In den Heiden und Mooren zwischen Maas und Schelde lag Toxandrien. Hier, im Land der Toxandrer, setzte Rom die Salfranken fest – und legte damit unwissentlich den Grundstein für das mittelalterliche Europa.
Manche Stämme sind berühmt für ihre Schlachten, andere für ihre Götter. Die Toxandrer (lateinisch Texuandri) sind für etwas anderes bedeutsam: für den Ort, den sie ihrem Namen gaben. Denn Toxandrien – die flache, sandige Heidelandschaft der Kempen zwischen Maas und Schelde, im Grenzraum des heutigen Nordbelgien und der südlichen Niederlande – wurde zur Wiege eines der folgenreichsten Völker der Geschichte: der Salfranken, aus denen die Merowinger und damit das mittelalterliche Frankenreich hervorgingen.
Die Toxandrer werden schon von Plinius dem Älteren im 1. Jahrhundert und später von Tacitus unter den Völkern des Rheindeltas genannt. Ihr Land war kein reiches Ackerland, sondern eine karge Welt aus Heide, Sanddünen, Bruchwald und Moor – ein Grenzsaum zwischen der römischen Provinz und der freien Germania. Wie ihre Nachbarn lebten sie von Viehzucht, etwas Ackerbau und dem, was Fluss und Wald hergaben. Gerade weil das Land so wenig hergab, blieb es lange dünn besiedelt – und wurde später zum Aufnahmeraum für zuwandernde Gruppen.
Im 3. Jahrhundert geriet die ganze Rheingrenze in Bewegung. Kleinere germanische Stämme schlossen sich zu großen Verbänden zusammen; am Niederrhein entstanden aus vielen alten Namen die Franken. Immer wieder überschritten fränkische Gruppen den Rhein, plünderten – oder baten um Aufnahme ins Reich. Toxandrien lag genau auf ihrem Weg. Der Stamm der Toxandrer verschwindet in dieser Zeit als eigenständiger Akteur aus den Quellen; sein Land aber wird zum Schauplatz einer Entscheidung, die Europa prägen sollte.
Der entscheidende Moment fällt ins Jahr 358 n. Chr. Der spätere Kaiser Julian, damals Caesar in Gallien, zog gegen die Salfranken (Salii), die sich in Toxandrien niedergelassen hatten. Der Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus, ein Zeitgenosse, berichtet, dass Julian sie nicht einfach vertrieb, sondern einen anderen Weg wählte: Er nahm sie als Föderaten ins Reich auf – sie durften bleiben, mussten dafür aber Rom Treue und Soldaten stellen. „Er nahm die Salier auf, die einst gewagt hatten, sich auf römischem Boden bei Toxandrien niederzulassen", schreibt Ammianus. Aus Feinden wurden Verbündete – und aus einer geduldeten Randgruppe wuchs über die Generationen eine Macht.
Die in Toxandrien angesiedelten Salfranken breiteten sich in den folgenden Jahrzehnten nach Süden aus, tiefer nach Gallien hinein. Aus ihren Anführern ging schließlich das Geschlecht der Merowinger hervor; Chlodwig I. einte um 500 die fränkischen Teilreiche, siegte bei Zülpich über die Alemannen und ließ sich taufen. Das Frankenreich, das daraus wuchs, wurde zum Kern des mittelalterlichen Europa – aus ihm gingen Frankreich und das Heilige Römische Reich hervor. Auch das berühmte Rechtsbuch der Salfranken, die Lex Salica, trägt den Namen dieses Stammes. So führt eine gerade Linie von der Heide Toxandriens bis zu Karl dem Großen in Aachen.
Wie bei den Cananefaten lebt auch der Name der Toxandrer in der Landkarte weiter. Die Region Toxandrien (niederländisch Toxandrië, auch als „Texandria" überliefert) bezeichnet bis heute den historischen Raum der Kempen zwischen Eindhoven, Turnhout und der Maas. Ortsnamen, Heimatvereine und Museen der Region berufen sich auf den alten Namen. So ist der kleine Stamm, der selbst kaum eine eigene Geschichte hinterließ, über den Ort unsterblich geworden, an dem Weltgeschichte ihren Anfang nahm.
Die Geschichte der Toxandrer ist ein Lehrstück über die Völkerwanderung. Sie zeigt, dass aus den vielen kleinen Stämmen der frühen Kaiserzeit – bei Tacitus noch säuberlich mit Namen aufgezählt – im Lauf weniger Jahrhunderte die großen Stammesbünde des Mittelalters wurden. Sie zeigt auch, dass Roms Grenze kein starrer Wall war, sondern eine durchlässige Zone, in der Aufnahme, Ansiedlung und Verschmelzung ebenso wichtig waren wie Krieg. Und sie zeigt, wie eng die germanische Frühgeschichte mit unserer eigenen Region verwoben ist: Der Weg von Toxandrien über die Salfranken nach Aachen ist kurz.
Über die Toxandrer selbst wissen wir wenig – ein paar Nennungen bei Plinius und Tacitus, dazu die entscheidende Stelle bei Ammianus Marcellinus über Julians Feldzug 358. Alle diese Quellen sind römisch und sehen das Geschehen von außen. Das Bild ergänzt die Archäologie der Kempen (fränkische Gräberfelder, Siedlungsspuren) und die Ortsnamenforschung. Was gesichert ist – die Ansiedlung der Salfranken in Toxandrien – trennen wir sorgfältig von dem, was Deutung bleibt, etwa die genauen Grenzen des Stammesgebiets oder die Frage, wie viel „Toxandrer" in den späteren Franken noch steckte.
Was die Schriftquellen offenlassen, füllt die Archäologie: In der Kempen und im weiteren Frankengebiet finden sich seit dem 4. und 5. Jahrhundert die typischen Reihengräberfelder der Merowingerzeit. Männer wurden oft mit Waffen bestattet – Spatha (Langschwert), Sax (einschneidiges Hiebmesser), Lanze und Schild –, Frauen mit Fibeln, Perlen und Trachtbestandteilen. Diese Gräber zeigen eine Gesellschaft mit deutlichen Rangunterschieden und einer kriegerischen Oberschicht. Sie belegen zugleich den kulturellen Umbruch: Aus den locker verstreuten Höfen der frühen Kaiserzeit wurde eine dichter organisierte, fränkisch geprägte Welt.
Das berühmteste Erbe der Salfranken ist ihr Gesetzbuch, die Lex Salica, aufgezeichnet zur Zeit Chlodwigs um 500. Sie regelt vor allem das Wergeld – den in Geld bemessenen „Manneswert", der bei Tötung oder Verletzung zu zahlen war und die Blutrache eindämmen sollte. Berühmt-berüchtigt wurde eine ganz andere Klausel: die Bestimmung, dass Töchter bestimmtes Land nicht erben durften. Aus dieser ursprünglich rein bäuerlichen Regel bastelten spätmittelalterliche Juristen das „Salische Gesetz" gegen weibliche Thronfolge – eine späte Umdeutung, die mit den Toxandrern nichts mehr zu tun hatte. Die Lex Salica zeigt, wie aus einem kleinen Grenzstamm ein Volk mit eigenem geschriebenem Recht wurde.
Dass ausgerechnet dieses karge Heideland zum Sprungbrett der Franken wurde, hat einen einfachen Grund: Lage. Toxandrien lag im dünn besiedelten Grenzsaum, gut erreichbar über Maas und Schelde, nah genug an der römischen Ordnung, um von ihr zu profitieren, und weit genug entfernt, um eigene Wege zu gehen. Als Rom im 4. Jahrhundert Soldaten und Siedler brauchte, war ein loyaler germanischer Verband auf halb geräumtem Boden genau das Richtige. So wurde aus einer militärischen Notlösung eine der folgenreichsten Ansiedlungen der Geschichte – und aus dem Land der Toxandrer die Startrampe der Franken.
„Er nahm die Salier auf, die einst gewagt hatten, sich auf römischem Boden bei Toxandrien niederzulassen."nach Ammianus Marcellinus, Res gestae XVII (gemeinfrei, eigene Übersetzung)

Die Cananefaten · Die Franken · Schlacht von Zülpich.
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