Neben den berühmten Batavern saß im Mündungsland des Rheins ein zweiter kleiner, kriegerischer Stamm: die Cananefaten. Rom holte ihre Reiter – und sie zahlten es 69 mit einem Aufstand zurück.
Wer an den germanischen Rheindelta-Raum denkt, nennt zuerst die Bataver. Doch gleich neben ihnen, im äußersten Nordwesten des heutigen Südholland und in Kennemerland, saß ein zweiter Stamm: die Cananefaten (lateinisch Cananefates). Tacitus nennt sie ausdrücklich den Batavern gleich „an Herkunft, Sprache und Tapferkeit", nur geringer an Zahl. Ihre Geschichte ist ein Musterbeispiel dafür, wie eng die Rheinvölker mit Rom verflochten waren – als Verbündete, als Soldaten und schließlich als Aufständische.
Das Kerngebiet der Cananefaten lag im flachen, von Prielen und Dünen durchzogenen Mündungsland zwischen Maas und dem alten Rheinarm bei Katwijk. Es war eine amphibische Welt aus Marsch, Watt und Sandwällen – kein Land für Ackerbau im großen Stil, aber ideal für Viehzucht, Fischfang und vor allem für Menschen, die mit Booten und Pferden im Wasser zu Hause waren. Der Name selbst wird gern als „Herren des Lauchs" oder „Herren der Zwiebel" gedeutet (zu germanisch *kana- und *nefa-), was auf die Bedeutung des Gartenbaus in dieser feuchten Landschaft hinweisen könnte – die Etymologie bleibt aber unsicher.
Wie ihre batavischen Nachbarn stellten die Cananefaten Rom hochgeschätzte Hilfstruppen, vor allem Reiterei. Aus den Rheindelta-Völkern rekrutierte das Imperium ganze Reitereinheiten (alae), die wegen ihrer Fähigkeit, in voller Rüstung Flüsse zu durchschwimmen, berühmt waren. Für die kleinen Küstenstämme war dieser Militärdienst ein zweischneidiges Geschäft: Er brachte Sold, römische Waffen, Prestige und Bürgerrecht – aber er entzog den Höfen die jungen Männer und band die Stämme in ein Aushebungssystem, das als drückend empfunden wurde. Genau daran entzündete sich der große Konflikt.
Im Vierkaiserjahr 69, als das Römische Reich im Bürgerkrieg zerfiel, brach am Niederrhein der Bataveraufstand los. Er begann nicht bei den Batavern selbst, sondern bei ihren kleineren Nachbarn – und ein Cananefate stand ganz vorn. Tacitus erzählt, wie Brinno, Sohn eines für seinen Widerstand bekannten Vaters, von seinen Kriegern auf einen Schild gehoben und zum Anführer ausgerufen wurde – ein seltenes, anschauliches Bild germanischer Königserhebung. Brinno griff sofort ein römisches Kastell an der Küste an und überrannte es. Erst danach übernahm der Bataver Iulius Civilis die Führung des Aufstands, der bald den ganzen Niederrhein erfasste und römische Legionslager bis Xanten und Vetera in Bedrängnis brachte.
Der Aufstand von 69/70 war kein blinder „Barbarensturm", sondern eine politische Erhebung von Stämmen, die Rom sehr gut kannten – viele Anführer hatten selbst als römische Offiziere gedient. Die Cananefaten kämpften an der Seite der Bataver, der Friesen und aufständischer gallischer Stämme. Nach anfänglichen Erfolgen zerbrach die Erhebung jedoch an der wiedererstarkten Zentralmacht: Kaiser Vespasian schickte acht Legionen an den Rhein, und Civilis musste verhandeln. Rom stellte die alte Ordnung wieder her – mit dem Zugeständnis, die drückendsten Aushebungspraktiken zu mildern. Die Rheinvölker blieben Verbündete, aber die Lektion saß auf beiden Seiten.
Nach dem Aufstand ordnete Rom das Gebiet als eigene Verwaltungseinheit, die civitas Cananefatium, mit einem Hauptort bei Voorburg (Forum Hadriani, das spätere Municipium Aelium Cananefatium) südlich des heutigen Den Haag. Damit wurden aus dem Stamm römische Provinzbürger. Über die Jahrhunderte verschmolzen die Cananefaten mit anderen Küstengermanen; ihr Name aber lebte weiter: In der Landschaft Kennemerland nördlich von Haarlem klingt das alte Stammesgebiet bis heute nach. So sind die Cananefaten ein stilles, aber echtes Beispiel dafür, wie germanische Stammesnamen in der modernen Landkarte der Niederlande überdauert haben.
Über die Cananefaten wissen wir fast nur durch römische Autoren, vor allem durch die Historien des Tacitus, der den Bataveraufstand ausführlich schildert. Diese Quelle ist glänzend geschrieben, aber sie sieht alles aus römischer Sicht und mit literarischer Absicht. Ergänzt wird das Bild durch die Archäologie des Rheindeltas – Kastelle, die Siedlung von Forum Hadriani, Inschriften von Hilfstruppen – und durch die Ortsnamenforschung (Kennemerland). Was gesichert ist und was Deutung bleibt, trennen wir hier sorgfältig; erfundene Details haben in einer ehrlichen Stammesgeschichte nichts zu suchen.
Der Ruf der Delta-Reiter reichte weit über den Rhein hinaus. Nach dem Aufstand dienten Einheiten wie die cohors Cananefatium in der römischen Armee bis nach Britannien, wo Weihe- und Grabinschriften ihre Anwesenheit belegen. Die Fähigkeit der Rheinvölker, in voller Ausrüstung Flüsse zu durchschwimmen, war so berühmt, dass römische Autoren sie eigens hervorhoben – eine militärische Spezialität der amphibischen Küstengermanen. So wurden die Cananefaten Teil jener germanischen Militärdiaspora, die von der Nordsee bis an die Grenzen des Reiches reichte und römische und germanische Welt untrennbar verzahnte.
Die Cananefaten lebten in einem Landstrich, der ständig mit dem Meer verhandeln musste. Wie ihre nördlichen Nachbarn, die Friesen, siedelten die Küstenbewohner vielfach auf künstlichen Wohnhügeln (Warften/Terpen), um sich gegen Sturmfluten zu schützen. Ihre Wirtschaft ruhte auf Rindern, Schafen, Fischfang und dem Handel entlang der Wasserwege. Als das Römische Reich im 3. und 4. Jahrhundert seine Rheingrenze nicht mehr halten konnte, verschob sich alles: Neue Verbände formierten sich, und die alten Delta-Stämme gingen in den aufsteigenden Franken auf. So markieren die Cananefaten einen Übergang – von den namentlich bei Tacitus fassbaren Einzelstämmen der frühen Kaiserzeit hin zu den großen Stammesbünden der Völkerwanderungszeit, aus denen später das mittelalterliche Europa hervorging. Wer heute durch Kennemerland oder an der holländischen Küste wandert, bewegt sich über dem Boden dieses vergessenen Reitervolks.
Gerade weil die Cananefaten so klein waren, sind sie lehrreich. Ihre Geschichte zeigt, dass die germanische Welt am Rhein kein Block gleichförmiger „Barbaren" war, sondern ein Flickenteppich aus vielen selbstbewussten Stämmen mit eigenen Namen, Anführern und Interessen. Sie zeigt auch, wie Rom funktionierte: nicht nur durch Legionen, sondern durch Werbung, Sold und Bürgerrecht, die junge Krieger ins Imperium zogen – bis die Last zu groß wurde und in offenen Aufstand umschlug. Die Schilderhebung Brinnos ist einer der wenigen Momente, in denen wir germanische Politik von innen sehen: ein Anführer, der nicht befiehlt, sondern von seinen Männern getragen und ausgerufen wird. Für uns im Rheinland liegt darin ein Stück eigener, oft vergessener Vorgeschichte – die Menschen, die hier vor den Franken, vor den Karolingern, vor uns lebten, am Wasser, zu Pferd und mit einem eigenen Stolz.
Auch der römische Limes, die befestigte Rheingrenze mit ihren Kastellen und Wachttürmen, verlief mitten durch das alte Stammesgebiet. Die Cananefaten lebten also nicht am Rand, sondern direkt auf der Nahtstelle zweier Welten: der römischen Provinz Germania inferior und der freien Germania jenseits des Flusses. Diese Grenzlage machte sie zu Vermittlern und Betroffenen zugleich – ein kleiner Stamm, der weit über seine Größe hinaus in die große Geschichte hineingezogen wurde.
„An Herkunft, Sprache und Tapferkeit den Batavern gleich, an Zahl geringer."nach Tacitus, Historien IV,15 (gemeinfrei, eigene Übersetzung)

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