals beim Namen nennen. Wasser bestimmte alles: Es schützte die Burgen, es transportierte Waren, und es zwang zu einem Brückenbau, den man dieser stillen Landschaft heute nicht mehr ansieht. Wer die Zirzipanen verstehen will, muss zuerst die Peene verstehen – den Fluss, der ihnen den Namen gab und der zugleich die Bruchlinie war, an der ihr Bündnis später zerbrach.

Modell der slawischen Ringburg Behren-Lübchin in Mecklenburg mit Ringwall und Bohlenweg
Modell der slawischen Ringburg Behren-Lübchin zwischen Recknitz und Trebel, also mitten im zirzipanischen Raum: Ringwall, Innenbebauung und Bohlenweg durch das Feuchtgebiet. Ein Modell ist eine Rekonstruktion, kein Befund. Foto: Wolfgang Sauber, CC BY-SA 4.0 (Wikimedia Commons).

Der Name „um die Peene“ – und was er verschweigt

In den Quellen erscheinen sie als Circipani, Zcirizspanis, Zerezepani. Die geläufige Herleitung deutet den Namen aus dem Lateinischen: circum (also „um, rings um“) und Pane, dem lateinischen Namen der Peene – demnach „die um die Peene“. Diese Erklärung ist alt und bequem, aber sie erklärt eine slawische Bezeichnung ausgerechnet aus einer fremden Sprache.

Die sprachwissenschaftlich näherliegende Rekonstruktion setzt bei einem westslawischen Wort für „über, jenseits“ an; polnische Forschung schreibt den Stammesnamen deshalb als Czrezpieniane, „die jenseits der Peene“. Der Flussname selbst wird meist zu einem altpolabischen Wort für „Schaum“ gestellt. Beide Deutungen führen zum selben Punkt: Dieser Stamm ist nach seiner Lage zu einem Gewässer benannt – und zwar von jemandem, der auf der anderen Seite stand. „Jenseits“ ist kein Standort, sondern ein Blickwinkel. Ob die Zirzipanen sich je selbst so nannten, wissen wir nicht. Ähnliche Lage- und Fremdbezeichnungen kennt man auch von den Polaben („die an der Elbe“) und den Hevellern an der Havel.

955: der erste Name, ein verlorener Krieg, ein toter Fürst

Die früheste Nennung steht in den St. Galler Annalen zum Jahr 955. Der Eintrag ist knapp und brutal: König Otto und sein Sohn Liudolf hätten am Fest des heiligen Gallus gegen Abodriten, Wilzen, Zirzipanen und Tollenser gekämpft, den Sieg errungen, deren Anführer namens Ztoignavo getötet und sie tributpflichtig gemacht. Gemeint ist die Schlacht an der Raxa – einem Fluss, dessen Lage bis heute umstritten ist; eine Untersuchung von 2001 spricht für die Recknitz, also für zirzipanisches Kerngebiet.

Schon hier zeigt sich das Grundproblem aller Slawengeschichte des Nordens: Die Quellen widersprechen einander. Widukind von Corvey berichtet ausführlich vom Tod des slawischen Anführers Stoignew, Flodoard von Reims schreibt lediglich, Otto habe zwei slawische Könige besiegt. Zehn Jahre später, 965, tauchen die Zerezepani in einer Schenkungsurkunde Ottos I. für das Magdeburger Moritzkloster unter den tributpflichtigen Stämmen auf. Die Zirzipanen waren zu diesem Zeitpunkt also unterworfen – und sie hatten offenbar eine fürstliche Spitze, die man erschlagen konnte. Beides sollte sich innerhalb einer Generation ändern.

Vier Stämme, ein Bund, kein König

Im 10. Jahrhundert formierte sich nordöstlich der Elbe ein Gebilde, das die Nachbarn ratlos machte: der Lutizenbund. Er hatte eine Volksversammlung, aber keine zentrale Herrschaft, keinen König, keine Dynastie – für Fürstentümer wie Sachsen, Dänemark oder Polen war er deshalb schwer zu greifen und schwer zu verhandeln. Als Kernvölker gelten die Redarier, die Tollenser, die Zirzipanen und die Kessiner. Ausführlich zum Bund selbst: Lutizen.

Die Zirzipanen und die Kessiner nehmen in dieser Vierergruppe eine Sonderrolle ein. Nach überwiegender Forschungsmeinung gehörten beide vor 983 eher in den Umkreis der Obodriten. Die Kessiner treten in den Schriftquellen sogar erst 1057 auf – so spät, dass man sie in der Forschung als „Neustamm“ bezeichnet; vermutlich haben sie sich um das Jahr 1000 von den Zirzipanen abgespalten, möglicherweise als Spätfolge des Zusammenbruchs der zirzipanischen Fürstenherrschaft von 955. Gesprochen wurde in diesem ganzen Raum ein polabischer Dialekt des Lechischen, also Westslawisch – dieselbe Sprachfamilie wie bei Pomoranen und Wagriern. Wie sich diese Stämme in die größere Karte der Völker östlich von Elbe und Saale einfügen, zeigt unsere Übersicht auf germanische-staemme.html.

Rethra: das Heiligtum, das keiner findet

Der Bund hatte kein politisches Zentrum, aber ein religiöses: den Tempelort im Land der Redarier. Thietmar von Merseburg nennt ihn Riedegost und den dort verehrten Gott Zuarasici; Adam von Bremen, rund fünfzig Jahre später, nennt den Ort Rethra. Beschrieben werden ein hölzerner Tempel, mehrere Tore, ein heiliges weißes Pferd als Orakeltier, dazu Losorakel. Vergleichbares kennt man vom Svantevit-Heiligtum der Ranen in Arkona und vom Triglaw-Kult in Stettin.

Wo Rethra lag, weiß bis heute niemand. Seit dem 17. Jahrhundert wurden Dutzende Lokalisierungen vorgeschlagen, meist im Raum zwischen Müritz und Tollensesee. Keine ist archäologisch bestätigt. Für die Zirzipanen ist dieses Heiligtum trotzdem zentral – denn an ihm hing Geld. Die Bundesstämme zahlten offenbar einen Silberzins für den Tempel, und aus diesem Zins wurde 1057 ein Krieg.

983: der Aufstand, der ein Jahrhundert Freiheit brachte

Am 29. Juni 983 stürmten die aufständischen Elbslawen den Bischofssitz Havelberg, drei Tage später fiel Brandenburg. Der Aufstand ging nach übereinstimmender Überlieferung vom lutizischen Heiligtum aus und beendete die sächsische Tributherrschaft östlich der Elbe für weit über ein Jahrhundert. Missionsstrukturen, die man in Jahrzehnten aufgebaut hatte, verschwanden binnen Tagen. Auch die Zirzipanen waren damit ihre Tributpflicht los.

Was danach folgte, ist selbst für mittelalterliche Verhältnisse bemerkenswert. Kaiser Heinrich II. gewann die heidnischen Lutizen ab 1003 als Verbündete gegen das christliche Polen; 1005 und 1017 zogen lutizische Aufgebote mit ihren Götterzeichen im Heer eines römisch-deutschen Königs mit, was den mitreisenden Geistlichen sichtlich unangenehm war. 1045 wurde ein sächsisches Heer im Lutizenland vernichtend geschlagen, 1056 ein weiteres unter Wilhelm von der Nordmark bei Havelberg. Zwei Generationen Erfolg – und ein Selbstbewusstsein, das der Bund am Ende nicht überlebte.

1057: der Bruderkrieg an der Peene

Der Streit begann mit einem Anspruch. Redarier und Tollenser, östlich der Peene, beanspruchten die Oberhoheit über Zirzipanen und Kessiner: Sie seien älter, sie stünden in höherem Ansehen, und das gemeinsame Heiligtum liege nun einmal in ihrem Land. Zirzipanen und Kessiner sahen das anders. Sie verweigerten den Silberzins für den Tempel – und damit war der Bund faktisch beendet, denn dieses Heiligtum war seine einzige gemeinsame Institution.

Militärisch ging die Sache überraschend aus. Die Zirzipanen und Kessiner schlugen ihre beiden „Brudervölker“ dreimal hintereinander. Erst danach holten die Unterlegenen Hilfe von außen: Gottschalk, den Samtherrscher der Obodriten und entschiedenen Verfechter einer Christianisierung, dessen Schwiegervater, den Dänenkönig Sven Estridsen, und den sächsischen Herzog Bernhard II. Damit kippte das Kräfteverhältnis. Was dann geschah, hat Adam von Bremen mit einer Bitterkeit notiert, die er nie ganz unterdrücken kann:

Zuletzt boten die Zirzipanen fünfzehntausend an Silber und erkauften sich damit den Frieden. Die Unseren kehrten ruhmreich heim; vom Christentum war keine Rede, die Sieger dachten nur an Beute.Adam von Bremen, Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum, Buch III (Kap. 23 der gängigen Zählung; Kapitelzählung je nach Ausgabe abweichend), eigene Übersetzung

Der Satz ist deshalb so wertvoll, weil er von einem Domherrn stammt, der eigentlich einen Missionserfolg hätte melden wollen und stattdessen einen Beutezug protokolliert. Bei der Summe ist allerdings Vorsicht geboten: Adam spricht von Pfund, Helmold von Bosau – rund hundert Jahre später – von 15.000 Mark Silber. Rechnerisch wären das mehrere Tonnen Edelmetall. Solche Zahlen sind in mittelalterlichen Chroniken eher rhetorische Größenordnungen als Buchhaltung. Helmold nennt den Konflikt übrigens gar nicht „Bruderkrieg“, sondern schlicht Bürgerkrieg und benennt ihn nach den Tollensern; der heute übliche Begriff stammt aus der modernen Forschung.

Nach dem Krieg: unter fremder Oberhoheit

Der Preis war nicht nur Silber. Zirzipanen und Kessiner wurden Gottschalks Herrschaft unterstellt und damit dem obodritischen Verband eingegliedert – gewaltsam und gegen ihren erklärten Willen. Der Lutizenbund erholte sich davon nie wieder; als überregionale Macht war er erledigt, lange bevor deutsche Heere ihn endgültig zerschlugen. Ein Bund, dessen Klammer eine Tempelabgabe war, hält keine zweite Zerreißprobe aus.

1066 wurde Gottschalk in einem Aufstand erschlagen. Im selben Zusammenhang berichten die Quellen vom Tod des Mecklenburger Bischofs Johannes, dessen Kopf im lutizischen Heiligtum geopfert worden sein soll – eine Nachricht, die ausschließlich von christlicher, also feindlicher Seite überliefert ist und die man entsprechend vorsichtig lesen muss. Wie zerrissen die Verhältnisse inzwischen waren, zeigt eine Randnotiz zum Jahr 1114: Als Herzog Lothar von Sachsen und Markgraf Heinrich von Stade gegen die Kessiner zogen, ritten dreihundert zirzipanische Reiter im sächsischen Aufgebot mit. Die Nachbarn von gestern, gegen die Verwandten von gestern.

Burgen aus Holz und Wasser

Was von den Zirzipanen wirklich blieb, steht nicht in Chroniken, sondern im Boden. Auf der Burgwallinsel im Teterower See lag eine Anlage, die die Ausgräber der 1950er Jahre als Stammesmittelpunkt deuteten: eine verhältnismäßig kleine Hauptburg von rund 0,6 Hektar Innenfläche, dazu eine Vorburg. Der Wall ist heute noch nahezu sechs Meter hoch; zur Slawenzeit dürfte er neun bis zehn Meter erreicht haben, mit einer eichenen Palisade obendrauf. Zum Festland führte eine Brücke von etwa 750 Metern – eine der längsten bekannten Brücken der slawischen Zeit überhaupt.

Noch besser untersucht ist die Inselburg von Behren-Lübchin, eine der Hauptburgen des Stammes. Ewald Schuldt legte sie von 1956 bis 1961 frei und fand Bauhölzer in einer Menge, die nur der nasse Boden konservieren konnte: Kastenkonstruktionen, ein überdachter hölzerner Wehrgang, ein vermutlich zweigeschossiger Torturm, hölzerne Blenden zur Seeseite, dazu eine über 300 Meter lange Brücke. Zwei Bauphasen ließen sich unterscheiden. Man muss dabei ehrlich bleiben: Höhenangaben, Dachkonstruktionen und Innenbebauung sind Rekonstruktionen aus Pfostenlöchern und liegenden Hölzern, nicht abgelesene Wahrheiten. Teile dieser Befestigung wurden im archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden nachgebaut – wer wissen will, wie sich zirzipanische Wehrarchitektur anfühlt, geht dorthin.

Alltag zwischen Wall und Acker

Burgen sind das Auffälligste, aber nicht das Wichtigste. Um jeden dieser Wälle lagen Dörfer, Äcker und Weiden. Gewirtschaftet wurde mit Getreide, Vieh, Fischfang und Bienenhaltung; in den Vorburgen arbeiteten Handwerker, zeitweise wurden dort auch Märkte abgehalten. Die spätslawische Keramik dieses Raums ist so charakteristisch, dass die Archäologie ihre Warenarten schlicht nach Fundorten benannt hat – die Typen Teterow und Vipperow tragen die Namen von Orten in und bei Zirzipanien und sind heute Leitformen für ganz Norddeutschland. Das ist eine stille Ehrung: Die Zeitmesser der norddeutschen Frühgeschichte heißen nach zirzipanischen Dörfern.

Isoliert war dieses Land nicht. Über Peene und Ostsee hing es am großen nordischen Handelsnetz, in dem arabisches Silber, Glasperlen, Bernstein und Wachs zirkulierten – dieselben Ströme, die auch die Plätze Menzlin, Ralswiek und Wolin speisten. Und man sollte den Brückenbau nicht als Nebensache abtun: Eine 750-Meter-Brücke durch einen See zu treiben, verlangt Holzeinschlag, Transport, Zimmermannskunst und vor allem organisierte Arbeitskraft über Jahre hinweg. Wer so etwas baut, hat eine Gesellschaft, die planen, rechnen und Menschen führen kann. Genau das steht in keiner Chronik.

Demmin, Niklot und der Wendenkreuzzug 1147

Im 12. Jahrhundert wurde Zirzipanien zum Durchgangsland fremder Ansprüche. 1128 stießen die Pomoranen weit in das Stammesgebiet vor und gliederten den südlichen Teil des späteren Vorpommern ihrem Herzogtum ein. Auf der westlichen Seite herrschte spätestens ab den 1130er Jahren der Obodritenfürst Niklot, dem die Forschung überwiegend auch die Oberhoheit über die zirzipanischen Gebiete zuschreibt.

Dann kam 1147. Der Wendenkreuzzug war ein Teilunternehmen des Zweiten Kreuzzugs, ausgerufen von Bernhard von Clairvaux, päpstlich bestätigt – und getrieben von sehr weltlichen Interessen. Das nördliche Heer unter Heinrich dem Löwen belagerte die Burg Dobin; das größere Heer unter Albrecht dem Bären zog über Havelberg und Malchow, wo ein heidnisches Heiligtum zerstört wurde, vor die Feste Demmin und belagerte sie. Demmin – slawisch Dimin, eine Burganlage auf einer künstlich angelegten Insel im Zusammenfluss von Peene, Tollense und Trebel – war der Schlüsselpunkt am Fluss. Ein Teil des Heeres zog anschließend weiter vor Stettin; dort beriefen sich die Belagerten darauf, durch Otto von Bamberg längst getauft zu sein, hängten Kreuze auf die Mauern und verhandelten sich frei. Helmold von Bosau überliefert außerdem den zynischsten Gedanken der ganzen Unternehmung: Ritter beider Heere hätten gefragt, warum sie eigentlich das Land verwüsteten, das ohnehin ihr eigenes werden solle, und die Leute erschlügen, die ihnen künftig Abgaben zahlen sollten.

1171 und danach: das Ende Zirzipaniens

Der letzte Akt kam von See. Nach 1170 führten die Dänen unter Waldemar I. wiederholt Feldzüge in dieses Land. Saxo Grammaticus beschreibt zum Jahr 1171 die Erstürmung einer Inselburg, zu der eine lange Brücke führte: Die Verteidiger brachen die Brücke fast vollständig ab und errichteten auf dem letzten Abschnitt einen Wehrturm, die Brückenpfeiler aber blieben stehen; die Dänen setzten die Brücke unter Verlusten wieder instand, nahmen den Turm und dann die Burg. Die Männer wurden erschlagen, Frauen und Kinder verschleppt. Sehr wahrscheinlich ist damit Behren-Lübchin gemeint. Die zweite, unmittelbar danach am selben Platz errichtete Burg wurde um 1200 erobert und zerstört; wer die Angreifer waren, verraten die Münzfunde nicht.

Niklot war 1160 gefallen, seine Söhne wurden Vasallen Heinrichs des Löwen. 1172 gründeten dänische Zisterzienser aus Esrom das Kloster Dargun – mitten im alten Stammesgebiet, unter dem Pommernfürsten Kasimir und Bischof Berno von Schwerin; 1209 wurde es von Doberan aus neu besiedelt. Nach dem Vertrag von Kremmen 1236 und den mecklenburgischen Vorstößen der 1230er Jahre war Zirzipanien geteilt: der westliche Teil mit Güstrow und Teterow bei Mecklenburg, der östliche um Demmin bei Pommern. Als politischer Name verschwand Zirzipanien; in der kirchlichen Gliederung des Bistums Cammin hielt sich die alte Grenze noch länger. Die stark dezimierte slawische Bevölkerung wurde christianisiert und im Zuge der Ostsiedlung assimiliert – kein Untergang an einem Tag, sondern ein Aufgehen über Generationen, wie es auch die Sorben erlebten, nur dass dort ein Rest bis heute übrig blieb.

Was von den Zirzipanen blieb

Erstaunlich viel, wenn man hinsieht. Teterow, Malchin, Dargun, Demmin, Güstrow, Krakow – die Ortsnamen dieser Landschaft sind slawisch, und wer sie ausspricht, spricht ein wenig Zirzipanisch, ohne es zu merken. Die Wälle auf der Burgwallinsel im Teterower See stehen noch; die Insel erreicht man heute mit einer Seilfähre. In Groß Raden lässt sich die Holzarchitektur dieser Burgen begehen, in Dargun steht die Klosterruine auf altem Stammesboden, und in Starigard/Oldenburg weiter westlich sieht man, wie ein slawischer Fürstensitz derselben Zeit ausgegraben und aufbereitet wurde.

Was fehlt, ist die eigene Stimme. Kein zirzipanischer Text ist erhalten, kein Fürstenname außer dem 955 erschlagenen Stoignew, kein einziger Satz aus ihrer Sicht. Was bleibt, sind Bauhölzer, Scherben, Wallschüttungen – und die Berichte ihrer Gegner. Ein Volk lesbar zu machen, dessen gesamte schriftliche Überlieferung aus den Federn derer stammt, die es unterwarfen, ist die eigentliche Arbeit an diesem Thema. Sie fängt damit an, Beleg und Deutung nicht zu verwechseln.

Beleg: Gesichert sind: die Nennung als Zcirizspanis in den St. Galler Annalen zum Jahr 955 und als Zerezepani in der Urkunde Ottos I. für das Magdeburger Moritzkloster von 965; die Zugehörigkeit zu den vier lutizischen Kernstämmen; der innerlutizische Krieg von 1056/57 mit dem Sieg der Zirzipanen und Kessiner und dem anschließenden Eingreifen Gottschalks, Sven Estridsens und Bernhards II. (Adam von Bremen, Buch III; Helmold I,21); der Aufstand von 983 mit der Zerstörung Havelbergs am 29. Juni; die Belagerung Demmins im Wendenkreuzzug 1147; die Klostergründung Dargun 1172. Archäologisch gesichert sind die Burganlagen auf der Burgwallinsel im Teterower See und bei Behren-Lübchin, letztere durch die Grabungen Ewald Schuldts 1956–1961 mit Brücke, Torturm und zwei Bauphasen.
Mythos-Check: Die saubere Einteilung in „vier Lutizenstämme“ ist eine Ordnung der deutschen und dänischen Chronisten, nicht zwingend eine Selbstbezeichnung; sie hat sich in der Forschung eingebürgert, bildet aber vor allem ab, wie Außenstehende dieses Land sortierten. Die Lage von Rethra ist trotz Dutzender Lokalisierungsversuche unbekannt – jede Karte, die den Ort markiert, markiert eine Hypothese. Die berühmten „Prillwitzer Idole“, ab 1768 in Neubrandenburg aufgetaucht und 1771 von Andreas Gottlieb Masch mit Kupferstichen Daniel Woges als Tempelschatz von Rethra veröffentlicht, sind nachweisliche Fälschungen aus der Werkstatt der Goldschmiedebrüder Sponholz, inklusive erfundener Runen; Franz Boll wies das 1854/55 im Detail nach. Beim Gottesnamen ist zu trennen: Thietmar nennt den Ort Riedegost und den Gott Zuarasici, Adam nennt den Ort Rethra – dass daraus ein Gott „Radegast“ wurde, gilt vielen Forschern als Verwechslung von Ortsname und Gottesnamen, andere sehen darin einen lokalen Beinamen; entschieden ist die Frage nicht. Sicher erfunden ist dagegen der angebliche Kessinergott „Goderac“: Er beruht auf einem Lesefehler an einer Urkunde Heinrichs des Löwen von 1171, in der lediglich ein Dorf des heiligen Godehard genannt wird. Und schließlich: Adam, Helmold und Thietmar sind keine neutralen Beobachter. Sie schreiben aus der Perspektive der Mission und der sächsischen Expansion; Zahlen wie „15.000“ und Greuelnachrichten über Menschenopfer gehören in diesen rhetorischen Zusammenhang und sind keine Protokolle.
Glanz & Gravur
Aus unserer Manufaktur: nordische Motive auf Naturschiefer, lasergraviert - aus kleiner Familienmanufaktur in Alsdorf. Im Shop →

Weiterlesen bei uns

Die Lutizen · Die Ranen (Rügen) · Die Obodriten · Die Pomoranen · Die Wagrier.

Quellen & Literatur

Zum Shop Mehr Beiträge

Mehr aus der Geschichte & Funde

Alle Geschichte & Funde-Artikel →

Die Schlacht von Zülpich (496)

Für viele gilt die Varusschlacht als „Urknall Deutschlands". Doch geprägt hat unser Land eine andere Schlacht viel …

Weiterlesen →

Die Aduatuker: Kimbern-Erbe an der Maas

Weiterlesen →

Die Häduer: Roms Verbündete zwischen Treue und Aufstand

Weiterlesen →

Die Aestier: Gold der Ostsee

Weiterlesen →