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Die Ulitschen: das Volk im Winkel

Geschichte & Funde Die Ulitschen: das Volk im Winkel Ein Volk, das der Kiewer Rus länger widerstand als fast jedes andere - und von dem wir kaum wissen, wo es lebte. Die Ulitschen haben keine Stadt hinterlassen, die man ausgraben könnte, und keinen Namen, den man sicher deuten kann. Was von ihnen bleibt, sind ein paar Zeilen in einer Chronik und ein sehr langer Streit der Forschung.

Ein Volk am Rand der Karte

Wer sich mit den ostslawischen Stämmen beschäftigt, stolpert früher oder später über einen Namen, der in keiner Übersichtskarte an derselben Stelle steht: die Ulitschen, altostslawisch uliči oder ugliči. Mal sitzen sie am unteren Dnjepr, mal zwischen Südlichem Bug und Dnjestr, mal an der Schwarzmeerkueste. Diese Unsicherheit ist kein Versehen der modernen Kartografen. Sie steckt bereits in den Quellen.

Die Ulitschen gehören zu den Völkern, die die Nestorchronik in ihrem Katalog der Slawen aufführt, neben den Poljanen, den Drewlanen, den Sewerjanen und den Radimitschen. Anders als diese wurden sie nie zum Kernland eines Fürstentums. Sie tauchen in der Überlieferung fast ausschließlich dann auf, wenn sie mit Kiew im Krieg liegen - und verschwinden aus ihr, sobald dieser Krieg entschieden ist.

Buchmalerei aus der Radziwill-Chronik: gepanzerte Reiter und Gefangene vor einer Stadt
So stellte sich das späte Mittelalter eine Belagerung der Rus vor: eine Miniatur aus der Radziwill-Chronik. Wichtig zur Einordnung: Das Bild entstand im 15. Jahrhundert und zeigt die Einnahme Kiews im Jahr 1169, nicht Peresetschen. Es ist eine Vorstellung, kein Augenzeugenbild - genau wie der Chroniktext, der von Peresetschen erzählt.

Der Name: Winkel, Krümmung, Wolf?

Schon die Handschriften selbst konnten sich nicht einigen. Die Chroniken schreiben uliči, ugliči, uluči, ulučiči, ulutiči, ulcy, lutiči. Bereits Wassili Tatischtschew brachte den Namen mit dem Fluss Orel in Verbindung, einem linken Nebenfluss des Dnjepr: Die Hypatiuschronik notiert zum Jahr 1183 ausdrücklich, die Rus nenne diesen Fluss Ugol, also Winkel oder Ecke. Alexei Sobolewski dachte stattdessen an ulučje, die Krümmung des Flusslaufs.

Die sprachwissenschaftliche Arbeit des 20. Jahrhunderts hat sich auf die erste Linie festgelegt. Valentin Kiparski und Oleg Trubatschow leiten den Namen von urslawisch uglъ her, dem Winkel. Trubatschow erklärte die Form uliči sogar als Ergebnis einer türkischen Vermittlung des älteren ugliči - was voraussetzt, dass slawische und turksprachige Nachbarn hier lange nebeneinander lebten. Die in populären Texten beliebte Ableitung von ulica, der Straße, hat in der Fachliteratur keinen Rückhalt. Eine Außenseiterthese verbindet den Namen über die Variante lutiči mit den westslawischen Lutizen und deutet ihn totemistisch als Wolfsnamen. Das ist reizvoll und unbewiesen.

Was die Nestorchronik sagt - und wie spät sie es sagt

Alles, was wir über die Ulitschen zu wissen glauben, stammt aus einer einzigen Textfamilie: der Kiewer Chronistik, greifbar in der Povest vremennych let und in der Nowgoroder Ersten Chronik. Beide sind, in der Form, in der wir sie lesen, um 1113 beziehungsweise noch später zusammengestellt worden. Die ältesten erhaltenen Handschriften sind der Laurentius-Codex von 1377 und der Hypatius-Codex aus der Zeit um 1425.

Zwischen den Ereignissen des 9. und 10. Jahrhunderts und ihrer Niederschrift liegen damit 150 bis 250 Jahre, zwischen ihnen und den erhaltenen Abschriften noch einmal zwei bis vier Jahrhunderte. Wer diese Texte liest, liest die Vergangenheit, wie das Kiew des 12. Jahrhunderts sie geordnet haben wollte. Das entwertet die Nachrichten nicht - es verbietet nur, sie wie ein Protokoll zu behandeln.

Wo saßen die Ulitschen? Der Widerspruch der Handschriften

Der berühmte Satz des Völkerkatalogs lautet im Laurentius-Codex: die Uluči und Tiwerzen saßen am Dnjestr, reichten bis an die Donau, ihrer waren viele, sie saßen am Dnjestr bis ans Meer, und ihre Burgen stehen bis auf den heutigen Tag. So kartiert man die Ulitschen westlich des Dnjestr - und genau so steht es in unzähligen Atlanten.

Nur: Der Hypatius-Codex setzt an dieser Stelle den Dnjepr statt des Dnjestr, andere Handschriften lesen sogar am Bug und am Dnjepr. Ein Kopist hat sich verschrieben, oder eine ältere Fassung meinte etwas anderes als die jüngere. Welche Lesart die ursprüngliche ist, lässt sich nicht entscheiden. Dieselbe Unsicherheit trifft übrigens die Tiwerzen, die im selben Satz genannt werden.

Die ersten Kämpfe: Askold, Dir und Oleg

Die älteste Nachricht über die Ulitschen gehört in die Zeit vor Oleg. In dem Textstrang, der in der Nowgoroder Chronik erhalten ist, heißt es von Askold und Dir, sie herrschten in Kiew über die Poljanen und lagen im Krieg mit den Drewlanen und den Ulitschen. Wenn dieser Satz alt ist, saßen die Ulitschen damals nicht am fernen Dnjestr, sondern in Reichweite Kiews.

Im Anschluss an den Eintrag zum Jahr 885, in dem Oleg die Radimitschen unterwirft, zieht die Chronik Bilanz: Oleg herrsche über Poljanen, Drewlanen, Sewerjanen und Radimitschen - mit den Ulitschen und Tiwerzen aber führe er Krieg. Das ist eine bemerkenswert ehrliche Notiz. Sie sagt: Hier ist der Griff des Kiewer Machtapparats ins Leere gegangen. Im Aufgebot von Olegs Zug gegen Byzanz 907 fehlen die Ulitschen folgerichtig.

Ein Byzantiner als Kronzeuge

Dass die Ulitschen keine Erfindung späterer Kiewer Mönche sind, sichert eine unabhängige Quelle. Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos beschreibt in De administrando imperio, verfasst um 948 bis 952, die vier petschenegischen Bezirke jenseits des Dnjepr. Zum Bezirk Iabdiertim heißt es, er grenze an die tributpflichtigen Gebiete des Landes der Rus, an die Ultinen, die Derwlenienen, die Lenzeninen und die übrigen Slawen.

Die Derwlenienen sind zweifelsfrei die Drewlanen. Die Ultinen werden allgemein mit den Ulitschen gleichgesetzt. Damit steht ein zeitgenössischer, nicht-slawischer Zeuge zur Verfügung, der die Ulitschen in dieselbe Nachbarschaft stellt wie der älteste Kiewer Textstrang: an die Steppengrenze südlich der Drewlanen, nicht an den fernen Dnjestr. Möglicherweise erscheinen sie auch im hebräischen Josippon des 10. Jahrhunderts, zwischen Chasaren, Petschenegen und Bulgaren eingeordnet - diese Gleichsetzung ist alt, aber unsicher.

Der Bayerische Geograph und die Sache mit den Burgen

Gern zitiert wird ein dritter Text: die Descriptio civitatum et regionum ad septentrionalem plagam Danubii, der sogenannte Bayerische Geograph aus dem 9. Jahrhundert. In seiner Liste steht der Eintrag Unlizi populus multus civitates CCCCXVIII - ein zahlreiches Volk mit 418 Burgen; manche Wiedergaben lesen 318.

Zwei Vorbehalte gehören dazu. Erstens ist die Gleichsetzung Unlizi gleich Ulitschen eine Vermutung, nicht mehr; die Liste enthält Dutzende Namen, die niemand sicher zuordnen kann, darunter das völlig rätselhafte Vuizunbeire, das gelegentlich mit in die Debatte gezogen wird, ohne dass sich dafür ein Argument finden ließe. Zweitens sind die Burgenzahlen dieser Liste schematisch: Sie steigen bis über fünfhundert und beschreiben keine gezählten Wallanlagen, sondern den Eindruck von Größe. Wer aus dieser Zeile ein Reich mit 418 Festungen macht, hat die Quelle missverstanden.

Sveneld vor Peresetschen

Die dichteste Nachricht über die Ulitschen steht nicht in der Nestorchronik, sondern in der Nowgoroder Ersten Chronik jüngerer Redaktion, in jenem ungezählten Abschnitt, der auf einen älteren Kiewer Text zurückgeht. Fürst Igor, heißt es dort, sass in Kiew und führte Krieg gegen die Drewlanen und die Ulitschen.

Und er hatte einen Heerführer mit Namen Sveneld; und der bezwang die Ulitschen, legte ihnen Tribut auf und gab diesen dem Sveneld. Und eine einzige Burg ergab sich nicht, mit Namen Peresetschen; und er sass drei Jahre um sie herum und nahm sie mit Mühe.Nowgoroder Erste Chronik, jüngere Redaktion, Kommissions-Abschrift; altostslawisch: „И бѣ у него воевода, именемь Свѣнделдъ; и примучи Углѣчѣ, възложи на ня дань, и вдасть Свѣньделду. И не вдадяшется единъ град, именемъ Пересѣченъ; и сѣде около его три лѣта, и едва взя." Eigene Übersetzung nach der Ausgabe von A. N. Nassonow, Moskau und Leningrad 1950.

Drei Jahre vor einer einzigen Burg - das ist für die Verhältnisse des 10. Jahrhunderts eine ungeheure Zahl. Belagerungen dieser Länge sind im Osten Europas kaum bezeugt. Ob die Angabe eine reale Dauer wiedergibt oder eine erzählerische Formel für außergewöhnliche Zähigkeit ist, lässt sich nicht entscheiden.

Wo lag Peresetschen?

Der Ort ist bis heute nicht identifiziert. Nikolai Nadeschdin wies 1844 auf das Dorf Peresetschina rund 26 Kilometer von Orhei in der heutigen Republik Moldau hin, und dieser Vorschlag wurde von fast allen Historikern übernommen, auch von Nikolai Barsow. Nur: Archäologische Begehungen im Umfeld des moldauischen Peresetschina haben keine Spuren einer altrussischen Stadt erbracht.

Boris Rybakow argumentierte 1950 dagegen, das Peresetschen der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts müsse im Dnjepr-Becken südlich von Kiew gelegen haben. Ein Ort dieses Namens erscheint dort in den Ereignissen des Jahres 1154 und in der Städteliste des späten 14. Jahrhunderts. Die Frage hängt an einem Zirkel: Wer die Ulitschen am Dnjestr sucht, sucht Peresetschen dort - und umgekehrt. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass es zwei Orte dieses Namens gab.

Der Tribut, der Igor das Leben kostete

Der annalistische Teil der Nowgoroder Chronik legt die Ereignisse auf konkrete Jahre. Zu 940: In diesem Jahr unterwarfen sich die Ulitschen dem Tribut an Igor, und Peresetschen wurde genommen; im selben Jahr gab er den Tribut von ihnen dem Sveneld. Zu 942: Er gab denselben Sveneld auch den drewlanischen Tribut. Zu 945: Die Gefolgschaft murrt, Svenelds Leute seien mit Waffen und Kleidern ausgestattet, sie selbst aber nackt. Igor zieht daraufhin ein zweites Mal zu den Drewlanen und wird getötet.

Damit hängt der berühmteste Tod der frühen Rus an der Unterwerfung der Ulitschen. Zwei ganze Tributgebiete waren an einen einzigen Mann vergeben, und die übergangene Drushina trieb ihren Fürsten in den Übergriff, der ihn umbrachte. Ob die Chronisten diesen Zusammenhang vorfanden oder herstellten, ist eine offene Frage - erzählerisch ist er zu gut gebaut, um nicht misstrauisch zu machen.

Nur sind diese Jahreszahlen keinen Deut sicher. Dieselbe Nowgoroder Handschrift datiert Igors Zug gegen Konstantinopel auf 920 und Olegs Zug auf 922. Byzantinische Quellen legen den ersten auf 941 fest, den zweiten auf 907 beziehungsweise 911. Die frühe Chronologie dieser Chronik ist also nachweislich um Jahrzehnte verschoben. Das Jahr 940 für Peresetschen wird in der Literatur trotzdem routinemäßig als Datum gehandelt. Es ist eine Konvention, kein Messwert.

Die Abwanderung nach Westen

Unmittelbar nach der Belagerungsnotiz folgt der Satz, der die ganze Geografie der Ulitschen erklären könnte: Sie hatten den Dnjepr abwärts gesessen, und danach kamen sie zwischen Bug und Dnjestr und ließen sich dort nieder. Wenn das stimmt, wanderte ein Volk vor dem Zugriff Kiews und vor den Petschenegen nach Westen - und die widersprüchlichen Ortsangaben der Handschriften wären kein Fehler, sondern die Erinnerung an zwei verschiedene Zeitpunkte.

Alexei Schachmatow und nach ihm Rybakow haben genau so argumentiert. In dieser Rekonstruktion saßen die Ulitschen ursprünglich an der Dnjeprkrümmung, wichen unter dem Druck der Steppe nach Norden aus, verloren Peresetschen und zogen dann in die Waldsteppe am Südlichen Bug, wo sie zu Nachbarn der Tiwerzen und der Duleben wurden.

Was der Boden hergibt

Archäologisch sind die Ulitschen nicht fassbar. Die Fundplätze im Dnjepr-Bug-Dnjestr-Raum gehören zur Prager-Penkowka-Tradition und ihrer Nachfolgerin, der Luka-Rajkowezkaja-Kultur des 8. bis 10. Jahrhunderts, die vom Ostkarpatenraum bis ins mittlere Dnjeprgebiet reicht. Nichts an dieser Sachkultur unterscheidet den einen Landstrich vom anderen. Dmitri Beresowez ordnete 1963 die slawischen Fundplätze im Tjasmin-Becken den Ulitschen zu, Pjotr Chawljuk verwies 1969 auf die zahlreichen Burgwälle am Südlichen Bug, deren untere Schichten ins 10. Jahrhundert gehören.

Beides sind Zuordnungen aus der Chronik heraus, keine Befunde aus dem Boden. Waldemar Sedow hat das offen ausgesprochen: Ein Territorium der Ulitschen lässt sich nach archäologischen Kriterien nicht umreißen. Ringwallanlagen vom Typ Echimauti und Alcedar am Dnjestr werden überwiegend den Tiwerzen zugeschrieben.

Was gesichert ist

Ein Volk dieses Namens hat existiert und war Kiew feindlich: Das belegen die ältesten Kiewer Textschichten und, unabhängig davon, Kaiser Konstantin VII. um 950 mit seinen Ultinen. Gesichert ist außerdem die Erzählstruktur der Chronik - Sveneld unterwirft die Ulitschen, erhält ihren Tribut, später auch den drewlanischen, und der daraus entstehende Unmut der Gefolgschaft leitet zu Igors Tod über. Nicht gesichert ist so gut wie alles andere: nicht die Bedeutung des Namens, nicht die Lage des Siedlungsgebiets, nicht die Lage von Peresetschen, nicht das Jahr 940, nicht die drei Jahre Belagerung.

Mythos-Check

Peresetschen wird in populären Darstellungen regelmäßig als „Hauptstadt der Ulitschen" geführt und auf dem moldauischen Dorf Peresetschina lokalisiert. Die Chronik nennt es nur eine Burg, die sich nicht ergab; Grabungen bei Peresetschina haben keine altrussische Stadt erbracht. Zweiter häufiger Fehler: Die Ulitschen werden gern als die tolkoviny bezeichnet, die Dolmetscher im Aufgebot der Rus. Dieses Wort steht in der Nestorchronik im Eintrag zum Zug von 907 und bezieht sich dort auf die Tiwerzen, nicht auf die Ulitschen - die 907 überhaupt nicht genannt werden. Auch im Aufgebot Igors von 944 erscheinen die Tiwerzen, nicht die Ulitschen. Und die 418 Burgen des Bayerischen Geographen sind eine schematische Zahl aus einer Liste, in der andere Völker über fünfhundert bekommen.

Das Verschwinden

Nach der Mitte des 10. Jahrhunderts schweigen die Chroniken über die Ulitschen. Was in diesen Jahrzehnten geschah, lässt sich nur umreißen: Die Petschenegen beherrschten die Steppe nördlich des Schwarzen Meeres, der Handelsweg nach Byzanz musste bewaffnet gesichert werden, und die Waldsteppe zwischen Bug und Dnjestr wurde zum Durchzugsland. Ein Volk, das seine Burgen verloren, sein Land gewechselt und seinen Tribut an einen fremden Heerführer abzuliefern hatte, hörte auf, als eigene Größe zu erscheinen.

Es ist nicht ausgestorben. Es ist aufgegangen - in der Bevölkerung des Bug- und Dnjestrraumes, die später zum Einflussgebiet von Halytsch gehörte, und in der Kiewer Rus, deren Chronisten die Stämme nur noch als Vorgeschichte aufführten. Die Verwandlung von Stämmen in Landschaften ist der Normalfall dieser Jahrhunderte; bei den Ulitschen ist sie nur besonders vollständig gelungen.

Was von ihnen bleibt

Ein Name, dessen Bedeutung strittig ist. Eine Burg, die niemand gefunden hat. Drei Jahre Belagerung, die niemand nachprüfen kann. Und ein Tributrecht, das einen Fürsten das Leben kostete. Das ist wenig, und es ist ehrlicher als die Landkarten, die den Ulitschen ein sauber umrandetes Gebiet zuweisen.

Gerade darin liegt der Wert dieses Falls. Die Ulitschen zeigen, wie dünn die Grundlage ist, auf der die Völkerkarte des frühen Osteuropas ruht - und wie viel Arbeit zwischen einer Chronikzeile und einer farbigen Fläche im Atlas liegt. Wer das einmal an einem Beispiel durchdacht hat, liest auch die Kapitel über die großen, gut belegten Stämme anders.

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