Keine vierzig Kilometer von Aachen entfernt liegt Tongeren. Dort saß ein Volk, dessen Name in fast jeder Diskussion über Germanen auftaucht und das trotzdem kaum jemand kennt: die Tungri. Tacitus behauptet, sie seien die Ersten gewesen, die man Germanen nannte - alle anderen hätten den Namen später bekommen. Ein Satz, der seit zweitausend Jahren Streit erzeugt. Zeit, ihn sich genauer anzusehen.
Es gibt Völker, die groß werden durch Schlachten. Und es gibt Völker, die groß werden durch einen einzigen Nebensatz eines römischen Historikers. Die Tungrer gehören zur zweiten Sorte. Über ihre Könige wissen wir nichts, über ihre Kriege fast nichts, über ihre Sprache streiten Fachleute bis heute. Aber der Name, den Mitteleuropa seit zweitausend Jahren mit sich herumträgt, hängt laut Tacitus an ihnen.
Ihr Land war die civitas Tungrorum, ein Verwaltungsbezirk von rund 20.000 Quadratkilometern zwischen Maas und Ardennen. Ihre Hauptstadt hieß Atuatuca Tungrorum und heißt heute Tongeren. Von Alsdorf aus ist man in einer knappen Stunde dort. Nähe schlägt Ferne: Dieses Volk gehört zu unserer Geschichte, nicht zu irgendeiner.

Im zweiten Kapitel seiner Germania erklärt Tacitus, woher der Name Germanien überhaupt kommt. Er tut das mit hörbarer Distanz: Er referiert, was man sich erzählt, und macht klar, dass der Begriff jung ist.
Ceterum Germaniae vocabulum recens et nuper additum, quoniam qui primi Rhenum transgressi Gallos expulerint, ac nunc Tungri, tunc Germani vocati sint: ita nationis nomen, non gentis, evaluisse paulatim, ut omnes primum a victore ob metum, mox etiam a se ipsis invento nomine Germani vocarentur.
„Im Übrigen sei der Name Germanien jung und erst kürzlich hinzugekommen, weil diejenigen, die als Erste über den Rhein setzten und die Gallier vertrieben, heute zwar Tungrer heißen, damals aber Germanen genannt wurden. So habe sich der Name eines einzelnen Verbandes durchgesetzt, nicht der eines ganzen Volkes, bis schließlich alle unter dem neu erfundenen Namen Germanen auftraten - zuerst vom Sieger, um Furcht zu wecken, bald aber auch von ihnen selbst."Tacitus, Germania 2; Übersetzung: Glanz & Gravur
Zwei Dinge sollte man sich merken. Erstens: Tacitus sagt ausdrücklich, „Germanen" sei der Name einer natio, eines einzelnen Verbandes, und gerade nicht der einer gens, einer großen Abstammungsgemeinschaft. Zweitens ist die kurze Wendung ob metum grammatisch offen: um Furcht zu erregen - oder aus Furcht heraus. Wer den Satz als Beweis für irgendeine germanische Nationalität liest, liest etwas hinein, was nicht dasteht.
Rund 150 Jahre vor Tacitus war Caesar in derselben Gegend unterwegs, und er kennt die Tungrer nicht. Er nennt stattdessen mehrere kleine Völker zwischen Maas und Rhein, die man gemeinsam Germani nenne: Condrusi, Eburonen, Caeroesi, Paemani, dazu die Segni. Diese Gruppe heißt in der Forschung Germani cisrhenani, die Germanen diesseits des Rheins. Die mit Abstand wichtigsten unter ihnen waren die Eburonen.
Nebenan saßen die Aduatuker, die Caesar als Nachfahren der Kimbern und Teutonen einordnet, weiter westlich die Nervier. Der Raum war voll, unübersichtlich und politisch instabil. Edith Wightman hat das trocken so zusammengefasst: keine Region in Belgica hatte eine unsicherere politische Lage.
Was dann geschah, ist einer der brutalsten Abschnitte des Gallischen Krieges. Nachdem Ambiorix 54 v. Chr. anderthalb römische Legionen vernichtet hatte, setzte Caesar sich in den Kopf, Namen und Volk der Eburonen auszulöschen. Er lud benachbarte Stämme zur Plünderung ein und ließ das Land systematisch verwüsten. Ob das gelang, wissen wir nicht - Caesar ist hier sein eigener Zeuge, und er hatte allen Grund, gründlich zu klingen.
Fest steht: Nach 51 v. Chr. verschwinden die Eburonen aus den Quellen. Und in derselben Landschaft taucht ein Name auf, den vorher niemand geschrieben hat: Tungri. Der erste Autor, der ihn nennt, ist Plinius der Ältere, gut hundert Jahre später.
Hier beginnt die Deutung, und sie sollte auch als solche gekennzeichnet bleiben. Die verbreitetste Erklärung lautet: Die Tungrer sind das, was nach Caesars Feldzug übrig blieb, aufgefüllt mit Gruppen von jenseits des Rheins, unter einem neuen Sammelnamen und in einer römischen Verwaltungsform. Genau so entstanden auch die Bataver aus zugewanderten Chatten und die Cugerner aus umgesiedelten Sugambrern.
Das ist plausibel, aber es steht in keiner antiken Quelle. Kein Text sagt: Die Tungrer sind die Eburonen unter neuem Namen. Wer das behauptet, referiert Forschungsmeinung, nicht Überlieferung. Die früheste archäologisch fassbare Besiedlung in Tongeren beginnt um 30 v. Chr. - also nach dem Krieg, nicht davor.
Wer erwartet, dass ein Volk, das laut Tacitus die Urgermanen stellte, auch germanisch sprach, wird von den Namen enttäuscht. Ein großer Teil der Personen-, Orts- und Stammesnamen der Region ist sprachlich keltisch - Eburonen etwa geht auf das keltische Wort für Eibe zurück, Aduatuca und Atuatuca wohl auf ein Wort für Festung. Der Name Tungri gilt vielen dagegen als germanisch.
Dazu kommt eine dritte Möglichkeit: Hans Kuhn hat für den Raum zwischen Maas und Weser eine Sprachschicht postuliert, die weder keltisch noch germanisch war, den sogenannten Nordwestblock. Die Hypothese ist umstritten und nicht bewiesen. Ehrlich ist nur die unbefriedigende Antwort: Wir wissen nicht, welche Sprache die Tungrer sprachen. Die Vorstellung eines sauber germanischen oder sauber keltischen Volkes ist eine moderne Ordnungsidee, keine antike Beobachtung.
Die Stadt entstand dort, wo eine wichtige Fernstraße den Fluss Jeker querte. Schon früh bekam sie ein Straßenraster, gepflasterte Wege und Stadthäuser, zunächst aus Holz, später in Stein. Im zweiten Jahrhundert nennt sie sich municipium - ein Titel, aus dem die ältere Forschung gern einen Beförderungsakt gemacht hat, der aber wohl eher zeittypische Vorliebe für altehrwürdige Begriffe spiegelt.
Aus dem Boden kamen ein Forum, Thermen, Tempelbezirke, eine bemalte Wandausstattung und eine Jupitersäule, auf der der höchste Gott als Reiter über einen Giganten hinwegsetzt. Reitende Jupiter kennt man in Italien nicht; solche Säulen sind eine nordwestprovinziale Eigenheit. Das Gallo-Romeins Museum in Tongeren zeigt das Material heute in einer der schönsten Dauerausstellungen der Region.
Unter Trajan und Hadrian bekam Atuatuca eine Stadtmauer von rund vier bis viereinhalb Kilometern Länge, etwa sechs Meter hoch und zwei Meter stark. Sie war größer als die Mauer der Provinzhauptstadt Köln - und das in einer Zeit, die als besonders friedlich gilt.
Ein Detail spricht dagegen, sie primär militärisch zu lesen: Der große Getreidespeicher lag außerhalb. Wer eine Stadt gegen Belagerung sichert, stellt nicht ausgerechnet den Vorrat vor die Tore. Wahrscheinlicher ist Repräsentation: Eine Mauer war teuer, sichtbar und sagte allen Reisenden auf der Fernstraße, wer hier etwas darstellte.
Der Bezirk reichte von der Kempen im Norden über die fruchtbare Lössbörde der Haspengouw bis in die Ardennen. Nach Süden grenzte er an die Treverer um Trier, nach Westen an die Nervier und die Menapier, nach Osten an das Gebiet der Ubier mit der Metropole Köln.
Und hier wird es für uns interessant. Der Aachener Raum selbst gehörte in römischer Zeit aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zu den Tungrern, sondern zum Kölner Bereich - zwischen Maas und Rur saßen die Sunuker, weiter nördlich die Baetasier. Erst das mittelalterliche Bistum Lüttich, der kirchliche Nachfolger der civitas Tungrorum, umfasste dann auch Aachen. Wer also sagt, Aachen sei tungrisch gewesen, verwechselt eine Diözesangrenze des Mittelalters mit einer Provinzgrenze der Kaiserzeit.
Verbunden war das Ganze durch die große Ost-West-Achse Köln - Jülich - Heerlen - Tongeren - Bavay - Boulogne, die man heute Via Belgica nennt. Dieselbe Landschaft, dieselben Furten, dieselben Höhenzüge, über die viele Jahrhunderte später die Nordmänner ins Rheinland zogen, als sie Aachen 881 in Brand setzten.
Im Bataveraufstand gerieten die Tungrer zwischen die Fronten. Tacitus erzählt in den Historien, wie Iulius Civilis vor die tungrische Schlachtreihe reitet und ihr anbietet, sich ihm anzuschließen - als Anführer oder als einfacher Mitkämpfer. Zwei tungrische Adlige, Campanus und Iuvenalis, übergeben daraufhin die Kapitulation ihres Volkes.
Es ist eine der ehrlichsten Szenen der antiken Militärgeschichte: kein Heldentod, keine Treue bis zum letzten Mann, sondern eine nüchterne Lageeinschätzung. Wer an einer Grenze lebt, wechselt die Seite, wenn die Seite wechselt. Dieselben Tungrer hatten kurz zuvor noch als Kohorten im römischen Bürgerkrieg in Italien gestanden.
Aus der civitas wurden über Generationen Soldaten ausgehoben - mindestens drei Reiterabteilungen und vier Kohorten trugen den tungrischen Namen. Die berühmteste ist die cohors I Tungrorum, und sie hat uns das vielleicht schönste Verwaltungsdokument der römischen Provinzarmee hinterlassen.
Auf einem Holztäfelchen aus Vindolanda, geschrieben am 18. Mai eines Jahres um 92 bis 97 n. Chr., steht die komplette Stärkemeldung der Einheit. Sollstärke 752 Mann, darunter 6 Centurionen. Abwesend: 456. Davon 46 als Gardeabteilung des Statthalters, 337 im Lager Coria (Corbridge), ein Centurio allein in London. Anwesend also 296. Und davon wiederum unbrauchbar: 15 Kranke, 6 Verwundete, 10 mit entzündeten Augen. Bleiben 265 Einsatzfähige.
Zwei Drittel der Einheit waren nicht am Standort, und mehr als jeder zehnte Anwesende war dienstunfähig. Das ist keine Ausnahme, sondern nach heutigem Forschungsstand eher der Normalfall an dieser Grenze. Die Vorstellung von der geschlossen im eigenen Kastell sitzenden Kohorte ist ein Lehrbuchbild, kein Befund.
Später lag die Kohorte in Vercovicium, dem heutigen Housesteads am Hadrianswall - einem der besterhaltenen Kastelle Britanniens. Ziegelstempel und Inschriften nennen sie dort, und die Notitia dignitatum führt am Ende des 4. Jahrhunderts immer noch einen Tribun der ersten Tungrerkohorte an diesem Ort. Daneben standen zwei Verbände mit ausdrücklich germanischen Namen: der numerus Hnaudifridi und der cuneus Frisiorum.
Eine Schwesterkohorte, die cohors II Tungrorum, lag im 2. Jahrhundert in Birrens in Südschottland. Ihre Soldaten weihten dort einer Göttin Ricagambeda und nannten sich dabei Männer des pagus Vellaus - ein Hinweis darauf, dass die civitas intern noch in kleinere, benannte Bezirke gegliedert war.
Vom Glauben der Tungrer wissen wir wenig, aber ein Fund ist zu schön, um ihn zu übergehen. Bei Sint-Huibrechts-Hern nördlich von Tongeren kam ein kleines Bronzetäfelchen zutage, auf dem ein Centurio der legio III Cyrenaica namens Quintus Catius Libo Nepos einer Göttin Vihansa Schild und Lanze weiht. Der Name gilt sprachlich als germanisch; gedeutet wird er als heilige Gottheit oder als Kampfgottheit - beides bleibt Vorschlag.
Dazu kommt, was man in der ganzen Region findet: die Jupitersäule aus Tongeren, Weihungen an römische Götter in lokaler Gestalt und im weiteren Umkreis die Matronen, die rheinischen Muttergottheiten. Kein einziger dieser Belege beschreibt eine vorrömische tungrische Religion. Sie zeigen, was in römischer Zeit verehrt wurde - und das ist etwas anderes.
Plinius nennt die Tungrer in einem Kapitel über heilkräftige Wasser: Ihre Bürgerschaft habe eine bemerkenswerte Quelle, die in unzähligen Bläschen aufsteigt, nach Eisen schmeckt - was man erst am Ende des Trunks bemerkt -, den Körper reinigt, das Wechselfieber vertreibt und gegen Steinleiden hilft; nähere man ihr Feuer, werde sie trüb und schließlich rot. Ob damit die Quellen von Spa gemeint sind oder eisenhaltiges Wasser in Tongeren selbst, ist bis heute nicht entschieden. Die Beschreibung passt auf beides.
Getragen wurde der Reichtum der civitas aber nicht von Heilwasser, sondern von Löss. In der Haspengouw lag ein dichtes Netz von Gutshöfen, dazu die auffälligen römischen Grabhügel, die noch heute in der Landschaft stehen. Wer dort Getreide baute, belieferte einen Markt, der wenige Tagesreisen entfernt zehntausende Soldaten am Rhein zu ernähren hatte.
Um 275/276 wurde Atuatuca von germanischen Verbänden genommen und geplündert. Die große Mauer aus der Zeit Trajans war danach zu weit; im 4. Jahrhundert zog man einen kleineren, schwereren Ring mit den charakteristischen Rundtürmen. Das Forum blieb in Benutzung - es ist bis heute der zentrale Platz der Stadt. Die regionale Führung wanderte allmählich nach Maastricht ab.
In dieser Spätphase erscheint Servatius, der als Bischof der Tungrer 343 in Serdica und 359 in Rimini bezeugt ist und in Tongeren eine große Kirche errichten ließ, deren Reste unter der Liebfrauenbasilika ergraben sind. Die schöne Geschichte, wie er auf Geheiß des Apostels Petrus vor den Hunnen nach Maastricht auswich, steht erst bei Gregor von Tours, zwei Jahrhunderte später, und dort heißt er Aravatius. Sie erklärt einen Umzug, den sie selbst nicht bezeugt.
Geblieben ist der Name. Tongeren, Tongerlo, Tongelre - drei Orte in drei Ländern tragen ihn noch. Und mitten auf dem alten Forum steht heute ein Denkmal für Ambiorix, den Eburonenfürsten. Ein Volk, das den Namen verlor, ehrt dort einen Fürsten, dessen Volk den Namen ebenfalls verlor. Passender könnte man diese Landschaft kaum zusammenfassen.
Die Tungrer sind literarisch belegt bei Plinius (Naturalis historia 4 und 31), bei Tacitus (Germania 2; Historien II,14 und II,28 zu tungrischen Kohorten im Bürgerkrieg 69, IV,66 zur Kapitulation vor Civilis durch Campanus und Iuvenalis) und bei Ptolemaios. Atuatuca Tungrorum ist archäologisch ab etwa 30 v. Chr. fassbar, mit Straßenraster, Forum, Thermen, Tempelbezirken, Jupitersäule und einer Stadtmauer trajanisch-hadrianischer Zeit von rund vier bis viereinhalb Kilometern. Eine Inschrift nennt das municipium Tungrorum. Militärisch sind mindestens drei alae und vier Kohorten tungrischen Namens bezeugt; die cohors I Tungrorum ist unter anderem durch die Stärkemeldung Tab.Vindol. 154 (Sollstärke 752, davon 6 Centurionen; 456 abwesend, 296 anwesend, 31 dienstunfähig, 265 einsatzfähig), durch Ziegelstempel und Inschriften aus Housesteads und durch die Notitia dignitatum belegt; die cohors II Tungrorum unter anderem aus Birrens. Aus dem Umland stammt das Bronzetäfelchen mit der Weihung an Vihansa durch einen Centurio der legio III Cyrenaica. Für 275/276 ist eine Zerstörung der Stadt fassbar, für das 4. Jahrhundert eine kleinere Befestigung mit Rundtürmen und eine große Kirche unter der heutigen Liebfrauenbasilika.
Tungrer gleich Eburonen. Das ist eine gut begründete Forschungsmeinung, aber keine Quellenaussage. Kein antiker Text setzt die beiden gleich; der Name Tungri erscheint erst nach Caesars Feldzug.
Tacitus belegt eine germanische Nation. Nein. Er sagt selbst, Germani sei der Name einer natio, nicht einer gens, und dass der Begriff jung sei. Ein modernes Volks- oder Nationalitätsverständnis lässt sich daraus nicht ableiten; die Wendung ob metum ist zudem doppeldeutig.
Mars Thingsus gehört zu den Tungrern. Häufige Verwechslung. Die Weihungen aus Housesteads (RIB 1593 und 1594) stammen von den cives Tuihanti, friesischen Reitern aus Twente - nicht von der Tungrerkohorte, die dort in derselben Zeit lag.
Servatius verlegte den Bischofssitz vor den Hunnen nach Maastricht. Diese Erzählung steht erst bei Gregor von Tours, rund zweihundert Jahre später, und nennt den Bischof Aravatius; der Hunneneinfall gehört ins Jahr 451, Servatius aber ins 4. Jahrhundert. Die Verlegung selbst ist wahrscheinlich, die Begründung ist Legende.
Aachen war tungrisch. Der Aachener Raum lag in römischer Zeit wohl beim Kölner Bereich; erst das mittelalterliche Bistum Lüttich, Nachfolger der civitas, schloss Aachen ein. Und die Via Belgica führte über Jülich und Heerlen nach Tongeren - Aachen lag nicht an dieser Straße, sondern an einer eigenen Verbindung.

Die Eburonen · Die Sunuker · Die Baetasier · Die Bataver · Die Treverer.