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Die Daleminzier – Slawen zwischen Elbe und Mulde

Geschichte & Funde Die Daleminzier – Slawen zwischen Elbe und Mulde Zwischen Meißen und Döbeln, auf dem fettesten Ackerboden Sachsens, saß im frühen Mittelalter ein slawisches Volk, das die Deutschen Daleminzier nannten. Sich selbst nannte es anders: Glomači, nach einem See, aus dessen Farbe man die Zukunft las. Im Winter 928/929 kam König Heinrich I., belagerte zwanzig Tage lang ihre Hauptburg Gana und ließ danach Meißen bauen. Was von den Daleminziern blieb, steht heute auf den Ortsschildern der Lommatzscher Pflege.

Ein Volk, benannt nach einem See

Die meisten frühmittelalterlichen Völker sind nach einem Fluss, einer Landschaft oder einem Anführer benannt. Die Daleminzier nicht. Sie hießen bei sich selbst Glomači – und dieser Name gehörte zuerst einem Gewässer: einem flachen, quellgespeisten See nördlich des heutigen Lommatzsch, der als heilig galt und als Orakel diente. Das ist ungewöhnlich genug, um stutzig zu machen. Ein Volk definiert sich hier über sein Heiligtum, nicht über seinen Fürsten.

Wir wissen das nur, weil ein deutscher Bischof es aufgeschrieben hat: Thietmar von Merseburg, der seine Chronik zwischen etwa 1012 und 1018 verfasste. Er nennt beide Namen nebeneinander und sagt ausdrücklich, dass die eine Bezeichnung von den Deutschen stammt, die andere von den Slawen. Solche Sätze sind Gold wert. Sie zeigen, dass sich Fremdbezeichnung und Eigenbezeichnung unterscheiden – und dass ein Chronist im 11. Jahrhundert das noch wusste.

Seite aus Thietmars Chronik – Handschrift des Chronicon, Randnotiz Misna
Eine Seite aus dem Chronicon Thietmars von Merseburg (Dresdner Handschrift). Am Rand steht die Notiz MISNA – Meißen. Thietmar ist unsere wichtigste Quelle für die Daleminzier und für die heilige Quelle Glomuzi. Gemeinfrei (Wikimedia Commons).

Wo Daleminzien lag

Der Gau Daleminzi – lateinisch pagus Daleminzi; ein Gau ist eine frühmittelalterliche Siedlungs- und Verwaltungslandschaft – umfasste im Kern das Meißner Land und die Lommatzscher Pflege, also den Raum zwischen der Elbe und den Gegenden um Döbeln und Mügeln. Ein Stück davon reichte über die Elbe hinüber ins Großenhainer Land. Das ist keine zufällige Gegend. Die Lommatzscher Pflege liegt auf mächtigem Löss, sie gehört zu den ältesten Ackerbaulandschaften Deutschlands und gilt als sächsisches Altsiedelland – hier wurde schon in der Jungsteinzeit gepflügt, lange bevor Slawen einwanderten.

Wer also Daleminzien sagt, meint Getreideland. Weizen, Gerste, gute Böden, kleine Weiler dicht an dicht. Das erklärt einiges: warum die Gegend dicht besiedelt war, warum sie begehrt war, und warum fränkische und sächsische Herrscher immer wieder hierher zogen. Man holt sich keinen Sumpf. Man holt sich eine Kornkammer.

Zwei Namen, zwei Perspektiven

„Daleminzier“ ist eine Fremdbezeichnung. In den Quellen taucht sie in vielen Varianten auf: Dalamantia, Daleminci, Dalmatii, Talaminzi, Deleminci. Auffällig ist die Nähe zum antiken Landschaftsnamen Dalmatien, und ein Teil der Forschung nimmt an, dass gelehrte Schreiber diesen ihnen vertrauten Namen auf ein Volk östlich der Elbe übertragen haben. Beweisen lässt sich das nicht; es bleibt eine gut begründete Vermutung.

Der Eigenname Glomači ist sprachlich schwieriger. Der Sorabist Ernst Eichler hat sich intensiv damit befasst und mehrere Deutungen erwogen, unter anderem eine Herleitung, die auf feuchten, sumpfigen Grund zielt – also auf den See selbst. Eine endgültige Etymologie gibt es nicht. Klar ist dagegen der Weg zum heutigen Ortsnamen: altsorbisch *Głomač, im Obersorbischen mit dem typischen Wandel von g zu h zu Hlomač – und daraus wurde Lommatzsch. Der Name des Heiligtums lebt also weiter, ohne dass die meisten, die ihn heute aussprechen, davon wissen.

Die frühesten sicheren Nennungen

Fassbar werden die Daleminzier im Jahr 805. Karl der Jüngere, ein Sohn Karls des Großen, führte einen Feldzug gegen die Slawen, vor allem gegen die Böhmen. Eines der drei Heere, das sächsische, zog dabei durch das Warnenfeld in ein Gebiet, das die Annalen Demelchion nennen, kämpfte dort gegen einen König namens Semela und besiegte ihn. Das ist der erste harte Beleg – und er sagt schon etwas Wichtiges: Diese Leute hatten eine Führung, die den Franken einen eigenen Namen wert war.

856 zog der ostfränkische König Ludwig der Deutsche zunächst durch das Land der Sorben, deren Herzöge sich ihm anschlossen, und besiegte anschließend die Daleminzier in einer Schlacht. Sie mussten Geiseln stellen und Tribut zahlen. 880 versuchten sie es umgekehrt: gemeinsam mit Böhmen, Sorben und weiteren Nachbarn fielen sie nach einer sächsischen Niederlage gegen die Normannen in Thüringen ein und verheerten das Land an der Saale. Poppo, der Markgraf der Sorbischen Mark, schlug sie zurück. Das Muster wiederholt sich über anderthalb Jahrhunderte: Feldzug, Tribut, Aufstand, Feldzug.

Der Bayerische Geograph und die Zahl der Burgen

Eine der wenigen Quellen, die nicht von Krieg erzählt, ist eine schlichte Liste: die Descriptio civitatum et regionum ad septentrionalem plagam Danubii, meist „Bayerischer Geograph“ genannt – ein anonymer lateinischer Text des 9. Jahrhunderts, wahrscheinlich auf der Reichenau entstanden. Er zählt slawische Völker östlich des Reichs auf und nennt zu jedem eine Zahl von civitates, also befestigten Siedlungseinheiten oder Burgbezirken.

Über die Daleminzier heißt es dort knapp: Iuxta illos sunt quos vocant Talaminzi, qui habent civitates XIII – „Neben jenen sind die, welche man Talaminzi nennt; sie haben dreizehn civitates.“ In der deutschsprachigen Literatur wird die Zahl gelegentlich mit vierzehn angegeben; die überlieferte lateinische Lesart lautet XIII. Wichtiger als der Streit um eine Ziffer ist der Zusammenhang: Direkt davor stehen die Sorben mit fünfzig, direkt danach die Böhmen mit fünfzehn. Die Daleminzier waren also eine mittelgroße Größe – kein Imperium, aber auch kein Häufchen. Und der Text setzt sie ausdrücklich neben die Sorben, nicht mit ihnen gleich.

Burgwälle, Gaue und wie Herrschaft hier funktionierte

Man muss sich Daleminzien nicht als Staat vorstellen. Was die Archäologie zeigt, ist ein Netz von Burgwällen – Ringwällen aus Holz, Erde und Stein –, um die herum jeweils ein Bezirk mit Dörfern lag. Solche Burgen dienten als Fluchtburg, Vorratslager, Gerichtsort und Sitz einer örtlichen Führungsschicht. Eine davon war größer und wichtiger als die anderen; die Quellen nennen sie Gana.

Wie das politisch zusammenhing, ist offen. Ob es einen dauerhaften Oberherrn über alle dreizehn Bezirke gab oder nur Bündnisse nach Lage der Dinge, lässt sich aus den Quellen nicht entscheiden. Der 805 genannte rex Semela spricht für eine übergreifende Führung – aber fränkische Schreiber nannten auch kleine Anführer gern König. Vergleichbare Strukturen kennt man von den Hevellern an der Havel und von den Lutizen, die als Bund ohne König auftraten. Daleminzien war vermutlich eher ein Gauverband mit gemeinsamem Heiligtum als ein Stamm im volkstümlichen Sinn.

Die Jahre um 900: zwischen allen Fronten

Um die Jahrhundertwende wurde die Lage gefährlich. Nach Kämpfen mit König Konrad I. zog Heinrich, damals Herzog von Sachsen und später als Heinrich I. König, gegen die Daleminzier ins Feld. Diese riefen die Ungarn zu Hilfe. Die Datierung schwankt: Thietmar setzt den Zug „um das Jahr 900“ an, in der Forschung wird meist 906 oder 908 angenommen. Sicher ist, dass ungarische Reiterheere in diesen Jahren tief nach Sachsen und Thüringen vorstießen – und dass ein slawisches Volk sie als Bündnispartner gegen die Sachsen holte.

Das war eine kurzfristig kluge und langfristig verheerende Entscheidung. Sie machte Daleminzien in sächsischen Augen nicht nur zum Nachbarn, sondern zum Sicherheitsrisiko. Als Heinrich 926 einen neunjährigen Waffenstillstand mit den Ungarn schloss und begann, systematisch Burgen zu bauen und ein Reiterheer aufzustellen, war absehbar, wogegen sich das eines Tages richten würde.

929: Der Winterfeldzug und der Fall von Gana

Im Winter 928/929 brach Heinrich I. auf. Sein erstes Ziel war Brandenburg an der Havel, der Fürstensitz der Heveller, den er über das Eis nahm. Danach wandte er sich nach Süden gegen Daleminzien. Unser Hauptzeuge ist Widukind von Corvey, ein sächsischer Mönch, der seine Res gestae Saxonicae erst um 967/968 schrieb – rund vierzig Jahre nach den Ereignissen und aus klarer sächsischer Perspektive.

Widukind berichtet in Buch I, Kapitel 35, dass Heinrich die Burg Gana belagerte und sie am zwanzigsten Tag einnahm. Die Beute überließ er den Kriegern; alle Erwachsenen wurden getötet, Knaben und Mädchen behielten das Leben – in Gefangenschaft. Man sollte diesen Satz nicht überlesen. Er beschreibt in einem Nebensatz die Auslöschung einer Ortsbevölkerung und die Verschleppung ihrer Kinder, und der Chronist erzählt es als Erfolgsmeldung.

Wo lag Gana? Die Spur in der Jahna-Niederung

Über Jahrhunderte suchte man Gana überall in der Region. Heute gilt eine frühmittelalterliche Burganlage bei Hof, Gemeinde Stauchitz, am kleinen Fluss Jahna als der weitaus beste Kandidat. Schon in den 1920er und 1970er Jahren wurde dort gegraben; geophysikalische Untersuchungen ab 2003 und Luftbilder brachten die entscheidenden Hinweise. Auch der Flussname Jahna passt lautlich zu Gana.

Der Befund ist beeindruckend: ein in mehreren Etappen erweiterter Ringwall mit massiver Holzkastenkonstruktion und Palisade, im Inneren ein annähernd quadratischer Hof von etwa 75 mal 75 Metern mit zahlreichen Grubenhäusern, umgeben von einem Graben. Aus dem 10. Jahrhundert stammen deutliche Brandspuren. Die Angaben zur Größe gehen in der Literatur auseinander – von einer Wallhöhe bis etwa zwölf Metern ist ebenso die Rede wie von einer rekonstruierten Mauer von rund sechs Metern Höhe bei fünfzehn Metern Basisbreite, einem fünfzehn Meter breiten und fünf Meter tiefen Graben und einem Umfang von etwa siebenhundert Metern. Der Historiker David Bachrach hat daraus 2013 hochgerechnet, dass Heinrichs Leute zum Verfüllen eines rund zweihundert Meter langen Grabenabschnitts etwa 15.000 Tonnen Erde bewegen mussten – nach seiner Modellrechnung über hunderttausend Arbeitsstunden. Das sind Kalkulationen, keine Grabungsbefunde; sie zeigen aber, welchen Aufwand eine solche Belagerung bedeutete.

Und es gibt eine bittere Pointe. Die Anlage wird seit Jahrzehnten überpflügt. Das sächsische Landesamt für Archäologie hat mehrfach gewarnt, dass das Denkmal ohne Nutzungsänderung in wenigen Jahrzehnten vollständig eingeebnet sein wird.

Meißen: die Burg, die alles veränderte

Nach dem Fall von Gana zog Heinrich weiter elbaufwärts Richtung Prag. Unterwegs ließ er auf einem Felsen über der Elbe, dort wo der Bach Meisa mündet, eine Burg errichten: Meißen. Dendrochronologische Untersuchungen – also Datierung über Jahrringe im Bauholz – bestätigen eine frühe Bauphase im Jahr 929. Diese Burg war kein Feldlager, sondern eine Dauereinrichtung. Sie sicherte die mittlere Elbe und wurde zum Kern dessen, was später die Markgrafschaft Meißen und noch später der Kern Sachsens werden sollte.

Die Herrschaftsorganisation folgte: Das eroberte Gebiet wurde in Burgwarde gegliedert, kleine Militär- und Verwaltungsbezirke um jeweils eine Burg. Ein Markgraf von Meißen ist ab 968 belegt. Sofort gesichert war der Erfolg allerdings nicht – nach einer sächsischen Niederlage gegen die Böhmen im September 936 ging Meißen offenbar zeitweise wieder verloren. Die Eingliederung war ein Prozess, kein Datum.

Der heilige See von Glomuci

Bleibt das Herzstück. Thietmar von Merseburg beschreibt in seiner Chronik den See, dem Land und Leute ihren Namen verdankten. Es ist einer der ganz wenigen schriftlichen Hinweise auf die religiösen Vorstellungen der Elbslawen in diesem Raum:

Glomuzi heißt eine Quelle, keine zwei Meilen von der Elbe entfernt. Sie bildet einen See, der – wie die Anwohner versichern und viele mit eigenen Augen bestätigt haben – immer wieder Erstaunliches hervorbringt. Steht Frieden bevor und versagt der Boden die Frucht nicht, so zeigt er sich bedeckt mit Weizen, Hafer und Eicheln und macht denen, die sich oft an ihm versammeln, das Herz leicht. Brechen dagegen Kriegsstürme los, so kündigt er den Ausgang im Voraus an, durch Blut und Asche. Ihn verehren und fürchten alle Einwohner mehr als die Kirchen, wenn auch in ungewisser Erwartung. Nach ihm ist der Gau benannt, der sich von der Elbe bis an die Chemnitz erstreckt.Thietmar von Merseburg, Chronicon I,3 (verfasst um 1012–1018); eigene sinngemäße Übersetzung nach dem lateinischen Text

Der See lag gut zwei Kilometer nördlich von Lommatzsch, zwischen den Dörfern Paltzschen und Dörschnitz, in einer abflusslosen Senke. Er war klein und wechselhaft; auf einer Karte um 1600 erscheint er als elliptische Fläche von etwa 360 mal 250 Metern. Ab 1807 wurde er über einen Entwässerungsgraben trockengelegt, spätestens 1838 war er verschwunden. Heute erinnert ausgerechnet dieser „Seegraben“ noch an ihn.

Bemerkenswert: Für Thietmars Rotfärbung gibt es eine naturwissenschaftlich plausible Erklärung. Die Grünalge Haematococcus pluvialis bildet unter Stress – etwa bei Trockenheit – massenhaft intensiv rote Dauerzellen und kann flache Gewässer blutrot färben. Wer die Ursache nicht kennt, liest daraus verständlicherweise ein Zeichen. Und da Trockenphasen sowohl Missernten begünstigen als auch Heerzüge erleichtern, war die Deutung nicht einmal völlig unbegründet.

Bistum, Burgwarde, Christianisierung

967 stimmte Papst Johannes XIII. auf der Synode von Ravenna und auf Betreiben Kaiser Ottos I. der Gründung dreier Bistümer zu: Meißen, Merseburg und Zeitz. Meißen wurde 968 errichtet und war zuständig für den Gau Daleminzien, den Gau Nisan im Dresdner Elbtal und das Land der Milzener um Bautzen. Kirchen entstanden zuerst an den Hauptburgen und in einzelnen Burgwarden – die neue Ordnung setzte sich also auf die alte drauf.

Die Christianisierung war kein Schnitt, sondern ein langer Übergang. Nach dem heutigen Forschungsstand zog sie sich hin und fand erst mit der hochmittelalterlichen Kirchspielorganisation ihren Abschluss. Der See bei Paltzschen wurde noch lange nach der Bekehrung von der Bauernschaft aufgesucht; erst allmählich verlor sich der Brauch. Bezeichnend ist der Name, den er später bekam: „Baalscher See“, nach dem alttestamentlichen Götzen. Man wusste noch, dass hier etwas gewesen war, das nicht zur Kirche gehörte.

Sprachlich hielt sich das Altsorbische in diesem Raum noch lange. Der Übergang zur vollständigen Deutschsprachigkeit dürfte im 14. und 15. Jahrhundert eingetreten sein – ähnlich wie, aber deutlich früher als bei den Polaben im Wendland, deren Sprache erst um 1750 erlosch.

Was geblieben ist

Wer heute durch die Lommatzscher Pflege fährt, liest die Daleminzier auf den Ortsschildern. Auterwitz, Baderitz, Binnewitz, Clanzschwitz, Schlagwitz – die Endungen auf -itz, -witz und -schütz gehen auf slawische Namenbildungen zurück. Dazu kommen die kleinen, dicht liegenden Weiler und Rundlinge, deren Grundriss vielfach auf slawische Gründungen zurückgeht. Kein Denkmal, kein Museumsstück: einfach die Landschaft selbst. Wer tiefer einsteigen will, findet den größeren Zusammenhang in unserer Übersicht zu Germanen, Kelten und Slawen.

Uns in Alsdorf, am anderen Ende desselben Reiches, ist das vertraut. Im Rheinland stecken keltische und lateinische Wurzeln in den Ortsnamen, an der Elbe slawische. Beides sind Schichten unter dem, was heute selbstverständlich wirkt. Und beides erzählt dasselbe: Heimat ist nie nur eine Sprache tief.

Beleg: Gesichert ist die Existenz der Daleminzier durch fränkische und sächsische Schriftquellen ab 805 (Feldzug Karls des Jüngeren, König Semela), 856 (Ludwig der Deutsche, Geiseln und Tribut) und 880 (Einfall nach Thüringen, Rückschlag durch Poppo). Der Bayerische Geograph nennt sie als Talaminzi mit dreizehn civitates. Thietmar von Merseburg (Chronicon I,3) überliefert Eigen- und Fremdnamen sowie den heiligen See Glomuzi, Widukind von Corvey (Res gestae Saxonicae I,35) die zwanzigtägige Belagerung von Gana 929 samt Tötung der Erwachsenen und Verschleppung der Kinder. Archäologisch fassbar sind die Burganlage bei Hof/Stauchitz mit Ringwall, Holzkastenkonstruktion, Innenhof und Brandhorizont des 10. Jahrhunderts, die Lage des ehemaligen Sees zwischen Paltzschen und Dörschnitz sowie eine dendrochronologisch datierte Bauphase der Burg Meißen im Jahr 929. Das Bistum Meißen wurde 968 errichtet.
Mythos-Check: „Daleminzier“ ist eine Fremdbezeichnung; der Eigenname lautete Glomači, und beides meint eher einen Gauverband mit gemeinsamem Heiligtum als einen geschlossenen Stamm mit Nationalgefühl. Eine Ersterwähnung in der Fredegar-Chronik des 7. Jahrhunderts wird gelegentlich behauptet – dort werden jedoch zu 631 die Sorben genannt, nicht die Daleminzier; die früheste sichere Nennung bleibt 805. Die Gleichsetzung Gana = Hof/Stauchitz ist sehr gut begründet, aber durch keinen namentragenden Fund bewiesen; sie bleibt eine Identifizierung, keine Tatsache. Die kursierenden Maßangaben zur Burg und die Arbeitsstunden-Berechnungen zur Belagerung sind Rekonstruktionen und Modellrechnungen, keine Messwerte. Die Orakel-Sagen von Weizen und Eicheln auf dem Wasser sind in ihrer ausgeschmückten Form erst aus christlicher Zeit überliefert. Und eine direkte Abstammungslinie von den Daleminziern zu den heutigen Sorben in der Lausitz lässt sich nicht behaupten: Die frühe Geschichte der elbslawischen Gruppen ist quellenarm und in der Forschung umstritten, das Sorbische erlosch im Meißner Land spätestens im 15. Jahrhundert. Deutungen, die den Vorgang von 929 als „Ostsiedlung“ romantisieren oder umgekehrt zum nationalen Gründungsmythos umdeuten, sagen mehr über das 19. und 20. Jahrhundert als über das 10.
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