Zwischen den Wäldern der Oberlausitz, um die Feste Bautzen an der Spree, saß im frühen Mittelalter ein westslawischer Stamm: die Milzener. Ihr Land war eine Burgenlandschaft an der Grenze zum Frankenreich, ihr Name steht in den ältesten Quellen der Region – und ihr Erbe lebt bis heute im sorbischen Volk fort.
Nicht nur Germanen und Kelten haben unsere Landschaften geprägt. Weite Teile des heutigen Ostdeutschlands waren im frühen Mittelalter slawisches Land. Zwischen Elbe und Oder, in Mecklenburg, Brandenburg, Sachsen und der Lausitz lebten westslawische Stämme, deren Namen bis heute in Orten, Flüssen und Regionen nachklingen. Einer von ihnen saß in der Oberlausitz, rund um die Stadt Bautzen an der Spree: die Milzener.
Die Milzener siedelten im Kernraum der heutigen Oberlausitz, mit einem Schwerpunkt um Bautzen (sorbisch Budyšin). Es war ein Land der Hügel, Wälder und Flusstäler, gut geeignet für Ackerbau und Viehzucht. Wie die anderen Elbslawen lebten die Milzener in Dörfern und, vor allem, in befestigten Burgen – Ringwällen aus Erde und Holz, die als Fluchtburgen, Herrschaftssitze und Versammlungsorte dienten. Ihr Land war geradezu eine Burgenlandschaft.
Am bekanntesten ist die Feste auf dem Felsen über der Spree, aus der die spätere Ortenburg und die Stadt Bautzen erwuchsen. Solche Burgen waren das Rückgrat der slawischen Gesellschaft: Von hier aus wurde ein Gebiet kontrolliert, hier suchte man in Kriegszeiten Schutz, hier saßen die führenden Familien.
Die früheste schriftliche Nachricht über die Milzener steht in einer merkwürdigen Quelle des 9. Jahrhunderts, dem sogenannten Bayerischen Geographen – einer lateinischen Liste von Völkern östlich des Frankenreichs mit der Zahl ihrer „Burgen" (civitates). Dort erscheinen die Milzener (Milzane) mit einer stattlichen Zahl befestigter Orte.
Die Milzener haben dreißig Burgen.Bayerischer Geograph, 9. Jahrhundert (sinngemäß nach der lateinischen Liste)
Ob diese Zahl exakt stimmt, lässt sich nicht prüfen – solche Listen sind Schätzungen aus zweiter Hand. Aber sie bestätigen das archäologische Bild: Die Oberlausitz war dicht mit slawischen Burgwällen besetzt. Die „dreißig Burgen" stehen für ein Land, das sich zu wehren wusste.
Das Land der Milzener lag an der Ostgrenze des ostfränkisch-deutschen Reiches. Damit gerieten sie – wie ihre Nachbarn, die Sorben und die Lutizen – ins Visier der sächsischen Könige, die ihre Herrschaft nach Osten ausdehnten. Im 10. Jahrhundert begann der systematische Druck: Tribut, Feldzüge, der Bau von Reichsburgen.
König Heinrich I. unterwarf die Milzener in den 920er/930er Jahren und zwang sie zu Tribut. Sein Feldherr und späterer Markgraf Gero setzte die Unterwerfung der Elbslawen mit großer Härte fort. Die Oberlausitz wurde Teil des ostfränkischen Grenzsystems, der Marken – jener militärisch verwalteten Grenzzonen, von denen aus das Reich das slawische Land kontrollierte und allmählich in seinen Einflussbereich zog.
Der Fels über der Spree, einst Milzenerburg, wurde zum Kern der deutschen Herrschaft in der Oberlausitz. Hier entstand die Ortenburg, hier wuchs Bautzen zur Stadt. Der Chronist Thietmar von Merseburg, unsere wichtigste Quelle für die Slawenkriege des 10./11. Jahrhunderts, nennt die Burg Budusin (Bautzen) mehrfach – sie war ein umkämpfter Schlüsselpunkt in den Kriegen zwischen dem Reich und dem polnischen Herzog Bolesław Chrobry, der die Oberlausitz zeitweise an sich riss.
So wurde das Milzenerland zum Grenzland zwischen Reich, Böhmen und Polen – ein Raum, um den über Jahrhunderte gerungen wurde. Die Oberlausitz wechselte mehrfach die Herrschaft, blieb aber stets von ihrer slawischen Bevölkerung geprägt.
Anders als viele Elbslawen, deren Sprache im Lauf des Mittelalters und der Neuzeit verschwand, hat sich in der Lausitz ein slawisches Volk bis heute erhalten: die Sorben (obersorbisch Serbja). Die Milzener gehören zu ihren Vorfahren – zusammen mit den benachbarten Lusitzern, die der Lausitz den Namen gaben. In der Oberlausitz um Bautzen wird bis heute Obersorbisch gesprochen; Bautzen ist das kulturelle Zentrum der Sorben mit eigener Zeitung, Schulen und dem Dachverband Domowina.
Damit sind die Milzener kein untergegangenes Volk wie so viele Germanen- oder Keltenstämme, sondern ein lebendiger Teil der Vorgeschichte einer bis heute bestehenden Minderheit. Wer durch die Oberlausitz fährt und die zweisprachigen Ortsschilder sieht, blickt auf das ferne Erbe der Milzener.
Über die Religion, die Sagen und den Alltag der Milzener im Einzelnen wissen wir wenig Gesichertes. Die westslawischen Stämme verehrten Götter wie Perun und pflegten Kultorte in Hainen und auf Bergen, doch für die Milzener speziell fehlen ausführliche Berichte – das meiste, was man liest, gilt allgemein für die Elbslawen. Auch die Grenze zwischen „Milzenern" und „Sorben" ist keine scharfe Linie: Es sind moderne Ordnungsbegriffe für ein Geflecht verwandter Gruppen.
Gerade diese Ehrlichkeit ist uns wichtig. Bei GLANZ & GRAVUR erzählen wir die slawischen Wurzeln Mitteleuropas genauso sorgfältig wie die germanischen und keltischen: mit klarem Blick auf das, was die Quellen wirklich hergeben – der Bayerische Geograph, Thietmar, die Burgwälle im Boden – und auf das, was Deutung bleibt. Die Milzener verdienen es, als das gezeigt zu werden, was sie waren: ein zähes Burgenvolk der Oberlausitz, dessen Erbe bis heute weiterlebt.
Die slawische Gesellschaft der Oberlausitz war um ihre Burgwälle herum organisiert. Diese Ringwälle aus Erde, Holz und Stein lagen oft auf Bergspornen oder an Flussübergängen; im Umland verteilten sich Dörfer mit Grubenhäusern, Feldern und Weiden. Die Burg war Schutzraum, Vorratslager und Herrschaftssitz zugleich – hier saßen die führenden Familien, hier kam man in Gefahr zusammen. Die Archäologie hat in der Oberlausitz zahlreiche solcher Wälle nachgewiesen und bestätigt damit das Bild der „vielen Burgen" aus den Schriftquellen.
Die Milzener lebten von Ackerbau, Viehzucht, Handwerk und Handel. Ihre Lage an der Grenze machte sie zu Mittlern und zu Betroffenen zugleich: Waren, Ideen und Heere zogen durch ihr Land. Diese Grenzlage erklärt beides – ihren Reichtum an Burgen und ihre Verwundbarkeit gegenüber den mächtigen Nachbarn im Westen und Osten.
So spannt sich von den Milzenern ein Bogen bis in die Gegenwart: von einem slawischen Burgenvolk des frühen Mittelalters über die wechselvolle Grenzgeschichte der Oberlausitz bis zu den Sorben, die als kleinste westslawische Nation bis heute in Sachsen und Brandenburg leben. Wenige Völker der Frühzeit haben ein so sichtbares, lebendiges Erbe hinterlassen wie die Slawen der Lausitz.
Für die Region ist das ein Stück lebendige Identität: zweisprachige Ortsschilder, sorbische Trachten, Bräuche wie das Osterreiten und die Vogelhochzeit erinnern daran, dass die Oberlausitz seit über tausend Jahren auch ein slawisches Land ist.

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